6
Ohne den Freunden, den Gesinnungsgenossen etwas zu verraten, hatte Georg Freimann an Patterson gedrahtet:
»Erwarte angekündigte Vorschläge.«
Vierzehn Tage später machte eine schlanke Privatjacht unter amerikanischer Flagge an den St. Pauli Landungsbrücken fest. Der Reeder ging an Land — mit ihm ein untersetztes, straffes Girl von siebzehn Jahren, mit kapriziöser Eleganz gekleidet — aschblond, nußbraune Augen, feste, weiße Hände ... Der alte Herr winkte ein Auto heran, Miß Bessie zog ein kleines Sternenbanner aus der Handtasche und befestigte es mit einem geübten Griff in der Düse des rumpligen Mietwagens.
»H. T. L.-Gebäude!« befahl der Ankömmling in leise fremdartig klingendem Deutsch.
»So, my darling, du magst nun eine halbe Stunde lang in der Stadt herumkutschieren —«
»Fällt mir nicht ein«, erklärte Bessie. »Ich bin toll vor Neugier, diese gräßlichen Deutschen kennenzulernen, die unsere ›Lusitania‹ versenkt und unsere armen Kriegsgefangenen gekreuzigt haben.«
»Diese nicht, die du jetzt kennenlernen wirst, Bessie«, sagte Patterson gehorsam und entließ das Auto.
»Schade ... die andern will ich aber auch kennenlernen.«
Vater und Tochter schwebten im palisandergetäfelten Lift zum Präsidentenbureau der Linie empor.
»Ich finde, daddy, hier sieht's gar nicht hunnisch aus ... Sollte der New York Herald uns beschwindelt haben?«
»Möglich«, murmelte Elias Patterson. »So — nun benimm dich manierlich. Die Deutschen sind ernsthafte Leute.«
Georg Freimanns Auge leuchtete heimlich auf, als er sah, daß der Gerufene nicht allein gekommen war. Auf einen Piratenzug nimmt man keine Dame mit.
»Good morning, Freimann — darf ich wieder Freimann sagen? Der Mister geniert mich.«
»Sie dürfen, Patterson — weil Sie so reizende Gesellschaft mitbringen. Miß Patterson — willkommen in Deutschland.«
»Dank Ihnen, Mister Freimann«, sagte Bessie. »Sie haben einen Sohn, sagt daddy ... Er ist verlobt — schade ... Verlobte junge Männer interessieren mich nicht ... Verheiratete, das ist was anderes ... Ist er vielleicht schon verheiratet?«
»Leider nein«, sagte Freimann zwischen Lachen und Befangenheit. »Er ist durchgebrannt — mir und seiner Braut.«
»Durchgebrannt —?! Das finde ich smart von ihm ... Wo ist er?«
»Ich weiß es nicht, Miß Patterson.«
»Oh — wir werden ihn suchen und finden. Ich wünsche ihn zu sehen ...«
»So, kleine Maid, nun halt' mal den Mund ...« sagte der Vater. »Ich habe mit Mister Freimann von Geschäften zu reden.«
»Das ist gut,« sagte Bessie, »ich liebe Geschäfte. Ich mache selber Geschäfte. Zu Hause, Mister Freimann, züchte ich Hunde — ganz kleine und ganz große — Collies, Neufundländer, alles, was Sie wollen. Schauen Sie her, das ist einer von meiner Zucht!« Und sie griff in die Tasche ihres Kleiderrockes und holte einen winzigen Zwergpintscher heraus, der, aus seiner Haft erlöst, sofort auf den nächsten Stuhl sprang und seine Freiheit mit wütendem Gekläff begrüßte. Aber schon hatte seine kleine Herrin ihn beim Wickel, schwenkte ihn ein paarmal wie einen nassen Lappen im Kreise und stopfte ihn wieder in die Tasche. »Das ist eins von meinen Zuchtmütterchen ... Von der hab' ich einen ganzen Wurf zu hundert Dollar das Stück verkauft ... Sehen Sie, das sind meine Geschäfte ... Von dem Erlös habe ich mir einen fabelhaften Kodak gekauft mit prima prima Objektiv ... Nachtaufnahmen kann man damit machen, sag' ich Ihnen!«
»So, nun ist's aber genug!« Vater Elias machte einen krampfhaften Versuch, Autorität zu markieren. »Herrn Freimanns Zeit ist kostbar.«
»Denkst du, meine nicht?!« lachte die Kleine. »Nun, ich will euch zweien eine Viertelstunde bewilligen. Dann wirst du mir die Stadt zeigen, die ich sehr niedlich finde ... Ein reizendes Puppenstädtchen, wenn man von drüben kommt ... Ich habe im Vorzimmer eine junge Dame gesehen, ich werde mir von ihr etwas erzählen lassen. Ich wünsche zu wissen, ob die deutschen Mädchen wirklich so langweilig sind, wie es immer in unseren Romanen steht.« Und schon war sie fortgeschwirrt.
Die Männer sahen sich an und lachten.
»Sie glauben nicht, Patterson, wie gut das tut, in Deutschland einmal wieder lachen zu hören und lachen zu dürfen ...«
»Nun, Sie werden sich noch oft genug zu ärgern haben über den Racker ... Sie kann einem schon auf die Nerven fallen ... Werden Sie dann ruhig grob, sie ist's gewohnt, wenn sie's gar zu bunt treibt ... Und nun ans Werk, lieber Freund. Sie haben gerufen — ich bin da.«
Georg Freimann schilderte dem Ankömmling die Lage mit jener rückhaltlosen Offenheit, die sich in seinem Geschäftsleben immer als die beste Politik bewährt hatte.
Patterson hörte aufmerksam und leise mit dem schmalen Kopfe nickend zu. So etwa hatte er sich die Entwicklung selber vorgestellt.
»Ich finde, lieber Freund,« sagte er bedächtig und mit einem Anflug von Ironie, »die Situation der Linie hat sich wenig geändert, seit Sie mein Angebot auf Übernahme Ihrer Aktiva so entrüstet zurückgewiesen haben.«
»Sie haben nicht unrecht, Patterson ... aber auch unser Wille hat sich nicht geändert, lieber unsern Trümmerhaufen mit eigner Hand in die Luft zu sprengen, als ihn unter das Sternenbanner zu stellen — wenigstens unter das Sternenbanner allein.«
»Hm — und wenn nun die Sterne und Streifen — sich neben Ihre Reichsflagge pflanzen würden? Ihr sollt ja eine neue bekommen, schwebt mir vor — wie sind doch die Farben?«
»Schwarz-rot-gold«, sagte Freimann unfroh. »Die Farben des Reiches im Mittelalter ... Auch sie haben eine Tradition.«
»Aber nicht als Handelsmarke«, erwiderte der Amerikaner. »Eine schöne Dummheit, Freimann. Die Firma ist pleite bis unters Dach — nur ein einziges Aktivum hat sie noch: das alte, in der ganzen Welt eingeführte Warenzeichen ... Und das wollen die Liquidatoren freiwillig fallen lassen ... Nette Kaufleute das ...«
»Wenn Schwarz-rot-gold uns aus der Tiefe unseres Jammers zu neuem Aufstieg führt — wäre es nicht kindisch, ihm die Gefolgschaft versagen zu wollen? Sie meinen, das schwarz-rot-goldene Banner und das Sternenbanner — sie würden sich miteinander vertragen?«
»Da beides die Hohheitszeichen von Republiken sind — warum nicht?« sagte der Mann von drüben. »Machen wir's kurz. Ich glaube, daß ihr dickköpfig genug seid, lieber unterzugehen als zu liquidieren. Ihr habt's bewiesen. Und Sie, Freimann, werden nicht nach Holland gehen ... Auf Ihren wirtschaftlichen Zusammenbruch zu warten, habe ich keine Geduld ... Also wie denken Sie über eine Fusion?«
»Guten Tag«, sagte Bessie zu der Sekretärin. »Sie verstehen ja Englisch, nicht wahr? Sie haben sehr schönes braunes Haar — es flimmert wundervoll in der Sonne. Sie haben sich einen sehr guten Platz ausgesucht — da am Fenster. Es ist sehr effektvoll. Erlauben Sie einen Augenblick.«
Antje Tietgens saß in stummer Verblüffung. Knips! machte der Kodak. »Danke Ihnen«, sagte die Fremde. »Das ist das erste Porträt, das ich von einer deutschen Dame gemacht habe. Es ist ein guter Anfang.«
»Mit wem habe ich die Ehre?« fragte Antje.
»Oh — Sie sprechen Englisch, das ist schön«, sagte Bessie. »Waren Sie drüben?«
»Nein — ich lebe in einer Pension, in der vor dem Kriege sehr viele Amerikaner verkehrten.«
»Das merkt man«, sagte die Fremde anerkennend. »Ich bin Bessie Patterson ... Sie wissen, was das bedeutet?«
»Ich weiß«, lächelte die Deutsche.
»Möchten Sie gerne nach drüben kommen? Es ist drüben schöner als hier. Die Leute hier machen alle traurige Gesichter — Sie auch, sogar wenn Sie lachen. Ich liebe das nicht.«
»Wir haben wenig Grund zu lachen. Wir sind besiegt — im größten aller Kriege. Und wir fangen jetzt erst an, es richtig zu merken.«
»Oh — ich bin sehr neugierig, zu wissen, was ihr für Menschen seid. Ich habe mir euch ganz anders vorgestellt. Ich will das deutsche Volk kennenlernen.«
»Das Volk, Miß Patterson? Was nennen Sie das Volk? Bei uns versteht man unter Volk die sogenannten kleinen Leute.«
»Die will ich gerade kennenlernen. Ich bin eine Demokratin, Miß — wie heißen Sie? — Oh, das ist ein schwerer Name ... aber ich werde ihn lernen. In Amerika gibt es keine kleinen Leute. Es gibt nur solche, die das Rennen schon gemacht haben — und solche, die es noch machen wollen — außerdem natürlich auch solche, die ausgeschieden sind — weil sie nicht reiten können —. Aber auf die kommt es nicht an, sie sind uninteressant. Mein Vater, sehen Sie, der hat das Rennen gemacht. Und ich bin dabei, es zu machen. Dazu fehlt mir nichts als ein Mann. Wenn ich heimkomme, gehe ich mir vielleicht einen suchen. Vielleicht warte ich auch noch ein paar Jahre. Ich habe ja noch Zeit. Ich bin siebzehn. Ich finde schon den, den ich suche. Sind Sie schon dabei zu suchen?«
Es stellte sich heraus, daß Patterson bereits einen fertigen Entwurf für das Zusammengehen der H. T. L. und seines Konzerns mitgebracht hatte. Und noch mehr kam heraus: Die Blue Star Line, die wichtigste der transatlantischen Linien des Konzerns, hatte drei große Passagierdampfer der H. T. L. angekauft — darunter den »Altreichskanzler« ... der hieß jetzt »President Lincoln« und fuhr von San Franzisko nach Schanghai. Den Atlantischen Ozean oder gar seinen Heimathafen würde er niemals wiedersehen ...
Mit tiefer Bitterkeit und doch zugleich mit innerer Erleichterung vernahm der Präsident der H. T. L. die Vorschläge seines einstigen Konkurrenten — der nunmehr gewillt war, sein Partner zu werden. Es würde noch harte Kämpfe geben — ums Ganze und um tausend Einzelheiten ... Freimann betonte, daß die Linie sich mit der Hammonia-Werft dermaßen solidarisch fühle, daß eine Vereinigung der Interessen beider großer Reedereien für die H. T. L. nur annehmbar sei, wenn zugleich eine Bindung zustande komme, welche der Werft ein beträchtliches Mindestmaß von Aufträgen für die fusionierten Linien sichern würde ... Und dann war es immer noch fraglich, ob des alten Detlev Carstensen hartes Teutonentum für einen Wiederaufbau, dessen Grundlage das amerikanische Kapital bilden müsse, überhaupt zu haben sein würde ... Und auch in der Generalversammlung würde es nicht an Stimmen fehlen, die mit patriotischer Entrüstung jedes Zusammengehen mit Angehörigen eines der Feindstaaten als Vaterlandsverrat ablehnen würden — ohne doch einen anderen Weg der Rettung zu wissen ... Aber diese Gedanken behielt Georg Freimann für sich. Schließlich und endlich — blieb überhaupt eine Wahl?!
Nach einer halben Stunde der Aussprache erhoben sich die Männer und schüttelten einander die Hände mit dem unbedingten Gefühl, daß man sich zusammenfinden würde. Ein befreites Aufatmen hob Georg Freimanns Brust. Aus der Tiefe des deutschen Elends, über das wüste Geröll des deutschen Zusammenbruchs schien ein erster, noch schlüpfriger und klippiger Anstieg zu neuen Lebensmöglichkeiten gefunden.
Beim Scheiden trafen die Herren Miß Bessie in heftigem Geplauder mit der Sekretärin. Das Pintscherlein saß neben der Schreibmaschine und lauschte der Unterhaltung mit klugen Menschenaugen. Aber kaum waren die Männer in der Tür erschienen, da warf es sich ihnen mit wütendem Gekläff entgegen. Schon war seine Herrin hinter ihm drein, packte das tobende kleine Scheusal und stopfte es gelassen wieder in sein Gefängnis.
»Ich wünsche Mistreß Freimann meinen Besuch zu machen«, erklärte Bessie. »Daddy, fahr mich zu Mistreß Freimann. Good morning, Miß Tiet— Tiet— nein, das ist zu schwer, das kann man beim ersten Male nicht behalten. Aber ich werde es lernen ... Wie heißen Sie mit Vornamen? Antje — oh, das ist reizend, ich werde Sie Miß Antje nennen. Good morning, Mister Freimann — go on, daddy.«