Siebentes Kapitel.
Wie Karl hiehergekommen.
Karl schwieg eine Weile und trocknete seine Thränen; dann erzählte er weiter. „Der Kaufmann, der mir den leeren Platz in seinem Reisewagen eingeräumt hatte, ist ein sehr rechtschaffner Mann und ein recht fröhlicher Gesellschafter. Er wußte immer etwas zu sagen, und that alles, mich den traurigen Abschied vergessen zu machen. Bald erzählte er ein artiges Geschichtchen, bald gab er mir Räthsel auf, bald sang oder pfiff er ein munteres Liedchen. Jedes Dorf wußte er mit Namen zu nennen, und in den Städten zeigte er mir die Merkwürdigkeiten, wenn es darin deren einige gab. Etwa drey Meilen von hier mußte ich mich aber von ihm trennen; denn er mußte einen andern Weg einschlagen. Er wünschte mir nun Glück und Gottes Segen zu meinem Vorhaben, ermahnte mich zum Fleiße und zum Vertrauen auf Gott, sorgte noch dafür, daß mein kleines Koffer, das er aufgepackt hatte, durch einen Fuhrmann an Ort und Stelle gebracht werde, schenkte mir ein Goldstück, drückte mir zum Abschied kräftig die Hand und fuhr in seiner Kutsche weiter.
Auch dieser Abschied war mir sehr schwer gefallen. Ich war ja nun von allen bekannten Menschen getrennt! Ich setzte indeß meine Reise zu Fuße fort. Gegen Abend wanderte ich durch den Wald, der dieses Schloß umgiebt. Ich war von der Hitze des Tages und dem weiten Gehen, das ich nicht gewohnt bin, sehr ermüdet. Ich setzte mich daher, um ein wenig auszuruhen, auf einen Rasensitz, den ich unter einem Buchbaum erblickte. Das alte Schloß, das von der Abendsonne vergoldet aus dem waldichten Berge hervorragte, gewährte hier einen unvergleichlich schönen mahlerischen Anblick. Ich nahm ein Blatt Papier aus meiner Brieftasche hervor, und fing an das Schloß abzuzeichnen.
Allein ich mußte die angefangene Zeichnung bald wieder weglegen. Der Untergang der Sonne — die Stille des einsamen Waldes — und die herannahende Nacht erregten sehr wehmüthige Empfindungen in mir! Ein Gefühl von Verlassenheit wandelte mich an. „Ach, dachte ich, die Nacht bricht herein, und ich weiß noch nicht einmal, wo ich übernachten soll! Auf viele Meilen weit rings umher kenne ich keine Seele und komme nun zu lauter fremden Menschen. Mein liebevoller Pflegvater, von dem ich nun schon einige Tagreisen weit entfernt bin, ist bereits sehr alt und vielleicht sehe ich sein ehrwürdiges Angesicht in meinem Leben nicht mehr! Und meine guten Aeltern habe ich kaum gekannt! Ich kann mir meinen Vater nur mehr als Leiche und meine Mutter in schwarzen Trauerkleidern und mit roth geweinten Augen denken.“
Bey diesem Gedanken drangen auch mir die Thränen in die Augen. Ich zog den goldenen Ring heraus, den mir der gute Pfarrer gegeben hatte. „Mein Gott, seufzte ich, dieser Ring rührt noch von meinen Aeltern her, und er ist das einzige Erbtheil, das ich armer Waise von ihnen habe! Die drey kleinen Buchstaben sind die Anfangsbuchstaben, von dem theuren Namen meines Vaters oder meiner Mutter, und ich weiß nicht einmal, wie diese Namen heißen! Diesen Ring trug entweder mein Vater, dessen Hand längst im Grabe modert, oder meine Mutter, die vielleicht doch noch am Leben ist! Ja vielleicht lebte sie einst — vielleicht lebt sie noch in eben diesen Gegenden, die ich jetzt durchwandere.“
Mein Herz wurde von diesen Gedanken mächtig ergriffen! Ein Gefühl voll der schmerzlichsten Wehmuth und der seligsten Hoffnung bemächtigte sich meiner! Ich fiel auf die Knie nieder, ich rang die Hände, ich flehte mit Inbrunst zum Himmel: „O lieber Gott! Du allein weißt es, ob meine Mutter noch lebe! Du allein kannst, wenn sie noch lebt, mich sie wieder finden lassen! Ach vielleicht ließest Du diesen Ring nicht ohne weise Absicht in meine Hände kommen. Die Buchstaben darauf könnten mich unter deiner Leitung leicht zur Entdeckung meiner Mutter führen. O die liebe gute Mutter! Sie beweint — wenn sie noch am Leben ist — mich als todt; sie glaubt, ich sey als ein zartes Knäblein in den Fluthen des Rheines ertrunken; o welche Freude würde sie haben, mich jetzt als einen Jüngling in ihre Arme zu schließen! Welche Seligkeit wäre es für mich, ihr freundliches mütterliches Angesicht zu erblicken, ihr zu danken für das, was sie an mir gethan, als ich ihre Liebe noch nicht zu schätzen wußte und ihr noch nicht dafür danken konnte. Wie unbeschreiblich glücklich würde ich mich schätzen, ihr meinen Dank jetzt zu bezeigen, und die Stütze ihres herannahenden Alters zu werden! O du guter Gott, du Vater der Wittwen und Waisen — wenn — wenn sie je noch lebt — o so führe — führe Du mich in ihre Arme! Höre mein kindliches Flehen, und laß mich sie wieder finden!“
Als ich so gebethet hatte, und mit meinen Augen voll Thränen durch die Aeste der Buche noch immer zum blauen Himmel aufblickte, hörte ich in dem nahen Gesträuch ein leises Knistern. Ich sah hin, erblickte das Lamm — und die goldenen Buchstaben auf dem purpurrothen Halsbande strahlten mir im Glanze der untergehenden Sonne hellschimmernd ins Auge. Eine wunderbare, unbeschreibliche Empfindung — ein schauerliches Entzücken bemächtigte sich meiner. Es war mir, als umleuchtete mich ein Licht vom Himmel, als hätte ein Lichtstrahl von oben die Buchstaben erhellt; sie schienen mir wie verklärt. Ich glaubte die Nähe Gottes zu fühlen, und es dünkte mich, die Blätter aller Bäume rings umher zitterten aus Ehrfurcht vor Ihm. Mir war es, als spreche etwas in meinem Innersten: „Dein Gebeth ist erhört!“ Und so war es auch. Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Gleich einem Engel des Himmels kam in ihrem weißen Kleide und im Schimmer der Abendsonne meine Schwester auf mich zu, und nannte mir das erstemal den theuren Namen meiner Mutter. So, beste Mutter, hat Gott mich in Ihre Arme, und in deine Arme, liebste Schwester, wunderbar zurück geführt!“
„Ja, so ist es, meine liebsten Kinder, sagte die Mutter, indem sie ihre beyden Kinder in die Arme schloß. Er hat uns alle drey wieder zusammen gebracht. Er hat dich, liebster Karl, als einen zarten Knaben mir genommen und dich einem edlen Manne anvertraut, der dir aus der reinsten Menschenliebe eine Erziehung gab, die ich als Frau und als eine verlassene Wittwe dir unmöglich so gut geben konnte, und die dir keine Fürstin für Gold hätte besser verschaffen können. Er hat dich als einen blühenden Jüngling mir wieder zurück gegeben — und mir die Thränen des Schmerzens, die ich über deinen Verlust weinte, in Freudenthränen verwandelt. Er hat alles wohl gemacht und alle seine Wege sind die lautere Weisheit und Liebe. O liebsten Kinder! laßt uns Ihm danken und seine heilige Vorsehung in Demuth und mit tiefer Ehrfurcht anbethen!“ Alle drey schwiegen mit tief gerührtem Herzen lange still, und nur ihr Herz sprach mit Gott. Auch Rosalie und Christine saßen mit gefalteten Händen, mit thränenvollen Augen, und mit einem Herzen voll Rührung und Andacht stillschweigend da und athmeten kaum.
„Welche Freude, sagte Karl nach einiger Zeit, wird der edle Greis, mein zweyter Vater, empfinden, wenn er diese wunderbare Fügung vernimmt! Diese Nacht noch muß ich ihm diese Freudennachricht schreiben.“ Es war bereits Mitternacht, bis Karl auf sein Zimmer kam. Allein es wäre ihm unmöglich gewesen, zu Bette zu gehen. Er setzte sich an den Schreibtisch, der in dem Zimmer stand, und schrieb an seinen theuren Pflegvater, den ehrwürdigen Pfarrer, so ausführlich, so begeistert, daß er noch bey der brennenden Wachskerze saß und schrieb, als die goldene Morgenröthe bereits zum Fenster herein strahlte und das Kerzenlicht überflüssig machte.
Achtes Kapitel.
Karls Pflegevater.
Karl lebte auf seinem väterlichen Schlosse so vergnügt, als wäre er in den Himmel versetzt. Je mehr er seine Mutter kennen lernte, desto mehr mußte er die vortreffliche Frau verehren. Eben so mußte er seine Schwester, die unermüdet fleißig, und dabey immer fröhlich und freundlich war, mit jedem Tage mehr schätzen. Seine Ankunft in Waldheim hatte indeß noch eine andere glückliche Folge für ihn. Das Schloß, das vorhin das Eigenthum seiner Väter gewesen, war gegenwärtig nur mehr der Wittwensitz seiner Mutter; allein jetzt konnte er dieses Schloß wieder als sein väterliches Erbtheil zurück fordern, und die Bewohner unten in dem Dorfe und einigen benachbarten Weilern als seine künftigen Unterthanen ansehen. Seine Mutter führte ihn daher voll Freude überall im Schlosse herum, zeigte ihm die Umgebungen des Schlosses nebst den Gütern, die dazu gehörten, und redete mit ihm sehr vieles über seine künftige schöne Bestimmung, zum Glücke der Bewohner dieses kleinen Thales so vieles beytragen zu können.
Unter solchen Gesprächen saßen Frau von Waldheim, Karl und Emilie einmal am Nachmittage auf der eichenen Bank, die, nebst einem ähnlichen ländlichen Tische, auf einem schönen, mit Kies beschütteten Platze vor dem äußern Thore des Schloßhofes stand, und von zwey dichten Kastanienbäumen beschattet war. Da sahen sie einen ehrwürdigen Greis mit schneeweißen Haaren und schwarzer Kleidung auf sich zukommen, der einen ziemlich langen Reisestab in der Hand führte und einen dreyfach aufgeschlagenen Hut unter dem Arme hielt. „Gott im Himmel! mein Pflegevater! rief Karl, indem er aufsprang und mit weit offenen Armen auf ihn zu eilte. Ists möglich, Sie sind es, liebster, bester Herr Pfarrer! Wie kommen Sie hieher?“
„Lieber Karl! theurer Pflegesohn! sprach der Pfarrer; sobald ich deinen Brief erhalten hatte, war ich sogleich entschlossen, ungeachtet meines hohen Alters die weite Reise hieher noch zu machen. Ich hielt aus wichtigen Gründen meine Gegenwart dahier für nützlich, ja für nothwendig. Auch war es mein lebhaftester Wunsch, die Mutter und Schwester meines lieben Pflegesohnes kennen zu lernen, und die Freude, die Gott allen Dreyen beschert hat, nicht nur in weiter Ferne, sondern an Ort und Stelle zu theilen.“ Karl fiel ihm um den Hals, und die Mutter und Emilie konnten nicht Worte genug finden, dem edlen Manne ihre Dankbarkeit auszudrücken.
Der ehrwürdige Greis, den das Ersteigen des Berges ermüdet hatte, setzte sich nun zu ihnen auf die Bank. Frau von Waldheim both ihm Erfrischungen an. Allein dem edlen Greise war es jetzt gar nicht um Speis und Trank. Er fing sogleich an mit eben so viel Einsicht als Rührung von den wunderbaren Wegen der göttlichen Vorsehung zu reden; er sagte hierauf, was nun zu thun sey, damit der Landesfürst Karln als einen jungen Herrn von Waldheim anerkenne; auch sprach er noch sehr ausführlich davon, was Karl noch alles zu lernen habe, um ein weiser und guter Vater seiner künftigen Unterthanen zu werden.
Indessen kamen Rosalie und ihre Tochter, wie gewöhnlich, auf Besuch. Frau von Waldheim stellte beyde dem ehrwürdigen Pfarrer vor. „Sehen Sie, mein lieber Herr Pfarrer, sagte sie, dieses da ist das gute Kind, das uns mit dem Lamme ein so segenreiches Geschenk gemacht hat, und hier ist ihre Mutter, die das Halsband mit den drey entscheidenden Buchstaben geziert hat.“ Der edle Pfarrer freute sich sehr, die gute Rosalie und ihre Tochter kennen zu lernen, und grüßte beyde auf das freundlichste.
Frau von Waldheim trug nun Rosalien auf, den Thee, nebst Brod und Butter, Wein und Obst unter die Kastanienbäume herab zu bringen. Emilie und Christine aber schlichen sich fort, zierten das Lämmchen, das immer rein und weiß war wie Schnee, mit Kränzen von frischem grünen Laub und jungen, halbgeöffneten Rosen, legten ihm das goldgestickte Halsband an, und führten es dem Herrn Pfarrer vor. Der freundliche Greis betrachtete es mit Wohlgefallen, streichelte es und sagte zu Frau von Waldheim und zu Emilien: „Sie haben mich mit den zwey werthen Personen, durch die Ihnen Gott ein so großes Glück bereitete, bekannt gemacht, und sogar das Lamm nicht vergessen, das, ohne es zu wissen, zu diesem Glücke so vieles beygetragen hat. Nun muß ich Sie aber auch noch den Mann kennen lehren, der nach Gott die vorzüglichste Ursache dieser erfreulichen Ereignisse war, und der das Größte that, was Menschen thun konnten, Ihrer aller Glück zu gründen. Ich meyne jenen edelmüthigen Soldaten, der sich mit Gefahr seines eigenen Lebens muthig in den Rhein stürzte, und unsern lieben Karl hier, als ein zartes unmündiges Knäblein, aus den reißenden Fluthen glücklich herausholte.“
„Der gute Mann hatte, seit dem er jene edle That vollbrachte, sehr vieles auszustehen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Wesentliche davon kurz erzähle. Er machte mehrere Feldzüge mit, hatte unsägliche Mühseligkeiten zu erdulden und wurde endlich schwer verwundet. Er und eine Menge anderer Verwundeter wurden auf Wagen geladen und weiter geführt. Nun traf sichs, daß der lange Zug von Wagen an dem Hause eines Wollfärbers vorbeykam, der außen vor dem Thore eines kleinen Städtchens nahe am Wasser wohnte. In diesem Hause war der brave Krieger ehemals einige Wochen im Quartier gelegen, und hatte dem Färber, dessen Wohnung dem Uebermuthe der Soldaten am meisten ausgesetzt war, ganz ungemeine Dienste geleistet, und ihm Vermögen und Leben gerettet. Der Färber schaute eben jetzt aus dem Fenster, die Wagen vorüber ziehen zu sehen — und erblickte unter den Verwundeten seinen ehemaligen Beschützer, der sich auf dem Wagen mühsam aufrichtete und sehnlich zu den Fenstern heraufsah. Augenblicklich eilte der Färber hinab, grüßte ihn, und bath den Offizier, der den Zug begleitete, den armen todtschwachen Mann ihm zu überlassen. Der Feldarzt ward gerufen und dieser erklärte, der Mann werde ohnehin, wie schon hundert Andere, das Militärspital nicht mehr erreichen und zuverläßig unterwegs sterben. Man solle ihn also ohne weiters in das Haus des barmherzigen Mannes bringen, so würde der arme Leidende wenigstens für seine letzten Augenblicke noch einige Erleichterungen finden.“
„Der Färber nahm nun seinen ehemaligen Hausfreund und Wohlthäter voll des herzlichsten Mitleids in sein Haus auf. Die sorgfältigste Pflege und der Fleiß des geschickten Wundarztes im Orte retteten ihm wider alle Erwartung das Leben; nur blieb er noch lange Zeit so schwach, daß er nicht weiter reisen, auch keine etwas schwere Arbeit verrichten konnte. Der Färber, der ein reicher Mann war und ein sehr weitläuftiges Gewerbe hatte, behielt ihn aber sehr gerne bey sich, und der dankbare Krieger, der eine sehr schöne Handschrift hat, besorgte ihm seinen Briefwechsel und führte ihm sein Handlungsbuch mit dem größten Fleiße und mit der pünktlichsten Genauigkeit. Beyde gewannen einander immer lieber, und lebten zusammen in wahrhaft brüderlicher Eintracht.“
„Allein nun änderte sich auf einmal die Sache. Der brave Soldat war kaum vollends hergestellt und wieder zu Kräften gekommen, so starb der ehrliche Färber sehr unvermuthet hinweg. Der Tod hatte ihn zu schnell übereilt, sonst würde er seinen Freund sicher in seinem Testamente bedacht haben. Sein Vermögen fiel den Verwandten zu; die Färberey wurde verkauft; die hartherzigen Erben ließen den guten Mann mit leeren Händen abziehen. Er mußte sein Unterkommen weiter suchen. Er wollte jedoch zuvor zu seinem Regimente reisen, und, weil sein linker Arm etwas gelähmt blieb, um seinen Abschied bitten. Der Weg führte ihn nahe bey meinem Pfarrdorfe vorbey. Da regte sich natürlich in seinem Herzen der Wunsch zu erfahren, was aus dem Kinde geworden sey, das er einst aus dem Wasser gezogen hatte. Er besuchte mich — eben ein Paar Tage, nachdem Karl abgereist war. Ich hatte eine große Freude, den edelmüthigen Krieger wieder zu sehen behielt ihn bey mir, und sann nach, ob ich ihm nicht irgendwo ein angemessenes Plätzchen verschaffen könnte.
Da kam Karls Brief — mit der unerwarteten Freudennachricht. Ich hielt es für sehr zweckmäßig, den braven Mann mit hieher zu nehmen. Denn fürs Erste, dachte ich, wird sein Zeugniß, daß er in jenem Jahre und an jenem Tage ein Knäblein von etwa vier Jahren aus dem Rheine zog, und es nebst einem Päcklein mit dessen Kleidern, in dem sich jener Ring fand, mir übergeben habe, sehr dienlich seyn, zu erweisen, Karl sey wirklich der Sohn der gnädigen Frau von Waldheim, von dem man glaubte, er sey ertrunken. Fürs Zweyte hoffte ich, Karl werde gegen den Retter seines Lebens gewiß nicht unerkenntlich seyn — zumal der brave Mann treu wie Gold, im Schreiben und Rechnen sehr gewandt, besonders aber ein treflicher Forstmann ist, und dem künftigen Herrn von Waldheim in Verwaltung seiner Güter sehr nützliche Dienste leisten kann.“
„O, wo ist er denn? Wo ist er?“ riefen Frau von Waldheim, Karl und Emilie fast mit einer Stimme.
Der Pfarrer wandte sich um, winkte einem ordentlich gekleideten Manne, der bescheiden in einiger Entfernung stand, nahm ihn bey der Hand, stellte ihn der gnädigen Frau vor, und sprach: „Hier ist er — mein guter, ehrlicher, vortrefflicher Johann West!“
„Johann West! rief die arme Rosalie ganz außer sich. O Gott, er ist mein Mann!“ Sie flog in seine Arme; sie begrüßte ihn zitternd und bebend vor Freudenschrecken.
Alle erstaunten über diese neue Fügung der göttlichen Vorsehung. Der Mann aber stand wie versteinert da. Es währte lange, bis er sich in dieses unverhoffte Glück finden konnte und endlich in Freudenthränen ausbrach. Die hocherfreute Rosalie rief nun ihrer Tochter zu: „O Christine, er ist dein Vater! O grüße ihn doch auch!“ Christine, die bisher mit gefalteten Händen unbeweglich da gestanden, näherte sich ihm nun schüchtern, und er schloß sie unter heißen Thränen in seine Vaterarme. Alle drey hatten eine Freude — wie vor einigen Tagen Frau von Waldheim, Karl und Emilie sie gehabt hatten.
Nachdem sie sich von der ersten, ungestümen Freude erholt hatten, trat Karl herbey und umarmte den Retter seines Lebens mit unaussprechlicher Rührung. Die Frau von Waldheim und Emilie aber bothen ihm freundlich die Hand, und überhäuften ihn mit Danksagungen und Lobeserhebungen. „Lieber West, sagte Frau von Waldheim, Ihr, Eure Frau und Eure Tochter sollen von diesem Augenblicke an in dieses Schloß aufgenommen seyn, und nie mehr von mir getrennt werden; und wenn ich, wie ich hoffe, meine Güter wieder zurück bekomme, so sollet Ihr eine solche Anstellung erhalten, mit der Ihr gewiß zufrieden seyn werdet.“
Neuntes Kapitel.
Allgemeine Freude im Dorfe.
Die Frau von Waldheim hatte es nicht sogleich bekannt werden lassen, daß der fremde Jüngling, der sich auf ihrem Schlosse befand, ihr Sohn sey; sie wollte sich ihres Glückes einige Tage im Stillen ungestört freuen. Allein der Kutscher, der den Pfarrer und dessen Reisegefährten hergeführt, und seine Pferde unten im Wirthshause des Dorfes eingestellt hatte, plauderte alles aus. Als er Abends die Kutsche wusch und die Pferde tränkte, kamen mehrere Leute aus dem Dorfe, die eben Feyerabend gemacht hatten, herbey und fragten, wem die Kutsche gehöre? Denn eine fremde Kutsche war etwas Seltenes im Dorfe. Der Kutscher sagte: „Ich habe den Herrn Pfarrer hieher gefahren, der euren jungen gnädigen Herrn erzogen hat.“ „Ey was, riefen die Leute, der junge Herr ist ja als ein Kind ertrunken!“ „Nein, sprach der Kutscher, er lebt, er ist droben auf dem Schlosse. Er wurde von dem Manne, der bey dem Herrn Pfarrer in der Kutsche saß, aus dem Wasser gezogen; sonst wäre er freylich ertrunken. Ich bin des Herrn Pfarrers sein Knecht, und habe euren jungen Herrn, als er noch klein war, viel hundert Mal auf dem alten Braunen, den ihr da stehen sehet, mit auf den Acker oder auf die Wiese reiten lassen. Der Karl ist aber auch ein recht braver, lieber junger Herr, und er hat auf mich, seinen alten Hanns, immer recht viel gehalten! Ihr werdet Freude an ihm haben und er wird euch zum Segen seyn.“
Die Nachricht, der Baron Karl, der droben auf dem Schlosse geboren und in der Pfarrkirche zu Waldheim getauft war, den aber seine Aeltern einige Monate nach seiner Geburt mit sich fort genommen, und den man schon so lange für todt gehalten, sey wieder gefunden, verbreitete sich sogleich durch das ganze Dorf. Alles im Dorfe, Jung und Alt, lief voll Freuden dem Schlosse zu. Da die Leute aber die Herrschaft auf der Bank unter den Kastanienbäumen erblickten, blieben sie in einiger Entfernung stehen. Es sammelte sich ein dichtgedrängter Kreis von Vätern, Mütter und Kinder — ohne daß die Herrschaft und die übrige Gesellschaft in ihrer großen Freude es sogleich in Acht nahmen.
Die Frau von Waldheim bemerkte es zuerst, und fragte: „Was wollen denn die vielen Leute?“ Die Köchin, die eben zum zweyten Male heißes Wasser zum Thee brachte, weil das erstere kalt geworden war, sagte: „Die Leute möchten gern den jungen gnädigen Herrn sehen; sie haben es den Augenblick erst erfahren, daß er da sey.“
Der würdige Pfarrer sprach: „Das ist schön! Das gefällt mir von den Leuten! Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich den wackern Leuten meinen Pflegesohn als ihren künftigen Gutsherrn vorstelle, und ihnen einige Worte an das Herz lege.“ Der edle Greis nahm gerührt sein schwarzes Sammetkäppchen von seinem ehrwürdigen schneeweißen Haupte, stand auf, trat etwas vorwärts, blickte mit Thränen im Auge zum Himmel und fing dann ganz begeistert an zu reden:
„Ihr Aeltern und Kinder, Ihr Väter und Mütter, Söhne und Töchter, tretet näher, und sehet und höret, was Gott Eurer gnädigen Herrschaft und auch Euch für eine große Freude bereitet hat!“
„Gott, ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt und der die Haare unsers Hauptes gezählt hat, ist wunderbar in seinen Wegen und weiß alles weislich zu fügen. Er, der Gott der Wittwen und Waisen, der Vater aller Leidenden und Bedrängten, lebt noch, und nimmt sich ihrer stets, und oft so wunderbar an, daß wir es deutlich mit Augen sehen und gleichsam mit Händen greifen können. Nicht das geringste Gute läßt Er, der reiche Vergelter, unbelohnt, und belohnt es oft schon hier auf Erden auf eine herrliche, göttlichschöne Weise.“
Der würdige Pfarrer erzählte nun die vorzüglichsten Begebenheiten der Geschichte, die seinen Zuhörern noch unbekannt waren, und fuhr dann weiter fort.
„Seht, so herrlich belohnte Gott Eure edle gnädige Frau für ihre menschenfreundliche Güte, mit der sie sich der armen, kranken Rosalie, die sich für eine Wittwe hielt und ihren Mann als todt beweinte, angenommen — so schön vergalt Er ihr, dieser wahrhaft gnädigen Frau, die Barmherzigkeit, die sie Rosaliens Tochter, der armen Christine, erwiesen hat! Gott gewährte ihr die größte Freude, die ihr in ihrem eigenen Wittwenstande werden konnte, und ließ sie ihren eigenen geliebten Sohn wieder finden!“
„Reichlich segnete Gott Fräulein Emilien hier für ihr Mitleid gegen ein armes Mädchen und für ihre freundliche Güte, die nichts von Stolz weiß. Sie begegnete der armen Christine so freundlich und liebreich, als wäre Christine ihre eigene Schwester — und Gott machte dem guten Fräulein dafür die unerwartete Freude, ihren eigenen lieben Bruder wieder zu finden.“
„Herrlich belohnte Gott die arme Rosalie, daß sie die Leiden ihrer Krankheit und ihrer Armuth so geduldig ertrug, ihre Tochter so gut erzog, sie zur Redlichkeit, zur Dankbarkeit, zum Fleiße, zur Reinlichkeit und jeder anderen Tugend anhielt. Diese gute Erziehung brachte der guten Mutter jetzt schon die erfreulichsten Früchte und verwandelte ihre Leiden in Freuden!“
„Schön vergalt Gott der guten Christine ihr Mitleid gegen ein verlornes Lamm, ihren Gehorsam gegen ihre Mutter, die Redlichkeit, mit der sie das Lamm dem Eigenthümer zurück gab, die Dankbarkeit, mit der sie es dem Fräulein hier zum Geschenke machte. Diese liebenswürdigen Eigenschaften gewannen ihr die Zuneigung Eurer gnädigen Frau und Fräulein Emiliens, waren die Veranlassung, daß sie ihren Vater wieder fand und werden sie auch fernerhin glücklicher machen, als der reichste Brautschatz sie machen könnte.“
„Wie wunderbar führte Gott Euren jungen gnädigen Herrn in die Arme der geliebten Mutter, die ihn längst für todt hielt, zurück, um ihn für seinen Fleiß, seinen Gehorsam, sein gutes Betragen von der zartesten Kindheit an, zu segnen, sein kindliches Gefühl gegen seine Mutter, die er nicht kannte, zu belohnen, und sein herzliches, inniges Gebeth dort in dem Walde gnädig zu erhören!“
„Wie augenscheinlich belohnte Er die edle Handlung des wackern Kriegers hier! Ach, der gute Mann sprang voll herzlichen Erbarmens in das Wasser, um mit Gefahr seines eigenen Lebens dem Kinde einer trauernden Wittwe das Leben zu retten. Dafür erbarmte sich Gott auch über desselben Weib und Kind, rettete sie aus Noth und Mangel, erweckte edle Herzen, die sich ihrer gütig annahmen, und ließ ihn Mutter und Kind, von denen er ungeachtet aller seiner Nachforschungen nichts mehr erfragen konnte, wieder finden! Vater, Mutter und Kind sehen nun nach vielen überstandenen Leiden ruhigern und glücklichern Tagen entgegen.“
„Und dieses alles führte Gott durch dieses Lamm hier aus, das als ein liebliches Bild der Unschuld, weiß wie Lilien und mit jungen Rosen geschmückt, in Eurer Mitte steht. Er, der liebe Gott, ließ es verloren gehen; Er leitete Christinens Tritte, daß sie es fand; Er bewegte das Herz des ehrlichen Landmanns, es ihr zu überlassen; Er gab Christinen und ihrer Mutter in den Sinn, es Emilien zu schenken; Er führte das Lamm gleichsam an der Hand dem reisenden Jünglinge zu, um ihn in die Arme der geliebten Mutter zu führen. Er setzt ihn durch ein Lamm wieder in seine Güter ein, und bereitet dadurch auch Euch ein großes Glück. Denn ich kann Euch versichern, Karl ist ein edler, hoffnungsvoller Jüngling. Er fürchtet Gott und liebt die Menschen. Er wird Euch und Euren Kindern ein guter milder Herr seyn.“
„Und sollte nun Gott, der den Lebenslauf eines Lammes so sicher leitet, den Eurigen ausser Acht lassen können? O mit mehr Liebe und Mitleid, als Christine das Lamm hier aufnahm, trägt Er euch alle am Herzen.“
„Meine geliebten Freunde! Wie könnte ein Diener des Evangeliums ein Lamm sehen, ohne daß ihm Derjenige zu Sinne käme, der gleich einem schuldlosen Lamme zum Besten seiner lieben Menschen verblutete und der sich selbst öfter einem guten Hirten verglich! Ja, Er, dessen Diener ich bin, dessen Evangelium ich predige, ist der ewig treue, liebevolle Hirt unser Aller. Er kennet alle seine Schafe, Er nennet sie mit Namen, Er ruft sie mit sanfter Stimme, Er lenkt sie mit seinem milden Hirtenstabe, Er beschützt sie vor Gefahren, Er weidet sie. Er sucht die verlornen auf; Er möchte jedes gleichsam auf seinen Schultern in den Himmel tragen! Vertrauet Ihm daher vom ganzen Herzen!“
„Laßt uns aber auch seine Stimme hören und Ihm folgen, und Gutes thun, so viel wir können. Denn seht, Gott bedient sich unsrer guten Handlungen, uns und Anderen große Freude, Segen und Heil zu bereiten. Hätte zum Beyspiele Eure gnädige Frau gegen die arme, kranke Rosalie sich nicht so wohlthätig erzeigt; wäre Emilie gegen die arme Christine nicht so freundlich gewesen, ja hätte sie ihr auch nur das kleine Halstuch nicht geschenkt; hätte Christine etwa aus Eigennutz Emilien das Lamm nicht schenken mögen; oder hätte Christinens Mutter nicht aus herzlicher Dankbarkeit das schöne Halsbändchen gestickt; hätte Karl nicht eine so kindliche Liebe zu seiner Mutter gehabt, sich nicht so nach ihr gesehnt, dort im Walde nicht so innig gebethet: so wäre alles nicht so gegangen, und der heutige Tag wäre nicht für uns alle ein so großer Freudentag geworden. So bringt alles, auch das kleinste Gute, das wir thun, reichen Segen über uns und Andere. Edle Handlungen sind Perlen, die Gottes heilige Vorsicht nicht verloren gehen läßt, sondern sie gleichsam an eine Schnur reihet; gute Thaten sind goldene Ringe, aus denen Gott eine goldene Kette herrlicher und erfreulicher Begebenheiten zusammen fügt.“
„Ihr aber, meine lieben Kinder, beschloß der Pfarrer seine Anrede, in dem er sich zu den Kindern wandte, ihr Größern, die ihr mir so aufmerksam zugehört habt, und ihr Kleinern, die ihr nur nach dem niedlichen weißen Lämmchen hinblickt, das so schön mit Rosen geschmückt in eurer Mitte steht — euch alle wolle Gott segnen — und geben, daß ihr alle so unschuldig bleibet, wie ein Lamm, und so sanft und geduldig, wie ein Lamm, wenn ihr, wie manches arme Lämmchen, unter rauhe Hände fallen solltet. Er, der das Leben für seine Schäflein gab, wolle euch in seinen Armen und an seinem Herzen tragen; Er wolle euch in seinen mächtigen Schutz nehmen, wenn das Verderben eurer Unschuld droht, wie ein grimmiger Wolf einem sanften, schuldlosen Lamme. Ihr holden Kleinen seyd ja auch die Schäflein seiner Heerde! Er wolle euch ewig nicht seinen Händen entreissen lassen.“
So redete der Pfarrer; sein Angesicht war von den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet, und sein ehrwürdiges weißes Haar glänzte in dem hellen Abendschimmer. Er stand da mit seinen zum Himmel gerichteten Blicken voll Thränen wie verklärt — und alle, die ihn hörten, hatten Thränen in den Augen und neues Vertrauen auf den Gott, der alles wohl macht, kam in ihr Herz, und erquickte es sanft, wie der Thau, der bereits die Blumen im Thale erfrischte. Die guten Landleute gingen alle gerührt und voll guter Vorsätze nach Hause. „Das ist schön gewesen! sagten sie auf dem Heimwege zu einander, und eine solche allgemeine Freude ist wohl, seit das Dorf steht, noch nicht erlebt worden.“
Zehntes Kapitel.
Ein Kinderfest.
Die Frau von Waldheim reisete nun mit Karl in die Residenz, stellte diesen ihren wieder gefundenen Sohn dem Fürsten vor, und bath um die Wiedereinsetzung in ihre Güter. Der ehrwürdige Pfarrer, und der wackere West waren auch mitgekommen, um durch ihr vereintes Zeugniß zu beweisen, Karl sey wirklich ein junger Herr von Waldheim. Der Fürst hörte sie sehr gnädig an, fand die vorgebrachten Beweise vollkommen hinreichend und befahl, die Güter unverzüglich ausfolgen zu lassen; verordnete jedoch, daß die Frau von Waldheim, so lange bis Karl das gesetzliche Alter erreicht haben würde, die Verwaltung der Güter übernehmen solle.
Voll Freude kam Frau von Waldheim mit ihrer Reisegesellschaft zurück auf ihr Schloß. Der würdige Pfarrer reisete nach einen Paar Tagen unter den dankbaren Thränen der Frau von Waldheim, Karls und Emiliens ab, um sich wieder zu seiner geliebten Pfarrgemeine zu begeben. Karl bezog, reichlich ausgestattet und unter glänzendern Umständen als vorhin, die hohe Schule. Den trefflichen West aber ernannte die gnädige, nunmehr wieder gebiethende Frau, nachdem er seiner Kriegsdienste entlassen war, zu ihrem Rentmeister, und übergab ihm, als einem sehr geschickten Forstmanne, zugleich die Oberaufsicht über die Waldungen, die zu dem Gute gehörten und sehr ansehnlich waren.
Nachdem Karl seine Studien rühmlichst vollendet, dann zu seiner weiteren Belehrung und Bildung eine große Reise gemacht, und nunmehr seine Herrschaft übernommen hatte, saß er eines Abends mit seiner Mutter und mit Emilien, die nun eine erwachsene schönblühende Jungfrau war, auf der eichenen Bank nächst dem Schloßthore. Es wurden eben die Schafe eingetrieben, deren Frau von Waldheim sehr viele angeschafft hatte. Auch jenes Lamm hatte sich zu einer kleinen Heerde vermehrt, die aber von Emilie als ihr besonderes Eigenthum betrachtet wurde. Karl und Emilie unterhielten sich damit, die Schafe und Lämmer zu zählen. „Nun Kinder, fing die Frau von Waldheim an, als die Heerde vorbey getrieben war, können wir den Gedanken ausführen, mit dem ich Euch schon längst bekannt gemacht habe. Die Heerde ist jetzt zahlreich genug. Morgen ist es abermals ein Jahr, daß Gott mir und Euch, meine lieben Kinder, durch jenes Lamm eine so unbeschreibliche Freude gemacht hat, an der alle Aeltern und Kinder unsrer kleinen Gutsherrschaft den herzlichsten Antheil genommen haben. Der morgige Tag soll daher ein allgemeines Kinderfest werden für das ganze Dorf und alle dazu gehörige Orte. Ja, auch die Aeltern sollen nicht leer ausgehen.“ Frau von Waldheim ging nun mit Karl und Emilien in den Schloßhof, suchte eine Anzahl der schönsten Schafe heraus und befahl dem Schäfer, sie besonders einzuschließen. Am folgenden Morgen geboth sie den Mägden im Schlosse, die Schafe reinlich zu waschen, und die Mägde wetteiferten, es nur recht schön zu machen. Die Schafe wurden fast so weiß wie Schnee, und Emilie und Christine schmückten sie überdieß noch mit rosenfarbenen Bändern.
Frau von Waldheim ließ nun alle Kinder des Dorfes und des umliegenden Thales, die in die Schule zu Waldheim gingen, einladen, nachmittags um zwey Uhr auf das Schloß zu kommen. Die Kinder, Knaben und Mägdlein, kamen mit tausend Freuden, und waren wohl schon eine Stunde früher in ihrem schönsten Aufputze vor dem Schloßthore versammelt. Zur bestimmten Zeit wurden sie in den Schloßhof gerufen. Und sieh — da stand zu ihrem Erstaunen eine lange Tafel, fast so lang, als der Schloßhof, und auf der Tafel erblickten sie, zu ihrer nicht geringen Freude, große schöne Kuchen, blinkende Schüsseln, aufgehäuft voll mit allerley Backwerk, und zierliche Körbchen, aus denen ihnen Aepfel, Birnen und Pflaumen, roth, gelb und blau entgegen lachten. Auch standen einige große gläserne Flaschen mit dunkelrothem Methe dazwischen. Die Kinder mußten nun auf den langen Bänken zu beiden Seiten des Tisches, und zwar auf einer Seite die Knaben und auf der andern die Mädchen, Platz nehmen, und es wurde ihnen von allem reichlich vorgelegt. Da sah man nun lauter fröhliche Gesichter. Die Kinder ließen es sich recht wohl schmecken, und vergaßen auch nicht von dem süßen Methe auf die Gesundheit der gnädigen Frau, Karls und Emiliens zu trinken.
Nachdem alle satt waren, ertönten auf einmal fröhliche Schallmeyen. Die Söhne des Schäfers zogen mit dieser ihrer ländlichen Musik in den Schloßhof; die reinliche, schön geschmückte Schafheerde folgte ihnen, und der alte Schäfer machte den Beschluß. Die Kinder hatten an den schönen Schafen große Freude, und bald rief dieses, bald jenes: „O wie schön! So schöne blüthenweiße Schafe, die mit so schönen rothen Bändern geziert sind, haben wir noch nie gesehen.“ Aber wie groß war erst die Freude der Kinder, als sie hörten, die Schafe sollten unter sie vertheilt werden, und die Kinder jedes Hauses sollten zusammen ein Schaf bekommen. Die Frau von Waldheim wollte die Schafe durch das Loos vertheilen lassen, um die Vertheilung unterhaltender zu machen und jeden Schein von Partheilichkeit zu vermeiden. Jedes Schaf hatte ein Blatt mit einer Nummer anhängen. In einem großen irdenen Topfe befanden sich auf zusammen gerollten Blättchen eben die Nummern, wie an den Schafen. Nun mußte ein Kind nach dem andern eine Nummer ziehen, und sobald es gezogen hatte, erschallten die Schallmeyen und spielten so lange fort, bis das Schaf mit eben derselben Nummer aus der Heerde herausgefunden war. Die Begierde der Kinder bey dem Ziehen, die Erwartung, welches Schaf dem ziehenden Kinde zu Theil werden würde, die Freude des Kindes, wenn ihm das Schaf wirklich übergeben wurde, lassen sich gar nicht beschreiben. Der ganze Schloßhof war voll Jubel.
Nachdem die Schafe alle vertheilt waren, zogen die Kinder damit hinab in das Dorf. Die Schäferssöhne mit ihren helltönenden Schallmeyen gingen voran, die Schafe von den Kindern begleitet folgten, und der alte Schäfer beschloß den Zug. Gleichsam im Triumpfe zogen sie in dem Dorfe ein. Als die Leute die Schallmeyen und das Jubeln der Kinder hörten, und die schöngeschmückten Schafe erblickten, wunderten sie sich sehr, was doch dieses alles zu bedeuten habe. Allein da sie vernahmen, daß die gnädige Herrschaft die Kinder so gütig beschenkt habe — da hätte ihre Freude kaum größer seyn können. Viele Aeltern vergossen über die mildthätigen Gesinnungen ihrer gnädigen Herrschaft Freudenthränen.
In jene Häuser, wo sich kein Schulkind befand, schickte Frau von Waldheim dennoch ein Schaf hin; den wackern Bauersleuten aber, die einst die arme Rosalie so liebreich in ihr Nebenhäuschen aufgenommen hatten, schenkte sie zehn Schafe. Auch den ehrlichen Bauern und die gute Bäuerin auf dem Eichhofe, die einst der kleinen Christine jenes Lamm geschenkt und sie so freundlich zum Nachtessen eingeladen hatten, vergaß sie nicht. Da diese Leute sehr reich waren, und noch immer Schafe genug hatten, so ließ sie auf den folgenden Sonntag beyde zum Mittagsessen einladen, und der Bauer versicherte öfter, diese Ehre schätze er viel höher, als wenn die gnädige Frau ihm hundert Schafe geschenkt hätte.
Am andern Morgen kamen alle Hausväter aus dem Dorfe in ihren Sonntagskleidern auf das Schloß, der gnädigen Herrschaft für die erzeigte Wohlthat zu danken. Nun nahm Karl das Wort und sagte: „Liebe Männer! Ihr wißt, als ein armer Jüngling, der beynahe nichts hatte, als seinen Stab, wanderte ich einst durch diese Gegend. Durch ein Lamm half mir Gott wieder zu meinem väterlichen Erbtheile, und machte mich so glücklich, der Gutsherr von Euch lieben Leuten zu werden. Meine Mutter, meine Schwester, und ich wünschten, daß die Wohlthat, die Gott uns durch ein Lamm erwies, auch noch für unsre und Eure Nachkommen unvergeßlich bleiben, und ihnen noch zum Segen werden möchte. Hört deßhalb, was wir beschlossen haben!“
„Das Recht in unserm Dorfe hier Schafe zu halten, gehörte bisher Ausschließungsweise der Herrschaft zu. Dieses Recht sollt ihr von dem heutigen Tage an nun alle genießen. Deßwegen gab meine Mutter Euren Kindern zu einem kleinen Anfange die Schafe. Gott wolle sie Euch segnen!“
„Ich hoffe, Euer Ackerbau soll durch die Schafzucht sehr verbessert werden, nach dem alten Sprichworte: Die Fußtritte der Schafe verwandeln sich in Gold. Aber auch den Aermern, die keinen Acker haben, wird wenigstens Wolle und Milch sehr gut kommen.“
„Ich werde die Anstalt treffen, daß die Wolle, die wir gewinnen, sogleich in unserm Dorfe verarbeitet werde, und ich hoffe, es soll noch der Tag kommen, daß die Kleider aller Bewohner meiner Herrschaft von selbst gewonnener Wolle verfertigt seyn werden. Gott gebe seinen Segen dazu!“
Karls Wunsch ging auch vollkommen in Erfüllung. Die arme Rosalie, nunmehr Frau Rentmeisterin, und ihre Tochter Christine gaben Unterricht im Wollspinnen und Stricken. Ein Tuchmacher, ein Hutmacher und ein Strumpfwirker zogen auf Karls Veranstaltung in das Dorf. Es wurden sehr schöne Tücher von allen Farben und auch sehr gute Hüte und Strümpfe verfertigt. Karl bemerkte oft mit Rührung, wie Groß und Klein im Dorfe vom Haupte bis zu den Füssen mit selbst gewonnener und verfertigter Kleidung versehen waren, und wie alle Getreidfelder des ganzen Thales in einen blühenderen Zustand kamen und reichlichere Früchte trugen.
Emilie verlegte sich noch besonders auf die Stickerey mit gefärbter Wolle. Sie hatte von ihrer kleinen Heerde einen Vorrath an Wolle gesammelt, die von sehr feiner Art war. Der Rentmeister West legte ganz unerwartet ein neues Talent an den Tag. Er hatte von seinem Färber gelernt, der Wolle alle Farben, und jeder Farbe alle mögliche Abstufungen zu geben, von dem hellsten Lichte bis zum dunkelsten Schatten. Emilie war daher in den Stand gesetzt, ganz vorzüglich schöne Stickereyen zu verfertigen. Karl machte dazu die Zeichnungen und Christine leistete ihr dabey trefliche Hülfe. Sie stickten bunte Blumenkränze und niedliche Körbchen voll Blumen von allen Farben, große Rosensträuche, die mit halb und ganz aufgeblühten Rosen und reichlichem grünem Laube prangten, ja ganze Landschaften, in denen Baumschläge, Felsen, Wasserfälle und dergleichen zu sehen waren, und die mit Gewinden von Reblaube und gelbgrünen und purpurblauen Trauben dazwischen oder mit andern schönen Verzierungen eingefaßt waren. Emilie richtete so nach und nach ein ganzes Zimmer im Schlosse sehr schön ein. Der Teppich auf dem Tische, die Ueberzüge der Sessel und des Kanapees und auch der Fußteppich waren auf diese Art gestickt, und wer hineintrat, erstaunte über die Pracht der lebhaften Farben, die Richtigkeit der Zeichnung, und die kunstreiche Schattirung.
Da alle die schön gefärbte Wolle, die dazu verwendet worden, ursprünglich von jenem einzigen Lamme herkam, so machte Karl, nunmehr, gnädiger Herr von Waldheim, eine sehr schöne, große Zeichnung, in der er den ihm unvergeßlichen Augenblick abbildete, in dem er Mutter und Schwester vermittelst des Lammes wieder gefunden. Ganz im Vordergrunde auf der Felsenbank unter den Eichen zeichnete er seine Mutter nebst ihrer Gesellschafterin Rosalie. Weiterhin in dem Walde erblickte man Emilie und Christine und ihn selbst, und in ihrer Mitte befand sich das Lamm. Er hielt in einer Hand den Ring und deutete mit dem Zeigefinger der andern Hand auf die goldenen Buchstaben, die auf dem rothen Halsbande des Lämmchens deutlich zu sehen waren. Emilie aber zeigte mit ausgestrecktem Arme nach der Gegend hin, wo ihre Mutter saß, als wollte sie sagen: „Dort ist sie!“ Karl mahlte die Zeichnung mit sehr lebhaften Farben vortrefflich aus, und die sehr kenntlichen Personen auf dem Bilde, die nebst dem Lamme von der untergehenden Sonne kräftig beleuchtet waren, machten zwischen den dunkeln Schatten des Waldes eine unvergleichliche Wirkung. Er hängte das Gemälde, in einen goldenen Rahmen gefaßt, in dem Zimmer auf, nachdem er zuvor mit goldenen Buchstaben die drey Worte darunter geschrieben hatte:
„Unter Gottes Leitung!“
Bei Philipp Krüll in Landshut ist zu haben:
Genovefa. Eine der schönsten und rührendsten Geschichten des Alterthums, neu erzählt für alle guten Menschen, besonders für Mütter und Kinder. 4te rechtmäßige Auflage, m. 1 Kupf. 8. 1825. 24 kr. oder 6 gr.
Ostereyer, die, eine Erzählung zum Ostergeschenke für Kinder, von dem Verfasser der Genovefa. 2te Auflage. 12. 1818. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.
Wie Heinrich von Eichenfels zur Erkenntniß Gottes kam; eine Erzählung für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verbesserte Auflage. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.
Blüthen, dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer. 2te verb. und vermehrte Ausgabe. 8. 1826. 24 kr. 6 gr.
Erzählungen für Kinder und Kinderfreunde, von dem Verfasser der Ostereyer. 1s Bändchen. 12. 1821. 9 kr. gr. 12. 12 kr. 3 gr.
— — desselben Werks 2s Bändchen. 12. 1825. der Weihnachtsabend, eine Erzählung zum Weihnachtsgeschenke für Kinder, von dem Verfasser der Ostereyer. 12. 1825. 15 kr. 4 gr.
Blumenkörbchen, das, eine Erzählung dem blühenden Alter gewidmet, von dem Verfasser der Ostereyer: mit 1 Titelkupfer. 8. 1823. 24 kr. 6 gr. Velinpap. 1 fl. 48 kr. Rthl. 1.
Rosa von Tannenburg. Eine Geschichte des Alterthums, für Aeltern und Kinder. Erzählt von dem Verfasser der Genovefa; mit 1 Kupf. 8. 1823. 30 kr. 8 gr.
Itha, Gräfin von Toggenburg; eine sehr schöne und lehrreiche Geschichte aus dem 12ten Jahrhundert, neu erzählt für alle guten Christen, besonders für unschuldig Leidende. Ein Seitenstück zur Genovefa; mit 1 Kupf. 7te Auflage. 8. 1825. 24 kr. 6 gr.
Hirlanda, Herzogin von Bretagne, oder der Sieg der Tugend und Unschuld; eine erbauliche und lehrreiche Geschichte des Alterthums, neu erzählt für Junge und Alte von dem Verfasser der Gräfin Itha von Toggenburg. 3te rechtmäßige Auflage. 8. 1822. 18 kr. 5 gr.
Geschichten, biblische, für Kinder. 3 Thle. (v. Christoph Schmidt). 8. 1822. netto 1 fl. 9 kr. 18 gr.
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Engelbrecht, A., Aufsätze pädagogischen Inhalts; ein Buch für Seelsorger und Volksschullehrer, zur angenehmen und belehrenden Unterhaltung; mit 1 Kupfer. 8. 1821. 1 fl. 30 kr. Rthl. 1.
Hausaufgaben für Schreib- und Rechnungsschüler in Volksschulen, oder Aufgaben zur Selbstbeschäftigung der Schüler. 2te verbesserte Auflage. 8. 1823. 15 kr. 4 gr.
Diktirübungen nach den Regeln der Orthographie geordnet, nebst einem Diktir-Surrogat für Volksschulen; ein Hand- und Lesebuch für Elementarschulen, vom Verfasser der Hausaufgaben. 8. 1822. 12 kr. 3 gr.
Maurer, K., Lesebuch für geübtere Leseschüler. 8. 1818. 15 kr. 4 gr.
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Alte, der, von den Bergen; eine Erzählung für Kinder. 2te verbesserte Auflage. 12. 1822. 9 kr. Z gr.
Heilingbrunner und Zeheters drittes Elementarbuch der nöthigsten Sach- und Sprachgegenstände für Volksschulen. 8. 1822. 30 kr. 8 gr.
Jais, P. A., schöne Geschichten und lehrreiche Erzählungen, zur Sittenlehre für Kinder und wohl auch für Erwachsene. 2 Bändchen. 10 kr. 3 gr.
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Ackermann, G., kurze Volkspredigten über sinnliche Lust und sinnliche Abtödtung; auf die Faßnachts- und Fastenzeit. 8. 1825. 36 kr. 8 gr.
Schmid, J. G., Versuch einer Sittenlehre in Denkreimen, gesammelt für Schulkinder auf dem Lande. 12. 1825. 2 kr.
Sailer, Bischof, J. M., das christliche Monat, oder Gebethe und Betrachtungen auf jeden Tag des Monats, mit Kupf. 8. 1826. 1 fl. 24 kr.
Nikolaus von Myra, eine eben so lehrreiche als wundervolle Geschichte aus dem 3 und 4ten christl. Jahrhundert, neu erzählt, und mit moral. Anwendung vorzüglich für Hausväter, Eltern u. Kinder begleitet. 8. 1821. 8 gr. 30 kr.
Lebensgeschichte, erbauliche, der Dienerin Gottes, Marie Clotilde von Frankreich, Königin von Sardinien; aus d. Franz. übers. 8. 1819. 6 gr. 24 kr.