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Das Land unserer Liebe

Chapter 22: 11
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

11

Minder als Bessie war ihr Vater mit seinem Aufenthalt in Deutschland zufrieden. Das Tempo der Entwicklung machte ihn nervös.

Sah er die Werft unterm Druck des im Hintergrunde lauernden Spartakismus, so fand er die Linie durch die Schwerfälligkeit ihres Apparats gehemmt.

Zum Abschluß eines Vertrages wie die geplante Fusion war die Genehmigung der Generalversammlung erforderlich. Schon ihre Einberufung machte Schwierigkeiten. Bald streikte die Eisenbahn, bald streikte die Post ... Aus allen Teilen des Reiches kamen Anträge auf Aufschub, Bitten um Aufklärung, dringende Warnungen vor einer Verbindung mit dem amerikanischen Kapital ... Auslieferung an das feindliche Ausland, schmachvolle Kapitulation vor dem Dollar, Vaterlandsverrat waren tägliche Liebenswürdigkeiten.

Man kam nicht vom Fleck. Patterson verlor die Geduld. Er spielte seinen letzten Trumpf aus. Er stellte der Linie eine Frist zur Entscheidung über den Fusionsantrag des Patterson-Konzerns. Nach ihrem fruchtlosen Ablaufe werde der Kredit gesperrt.

Das half. Die Generalversammlung trat endlich zusammen.

Freimann hatte seinen großen Tag. Vor einer Hörerschaft der ersten Köpfe und Kapitalmächte der deutschen Hochfinanz, Industrie und Schiffahrt verfocht er seine These: Besser Schulter an Schulter mit Amerika leben als verlassen zugrunde gehen ... Die deutsche Ehre sei nicht in Gefahr ... Der Vertrag sei nicht eine versteckte Aufsaugung des Besiegten durch den Sieger, sondern ein Bündnis gleichberechtigter Mächte ... Es sei kein Zeichen nationaler Gesinnung, den ersten Ausweg aus dem Elend des Zusammenbruchs, den wohlmeinende Hände von drüben aufgetan, unversöhnlich wieder zu verrammeln ... Das Meer, die Lunge der Völker, müsse den Deutschen zunächst wieder geöffnet werden, koste es, was es wolle ...

Seefahrt ist not ...

Georg Freimann feierte einen großen rednerischen Triumph. Er schien in diesem Jahre furchtbarsten Ringens äußerlich gealtert, innerlich gereift — ungebrochen, ja gefestigt, nicht mehr geschmeidiger Stahl wie früher, nein, starres, kantiges Eisen ...

Fast einstimmig genehmigte die Generalversammlung die Anträge des Direktoriums. Und noch in derselben Stunde vollzogen die Herren Freimann und Patterson die längst fertig daliegende Fusionsakte.

Die United Transatlantic Lines waren gegründet.


In derselben Stunde, als die Führer der deutschen Überseeschiffahrt mit ihren Damen sich auf Einladung ihres neuen Verbündeten von drüben zu einem Festdiner im Atlantic-Hotel versammelten, strömten aus ganz Hamburg die Arbeiter und Unterbeamten der Werften und Häfen in dem niederen, doch weitgedehnten Saale der »Neuen Welt« am Heiligengeistfelde zusammen, um sich von Wassily Petrowitsch Dragomiroff aus Moskau über »Deutschland als Stoßtrupp der Weltrevolution« belehren zu lassen ...

Anders Niemann, der durch Antje über die Vorgänge im Präsidialbureau der Linie genau unterrichtet war, mußte lächeln in grimmig bitterer Ironie, als er sich Schulter an Schulter mit seinen Stubenkameraden zur »Neuen Welt« begab. »United Transatlantic Lines« und »Sturmtrupp der Weltrevolution« — konnte das deutsche Elend, die deutsche Zerrissenheit packender, wahrhaftiger formuliert werden?!

Mit seinen »Söhnen« ging auch Vater Tietgens zum Riesenmeeting seiner Klasse. Auf seiner Stirn stand Entmutigung und Hoffnungslosigkeit. Der Wahnwitz der Masse schickte sich an, mit den Trümmern des Deutschen Reiches auch die marxistische Ideologie in Atome zu zersprengen. Das Chaos brach an. Und Vater Tietgens, der graue Theoretiker der sozialistischen Doktrin, begann an allem irre zu werden — auch an der beseligenden Lehre vom Zukunftsstaat. Er hatte lange mit dem Entschluß gekämpft, in der Versammlung das Wort zu ergreifen und vor Überspannung des republikanischen, des sozialistischen, des Rätegedankens zu warnen. Er hatte verzichtet. Die Jungen, die Ungelernten, die formlose Masse der ewig Unbelehrbaren würden ihn niedergebrüllt haben. Das Unheil mochte seinen Lauf nehmen. Und wer — wer hatte es heraufbeschworen?!

Der alte Sozialdemokrat fühlte sich dumpf angeekelt von dem Gedanken, daß der Russe kommen dürfe, den deutschen Arbeiter über seine Aufgaben bei der Neugestaltung des Menschheitsaufbaues zu belehren ... Noch fast unbewußt keimte in seiner Brust die Erkenntnis, daß dem Deutschen nur der Deutsche helfen könne — daß moskowitische Ideale niemals Führer sein könnten im Ringen des zertretenen Deutschlands um seine Wiedergeburt ...

Was Tedje Tietgens bejubelte, anführte, organisierte — konnte es das Gute, das Heilsame sein?!

In der Brust des alten Mannes keimte etwas wie Angst und Abscheu vor der eigenen Brut ... dem Sohn seiner Lenden und seiner Lehren ...

Und nicht minder empört sah er auf diesen Anders Niemann ... In ihm hatte er gehofft, einen Gesinnungsgenossen zu finden — und hatte nun seit Wochen mit ansehen müssen, daß der junge Bursch, um den seine Antje sich bemühte und härmte — daß der ganz in die Hörigkeit seiner beiden Arbeitskameraden geraten war ...

Übrigens sah Tedje nicht drein, als sei er wunschlos glücklich ... Was er bisher nicht einmal den Hausgenossen anzuvertrauen gewagt hatte, war der Inhalt eines Eiltelegramms aus Berlin, das ihn vor einer halben Stunde erreicht hatte. Die Zentrale meldete, der Eisenbahnerstreik auf der Strecke Wittenberge-Hamburg sei gestern, allen Bemühungen um Aufschub zum Trotz, um einen Tag zu früh ausgebrochen, die Strecke lahmgelegt ... Es sei Fürsorge getroffen, daß der Genosse Dragomiroff in Wittenberge ein Auto vorfinden werde ... Schlimmstenfalls möge das Bureau die Versammlung bis zum Eintreffen des Hauptredners anderweitig beschäftigen ...

Tedje biß die Lippen vor Wut. Die Zentrale hatte ja schon vorher auf diese Möglichkeit hingewiesen ... Als Einberufer, so sagte er sich zähneknirschend, hätte er für diesen Fall Vorkehrungen treffen, andere Redner bereithalten müssen ... Seine mangelnde Erfahrung hatte ihm einen Streich gespielt. Wie würde es möglich sein, eine Versammlung von fünftausend arbeitsmüden Männern und Frauen auf unbestimmte Zeit festzuhalten? Die Stimmung würde abflauen, die große Aktion verkleckern, womöglich alles auseinanderlaufen ... Eine wüste Blamage lag im Bereich der Möglichkeit ... Und dann war es um seine Stellung unter den Genossen geschehen ...

Einer von den vier Hausgenossen war ahnungs- und hemmungslos glücklich: Clas Mönkebüll ... Seit einigen Tagen glaubte er bemerkt zu haben, daß die Annäherung zwischen Antje und Anders keine rechten Fortschritte mehr mache. Seit Anders ganz und gar unter Tedjes Einfluß geraten war, hatten die Musikabende im Hause Tietgens seltener und seltener zustande kommen wollen. Eines Abends war Clas zufällig zu Hause geblieben, während seine beiden Freunde im »Hauptquartier« zu schaffen hatten. Da war Antje gekommen — schmerzlich enttäuscht ... Was ihr fehle, hatte Clas bescheiden gefragt ... Ach — es sei nur, daß sie sich so sehr auf die Musik gefreut habe ... Ei — da könne ihr geholfen werden ... ob er selber ihr vorspielen dürfe ... Und stundenlang hatte sie seinem vor Erregung doppelt ungelenken, leidenschaftlich hingegebenen Spiele gelauscht ... Und beim Abschied ein Blick, ein Händedruck — Clas bebte bei der bloßen Erinnerung.

Die Welt ist schön, der Mensch ist gut! sang es in Clas Mönkebülls Herzen. Alles wird neu, alles muß herrlich werden — »die Welt wird schöner mit jedem Tag!« Und er glaubte, glaubte brünstiger denn je an die Zukunft des Menschengeschlechts — an den neuen Erdentag — dessen erste Morgenröte heut aufgehen werde, heut — mit dem Vortrage des Genossen Dragomiroff ...

Ob sie auch kommen würde — sie? O gewiß ... von Tracht und Sitten eine Bürgerin war sie Genossin im Herzen ... Eine Gläubige auch sie, ein treues Kind ihres Standes, ihrer Klasse ... Eine Revolutionärin, rot bis in den innersten Winkel der Seele — sie, die Verkörperung der roten Seligkeit ...


Die Enttäuschung der vieltausendköpfigen Versammlung war grenzenlos.

Tedje saß glührot auf seinem Präsidentensitz und starrte in die Menge, die Kopf an Kopf in dem niederen, dumpfen Saal sich drängte. Seine Ankündigung, daß der Genosse Dragomiroff auf sich warten lassen müsse, weil die Genossen auf der Strecke Wittenberge-Berlin in den Streik getreten seien, hatte mit ihrer ganzen tragikomischen Ironie auf die harrende Masse gewirkt — dämpfend, beschämend, stimmungmordend ... Es war kein Vergnügen, mit müden Knochen, eng zusammengepreßt im atembeklemmenden Brodem sitzen zu müssen — Leib an Leib ringsum an den Wänden zu stehen bis auf die Stiege hinaus ... Gelächter scholl auf, Scharren, Trampeln, vereinzelte Pfiffe ... Tedje Tietgens schwang die Klingel, forderte in herrischen Worten Versammlungsdisziplin ... Da scholl eine Stimme aus dem Hintergrunde:

»Stillgestanden! Richt' euch! Aushalten! Durchhalten! Maul halten!«

Grimmiger, höhnischer scholl das Gelächter.

In dieser Not kam dem Einberufer ein rettender Einfall. Er winkte seinen Freund Clas heran, der drunten ganz bescheiden im dicken Knäuel an der Wand klebte:

»Clas — späl 'n Lütten op!«

Und schon saß Clas Mönkebüll an dem stark strapazierten Flügel, der als Begleitinstrument für die Proben und Konzerte der Arbeitergesangvereine im Hintergrunde des Podiums stand. Er schlug begeistert in die Tasten — aufbrandete sein Leiblied ...

Mit schmetterndem Gesang fiel die Versammlung ein. Alle zehn Verse wurden heruntergesungen:

»Der alte Haß sei tot,
die Liebe sei befreit —
aus unsern Herzen loht
die rote Seligkeit —!«

Aber auch die zehn Verse gingen zu Ende. Und noch immer kein Genosse Dragomiroff ...

Clas Mönkebüll war aufgestanden, hatte sich auf seinen Stehplatz zurückschleichen wollen. Da kamen Rufe aus der lauschenden Menge:

»Musik! Mehr Musik!«

Clas warf einen Blick zum Vorsitzenden, der nickte Genehmigung. Und wieder schritt Clas zum Klavier: und abermals rauschten Klänge auf. Auch jetzt ein Befreiungsklang ... aber nicht das rohe Trutzlied einer Kaste, nicht die Losung zum Bürgerkrieg — ein Sang von der Schmach und Not eines geknechteten Volkes, von seinem heroischen Dulden, seinem anschwellenden Ingrimm, seiner aufsteigenden Empörung — seinem Siege wider die fremden Bedrücker, seiner Erlösertat — vom Triumph der Freiheit — jener Freiheit, die den Herrenvölkern gebührt — den Männervölkern.

Wer von den Fünftausend, die drunten lauschten, kannte dies hochheilige Freiheitslied — kannte Beethovens Ouvertüre zu Goethes Egmont —?!

Wer von den Jauchzenden ahnte, daß er nicht den Aufstieg einer Klasse bejubelte, nicht den Anbruch der roten Seligkeit, den Sieg im Bürgerkriege, die Diktatur des Proletariats — nein, den Sieg eines brüderlich geeinten Volkes wider volksfremde Zwingherrschaft?!

Einer wußte es: der junge Mann mit dem kahlgeschorenen Schädel unter dem wetterbraunen Gesicht, in dem das kecke Schnurrbärtchen jetzt den letzten Rest von Ähnlichkeit mit jenem Typus verwischt hatte, den es durch sein ganzes Jugendleben getragen: dem Typus des kaiserlichen Marineoffiziers! In seinem verschlissenen Matrosenanzug sah Anders Niemann heut ganz und gar wie ein frischer, straffer Sohn der Arbeit aus ...

Aber der Blick, den er quer durch die Breite des Saales zu seiner braunscheiteligen Freundin sandte — der funkelte geheime Ironie ... Es war der Blick eines Wissenden — eines Liebenden, der hoch über dem Wust der Stunde in eine lichtere Zukunft seines Volkes schaute ... Und eine Ahnende erwiderte ihn ...

Du! sagte dieser Blick: gehören wir nicht zusammen — trotz allem — du und ich — ihr und wir?!

Ist es nicht herrlich, dieser ahnungslose Jubel der Tausende, die da meinen, den Wahn ihres eigenen, engen Klassensieges zu feiern — und in Wahrheit einer Befreiungstat zujauchzen, die — die uns allen, allen einmal nicht erspart bleiben wird, wenn wir Freie, wenn wir Deutsche, wenn wir — Menschen bleiben wollen?

Die Republikanerin, die Revolutionärin, die — Proletarierin fühlte in dieser Sekunde ganz als Deutsche ...

Und der Offizier, der Bourgeois, der Sohn des Großreeders glühte vom Überschwang brüderlichen Gemeinsamkeitsgefühls mit diesen Tausenden, deren Seele er in sich hineingetrunken seit Monaten — die er nun kannte in ihrer unbewußten, traumhaften Sehnsucht nach einem neuen Ideal, einer neuen Seelenheimat — einem neuen — freien — großen — nach innen und außen großen — wiedergeborenen — Vaterland —

Mitten in dem Beifallssturm geschah es, daß aller Augen sich der Tür zuwandten, die vom Flur her auf das Podium führte. Da stand plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, eine fremdartige Gestalt: ein untersetzter Mann mit stumpfbegehrlichem Slawengesicht, den breiten Mund von struppigem Graubart umbuscht, mit stechenden Äuglein, in denen es zuckte und gewitterte von der fressenden Loheglut der Götterdämmerung...

»Dragomiroff!« schrie Tedje Tietgens und stürmte dem Moskowiter entgegen, tauschte mit ihm zwei schallende Bruderküsse.

Und »Dragomiroff!!« scholl betäubendes Echo des Fanatismus.

Schau! von den Gesichtern der Fünftausend war der feierliche Ausdruck des hingegebenen Lauschens, der gesammelten Andacht, der ahnungsvoll gläubigen Erhebung wie weggewischt ... Ein grelles Flackerfeuer loderte aus diesen zahllosen Augenpaaren, die nun stier und hingerissen auf den knochigen Burschen im lederumgürteten langen Leinwandkittel starrten...

Die Bestie wachte plötzlich auf — aus dem Abgrunde der Jahrtausende brodelte, kreißte, schwelte es wieder empor: das alte Chaos ... die Urnacht ...

Tedje Tietgens schwang die Klingel:

»Der Genosse Dragomiroff aus Moskau hat das Wort.«