Drittes Buch
1
Die Räterepublik in München hatte abgewirtschaftet.
Die Weimarer Verfassung war angenommen. Der »Friedensvertrag« unterzeichnet.
Es schien, als sollte das unglückseligste aller Länder zur Ruhe kommen.
Über Hamburg aber waren in eben jenen Tagen, da im Spiegelsaale von Versailles deutsche Namen unter das Instrument scheußlichster Vergewaltigung Deutschlands gesetzt wurden, noch einmal schwere, entsetzliche Tage gekommen. Durch die Gassen der Innenstadt raste die Junirevolte.
Eine Woche lang stand diesseits und jenseits der Elbe die Arbeit still. In den Adern der Stadt stockte das Blut.
Die Männer, welche dem Schaffen ihrer Heimat Führer waren, saßen in ihren Häusern, ihren Villen untätig, mit gramverzerrten Gesichtern, ohnmächtig geballten Fäusten.
Die grauen und weißen Häupter, in denen sich die Erfahrungen, Kenntnisse, Begabungen ihres Zeitalters konzentrierten, waren zu wertvoll, um dem Wahnsinn der tollgewordenen Masse preisgegeben zu werden. Ordnung zu schaffen, war Sache der Jugend — der Söhne und Erben jener Gesellschaftsschicht, die in guten Tagen zwar die Führung und Verantwortung des großen Schaffensprozesses der Nation auf sich genommen, dafür aber auch die Freuden, Genüsse und Erhebungen einer erhöhten Lebensstellung genossen hatte.
Die Bürgerjugend versagte nicht. Als der Blut- und Plünderungstaumel des Pöbels auf seinem Höhepunkt angekommen war, als die scheußliche Hefe der Großstadt im Bunde mit Schwärmen von Gott weiß wo herangeströmten stadtfremden Gelichters das Innere Hamburgs in ein Tollhaus zu verwandeln drohte, wurden die Bahrenfelder Jäger und Husaren alarmiert. Sie rückten ein, stellten sich entsagungsvoll unter das Kommando des kommunistischen Stadtkommandanten — kämpften in hartem Straßenkampfe viele Stunden lang wider die Meute, deren Führer der entartete Abschaum des ruhmvollen deutschen Heeres geworden war — und wurden dann durch scheußlichen Verrat überrumpelt, entwaffnet und unter die Nagelsohlen der vertierten Masse getrampelt.
Tage tiefster Schande für die Stadt der drei Türme — Tage, die ihre Chronisten ausstreichen möchten aus ihrer Geschichte ...
Und endlich kam dennoch die Erlösung.
Lettow-Vorbecks Regierungstruppen rückten in die umzingelte Stadt. Und plötzlich war das Gesindel zerstoben.
Für Anders Niemann war's eine entsetzliche Zeit gewesen. Kaum ein anderer Sohn der Stadt hatte auch nur entfernt Ähnliches gelitten. Um nicht den Argwohn seiner Arbeitsgefährten zu erwecken, hatte er sich nicht völlig zurückhalten dürfen. Aber er hatte einen Ausweg gefunden: Er hatte sich zum Sanitäterkommando gemeldet, hatte die Leiber seiner verwundeten Kameraden aus dem heftigsten Feuer herausschleppen, ihnen die erste Hilfe bringen dürfen ... Und hatte dabei mit hundert Sinnen beobachtet, gelauscht, gelernt ...
Er wußte nun, was es war, das »Volk«. Er wußte zu unterscheiden.
Er hatte begriffen: Es gab zweierlei »Volk«. Es gab die Masse — und es gab den Pöbel.
Die Masse ... Im unmittelbaren Umkreise des namenlosen Daseins, das er für eine ungewisse Zeit des Schauens und Erkennens über sich verhängt hatte, gehörten zur Masse die Tietgens-Eltern, Clas Mönkebüll und — ach ja, auch Antje.
Das waren die Millionen, die seit Beginn der Herrschaft der Maschine in allen zivilisierten Ländern herangewachsen waren, nicht Opfer, wie sie selber wähnten, sondern Produkte der Industrie. Die Fabrik hatte den Fabrikarbeiter, die Maschine den Maschinenmenschen erzeugt. Etwas völlig Neues in der Geschichte der Menschheit — mit dem Proletarier vergangener Epochen auch nicht entfernt vergleichbar. — Ein neuer Typus, eine neue Rasse. Zunächst noch ohne seelische Verbindung mit den geschichtlichen Menschenarten, dann ohne historischen Instinkt. Und dennoch notwendig, unentbehrlich, ein organischer Bestandteil der neuen Unterschicht, welche sich zu formen begann unter der Herrschaft der ungeheuerlichsten aller Wandlungen, die jemals über das »Ebenbild Gottes« gekommen waren ...
Noch hatte diese Masse sich selber nicht begriffen — und die andern, die alten Stände, begriffen sie ebensowenig. Kein seelisches Band wob sich vom Hause Tietgens zum Hause Carstensen, von Antje zu Georg Freimann ... fremd und fern standen sie beieinander, diese Menschen, die an gemeinsamem Werke wirkten ...
Und was das entsetzlichste war: Am Boden der Masse, als dicke Hefeschicht des brodelnden Gärkessels dieses gigantischen Wandlungsprozesses hatte sich ein Etwas gebildet, das gar nicht neu, sondern uralt war, und doch, wie alle anderen Elemente der Menschheit, sein Gesicht gewandelt hatte — der Pöbel ...
Überall, wo im Laufe der Menschheitsjahrtausende die Zivilisation in das Stadium des Stadtlebens hineingewachsen war, überall da hatte sich Pöbel gebildet — der Bodensatz der Schwachen, der Faulen, der Lebensuntauglichen, der nicht Vollwertigen, der Dummen, der Schlechten ... Und uralt war auch die Erscheinung, daß dieser Pöbel, dieser Großstadtpöbel zuzeiten rebellierte — daß die Hefeschicht nicht mehr ruhig und stumpf an der Tiefe sich ablagerte, sondern aufschäumte, emporquoll, die ganze Masse des Volkstums durchtränkte, verunreinigte, in wüste Wallung brachte bis zum Überschäumen, bis zur greulichen Zersetzung ...
War's ein Wunder, daß diese Erscheinung in nie geahnter Furchtbarkeit an dieser Zeit sich auswirkte — an dieser nie erhörten Zeit der Umformung und der Erschütterung, welche die — — Maschine über die Menschheit verhängt hatte?!
Sie hatte ihr die Mittel gegeben, über Kontinente, durch Meerestiefen hindurch, rund um die Lufthülle des Erdballes zu schreiben erst und nun auch zu sprechen ... Und endlich hatte der Mensch gar das Fliegen, dem Grausen der Wassertiefe sich vermählend, das Tauchen gelernt ... Das alles verdankte er diesem Geschöpf seines Hirns, das nun die Meisterin seines Schicksals geworden war, der Dämon seines Geschlechts ...
Anders Niemann schwindelte, wenn er solch phantastischer Schickung nachsann — in den schlaflosen Stunden dieser finsteren Nächte, in denen neben ihm der schwere Atem seiner Kumpane klang.
Unsäglich das Grauen solcher Nächte — durchängstet von der hoffnungslosen Frage:
Wie soll das enden?!
Aber stärker noch als das Grauen schwoll in Anders Niemanns aufgeschlossener, von Schauen, Grübeln und Erkennen durchrüttelter Seele das Mitleid ... ein grenzenloses Mitleid mit diesem verdammten Geschlecht seiner Tage ...
Das »Volk« ... war es nicht verraten und verloren in seiner hilflosen Seelenöde? In seinem dumpfen Groll über dies Schicksal seines Daseins, das es durch eine unüberbrückbar scheinende Kluft vom Zusammenhange mit der Entwicklung seines Volkstums, mit der Geschichte seiner Nation, mit dem Seelen- und Geistesleben der historisch gewordenen Gesamtheit trennte? Das unverstanden und ohne zu verstehen nur das eine begriff: daß es irgendwie vergewaltigt werde, irgendwie betrogen um sein Menschenrecht: sinnvoll, befriedigt und freudig mitwirken zu dürfen am gemeinsamen Werk?
Was half es diesen Millionen, daß der Staat der Vergangenheit ihnen ein Mindestmaß der Existenz gesichert hatte, sie geschützt vor den lebenauslöschenden Folgen der Krankheit, des Unfalls, des Alters? Was half's ihnen, daß sie heute, zur organisierten Masse geballt, imstande waren, sich von Zeit zu Zeit eine gewisse Anpassung ihrer Entlohnung an den schwindenden Geldwert zu ertrotzen?!
Arm blieben sie dennoch — sie konnten nicht glücklich werden, niemals und auf keine Weise glücklich ...
Denn glücklich lebt nur, wer begreift ... wessen Denken geschult ward, sein Dasein in einem großen Zusammenhang als nützlich, zweckmäßig, wesentlich, notwendig, sinnvoll — heilig zu begreifen ...
Wer hatte sie das gelehrt — wer sah auch nur die Aufgabe, sie das zu lehren — wer war selbstlos, unantastbar — und dabei wort- und wissensgewaltig, überzeugt und überzeugend, wer war groß und rein genug, sie das zu lehren?!
Ach — und selbst der Abschaum, der Pöbel — verdiente er Verdammung, Niederknüppelung, Bändigung durch Knute und Kette, durch Fußtritt und Maulkorb — oder war nicht auch er weit mehr des Mitleids würdig, des Erbarmens, der Erlösung?
Dieser Tedje war von seinen Eltern gewiß mit aller Liebe und Sorgfalt erzogen, deren ihr tüchtiges, ernsthaftes Wesen, ihr angeborenes und in harter Lebensfron gestärktes Pflichtgefühl fähig war. Er war gewiß einmal ein schwieriger zwar, doch im Grunde gutartiger Bursch gewesen ... hätte vielleicht doch im Laufe ruhiger Entwicklungsjahre die Dämonen seines Wesens, den Schnaps und die Sinnengier, überwunden, und wär's an der Hand einer strammen, rüstigen, tüchtigen Frau ...
Aber da war der Krieg gekommen und hatte ihn gelehrt zu töten, zu nehmen, was nicht sein war, zu faulenzen, zu spielen, sich zusammenzurotten, zu neiden, zu hassen ... Die Gefangenschaft war gekommen, und die Peitsche kaukasischer Bergwerksvögte hatte seine Menschenwürde zerstriemt ... So war er geworden, was er war: ein Bolschewist — ein Verneiner des Wirklichen, ein Zertrümmerer des Überlieferten, ein Stück Chaos, ein Stück Satan ...
Und mit dem Haß und der Verneinung war die Gier gekommen und der Neid ... Haben, was die anderen hatten ... Nicht es verdienen durch zähe Arbeit des Kopfes — nein, es erraffen, an sich reißen mit der Masse der starken Fäuste — nicht es genießen mit den tausend Organen verfeinerter Hirne, nein, es verprassen und verwüsten in sinnloser, verständnisloser Orgie ...
Und wenn man jeden einzelnen der entsetzlichen Horde, welche die sechzehn jungen Bahrenfelder Jäger zerhackt, zerrissen, ersäuft, zertrampelt hatte — wenn man jede einzelne dieser Menschenbestien wissenschaftlich zergliedert hätte, der Entwicklung ihres Schicksals, ihrer Seele nachgespürt bis in die letzten Wurzeln ihres Wesens — hätte man nicht am Ende solchen Analysierens und Durchdringens überall das gleiche gefunden:
Unabweisbare Folgerichtigkeit — lückenlose Kausalität — unentrinnbare Logik — —
Notwendigkeit — —?!
Im Schauer solchen Erkennens begriff Anders Niemann auch sich selber — sein Handeln, Dulden, Unterlassen ... begriff's, daß er sich nicht, wie er's unzählige Male im Hirn gewälzt, der selbstgewählten Verstrickung entraffte — nein, daß er es fertig brachte, in seiner Maske, in seiner Rolle auch jetzt noch auszuhalten ... neben diesem rasenden Tedje, diesem verblendeten Clas ... Denn wichtiger noch als dies: daß der Ordnung ein Retter mehr, dem Chaos ein Bezwinger mehr entstand — wichtiger war dies andere: daß einer da war, der Ohren hatte zu hören, Augen zu sehen und ein Herz zu verstehen ...
Denn wenn hier eines retten konnte, dann war's das Herz — das hörende, schauende, verstehende Herz ...
In diesen Wochen letzter Verzweiflung, tiefsten Entsetzens war's für Anders Niemann ein Glück ohne Maßen gewesen, daß er fast täglich das Beisammensein mit der Freundin genossen hatte.
Das riesige Verwaltungsgebäude der H. T. L. war in diesen Tagen verödet gewesen, nur von einer Truppe unbedingt zuverlässiger, mit Maschinengewehren und Handgranaten schwerbewaffneter Beamten bewacht und darum von der Meute nicht gefährdet. So hatte Antje, nach Schauen und Begreifen lüstern wie ihr Freund und um ihres Freundes willen, sich in der Masse der Neugierigen umgetrieben, die, seltsam genug, am Rande des Dreckvulkans doch immer Kopf an Kopf sich gedrängt hatte, durch pfeifende Kugeln und gelegentliche Blutopfer beständig in Angst und Fluchtbereitschaft gehalten, dennoch nie ganz verscheucht ... Und abends hatten sie dann an Mudder Minings Tisch ihre Beobachtungen und Gedanken ausgetauscht, die beiden Alten, die Tochter und der Hausgenosse, dieweil Tedje und Clas in erstürmten Wirtschaften und Hotelsälen wüste Orgien gefeiert und ihre Spießgesellen mit trunkenen Phrasen berauscht hatten ... Und klarer noch als das kühle Beobachterauge des maskierten Sohnes der anderen Welt hatte das Herz des Mädchens aus der ringenden Klasse neuer Menschen begriffen und gedeutet, was sich da eigentlich vollzog ... dem Freunde den Weg gewiesen in die Tiefen dieser Tausende verworrener, verwahrloster, verhetzter, irregeführter Menschenherzen — in jene Tiefe, in der, ihrer selbst unbewußt, die Sehnsucht schluchzte — die Sehnsucht nach Zusammenhang, nach Licht, nach Sinn ...
Ihr Herz war voll Liebe, darum sah sie. Ihr Herz war licht, darum erkannte sie. Ihr Herz war Güte, darum begriff sie, darum konnte sie begreifen lehren.