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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 14: 3
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

3

Die Verhandlungen mit den Banken wollten nicht vorwärts. Georg Freimanns Zuversicht geriet ins Wanken. Er hatte, dem Auftrage der Generalversammlung entsprechend, den Vertrag über die Lieferung eines Doppelschrauben-Turbinendampfers für Fracht- und Passagierbeförderung von siebenundzwanzigtausend Tonnen nach den Entwürfen der Hammonia-Werft unterzeichnet, und schon begann auf der größten Helling das Grundgerüst des Doppelbodens sich aufzubauen. Aber die Geldbeschaffung machte ernste Schwierigkeiten und drohte völlig ins Stocken zu geraten. Die Banken verlangten Garantien.

Ein abermaliger Versuch bei der Reichsleitung in Berlin schien nicht ratsam. Die hatte Wichtigeres zu tun, diesmal im Ernst Wichtigeres. Die Friedensverhandlungen in Versailles hielten sie in Atem.

In den Sitzungen des Direktoriums der Linie hüben wie in den Besprechungen der Werftleitung drüben flatterten die Gedanken der Verantwortlichen immer halb scheu, halb hoffnungsvoll um den einen Namen, den jeder auf der Lippe hatte, jeder auszusprechen sich scheute. Es war grauenhaft zu denken, daß dies stolze Deutschland, daß diese deutsche Handelsschiffahrt, die einmal die zweite Stelle in der Welt eingenommen hatte, nun nirgendwo anders das Heil erhoffen konnte als bei dem großen Feinde, dessen Eingreifen den Krieg wider die Welt zu Deutschlands Ungunsten entschieden hatte. Der Dollar hatte begonnen, seinen Siegeszug um den Erdball anzutreten.

Und eben von da drüben hatte eine Hand sich ausgestreckt, eine einzige Hand — nicht um zu helfen zwar, sondern um auch das Letzte noch zu nehmen, das der größten deutschen Schiffahrtslinie von einstiger Machtüberfülle noch geblieben war. Aber hinter dieser Hand stand immerhin ein Menschenantlitz — nicht eine Larve des Hasses und Vernichtungswillens ... Wie, wenn es gelänge, in dem Hirn, das dieses Antlitz, diese Hand regierte, etwas wie ein menschliches Verständnis, eine kluge Achtung zu erwecken für den zähen Lebenswillen, den unausrottbaren Hansengeist, der den Verzweiflungskampf der Linie, der Werft befeuerte?!

Das war die letzte Hoffnung, welche die harten Ringer diesseits und jenseits der Norderelbe noch aufrecht hielt, in den endlosen Besprechungen und Sitzungen, die der brennenden Frage der Geldbeschaffung galten. Denn schon waren die Banken so schwierig geworden, daß vorübergehend eine Stockung eintrat. Die Löhne konnten nur noch mit größter Mühe pünktlich bezahlt werden. Und damit kam aufs neue die Unruhe unter die Tausende von Angestellten, in den Kontoren wie auf der Werft. Was fragten diese Tausende nach den Schwierigkeiten der Leitung?! Sie verlangten an jedem Zahltag ihren Lohn — und bekamen sie den nicht pünktlich und richtig, so waren sie schnell bei der Hand mit unseligen, sinnlosen Taten der Mißhandlung und Sabotage.

Mit solchen Sorgen zerquälten die Leiter aller großen Betriebe Hamburgs ihre Tage und Nächte in den furchtbaren Sommermonaten des ersten Jahres nach dem Verstummen der Geschütze. Aber zu solchen Beklemmungen hatten Georg Freimann und sein Freund Detlev Carstensen noch einen bitteren Herzenskummer zu tragen. Von dem jungen Manne, der einmal die Lebenshoffnung dieser beiden Väter gewesen, war seit jenem regentriefenden Aprilabend, der seine Spur verschlungen und verwischt hatte, nicht die leiseste Kunde mehr gekommen.

Ein anderer freilich war über dies Verschwinden höchst erfreut gewesen. Aber gerade der mußte erfahren, daß seine Hoffnungen enttäuscht wurden.

Im dienstlichen Verkehr hatte Bob Timmermanns täglich Gelegenheit, mit der Tochter seines Chefs in Berührung zu kommen. Er war der Mann, diesen Vorteil auszunutzen. Er zeigte sich von seiner besten Seite. Seine Unverwüstlichkeit durchdrang den ganzen Riesenapparat der Werft, befeuerte das Tempo der Arbeit, rann wie ein belebender Strom durch Kontore und Bauhallen, in die Docks und Helgen und ließ nirgendwo Erschlaffung, Unruhe, Unsicherheit aufkommen.

Ilse Carstensen wäre keine Frau gewesen, hätte sie nicht herausgefühlt, daß solche Leistungen eines Starken noch aus einer anderen Quelle ihre Unversieglichkeit schöpften als nur aus Pflichtbewußtsein, Schaffensdrang und Vaterlandsliebe. Bob Timmermanns besaß nicht die Kunst der Verstellung, des Abwartenkönnens. Das mächtige Gefühl, das seinen mächtigen Willen durchfieberte, verlangte nach Entladung, drängte nach Erwiderung.

Es gab Stunden, in denen Ilse der ungeheuren Energie dieser stummen Werbung, mit der Bob Timmermanns sie umgab, zu erliegen meinte. Das Gefühl der Wesensverschiedenheit, mit dem sie anfangs die überlaute, überderbe Art des Riesen abgelehnt, war längst überrannt. Der Werkmeistersohn war für die Patrizierin in die gleiche Ebene des Menschentums emporgestiegen.

Wäre Heinz geblieben — hätte die Braut täglich Gelegenheit gehabt, an der Stärke des Werbers die Schwäche und Verworrenheit des Verlobten zu messen — vielleicht hätte die Kraft gesiegt. Aber der Schwache, der Komplizierte, der Problematische war fort. Und knirschend erkannte Bob Timmermanns, was Heinz Freimann, wie Bob ihn zu kennen glaubte, in naivem Versagen getan — es war das klügste, was er hätte tun können. Die Ferne, das Geheimnis waren stärkere Mächte als die Gegenwart, die Eindeutigkeit ...

Untersinkend hatte der Entrückte im Herzen seines Mädchens, das immer noch den Ring des Verlobten am Finger und jenen, den er ihr zurückgelassen, auf dem Busen trug, einen Anker versenkt, der fester hielt als einst das Treuegelöbnis, die Angst um den Kämpfer, den Gefangenen, die Seligkeit des Wiederfindens. Ilse wand sich in Reuequal. Gewiß: wenn Ilse dem Verlobten hatte merken lassen, wie sehr der Ingenieur ihr imponierte — so war das nicht ganz ohne einen Hauch von koketter Bosheit geschehen ... Er hatte es merken sollen — hatte es gemerkt. Und darum war er still gegangen — darum ... So mächtig ist in der Frau das Allgefühl ihrer Liebe: sie will es nicht wahrhaben, daß der Geliebte auch noch anderen Einwirkungen unterliegt — was ihm geschieht, was er leidet und handelt — ihre Liebe wähnt sich selber die einzige Triebfeder der Leiden, der Entschlüsse, der Schicksale des Mannes, dem sie sich verbunden weiß ...

Das Verhalten seiner Mutter mußte sie in dem Glauben bestärken, sie allein habe ihn vertrieben. Wohl hatte Frau Johanna selber den Sohn in seiner Not ohne Mutterhilfe gelassen — hatte in der plötzlichen Erkenntnis ihrer Schuld gegenüber ihrem Gatten den Seelenkampf, die tiefe Verlassenheit ihres Sohnes übersehen ... Aber das hatte sie längst vergessen. Sie gab es der Schwiegertochter rückhaltlos zu verstehen: ihre Tändelei mit Timmermanns habe Heinz von hinnen getrieben ... Ja, selbst ihren Vater hatte Ilse im Verdacht, er denke das gleiche ... Diese Auffassung, so schmerzlich und drückend sie für Ilses Gewissen war — barg sie nicht auch eine ungeheure Schmeichelei? Eine verführerisch hohe Meinung von ihrem eigenen Wert? Es ist süß, wähnen zu dürfen, daß man für den geliebten Menschen das Schicksal bedeutet — das ganze, das alleinige Schicksal ...

Schließlich: welcher andere Beweggrund für Heinzens Flucht war erkennbar, war überhaupt denkbar?! In den kurzen Stunden des Beisammenseins — ehe das große Mißverstehen kam — waren die Seelen einander noch viel zu wenig nahegekommen, als daß Ilse eine Ahnung von den verwickelten Vorgängen hätte haben können, die Heinz von hinne getrieben — als daß sie hätte ahnen können, ihre betonte Abkehr von ihrem Verlobten sei nicht die einzige, ja nicht einmal die tiefste Ursache seiner Flucht gewesen — höchstens der äußere, fast zufällige Anstoß ...

Einerlei: der schmerzlich-süße Wahn, der Ilses Gewissen belastete, wob ein festeres Band um sie und das Bild des Geflohenen als dereinst seine Gegenwart ...

Bob Timmermanns fühlte das. Zu einfach, zu leicht verständlich war dieser Zusammenhang. Und mit seinem ganzen Berserkergrimm haßte der Sehnsüchtige den Entflohenen, der aus unbekannter Ferne mehr Macht über das Wesen seiner Verlobten übte denn jemals durch seine Gegenwart.