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Anders Niemann hatte es doch nicht fertiggebracht, Antjes Vorschlag zu folgen und sich wegzustehlen aus dem Kreis, in dem er so unerwartet heimisch geworden war, um sie draußen zu erwarten. Die Unwahrheit seines Dahinlebens unter diesen einfachen, natürlichen Menschen bedrückte ihn ohnehin schon schwer genug. Er hatte eine Maske tragen müssen — sein ganzes Jugendleben hindurch — die starre, in korrekte Falten gebügelte Maske des wilhelminischen Offiziers. Nun lechzte er danach, er selber sein zu dürfen ... Wenigstens innerhalb dieses selbstgewählten Scheinlebens keine unnötige Komödie mehr! Ganz offen bat er, Antje heimbegleiten zu dürfen.
Die Wirkung solcher fremdartigen Galanterie in diesem Kreise war verblüffend. Auf den Gesichtern der beiden Alten ein Staunen, fast als hätte er Antjes Hand erbeten ... Ein rascher Blickwechsel: Oho?! Na ja — schließlich: warum nicht? Einmal muß es ja doch sein — und der ist der Übelste noch lange nicht ... So stand es im Auge des müden Frauchens dort in der Ecke. Und der Alte blickte zurück: Hm ... eigentlich hätt' ich mir für meine Antje noch etwas Besseres gewünscht als einen Ungelernten aus der Schiffsbauhalle ... Nun, er mag sein Glück versuchen — ist er nicht gut genug für sie, wird sie ihn schon ablaufen lassen ...
Bruder Tedje war nicht der Mann, seine Gedanken und Gefühle bloß mit Blicken auszudrücken. Er schlug lachend auf den Tisch.
»Kiek mol! So'n Kierl! Gliecks Sprung auf, marsch, marsch! Paß Achtung, Deern — dat 's 'n Gefährlichen, dei!« In diesem Blick funkelte etwas, das zur Harmlosigkeit seiner Worte nicht recht stimmen wollte. Etwas von brüderlicher Eifersucht — im Hintergrunde gar etwas wie ein vager, noch ganz unbewußter Argwohn ...
Clas Mönkebüll aber saß stumm, regungslos, beklommen. Ein Traum, der entschwebt, ein strahlender Dur-Akkord, der in wehmütiges Moll zerrinnt ...
— »Es ist eine große Sorge um Sie daheim, Herr Kapitänleutnant«, sagte Antje und schritt hastig fürbaß, den Neuen Steinweg hinab. Um beide wogte das abendliche Getriebe der wimmelnden Straßen. Überall Menschen — Menschen, vom harten Alltagstempel geprägt ... Und rechts und links, aufstarrend wie die herzumängstenden Klippen einer endlosen Felsschlucht, die staub- und rußgeschwärzten Häuserfronten — hier die verzogenen, kaum mühselig noch im Lot sich haltenden Ziegelwände jahrhundertealter Zinshäuser, dort der gräßliche, verlogene Prunk stucküberladener, aber auch längst wieder halb verwitterter Warenhausfassaden ...
»Kann mir's denken«, lachte Heinz. »Jetzt, wo's zu spät ist! Übrigens, bitte — Anders Niemann heiß' ich!«
Antje meinte zu begreifen. Sie hatte längst bemerkt, daß der Reif, den Herr Freimann damals an der Linken getragen, verschwunden war. Er berichtete, wie er zu Antjes Eltern gekommen sei — selbstverständlich ohne Ahnung des bevorstehenden Wiedersehens. Er habe ja nicht einmal den Namen der jungen Dame gewußt, die ihm eine so gründliche Lektion erteilt habe.
»Die scheint also doch einigen Eindruck auf Sie gemacht zu haben.«
»Ohne sie wäre ich vielleicht nicht hier.«
»Oh ... das ist mehr, als ich mir hätte träumen lassen.« Antje fühlte Glut in ihren Wangen.
»Sie sprachen mir von der Seele des Volkes — ich bin hingegangen, sie zu suchen.«
»Und — was haben Sie gefunden?!«
»Etwas sehr Schönes: das Gefühl einer tiefen Leere — und den glühenden Wunsch, sie ausgefüllt zu sehen.«
»Ausgefüllt — mit was?«
»Mit etwas Großem, Beglückendem, Aufrichtendem — mit einem Ideal.«
»Geben Sie's — das Ideal!«
»Wenn ich's hätte!«
»So helfen Sie's uns suchen.«
»Das will ich. Darum bin ich, wo ich bin. Aber ich glaube sogar, ich weiß es schon zu benennen — ein Vaterland — ein Mutterland, das allen den Seinen ein rechtes Elternhaus wäre ... Das Land unserer Liebe.«
»Ach, wenn Sie es fänden!«
»Ja — dann wäre uns allen geholfen — uns armen, zerrissenen Deutschen.«