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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 27: 2
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

2

Kaum waren die letzten Schüsse verhallt, kaum hatten die ersten Kompanien Lettows in den Höfen der staatlichen und städtischen Amtsgebäude ihre Gewehre zusammengesetzt, da kam auch das gewaltige Rädergetriebe der Arbeit dieser unübersehbaren Zusammenballung von Kräften und Möglichkeiten wieder in Schwung.

Im H. T. L.-Palast wie auf der Hammonia-Werft fand sich die überwiegende Mehrzahl der Angestellten aller Abstufungen alsbald wieder zur Arbeit ein.

Bob Timmermanns meldete sich bei seinem Chef mit verbundenem Kopf und Arm, dicke Beulen im Gesicht, blaue Flecken am ganzen schmerzenden Körper. Er war einem Rudel junger Lümmel, die auf der Werft zu plündern und Maschinen zu beschädigen versucht hatten, mit Armins Karabiner in der Hand entgegengetreten, hatte einen der Attentäter schwer angeschossen, war aber dann umzingelt und jämmerlich zusammengehauen worden. Nur das Eingreifen einer Anzahl Werkmeister, die ihm vom Familienwohnhause der alten Vertrauensleute mit bewaffneter Hand zu Hilfe gekommen waren, hatte sein Leben gerettet. Unter ihnen war auch der alte Tietgens gewesen, der jeden Morgen zur Werft gekommen war, um nach seinem Kran zu sehen.

Vater Carstensen und Ilse konnten sich nicht genugtun, dem tapferen Verteidiger ihres Eigentums zu danken. Bob Timmermanns schwamm in Glück.

Aber wenn Ilses ernste Augen ihn mit nie erträumter Herzlichkeit anstrahlten, dann sah er neben ihrem schmal gewordenen, vom Grauen der durchlittenen Tage gezeichneten Gesicht ein keckes Stumpfnäschen auftauchen, hörte ein helles Krähstimmchen trällern:

»— und kussen ihr die Schönheit äbb —
und kussen ihr die Schönheit äbb ...«

Herr Elias Patterson war samt seiner Tochter und seinem ganzen Stabe mit dem letzten Schnellzug, der vor der Erstürmung des Hauptbahnhofes durch Spartakus noch hatte abgelassen werden können, inmitten eines entsetzten Schwarmes flüchtender Ausländer nach Bremen abgereist und von dort mit einem englischen Frachtdampfer nach drüben zurückgekehrt.

Zum Glück ergab eine telephonische Anfrage bei den Banken, daß er die eingeräumten Kredite weder eingezogen noch gesperrt hatte ... Also er hatte den Glauben an die unzerstörbare Kraft der deutschen Wirtschaft anscheinend noch nicht verloren.

Und kaum hatte der Telegraph die Kunde von Hamburgs Wiederherstellung in die Welt getragen, da kam auch schon Kabelgramm auf Kabelgramm geflogen, die dartaten, daß die Hoffnung auf Pattersons Standhaftigkeit nicht getrogen habe. Er bat um schleunigen Bericht über die Lage und riet dringend, nunmehr sofort an die Reichsbehörden mit dem Verlangen nach beschleunigter Anerkennung des Entschädigungsanspruchs der Reedereien heranzutreten.

So fuhren denn schon wenige Tage nach dem Einrücken der Regierungstruppen Georg Freimann und Detlev Carstensen mit einigen ihrer Direktoren nach Berlin. Bob Timmermanns hatten sie diesmal zu Hause gelassen — nicht nur weil er mit seinen Beulen und Verbänden wenig repräsentationsfähig aussah ... Statt dessen hatten sie einige Unterbeamte der Linie und einige Arbeiter der Werft mitgenommen, unter letzteren den alten Tietgens als Mitglied des Vorstandes der S. P. D., Ortsgruppe Hamburg. Dennoch erntete Robert der Gewaltige den Lohn seiner Aufopferung. Unter Verleihung des Titels »Generaldirektor« wurde er zum stellvertretenden Oberleiter der Werft ernannt und für die Zeit der Abwesenheit des Herrn Detlev Carstensen mit der Leitung des Gesamtbetriebes beauftragt.

Vor wenigen Wochen würde Bob Timmermanns diese ungewöhnliche Ehrung als Ermunterung noch stolzerer Hoffnungen aufgefaßt haben. Ilse Carstensen hatte etwas Derartiges befürchtet und sah den Tagen, in denen sie nun täglich mit dem Getreuen stundenlang zusammen zu arbeiten haben würde, mit geheimem Bangen entgegen. Aber sie erlebte eine angenehme Überraschung — oder hatte sie nicht einen leisen Beigeschmack von Enttäuschung? — Der Riese, so sehr er sich draußen im Vollgefühle seiner neuen Würde sonnte, war der Tochter seines Chefs gegenüber von einer seltsamen Befangenheit ...

Seine Mimik war so durchsichtig wie seine Psychologie. Die schlaue Ilse hatte ihn bald durchschaut. Die plötzliche Teilnahme der kleinen Neuyorkerin für sein Seelenleid — und dann die Szene im Atlantic — Bessie deutsche Soldatenlieder singend, Bob Timmermanns vor Lachen berstend und inmitten des entsetzten Hamburgertums wie ein Berserker Beifall brüllend — und nun das jähe Abflauen seiner Huldigungen — da bestand ein Zusammenhang ...

Ilse lachte belustigt in sich hinein, als sie ihres Verehrers Seelennot enträtselt zu haben meinte. Aber bald hatte sie noch mehr herausbekommen. Bobbie schwankte. Bobbie wußte noch nicht recht: ... Bessie — das Täubchen auf dem Dach — o weh — es war sogar schon ein paar Häuser weiter entschwebt ... Ilse: der Spatz in der Hand! Na, warte, Bobbie — so leicht soll dir deine Untreue denn doch nicht werden!

Und fortan machte die stolze Ilse sich das kokette Vergnügen, dem Abtrünnigen ein wenig einzuheizen.

Aber wenn Ilse Carstensen während der Werktagsstunden sich boshaft vergnüglich an dem schelmischen Spiel ergötzt hatte, ihren schwankenden Verehrer zwischen Entzücken und Verstimmung, zwischen hoffender Gewißheit und im Dustern tappendem Zweifel, zwischen Ilsetraum und Bessietraum hin und wieder zappeln zu lassen — dann weinte sie nachts in ihre einsamen Kissen um den Mann, der nun längst ihr Lebenskamerad wäre, hätte sie ihn zu verstehen, zu stärken, zu trösten gewußt in einer Krise, die seinem bewährten Herzen gewißlich keine Schande gemacht hatte.