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Das Land unserer Liebe

Chapter 21: 10
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

10

In den nächsten Wochen bekam Elias Patterson zu spüren, was deutsche Gründlichkeit — und was deutsche Zerrüttung bedeutete.

Er selber hatte sich über die große Wassertiefe hinüber mit seinem Konzern spielend verständigt. Ein paar lange Kabeltelegramme waren hinüber- und herübergeflogen — und wenige Tage nach der grundlegenden Besprechung mit dem Präsidenten der H. T. L. befand sich Patterson bereits im Besitz unbeschränkter Vollmachten der gesamten hinter ihm stehenden Kapitalgruppen, mit den Deutschen im Rahmen seiner Vorschläge abzuschließen.

Auch finanziell arbeitete er in großem Stil. Zunächst streckte er der Werft für den Weiterbau des Schnelldampfers eine bedeutende Barsumme vor. Sodann deponierte er bei drei Hamburger Großbanken Schecks auf Neuyork und wies die Hinterlegungsstellen an, sich von den bezogenen amerikanischen Bankfirmen deren Einlösungsbereitschaft telegraphisch bestätigen zu lassen. Dies Guthaben stellte er den Banken, welche der Hammonia-Werft bisher das Geld für den Dampfer vorgeschossen hatten, als Bürgschaft zur Verfügung — unter dem Vorbehalt freilich, diese Bürgschaft gegenüber künftig zu erwartenden Abhebungen jederzeit zurückziehen zu können.

So konnte die Werft bis auf weiteres wieder arbeiten.

Aber Elias Patterson sollte seines Entgegenkommens, die Werft ihres Flottwerdens nicht lange froh werden. Der deutsche Jammer hemmte alsbald aufs neue den frisch erwachten Auftrieb.

Täglich versammelte der alte Carstensen seine Direktoren zu stundenlangen Konferenzen, die sich, außer mit den fast stündlich anschwellenden Forderungen der Arbeiterschaft, mit der nicht minder lawinenartig wachsenden Teuerung aller Materialien, Rohstoffe wie Halbfabrikate, zu befassen hatten. Die mühsam aufgestellten Kalkulationen des Gestern wurden durch die lächerlich-grausige Abwärtsentwicklung des Heute bereits wieder über den Haufen geworfen. Wohin würde man noch kommen? Und wie sollte das enden?! Wahrlich, es gehörte übermenschliche Nervenkraft dazu, in diesem Wirbel der Katastrophen den Mut und Entschluß zur Weiterarbeit hochzuhalten.

Der alte Carstensen verfiel sichtlich. Und Ilse wuchs wider Willen und Ahnen aus ihrer ursprünglichen Tätigkeit als Korrespondentin mehr und mehr in die Stellung der »rechten Hand« hinein. Das war ihr Stolz, ihr Glück — ihre Rettung fast. Denn wie der Vater sich immer tiefer und tiefer umdüsterte, die Lage des Unternehmens, das er auf altererbtem Grunde zu seiner stolzesten Blüte entwickelt, sich immer fragwürdiger gestaltete — die Wehen und Krämpfe, die das angstumschauerte, von Zwietracht und Zersetzung umstürmte Werden der jungen deutschen Republik erschütterten, immer heftiger und schmerzlicher aufzuckten — in diesem ganzen Wirrwarr von seelischer und körperlicher Überspannung fühlte Ilse mit schmerzhafter Deutlichkeit, daß sie ein Weib war — von der Natur zur Kämpferin im Ringen einer Welt um Neugestaltung nicht bestimmt. Und wo war die Brust, an die sie sich hätte lehnen, an der sie Lebensangst und Einsamkeitsschauer hätte ausweinen können?!

Ihr zur Seite stand ein Mann, dessen rauhe Tatkraft wie von selber in die immer sichtbarer freiwerdende Stelle des Oberleiters dieses Riesenorganismus zusammengeballter Kräfte vorrückte. Der hatte alles, was eine Frau in Ilse Carstensens Lage von dem Gefährten, den sie als Stütze brauchte, nur hätte wünschen können. Alles — außer dem einen ...

Die Tochter des alten Geschlechts von harten Rechnern, kühnen Unternehmern, kühlen Ziffern- und Tatsachenmenschen war alles andere als eine Schwärmerin. Ihr ererbter und durch ihre Arbeit seit vier Jahren geschärfter Sinn für die Wirklichkeit ihrer besonderen Lebensbedingungen sagte ihr täglich: der Mann, der da neben ihr aufgesproßt war wie ein Eichbaum — in eben die Aufgabe, die sie selber ihm als Lebensaufgabe anzuvertrauen in der Lage war, hineingewachsen wie eigens für sie geboren — das sei der Kamerad, den sie brauchte ... und nicht jener andere, der kampflos den Platz an ihrer Seite geräumt hatte, um ins Nichts zu verschwinden ...

Ilse war keine Romantikerin — ihrer Vorliebe für Schumann und Brahms zum Trotz. Sie war eine Carstensen — aber — sie war eine Frau. Das zähe Wollen ihrer Vorfahren richtete sich bei ihr auf frauliche Ziele. Sie verlangte, als Vollmensch, ein volles Leben — aber eben ein Frauenleben. Gerade die Carstensen in ihr sehnte sich nach der verträumten Weichheit, der ziellosen, undurchsichtigen Tiefe, dem wunderverheißenden Sonntag im Sohn der Johanna Freimann ...

Die Gütige gestattete ihr noch immer, sie Mutter zu nennen ... Aber in ihrem stillen Schmerzensgesichte las Ilse dennoch immer, immer die verstohlene Anklage: du — du hast ihn mir genommen!

Und so hatte Ilse doch schließlich keinen anderen Halt als den Mann, dem ihr Schicksal sie mit Gewalt in die Arme pressen zu wollen schien.

Ilses Erscheinung verriet trotz der gesucht einfachen Kleidung, die sie für ihren Arbeitsalltag anlegte, den Bürgeradel ihrer Abstammung. Sie war nachgerade dem ganzen vieltausendköpfigen Werftpersonal als Tochter seines Brotherrn bekannt. Es kam ganz von selber, daß sie im Getriebe des Bureaugebäudes wie der Maschinenhallen, Helgen, Docks bisweilen an der Seite des Direktors Timmermanns gesehen wurde. Von dem aber wußte der jüngste Lehrling, daß er der Stellvertreter des alternden und unverkennbar langsam versagenden Werfteigners war ... Schon bezeichnete das Gerücht der Kantine die zwei als Brautleute ...

Und als solche galten sie auch in der Meinung jener zwei von den siebentausend werkenden Männern, die unter beider Leitung standen — jener zwei, die das Paar noch mit anderen Augen ansahen als mit dem scheelsüchtigen Aufblick der Dutzendmenschen zu den Auserwählten, den Begnadeten des Schicksals.

Anders Niemann ... Er sah dies Mädchen, das er einst im Arm gehalten, nun aus doppelter Ferne ... Sie war ihm verloren, verfallen ohne Gegenwehr dem Einfachen, dem Klaren, dem Wollenden ...

Bisweilen, wenn er hoch droben am werdenden Schiffsrumpf Niet um Niet setzen half, sah er da unten, hinten weit im Verwaltungsgebäude, die wohlbekannte, schlanke Gestalt am Fenster des Chefbureaus auftauchen oder an der Seite des blonden Gewaltmenschen zur Bauhalle hinüberschreiten ... Dann schrie sein ganzes Wesen nach ihr ... Am Abend war er dann verstört, zerrissen, abwesend ... Und wenn seine Freundin Antje ihn bei ihren immer häufigeren Besuchen im Elternhause in dieser Verfassung antraf, dann zerflatterte der letzte Nachklang der törichten Träume, die sie abends beim Einschlummern in der innersten Herzenskammer gewiegt hatte.

Und noch in einem anderen Manne war Sturm und Not, wenn die Feine, die Ferne neben dem Herrn Direktor aus dem Werkmeisterhause durch das Werftgelände ging. Vergebens, daß Tedje Tietgens sich von Mudder Lore so manches abenteuerlustige Weiblein aus der Kleinbürgersphäre der Neustadt, so manche ausgehungerte Kriegerswitwe, so manches mannslüsterne Fabrikgör in seinen Schlupfwinkel zutreiben ließ — der wüste Tedje gierte nach seiner »Zarentochter« ... Und es machte ihm ein grimmiges Vergnügen, sich abends neben der Portierloge aufzupflanzen und der Vorüberschwebenden mit schreckhaft drohender Begehrlichkeit ins Gesicht zu starren. Sie mied sein Auge nicht — sie ließ ihren Blick mit dem Ausdruck völliger Nichtbeachtung über den Frechling hinweggleiten ... Aber Tedje Tietgens wußte: bemerkt hatte sie ihn ... Ihn übersah man nicht. Und das genügte ihm für den Augenblick. Seine Stunde würde kommen.


Und durch die Sorgen und Kämpfe der Deutschen quirlte die kleine Hundezüchterin, Photographin, Automobilistin wie ein wahnsinnig gewordener Sonnenstrahl. Sie war beständig auf Entdeckungsreisen. Und überall fand sie Menschen, welche sich um Dinge quälten, die ihr neu, unverständlich, geheimnisvoll interessant waren. Alle diese Deutschen hatten ihre Sorgen — und Sehnsüchte.

Ihre neue Entdeckung war Ilse Carstensen. Um die war ja eine förmliche Dunsthülle von Rätseln ... Eine Braut, der ihr Bräutigam durchgebrannt ist ... Eine Dame aus den ersten, vornehmsten Kreisen einer Großstadt — die arbeitet wie ein Mann — statt sich verwöhnen, feiern und beschenken zu lassen ... Und dabei hat sie einen Verehrer, der sie mit lächerlich ehrerbietiger, täppischer Ergebenheit umwedelt wie ein treuer, am Auge der Herrin hängender Neufundländer ...

Das war überhaupt das erste, was Bessie herausbekommen hatte: Dieser Riesenkerl, aus dessen kantigem Schädel die Modelle des »President Lincoln« und des werdenden Riesendampfers für die neue Aktiengesellschaft, die ihr Vater zu gründen hergekommen war, entsprungen sein sollten — der war in diese kühle, imposante Stenotypistin verliebt wie nur ein wohldressierter Neuyorker business-man in eine typische Modeschönheit vom Manhattan Square. Er tat ihr ein bißchen leid, der arme Neufundländer. Vergebens Wedeln, Schöntun, Apportieren ... nicht einmal einen freundlichen Blick bekam er zum Dank, von einem Stückchen Zucker ganz zu schweigen.

Bessie stattete seit dem Beginn ihrer Schwärmerei für Ilse dieser täglich auf ihrem Bureau einen höchst unbequemen Besuch ab. Eines Tages wurde sie wieder einmal Zeugin, wie die neue Freundin ihren Seladon, der mit einer ganzen Menge guter Nachrichten vom Fortgang des Dampfers um ein freundliches Wort geworben hatte, kurz angebunden und fast ungnädig entließ. Da faßte sie sich Mut, für den Riesen ein gutes Wort einzulegen.

»Miß Ilse — Sie haben das härteste Herz, das ich jemals an einem jungen Mädchen gefunden habe ...«

Ilse hatte sofort verstanden. »Oh — Sie haben bemerkt, Kleine?!« sagte sie mit zurückhaltendem Lächeln.

»Ich bin nicht blind. Sie sind schlecht zu ihm, Miß Ilse.«

Die Deutsche mußte lachen. »Aber wenn er mich doch langweilt, Bessiechen?«

»Sie verdienen es nicht, daß er sich um Sie grämt. Er grämt sich um Sie, wissen Sie das nicht? Ja, Sie wissen's — aber Sie sind schlecht. Sie freuen sich, daß er sich grämt. Wo wohnt der arme Junge? Ich meine, welche Zimmernummer hat er? Ich werde ihn besuchen. Ich werde ihn vor Ihnen warnen. Ich werde versuchen, ihn zu trösten.«

Und schon war sie hinaus.

Als sie vor dem Zimmer stand, dessen Tür die Aufschrift »Direktor Timmermanns« trug, klopfte ihr keckes Herz doch ein wenig. Von drinnen klang ein grimmiger Singsang, rauh wie ein indianisches Kriegsgeheul.

Ihr Klopfen wurde überklungen von diesem wilden Getöse. Da klinkte sie vorsichtig auf — und erblickte den Gestrengen in einer seltsamen Beschäftigung. Der Besucherin den Rücken zukehrend, hemdärmelig stand der Riese — mit beiden Fäusten hielt er ein Etwas, das Bessie sofort als ein ziemlich kurzes Soldatengewehr erkannte. Er war beschäftigt die Waffe zu putzen und sang dazu in dröhnendem Rhythmus ein Lied, dessen Worte Bessie nicht enträtseln konnte.

»Was nützet mihaich ein schönes Mädchen,
wenn andre mit spazieren gehn?
Was nützet mimamich ein schönes Mädchen,
wenn andre mit spazieren gehn?
Und küssen ihr die Schönheit ab,
und küssen ihr die Schönheit ab —
Daran ich meine,
so ganz alleine,
daran ich meine Freude hab'?!«

»Wundervoll! Entzückend!« jubelte Bessie, als der Barbar seinen Hunnengesang beendet hatte. Wie besessen klatschte sie in die Händchen.

Bob Timmermanns fuhr herum, vor Staunen blöde. Sie sahen sich an, der Enakssohn und das Püppchen — und lachten — lachten — lachten, daß ihnen die Tränen von den Backen liefen.

»Oh — das ist eine sehr wonderfull song«, radebrechte die Kleine — der Tölpel konnte ja kein Englisch, sie wußte schon. »Sie muß lernen zu mir diese wonderfull song ...«

»Das ist ein Soldatenlied, kleines Fräulein.«

»Oh ... Die deutschen Soldaten sind sehr melancholical, wenn sie singen songs so swer — swer —«

»Schwermütig ...«

»Ja, swermjutig ... Sie müssen lernen zu mir diese swermjutige soldiers song ... Aber Sie müssen nicht singen swermjutige songs, Sie müssen singen lustige songs ...«

»Kann ich auch, kleine Puppe — da, nehmen Sie Platz ...« Er faßte die Besucherin um die Hüfte und setzte sie mit einem Schwung auf seinen mit Zeichnungen besetzten Arbeitstisch, daß die Röckchen nur so flogen. »Hören Sie zu:

›Bei der Kaiserin Klementine
haben wir heut Musik gemacht,
der eine spielte auf der Viggoline,
der andre auf dem Stiewelschacht —
Hodahumpahumpahadaha —
hodahumpahumpahadawumm!‹«

»Das Sie müssen auch lernen zu mir!« jubelte das kleine Ungeheuer. »Ist es auch eine German soldiers song? Ich wünsche zu lernen hundert German soldiers songs — das wird machen eine gigantische Effekt in Amerika ...«