Robert Hohlbaum
dem Freunde, dem Dichter, dem Deutschen!
1
Um die kahlen, von harzigen Knospen geschwellten Ulmenriesen des Harvestehuder Weges brandete der Märzsturm. Auf den breit anschwellenden Rasenflächen der Villa Freimann taute letzter Schnee. Der Generaldirektor kam schleppenden Schrittes die breite Freitreppe herunter. Fröstelnd zog er den Nerzpelz um seine Schultern zusammen.
Der legt mächtig ein! dachte der Chauffeur. Und im tiefsten Herzen des altbewährten Bediensteten regte sich doch fast unbewußt etwas wie eine geheime Genugtuung des Kleinen, des Knechtes, über den unverhehlbaren Verfall des Mächtigen, des Hochmögenden ... Dies Gefühl war den Tönen jenes Liedes verwandt, dessen verwehte Klänge durch den trüben Vorlenzmorgen von der Lombardsbrücke herüberflatterten:
Auch der Generaldirektor horchte auf. Eine neue Falte querte sich senkrecht durch die tiefen Furchen seiner schmal gewordenen Stirn.
Der Chauffeur gewahrte dies Lauschen, dies Stutzen.
»Meinen Herr Präsident nicht, daß es besser wäre, heute nicht —«
»— nicht zu fahren, Hansen? Das souveräne Volk von Hamburg nicht zu reizen? Es ist alles eins ... Haben Sie übrigens eine Ahnung, was los ist?«
»Sie sind mal wieder sehr unruhig da drinnen ... Seit gestern kommen immerfort Züge mit heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Rußland an«, berichtete der Chauffeur. »Die haben uns grad noch gefehlt. Alles die reinsten Bolschewisten, Herr Präsident!«
Der Generaldirektor zuckte die Achseln. Aber dann schauderte er in seinem schweren Pelz doch sekundlich zusammen. Ihn schüttelte der Ekel ... Diese Zeit — dieses Volk ...
Er straffte sich auf. »Los, Hansen!«
Das Auto sauste über die Lombardsbrücke. Einen Augenblick überflog der Generaldirektor mit einem kaum bewußten Gefühl von liebeschwerer Verbundenheit das vertraute Bild: zur Rechten das Quadrat der Binnenalster mit den hufeisenförmig darumgestellten drei Fronten der majestätischen Handelspaläste — zur Linken die im Nebel verschwimmenden Ufersäume des fernhin sich dehnenden Außenbeckens. Aber leer, wie ausgestorben die ehemals froh belebte Fläche ... Kein flugfrohes Segel, kein munter flitzendes Dampferchen ... Da fauchte der Wagen an einem Zuge von Heimkehrern vorüber. Eine rote Fahne wehte voran. Der sie flattern ließ, trug nicht Feldgrau — seine kalmückische Gestalt stak im schwarzen Anzug der russischen Kriegsgefangenen ... Und hinter dem Steppensohne trotteten in Gruppenkolonnen, wie sie's einst auf dem Kasernenhof gelernt, vier Jahre lang im Felde geübt, die Entronnenen der kaukasischen Bergwerke — in verschlissenen Soldatenmänteln, die hageren Gesichter bartumstarrt, rote Fetzen irgendwo auf die Monturen genäht, rote Kokarden auf den schiefgestülpten Feldmützen ...
»— jetzt bringen wir der Welt
die rote Seligkeit —«
Stockung — Schreie — geballte Fäuste — — aber schon war's vorüber — ein Stück verschimmelten Brotes flog gegen Freimanns Nacken.
Der Generaldirektor hatte unwillkürlich den schmerzenden Kopf tief in den Pelzkragen gedrückt. Als er den Blick hob, traf eine neue Qual seine gemarterte Seele. Vor ihm zur Linken stieg der vielfenstrige Würfel des Atlantic-Hotels aus dem Nebel. Auf dem First der fremdenleeren Riesenkarawanserei, die einstens die Sendlinge des Erdballs beherbergt hatte, wehten die Banner der Entente und gaben Kunde, daß drinnen die Kommission des Feindbundes zur Beaufsichtigung der Auslieferung der deutschen Handelsflotte ihr Standquartier aufgeschlagen hatte. »— die rote Seligkeit — —«
Hatte es Sinn zu arbeiten, — — mit zusammengebissenen Zähnen zu kämpfen für ein rettungslos Verlorenes?!
Georg Freimann fühlte, wie die Verzweiflung über ihm zusammenschlug.
Im stolz hingelagerten Verwaltungsgebäude der Hansa-Transatlantik-Linie schleppte der Arbeitstag sich gähnend und zwecklos hin — angefüllt mit dumpfen Ängsten und Ahnungen. Man arbeitete nicht mehr — man wurde beschäftigt ... Die gigantische Maschine lief leer.
Aus dem satten Braun des eichengetäfelten Prunkbureaus trat dem Generaldirektor eine schlanke Mädchengestalt in schlichter Bluse aus grauer Kunstseide entgegen. Ein flüchtiges Lächeln überflog die gelben Züge des Chefs. Wie täglich empfand er halb unbewußt die Wohltat dieses klaren, in sich gefestigten Gesichts.
»Herr Präsident,« sagte Antje Tietgens, »die Entente-Kommission hat soeben aus dem Atlantic-Hotel angerufen: der amerikanische Sachverständige sei gestern angekommen und habe heute die Revision des ›Altreichskanzlers‹ vorgenommen — das Schiff solle heut nachmittag um drei Uhr in See gehen und könne nach Prüfung des Ganges auf der Höhe von Cuxhaven übernommen werden.« In der Stimme der Sekretärin schwang leise die tiefe Trauer, das grenzenlose Mitgefühl einer Wissenden.
Der »Altreichskanzler«! Georg Freimann mußte sich auf die Stuhllehne stützen. Längst fällige Botschaft — dennoch — unfaßbar — unerträglich!
Das letzte Schiff der H. T. L. — das schönste — und das letzte!
Der »Altreichskanzler« war zwei Jahre vor Kriegsausbruch vom Stapel gelaufen — die vollkommenste Schöpfung der Hammonia-Werft — am ersten August zum Glück im Heimathafen — dann, in ein Kriegsschiff verwandelt, vier Jahre lang als Hilfskreuzer in der Ostsee, Mitkämpfer der ruhmvollen Tage von Ösel und Dagö — nun gemäß den Waffenstillstandsbedingungen in den stolzesten Passagierdampfer der Welt zurückverwandelt — um als letzter Besitz der einstmals erdumspannenden deutschen Großreederei dem Feindbund ausgeliefert zu werden.
Fräulein Tietgens blieb noch einen Augenblick stehen. Sah es nicht aus, als würde der gewaltige Mann, dessen Werk die Linie war, auf der Trümmerstätte seiner Schöpfung zusammenbrechen? Ihr Herz ward weit vor Mitleid — und sie zürnte sich selber, daß in den Tiefen ihrer Seele sekundenlang die geheime Genugtuung der Tochter der Niederung über den Sturz des Hochmögenden hatte triumphieren wollen ...
Schäm' dich, Antje! —
Ihre weibliche Hilfsbereitschaft brauchte nicht in Wirksamkeit zu treten: der Chef hielt sich. Aber er schien keine weiteren Befehle zu haben. Geräuschlos verließ die Sekretärin den Raum.
Georg Freimann war allein. Eine Sekunde lang zuckte wie ein tiefer, erlösender Traum die Vorstellung durch sein todwundes Hirn, daß daheim im Schubfach seines Arbeitstisches nun seit dem Tage des Waffenstillstandes der geladene Browning des Augenblicks harrte, da die Wucht des Schicksals unerträglich geworden sein würde ... War es so weit? Konnte es noch tiefer in den Abgrund gehen?
Mein Lebenswerk! ächzte seine Seele. Mein Lebenswerk!
Ja — es ging zu Ende. Diesen Tag würde Georg Freimann nicht überleben können.
Horch! und draußen schon wieder das Lied von der roten Seligkeit! Wahnsinnige, diese einstigen Helden von Gorlice und Tarnopol — diese — — Deutschen ... Sahen sie denn nicht, daß sie und ihresgleichen die Heimat in den Ozean der Schande, sich selber und all ihre Welt ins Elend gestürzt hatten?!
Abermals straffte sich der Generaldirektor. Der Instinkt des Handelnmüssens, der Verantwortung, des Führertums überwand noch einmal die tödliche Erschlaffung. Und schon lag der Telephonhörer in seiner mageren Hand, schon flogen seine Befehle in entfernte Räume des vielzelligen Arbeitsklosters. Sie stellten aus Ingenieuren und kaufmännischen Oberbeamten die Kommission zusammen, welche als Vertreterin der Linie die Probefahrt des »Altreichskanzlers« mitzumachen und die Übergabeverhandlungen mit den Mitgliedern der feindlichen Abordnungen zu tätigen haben würde. Aber die sonst so klare Herrscherstimme des Chefs klang an das Ohr seiner Mitarbeiter wie geborsten ...
Er überhörte ein bescheidenes Klopfen an der Flurtür und fuhr erst herum, als eine linde Hand sich auf den Arm legte, der die Schalthebel des Fernsprechers regierte.
»Ah — Johanna?!« Des Gatten Auge staunte. »Du strahlst ja — — etwa gar Nachrichten von Heinz —?!« So lächelt eine Mutter nur, wenn sie Gutes von ihrem Kinde zu melden hat ...
Wortlos leuchtend reichte Frau Johanna ein Telegramm. Georg las:
»Aus Bremerhaven — Endlich in Freiheit, eintreffe, sobald Zeitläufte gestatten. Heinz.«
Nun war der Jubel auch in des Vaters Stimme und Auge gekommen. Einen Augenblick schlugen die Herzen der beiden wesensfremden Menschen im gleichen Takt. Und über Georg Freimann, der sonst, eiskalter Rechner, einsam den Weg seines Aufstiegs gegangen war, kam in dieser Sekunde etwas wie Dankbarkeit gegen die Mutter seines Sohnes ... Ein Verbündeter, ein Kampfgenoß im Anmarsch ... Er zog die feine, kühle Hand an seine Lippen. Und vor beider Gatten Augen stand das Bild ihres Einzigen, wie sie ihn zum letzten Male gesehen — für wenige Tage von der flandrischen U-Bootbasis in Brügge her auf Urlaub eingetroffen — noch dampfend von ungeheuren Spannungen heroischer Gefechte, Gebieter einer Nußschale von Kampfschiff, eines stählernen Haifisches, dessen Kiefer Tod und Verderben durch die Seewüste zu den Riesen der feindlichen Handelsflotte hinübergespien ... Ein Held, um so heldenhafter, je weniger sein überzarter Körper, seine überzarte Seele zu solchem Reckentum der Meerestiefe geschaffen schienen. Und an seiner Seite die Braut, selig und bangend, in ihrer stolzen, altererbten Vornehmheit dem Wesen dieser Frau verwandt, die einstmals die althamburgische Gediegenheit ihrer Gesinnung dem zähen Auftrieb des Emporsteigenden verbunden — und dem heißen Wollerblute des Ringers jenen Schuß verträumter Weichheit beigesellt, die den Vater an seinem Sprößling oft gestört, befremdet, enttäuscht hatte ...
Die Gatten sahen sich in die Augen. Waren sie einander fremd im Nebeneinander des Alltags — wenn's um Heinz ging, so verstanden sie einer des andern Gedanken.
Wie wird er wiederkommen? Wie wird er, der die Fremde, die Gefangenschaft so schwer ertrug — wie wird er die Heimkehr — — die Heimat ertragen?!
»Gottlob, daß er seine Ilse hat ...« sprach Mutter Johanna die Antwort auf die stumme Frage der beiden Elternherzen.
»Weiß sie's schon?« fragte Georg.
»Einstweilen bist du noch der nächste dazu — als Vater ...«
Die beiden alternden Menschen sahen sich abermals an — der zähe Emporkömmling und die Frau aus altem Bürgerblut. Und sie erlebten im Flug einer Sekunde noch einmal den Augenblick, da ihrer beider Wesen zusammengeronnen war, um diesen Menschen zu bilden, der als Ganzes eben darum ihnen beiden so unähnlich war ... Und abermals neigte des Generaldirektors schmaler Usurpatorenkopf sich auf die zarte, mädchenhafte Hand der Frau, die seinem Aufstieg das Relief gegeben hatte.
»Nun, dann wird's aber höchste Zeit!« lächelte Freimann und bestellte eine Verbindung mit der Hammonia-Werft.
Inzwischen berichtete er seiner Frau, daß heute nachmittag der »Altreichskanzler« in See gehe.
Frau Johanna kannte die tragische Bedeutung dieser Nachricht. Ihrer Vorstellung von althamburgischer Kaufmannssolidität war die rasende Aufwärtsentwicklung der Linie immer unheimlich gewesen, unsympathisch die dämonische Betriebsamkeit ihres Ehegefährten, in der sich Kraft und Anpassung, steifer Nacken und — gelegentlich! — krummer Buckel so seltsam vermischt hatten ... Immerhin: es war doch eine stolze Höhe, auf die er sich selbst und sie mit hinaufgehoben — und um so zäher, vernichtender nun der Sturz. Sie fühlte, daß er litt bis zur Unerträglichkeit — fühlte sich seinen Leiden näher als ehedem seinem unersättlichen Auftrieb. Was sie in Jahren, vielleicht seit einem Jahrzehnt nicht mehr getan — sie legte ganz leise den Arm um des Gatten Haupt und wollte es an sich ziehen.
Aber schon entwand er sich — er verstand es nicht, sich bemitleiden zu lassen. Zum Glück schnarrte eben der Apparat.
»Hier Hammonia-Werft!« klang die vertraute Stimme der heimlichen Verlobten seines Sohnes.
»Guten Morgen, Ilseken!« Und in Georg Freimanns starrem Erobererherzen tat eine zweite Geheimkammer sich auf. »Mama ist bei mir — sie hat eine Nachricht für dich, die sie dir selber sagen muß!«
Frau Johannas Augen wurden feucht, als sie der künftigen Schwiegertochter die befreiende Kunde zurief. Ach, daß man sich nicht sah in diesem Augenblick der Erlösung von jahrelangem Bangen ...
Seltsame Härte des modernen Lebens ... Die Mutter und die Verlobte des Heimgekehrten hörten eine der anderen Stimme — den Jubel, der durch die verhaltene Kühle schwang — und sahen einander nicht ...
»Na, nun gib mal her, Johanna — ich muß den alten Carstensen noch sprechen!«
Zauberei! Der kleine schwarze Trichter in des Reeders Hand sprach nun plötzlich mit der müden, verhaltenen Greisenstimme des ehemaligen Senators Carstensen — des Eigentümers und Leiters der Werft. Sie zitterte, als Georg Freimann die grausame Kunde vom bevorstehenden Ende der Linie hindurchgegeben.
»Entsetzlich ... wie tragen Sie's?«
Georg Freimann biß die Zähne zusammen.
»Wir sind nachgerade abgehärtet — wir unglückseligen Deutschen ...«
»Das weiß der Himmel — aber grausam ist's doch ... Ein Glück, daß Ihr Junge kommt — da bekommen Sie Hilfe ... Sein Beruf ist überflüssig geworden in Deutschland. Wohl ihm und Ihnen, daß in seines Vaters Riesenbetrieb ein Kontorstuhl für ihn freisteht ... Nur — ob er mögen wird —?!«
Des Vaters Lippen wurden schmal und streng. »Er muß.« Ein Befehlsblick schoß zur Mutter hinüber, die unter diesem Ton, diesem Blick leise zusammenzuckte — wie unzählige Male zuvor in einem langen Gemeinschaftsleben.
»Nun, wir sehen uns ja wohl heut abend,« klang die Stimme des alten Carstensen. »Ich wenigstens will zur ›Alten Liebe‹ fahren — von ferne noch einmal das stolzeste Kind meiner Werft grüßen ... Ach, Freimann — unser Werk — unser zertretenes Land ...«
»Auch ich muß hin —« knirschte Georg Freimann, »auch ich ... Man muß das sehen, man muß ... Und wenn's einen vollends umschmeißt ... Also Schluß, lieber Freund — heut abend um fünf an der ›Alten Liebe‹ —«
»Einen Augenblick, Freimann,« klang Carstensens Stimme. »Timmermanns möchte Sie noch sprechen ...«
Und abermals eine Wandlung. Aus dem kleinen geheimnisvollen Abgrund in des Präsidenten Hand, der eben noch des alten Herrn vibrierende Stimme ausgeströmt, dröhnte nun der urweltliche Baß eines Titanen. Bob Timmermanns — gleich Freimann ein siegreicher Kämpfer — die rechte Hand seines alternden Chefs, das technische Genie der Werft und Oberleiter des gewaltigen Apparats der Konstruktionsbureaus, aus dem die Pläne all der umwälzenden Neuerungen hervorgegangen waren, die dann Gestalt gewonnen hatten.
»Hier Timmermanns ...«
»Hier Freimann ... Haben Sie gehört, Timmermanns — der ›Altreichskanzler‹ —?!«
Ein zorniges Knurren klang aus dem Apparat. »Hab's gehört ... mache mit ... Die Kerle, die mein bestes Schiff einstecken wie'n gestohlenes Portemonnaie — die muß ich mir doch mal aus der Nähe besehen ...«
»Tun Sie's nicht, Timmermanns — Sie springen den Burschen ins Gesicht ... hat ja keinen Zweck ... wir liegen unten.«
»Weiß, weiß ...« keuchte es zurück. »Hab' als Kaiserlicher Marineingenieur auf der in Watte gewickelten Hochseeflotte vier Jahre den Maulkorb getragen ... So viel Selbstbeherrschung werd' ich schon noch aufbringen, daß ich den Anblick der Messieurs und Gentlemen und Signori aushalt', ohne einen davon in die Elbe zu schmeißen ... Aber einen Schwur werd' ich schwören bei ihrem Anblick — einen Schwur, den der Himmel erhören soll ... oder die Hölle — je nachdem —!«