Zweites Buch
1
Im D-Zug Berlin-Hamburg saßen die Freunde zusammen — Georg Freimann, Carstensen, Timmermanns. Ihre Herzen brannten vor Verstimmung und Groll.
»Es war nicht gerade nötig, Freimann, daß Sie die Verhandlungen mit einem Bekenntnis zur Republik eröffneten«, sagte der alte Carstensen. »Dieser — na, sagen wir mal Opportunismus wirkte wenig überzeugend — gerade an Ihnen, der Sie, wie die Welt weiß, einmal ein Günstling, um nicht zu sagen ein Freund des Kaisers waren — und sich in der Sonne der Allerhöchsten Gnade immer höchst behaglich gefühlt haben.«
»Wenn diese Worte eine Anzweiflung meines Charakters sein sollen,« entgegnete Georg Freimann scharf, »dann sprechen Sie es bitte deutlich aus — damit ich genau weiß, wie ich mich hinfort zu Ihnen zu stellen habe.«
»Sie sind immer ein großer Diplomat gewesen, lieber Freund«, sagte der Greis behutsam. »Ich habe Ihre Elastizität stets bewundert. Sie ist eine der wichtigsten Ursachen Ihrer Erfolge geworden. Aber diesmal hat, meiner Beobachtung nach, Ihre Anpassungsfähigkeit Ihnen einen Streich gespielt. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß Ihre politische Neueinstellung auf die Herren, mit denen wir verhandelten, etwas verblüffend gewirkt hat. Ich brauche mich wohl nicht deutlicher auszudrücken.«
»Nein — das brauchen Sie nicht«, sagte Freimann eisig. »Über meine Gesinnung zu urteilen, erlaube ich auch Ihnen nicht. Ich erkenne nur mein Gewissen als Richter an. Und mein Gewissen — das ist der Vorteil der Linie. Heute wie je.«
»Frage nur, ob Sie dem gestern wirklich gedient haben — dadurch, daß Sie sich so beflissen auf den Boden der Tatsachen gestellt haben. Das hat auf die Männer der Stunde keinesfalls überzeugend gewirkt. Das Ergebnis zeigt's: Wir kriegen kein Geld. Und damit gut' Nacht, H. T. L., gut' Nacht, Hammonia-Werft! Jetzt können wir beide die Bude zumachen.«
»Dafür bedanken Sie sich lieber bei Ihrem Herrn Mitarbeiter!« Georg Freimann warf dem stumm vor sich hinbrütenden Timmermanns einen bitterbösen Blick zu ... »Es wäre noch alles gut abgegangen, wenn dieser Gewaltmensch da nicht die Nerven verloren hätte — und den rötlichen Herren mit dem Vorwurf ins Gesicht gesprungen wäre, die Republik scheine nur Geld für Schaffung neuer Ministerien und keins für die nationalen Aufgaben zu haben ...«
»Kann sein, daß es geschadet hat«, erwiderte Bob Timmermanns mit grimmiger Genugtuung. »Mich freut's, daß ich's ihnen gesagt hab'! Sie werden's nicht hinter den Spiegel stecken.«
»Es war trotzdem eine Dummheit, Timmermanns«, sagte der Brotherr des Getadelten. »Eine Dummheit, für die wir alle büßen müssen.«
Bob Timmermanns hatte eine scharfe Antwort auf der Zunge. Aber der alte Herr hatte recht ...
Die drei Männer, deren Stellung zueinander eine Lebensfrage der deutschen Schiffahrt bedeutete, verstummten in Bitterkeit und Entfremdung. Aber zu stark war in ihnen allen dreien das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal der ihnen anvertrauten Unternehmungen, der Tausende von Menschenleben, die unmittelbar von ihren Entschlüssen abhingen — des Vaterlandes, das Eintracht und Zusammenarbeit von allen seinen Söhnen gebieterisch forderte — und von den Führern am meisten.
Georg Freimann war wirklich von den dreien der Anpassungsfähigste. Er war der erste, dem es gelang, Enttäuschung und Verärgerung niederzuzwingen. Seit dem rätselhaften Verschwinden seines Sohnes, an dem er sich selber einen Großteil der Schuld beimessen mußte, war er ohnehin zu Milde und Nachsicht geneigter denn je zuvor.
»Carstensen,« sagte er, »das hat keinen Zweck. Wir dürfen uns jetzt nicht entzweien — wir dürfen nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und auch Timmermanns. Gesagt ist gesagt, geschehen ist geschehen. Also Schluß damit. Wir müssen vorwärts. Was ist zu tun?«
»Ich weiß es nicht«, sagte der alte Carstensen mutlos. »Küstendampfer von dreitausend Tonnen bauen — und ab und zu mal einen neutralen Auftrag größeren Umfangs ergattern — dabei kann die Werft nicht bestehen. Und auch abgesehen davon — ich müßte danken. Liquidieren, Freimann! Wenn ich nicht mehr schaffen darf — Großes schaffen, wie ich's gewohnt bin — dann lieber Schluß!«
»Und unsere Arbeiter?!« warf Timmermanns dazwischen.
»Aha! Die Herren Arbeiter!« sagte Carstensen heftig. »Das verdammte Kapital hat zwar nicht das Recht, den Arbeitern Vorschriften zu machen, aber die Pflicht, ihnen Brot zu schaffen. Wie es das anfängt, das ist seine Sache.«
»Jawohl,« sagte Timmermanns, »es ist seine Sache. Und darum hat der Herr Präsident recht: was tun?«
Freimann hatte tief nachgesonnen. »Sie wissen, meine Herren, ich könnte der Linie — und vielleicht auch der Werft aus dem Schlamassel helfen, wenn ich an Elias Patterson nach Neuyork telegraphierte, die H. T. L. sei jetzt bereit, seinen Vorschlägen nachzukommen und ihre Aktiva an den Patterson-Konzern zu verkaufen. Dann faßte die Blue-Star-Line in Hamburg und damit in Deutschland Fuß, das Personal der H. T. L. würde übernommen und hätte in Zukunft unter dem Sternenbanner weiterzuarbeiten — für die Hammonia-Werft fiele wohl doch im Laufe der Zeit mancher Auftrag der Amerikaner ab — und ich für meine Person würde vielleicht als Subdirektor des Konzerns bis an mein Lebensende weiter vegetieren dürfen ...«
»Entzückende Aussichten!« brummte Timmermanns. »Dann hätte der Feindbund ja sein Ziel erreicht: die deutsche Schiffahrt als europäischer Nebenbetrieb der angelsächsischen ... Die deutsche Industrie wird den gleichen Weg gehen — schließlich ist ganz Deutschland nur noch eine Filiale der Entente, alle Deutschen Lohnsklaven ihrer Feinde ... Es ist erreicht!!«
»Nein,« sagte Georg Freimann, »es ist nicht erreicht — noch nicht ... Versuchen wir zunächst noch einmal bei den Banken unser Heil! Der neue Dampfer muß auf die Helgen, muß ... Diese Gesellschaft, die sich heute Reichsregierung nennt, wird abwirtschaften ... Wir werden unsere Entschädigung bekommen, wenn nicht morgen, dann übermorgen ... Solange müssen die Banken einspringen. Wollen sehen, ob nicht auch sie begreifen, daß Schiffahrt not ist — Leben aber nicht!«
In des Reeders Auge glühte der alte Hansentrotz. Die Freunde sahen's mit stolzer Genugtuung. Des Sohnes Verschwinden — es hatte dem zähen Eroberer den Nacken nicht gebrochen, nein gesteift. Und da sprach auch er selber schon den Gedanken aus, den die anderen hinter seiner arbeitenden Stirn geahnt:
»Dieser Phantast, der einmal mein Sohn hieß, der soll nicht recht behalten ... Nicht neue deutsche Menschen braucht's, die alten waren ganz gut so, so wie sie waren ...«