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Anders Niemann hatte das erhoffte Quartier gefunden. Clas Mönkebüll, sein Partner am Klavier, und dessen strammer Freund Tedje Tietgens hatten den neuen Kollegen mit heimgenommen. Und mit dem Sohne des Hauses teilte nun auch der »Neue« das Zimmer, in dem einstmals die drei Brüder Tietgens gehaust hatten — — von denen zwei in Frankreich verscharrt lagen.
Anders Niemann war den beiden Alten bald ein lieber Hausgenosse geworden. Nicht nur, daß er und der blonde Holsteiner allabendlich mit ihrer Musikmacherei ganz neue Freuden in das schlichte Arbeiterheim gebracht hatten — es schwatzte sich so gut mit ihm ... Vater Tietgens taute auf. Er hatte einen Gesinnungsgenossen gefunden. Seinen Sohn hatte er längst aufgegeben — das war ein hoffnungsloser Radikaler — Kunststück, wenn man keinen Abend nüchtern nach Hause kommt — — auf dem Schnapssumpf blühte die Giftblume des Spartakismus am üppigsten — das hatte Vater Tietgens längst heraus. Schwieriger war's zu verstehen, daß auch der scheue, schwere Clas ein so hitziger Moskowiter geworden war.
Anders Niemann glaubte beide genügend zu verstehen, um sie dem Alten begreiflich machen zu können.
»Vadder,« sagte er, »wat Ehr Tedje is, dei is ganz vullsagen mit Haß — dorüm will hei alles kaputsloh'n, wo hei nich an kann. Clos is anners! — Clos hett tau väl Leiw ... Alle Minschen möchte hei glücklich moken ... Dorüm kann hei't nich mit anseihen, dat weck in Öberfluß sick mästen — un weck nich dat dröge Brot hebbt ...«
»Kannst recht hebben, Jung«, sagte der Alte. »Wo hest du blot all dei Wür her?! Denken kann'k ok so'n Soken — Öwerst wenn ick dat utspreken will, dann finn' ick dat nicht tausam'n ...«
Vorsicht! dachte Anders Niemann. Und er bemühte sich, seine Gedanken ein wenig einfacher zu fassen ...
Immer wieder versuchte er von den Menschen seiner neuen Umgebung zu erfahren, was der innerste Grund ihrer maßlosen Verbitterung sei. Vater Tietgens gab zu, es sei dem deutschen Arbeiter vor dem Kriege nicht schlecht gegangen, die »Verelendungstheorie« habe nicht mehr gestimmt ... Auch die soziale Gesetzgebung erkannte er als einen großen Segen für die Arbeiterschaft an. Nicht minder war es ihm klar, daß eine Verteilung der Güter der wenigen Reichen unter die zahllosen Armen keinem helfen würde — daß aber der Luxus der Großen vielen Kleinen Brot und Nahrung gebe.
Er selber, der Alte, stand seit Jahren in der Politik und empfand vor allem als Politiker. »Unse Klasse hat die mehrsten Minschen — und deiht die mehrste Arbet — da mutt se ok die mehrste politische Rechte hebben ... Wenn dat Volk tau seggen hatt harr', denn harrn wi den'n Schietkrieg nich kregen, odder hei weur nah en halv Johr tau Enn' west ...«
Das war ein Urteil, dem Anders auch im Munde seiner Arbeitskollegen immer wieder begegnete ... Man war zu lange festgehalten worden im Blutsumpf ... Und derweil hatten daheim die Schieber oben und die fünfzehnjährigen Rotzbengels unten sich Bäuche und Taschen gefüllt.
»Do sünd dei Kapitalisten an schuld ... un dei Generals in dei Etapp' ... nich blot in Dütschland, ok bi'n Engelsmann un bi'n Franzmann ... Dei hebbt dei Völker nich tauso'm finnen loten ... dei hebbt dei Verbrüderung hinnert ... Und dorüm möt dat Proletariat miehr Macht kriegen. — Nich alle Macht, as dei Spartakisten und dei Bolschewisten willen — öwerst miehr Macht, grote Macht ... Denn giwwt dat kein'n Krieg miehr, denn kümmt dei internationale Solidarität von't Proletariat! Vadderland? Ick haust op dat Vadderland! — Vadderland, so seggen dei Utpowerer, wenn sei den lütten Mann dat Fell öwere Ohren trecken!«
Ja — das war es: Dieser alte Mann, der so ganz deutsch lebte, dachte, handelte — er fühlte nicht deutsch. Man hatte es ihn nicht gelehrt ... und das wenige an vaterländischem Gefühl, das Schule, Kasernenhof und Heimatluft in ihm vielleicht doch geweckt, das hatte er sich aus dem Herzen wieder herausschwatzen lassen. Und es hätte wenig Zweck gehabt, würde Anders den Versuch gemacht haben, dem Alten von dem Deutschland seiner Träume zu erzählen. Es galt, nicht aus der Rolle zu fallen.
Immerhin, mit dem Alten war gut schwatzen. Schlimm war's, wenn Tedje der Dritte im Bunde war. Der schlug immer auf den Tisch:
»Vadder — du büst nich in Rußland west — du kanns goar nich mitsnacken! Dei Russen hebbt uns wiest, wo't mokt warden mutt! Ick segg jug, wenn een' dit mit anseih'n hett, wo sei dat Burschoapack tau foftig un hunnert an de Muur'n stellt hebbt — un denn eenmol mit'n Maschinengewehr dröwer hen, dat se ümpurzelten as Bliesoldoten — da giwwt Luft vör't Volk!«
»So — un wer mokt nu de Plän' vör dei Scheep un Dampers?« fragte der Alte bedachtsam.
»Na — de Inschineure —!« lachte Tedje. »Dei hebbt sei leben loten! Dei Inschineure, dei geheuren ok tau't arbeitende Volk ... Dat sünd Kopparbeiters, weißt du ... Öwerst dei kriegen nu nich dat Hunnertfache mehr as dei Handlanger un dei Nieters —!«
»Dei Frag' is blot, ob sei denn ok noch so gode Plän' moken köhnt —« warf Anders behutsam dazwischen. »Kopparbeit is wat anners as Handarbeit. En Kopparbeiter mutt anners lewen können as'n Handarbeiter ... dei brukt Bäuker — dei mutt reisen können un sich furtbilden ...«
»Wat du nich all weißt!« knurrte Tedje. »Du büst jo en ganzen Klauken, du! Öwer dit 's egol ... 'n goden Kierl büst du doch! Kumm, mien Jung, will'n ein'n drinken — un denn säukt wie uns en säute Deern un gohn mit ehr slapen — kumm, mien Jung!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür — und eine junge Dame trat ein — »Gu'n Abend, Vadder — gu'n Abend, Tedje ... ah, Besäuk?«
Plötzlich verstummte sie — und starrte den neuen Schlafburschen an wie ein Gespenst. Und Anders Niemann saß da wie behext ...
Aber schnell hatte Antje sich gefaßt. Sie ging auf den neuen Hausgenossen der Eltern zu und streckte ihm die Hand hin:
»Entschülligen S' man — ick harr all dacht, Sei wieren en Bekannten — Ick bün Antje.«
»Un dit is Anders Niemann,« lachte Tedje, der bei dem seltsamen Stutzen der Schwester und des Kollegen, wie auch der Vater, zuerst verblüfft und argwöhnisch dreingeschaut hatte — »kiek di'n man gaud an, mien Deern, dat 's 'n fixen Jungen — en Nieter von de Werft! Un he wahnt bi Muddern — un Viegelin spält hei noch'n beten beter as Clos Mönkebüll Klovier — dat is nu 's Abens bi Mudder Tietgens dat reine Künstlerkonzert ...«
Auch Anders hatte sich rasch gefaßt. Er brachte einen wundervoll linkischen Kratzfuß zustande und stotterte:
»Djä, Fräulein — dat's jo scheun ... ick harr gor nicht dacht, dat in de Uhlentwiet so wat Nüdliches wass'n künn ...«
»Dat gleuw ick di, Jung!« griente Tedje behaglich. »Dat is ok mien Swester ... Wat ick as Jung bün, dat is sei as Deern ... Nich, Mudder? Grod ut dien Gesicht sneden, donn as du noch jung weurst ...«
Das welke Mutterchen, das stumm und wesenlos in der Ecke hockte und sich nur zu regen pflegte, wenn es die Mannsleut zu betreuen galt, lächelte schweigend über sein ganzes, in tausend Fältchen zerknittertes Gesichtchen.
Und schon saß Antje mit den Männern am Tisch. Bald ward die Runde vollzählig — denn auch Clas Mönkebüll, dessen Gutmütigkeit von Mudder täglich zum Einholen angestellt wurde, kam mit einem Henkelkorb voll Bierflaschen, Brot und Wurst unterm Arm. Bald kaute alles aus vollen Backen, lustig flatterte das Gespräch um den Tisch.
Nur ab und zu warf Antje einen heimlichen Blick zu dem Flüchtling der Villa Freimann hinüber. Sie wußte längst, daß der Sohn ihres Chefs seit ein paar Tagen spurlos verschwunden war. Aber dies Wiedersehen — einstweilen überstieg es ihre Fassungskraft. Die Zeit war so kraus, so abenteuerlich, so vergiftet von Argwohn und Schurkerei — eine Sekunde lang schoß ihr der Gedanke: Spitzel? durch den Kopf. Kaum gedacht, schon verworfen. Diese schwermütigen, innerlichen Züge hehlten nicht Verrat. Ihr Geheimnis lag tiefer, verschleierter.
Nicht minder unauffällig, nicht minder eifrig beobachtete der »Neue von der Werft« die Tochter seines Quartiergebers. Ihre Ähnlichkeit mit Tedje war auffallend — freilich nur im Gesicht. Die schlanke Figur mochte sie von der jetzt ganz verbrauchten und verwitterten Mutter haben. Ein Vergnügen, wie sie mit ihren Lieben verkehrte ... Sie sprang, um dem Vater Pantoffeln und Pfeife zu holen — ging der Mutter beim Abdecken und Spülen zur Hand — und mit dem rauhen Bruder stand sie auf einem Fuße derber, oft handgreiflicher Neckerei, die aus dem schlimmen Tedje ganz ungeahnterweise einen täppisch-vergnügten, kindlich-gutmütigen Buben herausschauen ließ ... In die Schwester war er offenbar so verliebt, wie ein sinnlich veranlagter, doch kerngesunder Bursch in eine bildhübsche Schwester eben verliebt sein darf. Antje vergalt ihm mit einer harmlos lustigen Kameradschaft, durch die eine halb mütterlich sorgende, halb überlegen-erzieherische Zärtlichkeit anmutig hindurchschimmerte ...
Aber Clas Mönkebüll?! Er warf kaum einmal ein schwerfällig hingestammeltes Wort in das neckische Geschwätz hinein. Er saß mit aufgestemmten Armen stumm und andachtsvoll dem Mädchen gegenüber — seine wasserblauen Augen unter der kantigen Stirn folgten jeder ihrer Bewegungen, sein schmaler Mund über dem breiten Kinn belächelte jedes ihrer Scherzworte wie eine Offenbarung ... Und Antje beachtete ihn kaum. Ja, manchmal schien es, als sei dies hingegebene, verzauberte Anstarren ihr unbequem ...
Sie schickte ihn schließlich selber ans Klavier — trat mit ins Nebenzimmer und staunte, daß die zwei Kunstgenossen richtige Noten, funkelnagelneue, auf das Klavier und auf ein aus Zigarrenbrettern zusammengezimmertes Stehpult stellten ...
»Darf ich Sie später nach Hause begleiten?« flüsterte Anders Niemann der Haustochter zu.
»Ja — aber die andern dürfen's nicht merken — ich nehme niemals Begleitung in Anspruch ... Gehen Sie in einer halben Stunde fort und erwarten Sie mich unten ...«
Clas Mönkebüll hatte zu präludieren begonnen. Es waren die ersten Takte des Andantes aus der Kreutzer-Sonate. Nur das Thema wollten sie spielen und die beiden ersten Variationen. Die übrigen waren für Clas doch gar zu schwer ... Nun sah der Holsteiner sich ungeduldig um. Er sah, daß sein Kollege und Antje einen Blick tauschten, in dem etwas wie ein geheimes Einverständnis glomm ... da schaute er schnell wieder auf seine Noten — ein banges Zucken um die schmalen Lippen.
Und dann stieg ein fremder, hoher Gast in die Proletarierstube hernieder. In unbegriffener Andacht neigten sich ihm die Herzen der wesensverschiedenen Menschen, die hier beisammensaßen, verbunden im Innersten durch ein gemeinsames, ihnen selber unbewußtes Geheimnis — das Geheimnis ihrer Sehnsucht ... Die hatte plötzlich Sprache bekommen — sie jubelte und klagte in ihnen allen als schmerzlich-seliges Gefühl einer tiefsten, innerlichsten Zusammengehörigkeit ... Und Anders Niemann war es zumute, als habe er nie so heiß die Wonne empfunden, in Tönen sich ausströmen zu können — nicht im weiland Kasino beim Damenabend — nicht einmal im Elternhaus — wie noch jüngst im Zusammenspiel mit dem Mädchen, das er so schmerzlich, so entsagend liebte — das nun, es konnte ja nicht anders sein, ihm längst entglitten war, eines Stärkeren, eines Ganzen Beute ... Nein, selbst bei ihrer Begleitung hatte er nicht so hingegeben, so aufgeschlossen gespielt — geschenkt — sich selber verschenkt wie heut ...
Denn die da oben, die lebten ja in der Fülle ... Sie hatten ihren Beruf, der war ihnen nicht eine fluchbeladene, zermürbende Hantierung, deren stumpfes Gleichmaß ihnen die Nerven zerrieb, die Seele aushöhlte — nein, höchster Lebensinhalt, Waffe und vollwertiger Ausdruck ihrer Persönlichkeit — nicht etwas Fremdes, von der Daseinsnot Erzwungenes — nein, sie selber ... Ihre Ruhestunden waren umstellt von einer Umwelt, die nicht minder ihres eigenen Wesens Prägung war ... Aber der Genuß der höchsten Schöpfungen des Genius — was bedeutete er ihnen mehr als eine Entspannung — eine Ausbalancierung ihres seelischen Gleichgewichtes?!
Diese Menschen empfingen das unbegriffene Gnadengeschenk der Schönheit wie eine Erfüllung ihrer Träume, eine Erlösung vom Fluch ihrer Existenz ... Keiner von ihnen, vielleicht nicht einmal die eine, die sich über die Sphäre ihres Ursprungs emporgeschwungen hatte — auch sie hätte wohl kaum zu deuten vermocht, was dieses rätselvoll bange Behagen denn eigentlich war, das die Lauschenden durchschauerte, das ihnen die müden, versorgten, vergrämten Herzen so schwer machte und zugleich so frei, ihre enge Welt um sie schön und schwebend — das den Wunsch entzündete, beisammen zu sein, sich eins dem andern hinzugeben, sich auszusöhnen, liebend zu verschwenden — —
Ja — was war es denn eigentlich?!