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Um dieselbe Stunde schäumte im Atlantic bereits der Champagner. Der Gastgeber konnte sich's leisten.
Die Deutschen, die da zur Tafel saßen, gehörten ausnahmslos zu jener Oberschicht des Besitzes, an die selbst Kriegs- und Revolutionsnot nicht herankönnen — solange der Krieg nicht im eigenen Lande ist und die Revolution nicht ihre letzten Folgerungen zieht. Erst gegenüber der Üppigkeit dieses Dollargastmahls kam es ihnen zum Bewußtsein, wieviel anspruchsloser doch auch die verwöhntesten und geschontesten von ihnen geworden waren.
Die Feststimmung, die diesen Kreis deutscher Seehandels-, Industrie- und Geldmagnaten zum ersten Male seit dem Schlußakt der grausen Tragödie wieder zusammenführte und für eine Stunde über den grimmigen Daseinskampf ihres Nachkriegsalltags hinwegriß, hatte einen melancholischen Unterton: aus Bewußtsein der deutschen Verarmung und Vereinsamung ...
Es war nicht alles Sympathie und Zusammengehörigkeitsgefühl, was aus den Augen der Deutschen sprach, wenn sie Elias Pattersons schmale, beherrschte Gestalt betrachteten, sein vor Behagen und Selbstbewußtsein glänzendes Yankeegesicht ...
Auch auf den Zügen der Damen, der Gesellinnen all dieser Machthaber des industriellen, kommerziellen, nautischen Deutschland, hatte die Sorge der Kriegsnot, der Schmerz um liebe Gefallene, das Grausen vor der roten Sturmflut unverwischbare Zeichen gegraben. Ihre prüfenden Blicke hingen mit nicht größerem Wohlgefallen denn die Gesichter ihrer Männer an den Vertreterinnen amerikanischer Weiblichkeit: das waren die Frauen des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten und vor allem die Tochter des neuen Verbündeten: die exzentrische kleine Bessie Patterson ...
Trotz allem: es war ein Bild langentwöhnten Glanzes, das heute den eichengetäfelten Spiegelsaal des ersten Hotels des Kontinents füllte. Man war zwar nur geladen, um die Gründung der United Transatlantic Lines zu feiern — aber die Herzen der Deutschen feierten das erste Zeichen deutschen Wiederaufstiegs.
Auf den Scheiteln und Hälsen der Damen funkelte noch immer manch blendender Stein- und Perlenschmuck — die Frackaufschläge der Herren wiesen, dem Sturz der Throne zum Trotz, den blinkenden Schmuck der Orden all der verschwundenen deutschen Dynastien, und auf der Brust der jüngeren Teilnehmer leuchtete der stille, unverlöschliche Glanz der Eisernen Kreuze.
Auf dem Ehrenplatz der Hufeisentafel, zur Rechten des Gastgebers, thronte das feine, müde Gesicht Johanna Freimanns. Zu Ehren des glückhaften Abends hatte sie sich aus der Gesellschaft ihrer Bücher gerissen, die seit ihres Sohnes Verschwinden die einzigen Vertrauten ihrer einsamen Tage geworden waren. Während des Krieges hatte sie Ablenkung genug gehabt als Präsidentin des Roten Kreuzes — nun blieben ihr die Dichter ... Aber heute strahlte sie doch: Georg strahlte ja auch ...
Ihr gegenüber, an der Seite des amerikanischen Generalkonsuls, saß Ilse Carstensen. Auch sie gab sich betont heiter, unterhaltsam, überlegen. Ihr Partner strahlte, erzählte ihr, daß gleichzeitig mit dem Abgang der Nachricht vom Zustandekommen der Fusion nach Neuyork ein Kabelgramm Pattersons abgegangen sei, welches die Blue Star Line angewiesen habe, alle Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Deutschland zu treffen. Die »Union«, ihr pompösestes Schiff, solle als erstes unter der Flagge der neuen Allianzlinie für die Fahrt nach Hamburg bereitgestellt werden.
»Waren Sie schon drüben, Miß Carstensen? Aber nein, verzeihen Sie, das war eine dumme Frage — vor dem Kriege waren Sie ja noch ein Backfisch ... Um so besser: Ihr Vater wird Ihnen erlauben müssen, die erste Fahrt Hamburg-Neuyork an Bord der ›Union‹ mitzumachen ...«
Mit höflichem Lächeln dankte Ilse. Ob der Gentleman wohl ahnte, daß sie die Braut eines Tauchbootkommandanten war? Was für Schrecknisse und Abgründe lagen zwischen den beiden Völkern, deren mutigste Pioniere einander heute wieder die Hand zu reichen wagten —
Lusitania — die Argonnenschlacht — die Vierzehn Punkte.
Dennoch — man stieß mit den Kristallschalen an, man tauschte Liebenswürdigkeiten und Zukunftspläne — es wurde wieder heller in der Welt — die Giftgasschicht, die den Erdball umlagert hatte, begann zu zerflattern ...
Bessie schmollte ein wenig. Sie saß auf einem Ehrenplatze zur Linken des alten Carstensen, der die Gattin des amerikanischen Generalkonsuls führte, und zur Rechten des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der H. T. L., des Präsidenten der Deutschen Bank ... Zwischen den Weißköpfen kam sie sich wie verbannt vor. Sie hatte kategorisch verlangt, ihr Tischherr müsse der große dicke Direktor werden, der immer in Miß Carstensens Bureau komme ... Das hatte ihr Vater ihr ausnahmsweise einmal abgeschlagen — Robert Timmermanns saß heute, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechend, am unteren Ende der Tafel — inmitten einer Gruppe von Direktoren der Linie und der Werft. Dazwischen waren die kaufmännischen und technischen Mitglieder des Stabes eingestreut, den Patterson gleich bei seiner ersten Anwesenheit in aller Heimlichkeit in Hamburg installiert hatte, und der nun auf einmal aufgetaucht war und sich als glänzend informiert und mit allen Hamburger Verhältnissen aufs genaueste vertraut erwies.
Und jetzt erhob sich der Festgeber. Er war rücksichtsvoll genug, seine Begrüßungsansprache in einer Art von Deutsch zu halten. Ihr Inhalt schien der zu sein, daß er die Fusion der beiden großen transatlantischen Reedereien Deutschlands und der Vereinigten Staaten als ein erstes, hoffnungsvolles Zeichen der Wiederherstellung des durch den Krieg zerrissenen Weltverkehrs begrüßte, auf das Wohl der H. T. L. und der Erbauerin des ersten neuen Personendampfers der United Transatlantic Lines, der Hammonia-Werft, insonderheit der Vorsitzenden der großen Unternehmungen, der Herren Georg Freimann und Detlev Carstensen, sein Glas leerte.
Die Versammlung erhob sich, die Deutschen grüßten mit ihren Gläsern zu ihren neuen Wirtschaftsverbündeten hinüber, in ruhigem, gemessenem Ernst, mit jenem Ausdruck respektvoller Zurückhaltung, welcher ihren Gefühlen entsprach. Die deutsche Würde — bei diesen Führern deutschen Schaffens war sie wohl aufgehoben.
Und nun schlug Georg Freimann ans Glas. Auf seinem Frackhemde blinkte das weiße Emaillekreuz des Roten Adlerordens, das Wilhelm II. ihm eigenhändig umgelegt, als der Reeder dem Kaiser einstens das Zustandekommen des Morgan-Trusts gemeldet hatte. Es schien ihm Pflicht, auch äußerlich zu bekunden, daß die deutsche Hochseeschiffahrt der Republik nur auf dem Fundament weiterbauen könne, welches das Kaiserreich gelegt habe.
»Meine Damen und Herren!« begann der Präsident. »Aus tausend Wunden blutet unser zerrissenes, zertretenes Vaterland. Niemand weiß das besser als wir, als dieser Kreis von Vorkämpfern deutschen Aufschwungs, der, wie wenige unserer Landsleute, die ganze Tiefe unseres Sturzes ermißt. Alle Großmächte des Erdenrunds haben wider uns im Felde gestanden. Eine aber hat durch ihren Beitritt zum Feindbunde den Sieg, der sich schon auf unsere heldische Gegenwehr niederzusenken schien, auf die Seite unserer Gegner hinübergezwungen: es ist das Land des Präsidenten Wilson — es sind die Vereinigten Staaten von Amerika.«
Alle Blicke im Saale flogen zu dem feinen Weltmannskopfe des Generalkonsuls und dem holzgeschnitzten Kommodorengesichte des Präsidenten des Patterson-Konzerns hinüber. In beider Mienen zuckte kein Nerv.
»Wir alle, meine Damen und Herren, kennen die Welt von Bitterkeit, welche diese Tatsache umschließt. Und darum wissen Sie auch alle, welche inneren Kämpfe hinter uns lagen, als wir uns entschlossen, in die Hand einzuschlagen, die uns zertrümmert hatte. Wir haben es getan in der schmerzlichen Erkenntnis, daß uns keine Wahl blieb, daß wir nur zu entscheiden hatten zwischen einsamem Versinken oder Anschluß an eine jener Mächte, deren Eingreifen unser Glück und unseren Aufstieg vernichtet hat. Es wäre unseres stolzen Schmerzes unwürdig, wollten wir diese Tatsachen in dieser Stunde verschweigen oder verschleiern.«
Die Versammlung lauschte in tiefem Ernst. Die Amerikaner konnten es sich nicht versagen, einen ruhigen Rundblick im Kreis ihrer Feinde von gestern zu tun. Der Eindruck war erschütternd. Alle diese Gesichter, die von zähester Energie, lebenslangem Fleiß, von Kenntnissen, Erfahrungen, angeborenem und anerzogenem Führertum sprachen, wiesen zugleich den unverwischbaren Stempel eines Jahrfünfts verbissener Gegenwehr gegen erdrückende Übermacht, versunkener Hoffnungen, unverwindbar entsetzlicher Enttäuschungen, unstillbarer Trauer, ungeheuerster Erschütterungen aller Grundlagen ihres Lebens und Empfindens — kurz aller tiefsten Leiden und Schmerzen, die über Staubgeborene verhängt werden können.
Aber in diesen scharfgeprägten Menschenköpfen war auch die Spur unbändigen Trotzes, unerschütterlichen Lebenwollens, unversieglicher Hoffnung.
Georg Freimanns Stimme bebte leise von innerem Krampf. »Diese klare Aussprache der Wahrheit mindert in nichts das Gefühl der Genugtuung, ja, ich schäme mich nicht zu sagen des Dankes für Sie, meine Herren von drüben, die Sie als erste die Versöhnungshand uns hingestreckt, als erste uns zu erneuter, gemeinsamer Arbeit im Dienste der Menschheit aufgefordert haben — vor allem für Sie, Freund Elias Patterson — der Sie zugleich der Gastgeber dieses unvergeßlichen Abends sind. Seefahrt ist not — ohne sie muß ein großes Volk in seiner eigenen Kraft ersticken und verkümmern. Darum haben wir Ihre Hand ergriffen, die uns den Weg zum Meer aufs neue erschließt. Und Sie, meine Herren von drüben, Sie haben durch die Tat bewiesen, daß Sie nicht wollen, daß unser Volk verkümmert und erstickt ... Darum haben Sie auch Ihre Zustimmung gegeben, daß das erste Schiff, das auf Rechnung zwar unserer Linie auf deutscher Werft erbaut, doch für gemeinsame Rechnung im Dienste der United Transatlantic Lines den Ozean, der Ihr und unser Land verbindet, durchqueren soll — daß dies stolze Schiff, dessen Rumpf auf den Helgen der Hammonia-Werft schon stattlich emporwächst, den Namen tragen soll, der unseren Herzen am teuersten ist: den Namen ›Deutschland‹.«
Ein feierliches Rauschen ging durch die Versammlung — es klang wie erster Flügelschlag des Adlers, der, von toddrohender Verwundung genesen, zu neuem Sonnenfluge sich reckt.
In der Deutschen Augen schimmerte es feucht. Frau Johanna Freimann aber und Ilse Carstensen senkten tief, tief den grauen, den blonden Scheitel ...
Der Präsident tat ein paar schwere Atemzüge. Nun hatte seine Stimme wieder den alten Vollklang:
»Meine Damen und Herren! Dunkel liegt auch heute noch die deutsche Zukunft vor uns. Alles, was uns teuer und heilig war, liegt in Trümmern, das Werdende ist noch gestaltlos und unbewährt. Wir aber arbeiten. Und unsere Arbeit, so hoffen wir, wird die Quelle unserer Zukunft sein, wie sie die Wurzel unseres vergangenen Glanzes gewesen ist. In dieser Hoffnung, in dieser Gewißheit begrüßen wir das Werk dieses Tages, begrüßen unsere neuen Mitarbeiter von drüben und den Herrn Vertreter des großen Volkes, das heute, wir wissen es, in seiner Gesamtheit noch fremd und ablehnend uns gegenübersteht, das aber dennoch das erste Land der Erde ist, dessen Bürger sich mit uns zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Wir begrüßen das Kind dieses Tages, die United Transatlantic Lines — wir begrüßen das freie Weltmeer, das sich nach vier Jahren der Verstrickung wiederum vor uns auftut — wir grüßen die Zukunft — die Zukunft unseres Volkes, die Zukunft des Menschengeschlechts.«
Kein Hoch klang, kein Jubelruf, kein Tusch — in stummem, feierlichem Ernst neigten sich die Gäste dieses Festes der Versöhnung vor der Weihe der Stunde.