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Tedje hatte so etwas wie ein Hauptquartier aufgeschlagen. In einer jener finsteren Nebengassen der Neustadt, in denen die Männerwelt der Unterschicht ihre Trösterinnen zu finden wußte, hauste als Zuchtmeisterin eines Rudels verlorener Kinder der Schande ein hexenhaftes Weib, das im Nebengewerbe mancherlei Gut zu bergen und umzuschlagen wußte, welches ohne Zustimmung seiner Eigentümer in ihre Hände gelangt war ... Mudder Lore war eine Mexikanerin von Geburt — sie hatte einmal Dolores Jacinto geheißen. Ein Hamburger Kaufmannssohn hatte sie als junges Ding aus ihrer Heimat in die nordische Küstenstadt mitgenommen. Dann hatte er geheiratet, sie hatte die Abfindung, die der Überdrüssige, doch Dankbare, ihr ohne Knickern hinterlassen, mit neuen Freunden schnell verpraßt. Von Stufe zu Stufe sinkend war sie erst Insassin und dann, zum alraunenhaften Scheusal alternd, Vorsteherin eines Liebesverschleißes niedrigster Sorte geworden. In dieser Eigenschaft hatte Tedje sie kennengelernt — und war ihr Günstling geworden. Ihm führte sie ihre »frische Ware« zu — er machte gelegentlich den »Herausschmeißer«, wenn die Kunden zu frech wurden ... Und eines Tages hatte Mudder Lore ihrem Vertrauten auch ihre unterirdischen Vorratsräume gezeigt, in denen sie die Stapel von Waren jeder Art aufspeicherte, welche ihre Geschäftsfreunde ihr nächtens zutrugen. Tedje staunte: Ein Labyrinth von engen, stickigen Gängen, schlüpfrigen, ausgetretenen Treppen, muffigen Kellerlöchern und geheimnisvollen Gewölben — dazwischen hier und da eingekapselt plötzlich ein Stübchen für verstohlene Liebesfreuden, mit schwülem, verschlissenem, nach zweifelhaften Parfüms und altem Zigarettenqualm riechendem Prunk ausstaffiert — alles verbunden durch Geheimtüren, die im Innern von Schränken mündeten, die mit alten Kleidern oder Fastnachtskostümen vollgepfropft waren ... Eine wahrscheinlich jahrhundertealte Heimstätte des Lasters, Diebstahls, Verbrechens jeder Art — wie aus einem jener mit grellbunten Titelbildern gezierten Groschenhefte herausgeschnitten, die Tedjes einzige, in Massen verschlungene Lektüre bildeten.
Tedje schrie vor Wonne, als Mudder Lore ihn in das Geheimnis ihres »Dachsbaus« einweihte. So etwas hatte er gesucht, seit er der Vertrauensmann des Spartakistenbundes geworden war. Hier war Schlupfwinkel, Arsenal und Munitionsdepot zugleich ...
In den nächsten Nächten füllten sich die unterirdischen Räume, in die vom Grundwasser der Flete feuchte Sickerungen hineindünsteten, mit ungewohnter, gefährlicher Ware. Dutzende von rostigen Maschinengewehren, Hunderte von Flinten und Karabinern, Berge von Handgranatenkisten — Abraum des grausamsten aller Kriege, Trümmer aus der großen Konkursmasse Deutschland — einstmals Werkzeuge ruhmreichster Verteidigung, nun bestimmt, in scheußlichem Bruderkriege den zum Irrsinn entarteten Idealen einer kreißenden Zeit zu dienen ...
Bei all solchem Greuelwerk waren Clas Mönkebüll und Anders Niemann die stets dienstwilligen Helfershelfer ihres Zimmergenossen.
Oft überkam den einstigen Offizier des Kaisers ein dumpfes Grausen. Furchtbar gefährliches Spiel, das er spielte! Es brauchte nur inmitten der gärenden Welt, in der er trieb, einer von jenen Hunderten von Söhnen dieser Welt aufzutauchen, denen er einst Vorgesetzter, Erzieher, Führer im Kampfe gewesen war — ein Wort, das ihn entlarvte — und der Abgrund, auf dessen schwankendem Boden er sich tummelte wie auf einem Sportplatz, verschlang ihn — das stinkende Labyrinth, in dessen pestaushauchende Tiefen er täglich hinuntertauchte, gab ihn nicht wieder heraus ...
»Dolores Jacinto, Pensionsinhaberin« stand ehrbar im Fernsprechverzeichnis. Aber eine geheime Verbindung führte von dem amtlichen Apparat, der harmlos im Korridor des allbekannten »öffentlichen Hauses« hing, in das tiefversteckte Kellergelaß, in dem Tedje seinen »Generalstab« um sich versammelte. Von hier aus sprach Tedje jeden Nachmittag nach seiner Heimkehr von der Werft mit der Berliner Zentrale. Um die Gefahr des Abhörens durch die Beamten zu vermeiden, machte ein Russe den Vermittler. Ihn hatte die Zentrale ihrem Vertrauensmann als Mitarbeiter — und ohne sein Ahnen zugleich als Aufseher — überwiesen. Er und ein paar Begleiter gleicher Nationalität waren von Tedje nach und nach als Ungelernte auf der Werft untergebracht worden. Mit diesem Dolmetscher und mit seinen beiden Kumpanen suchte Tedje täglich sein Hauptquartier auf.
Heute bekam er aus Berlin ein Lob. Er hatte berichten können, die Versammlung sei auf übermorgen abend festgesetzt, das Werbeplakat klebe in ganz Hamburg, ein Riesenandrang sei zu erwarten. Berlin teilte mit, Genosse Dragomiroff werde pünktlich mit dem Nachmittagszuge eintreffen. Sollte wider Erwarten der drohende Streik der Eisenbahner auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sich nicht mehr bis übermorgen aufhalten lassen, so werde Dragomiroff im Auto kommen ... Man möge sich schlimmstenfalls auf eine unbedeutende Verspätung gefaßt machen.
Dragomiroff — der große Dragomiroff ... Er galt in Spartakistenkreisen als so etwas wie ein Prophet ... Tedje und seine Freunde fieberten nach der Bekanntschaft des Gewaltigen — keiner brennender als Anders Niemann ...
In Hochstimmung verließen die Gesellen ihren Unterschlupf und schlenderten die dunstige Gasse hinab. Als sie in die etwas breitere Knibbel-Twiete einbogen, sahen sie ein verblüffendes Schauspiel.
Ein winziges, gelblich-weiß-lackiertes Auto kam die Gasse herab, von den armseligen, verwahrlosten Kindern, die im Gassenschlamm ihr Wesen trieben, mit Hallo begrüßt. Eine Dame lenkte es — fast noch ein Backfisch. Sie winkte den Kindern lachend zu wie eine alte Bekannte ... streute im Fahren Hände voll in Silberpapier gewickelter Gegenstände, offenbar Schokoladetäfelchen, unter die jubelnde Schar, die sich, wie ein Schwarm Hühner aufs Futter, auf die süße Gabe stürzte mit Balgen und Gekreisch.
Da — o weh! — Hatte die Lenkerin im Grüßen und Spenden die nötige Achtsamkeit versäumt?! — Ein Stoß, ein Aufschrei, ein vielstimmiger Schreckensruf als Echo — ein Mädelchen von fünf Jahren, nur mit einem schmutzstarrenden Kattunröckchen bekleidet, flog vom Auto angerannt gegen einen Prellstein und blieb bewußtlos liegen.
Die unglückselige Fahrlässige stoppte ihr Gefährt sofort ab, sprang heraus, ohne sich um ihren Wagen zu kümmern, hob das kleine Opfer ihrer Unachtsamkeit mit zartester Sorgfalt empor, preßte es an ihre Brust — im Nu war sie von einem Rudel zeternder Weiber umringt. Entsetzliche Schimpfworte, geballte Fäuste, gekrallte Finger —.
Tedje Tietgens hatte den Auftritt beobachtet. Es stieg ihm glührot in die Augen. Eine Feine — eine wie jene, die seine Gier seit Wochen umstrich ... Zupacken — züchtigen — und im Strafen sich ersättigen ... Und schon hatte er die Weiber zur Seite gestoßen, stand vor der unglückseligen Kleinen, deren begütigendes Lächeln im Schreck erfror — —. Er riß das Kind aus den Armen der Zitternden, schob es einer keifenden Dicken zu, packte die »Feine« an den Schultern, zerrte sie empor, schüttelte sie und schauderte wie im Fieber, als er den Druck der kleinen, festen Brüste spürte.
Da fühlte er selber sich an den Armen gepackt. Von beiden Seiten.
»Tedje — büst du öwersnappt?! Lat ehr doch — is jo unschüllig, dei Lüttje! Is man'n Malleur west!«
Sie riefens durcheinander, seine beiden Kumpane: Clas, Anders ...
Tedje blaffte wie ein Bullenbeißer, dem ein anderer Köter den erbeuteten Fleischfetzen streitig machen will. Aber mit derbem Zugriff zwangen die Freunde den Starken, sein Opfer fahren zu lassen.
Mannesgier, Pariahaß, gekränkte Eitelkeit schäumten auf in Tedjes zuchtloser Seele.
Er schüttelte die Freunde ab, daß sie zurücktaumelten. Kreischend stob der Weiberschwarm auseinander, ballte sich ringförmig wieder zusammen zu lüsternem Gafferkreis. Eine Rauferei zwischen drei Freunden, Kollegen, Proletariern um ein Kapitalistenfrätzchen?!
Wie bösartige Hunde kläfften die guten Gesellen einander an — kreischende Hetzrufe schrillten dazwischen. Das armselige Mädelchen, das des ganzen Spektakels unschuldiger Anlaß gewesen war, hatte sich im Arm seiner neuen Beschützerin längst von seinem Schrecken erholt und starrte auf die drei Kampfhähne.
Mit einem Male löste sich die dräuende Spannung des Moments in ein orkanartig aufbrausendes Gelächter. Die Fremde, durch das Eingreifen der Freunde ihres Bedrängers ledig geworden, hatte seelenruhig den Kodak, den sie am Riemen um den Hals trug, aufgeklappt, war einen Schritt zurückgetreten, hatte kaltblütig visiert — klapp! die Aufnahme war fertig.
»Thank you, gentlemen ...«
Die Komik der Situation war so elementar, die Geistesgegenwart der kleinen Missetäterin so verblüffend und versöhnend zugleich — daß aller Groll des in der Tiefe schwelenden Klassenhasses ebenso jäh, wie er aufgeflammt, in sich zusammensank.
Die Fremde schritt durch eine Gasse besänftigt schmunzelnder Menschen zu ihrem Auto, nahm eine riesige Bonbontüte heraus, stopfte sie dem Würmchen, dem sie Schmerz und Schreck zugefügt, in die Hand, pappte ihm eine Probe des Inhalts ins schleckernde Mäulchen — und schon saß sie in ihrem Puppenwägelchen, töffte triumphierend und fuhr durch ein Spalier lachender Gesichter, krähender Kinderfrätzchen von dannen.