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Das Land unserer Liebe

Chapter 28: 3
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

3

Die Orkane, welche die drei Türme umtobt hatten, waren verstummt — aber drunten in der Tiefe brauste und gurgelte noch immer die »Tote See«.

Die Wahnwitzigen, welche die Lebensmittelgeschäfte ausgeplündert, auf dem Wochenmarkte die Eierkörbe umgestürzt und den Bauersfrauen die Preise diktiert hatten, bekamen nun die logische Folge ihres Eingriffs in den Wirtschaftsorganismus der Stadt zu spüren — leider mit ihnen die ganze Bürgerschaft. Die Zufuhr alles Notwendigen war ins Stocken geraten. Der Bauer blieb auf seinem Dorfe, die städtischen Händler waren ruiniert. Die Teuerung, die seit dem ersten Kriegsjahre langsam, doch unabwendbar angeschwollen war — nun ward sie Lawine und begrub die Reste des Wohlstandes ganzer Bevölkerungsklassen. Sie lastete wie immer am schwersten auf den Schultern des Proletariats. Sparen hatte es nicht gelernt. Seine Vorkämpfer hatten es nicht gelitten. Es durfte sich ja nicht »verbürgerlichen«.

»Tjä, denn helpt dat allens nich,« murmelte sogar Mudder Tietgens, »denn möt ji üm Lohnerhöhung inkomen, süß kann'k jug nich miehr satt kriegen, Jungs ...«

Und wieder telephonierte Tedje an seine Zentrale — und wieder kamen russische Hilfstruppen — kamen Hetzer und Rubelnoten. Die große Pestbeule war aufgestochen und heilte äußerlich ab — aber längst war der ganze Körper infiziert ... Das Gift fraß weiter und fand an dem tiefgeschwächten Ernährungszustande des hinsiechenden Patienten Deutschland den günstigsten Nährboden.

Tedje hatte sich von seiner ersten Angst erholt. Seine Stellung auf der Werft, inmitten seiner Kameraden, war fester als je. Nun schwang er sich an die Spitze eines Ausschusses der Werftarbeiter, welcher die neuen Lohnforderungen formulieren und der Leitung vortragen sollte.

Als Termin für die Aktion war der Tag bestimmt, in dessen Frühe die Regierungstruppen abrücken sollten ...

An diesem Morgen erhielt Bob Timmermanns beim Ankleiden den Besuch seines Bruders Armin. Der Leutnant erschien in Uniform, marschbereit. Die Schicksale, die hinter ihm lagen, hatten ihn sehr verändert.

Er hatte sich mit seiner Gefolgschaft junger Kaufleute und Studenten der Hamburger Einwohnerwehr zur Verfügung gestellt und hingebend an der Verteidigung des Rathauses teilgenommen. Nachdem die Hamburger »Regierung« mit dem unterlegenen Mob jenen schändlichen Waffenstillstand abgeschlossen hatte, war er mit seinen Kameraden der Rachewut des Gesindels ausgeliefert gewesen und wie durch ein Wunder mit zwei Messerstichen in Arm und Kopf davongekommen. In einer Privatklinik versteckt, hatte er einen Nervenzusammenbruch erlitten. Die Schmach und das Grauen hatten ihn niedergeschmettert. Das Leiden hatte ihn ernsthafter, aber auch gefährlicher gemacht. Armin Timmermanns war nicht der Mann zu vergessen. Er wußte jetzt erst, was Haß ist.

»Also leb' wohl, teures Bruderherz — und mein aufrichtiges Beileid, daß du ohne unsern Schutz in diesem Pestloch von Stadt zurückbleiben mußt ... Was macht der Karabiner?«

»Der ist auf meinem Bureau im Geldschrank eingeschlossen. Du hast recht behalten — er hat sich bewährt.«

»Ich weiß. Aber hast du das Gefühl, lieber Kerl, daß du ihn schon nach seinem vollen Werte bezahlt hast?!«

»Nein!« lachte Bob gutgelaunt und griff in die Brieftasche. »Wann sieht man dich in Hamburg wieder?«

»Hoffentlich bald ... Ich habe schon einmal so etwas wie deinen Retter spielen dürfen ... Die große Abrechnung mit den November- und Juniverbrechern möchte ich nirgendwo anders als hier erleben — wo man mich bespuckt und getreten hat ...«

Als der Generaldirektor an diesem Morgen das Werftgelände betrat, wußte er sofort, daß etwas nicht stimmte ... Überall feiernde, disputierende Gruppen ... Dicht vor dem Bureauhause, um die Laderampe und den Güterschuppen der Werfteisenbahn herum so etwas wie eine kleine Volksversammlung zusammengeballt. Das Gezeter eines Redners von der Rampe herniederschallend — grelle Zwischenrufe, die Klingel eines selbstbestellten Verhandlungsleiters — ein Güterwagen als »Olymp«, das Dach des Schuppens dicht von gierig lauschenden Hörern im Arbeitskittel besetzt — ja sogar am Schaft eines riesigen Bogenlampenkandelabers klebten sie wie die Fliegen ... Und als des verhaßten Generaldirektors allbekannte Gestalt unfern dem Meeting vorüberstapfte, schollen Pfiffe, Gröhlen, Schimpfworte: »Wullt du een' op de Nehs' hebben, Grotsnuut?!«

Aber auch das erkannte des Kundigen Auge: Es waren nur die jüngeren Elemente, die Ungelernten, die »Halbstarken«, welche die »Bewegung« trugen. Die älteren, besonnenen Werftangehörigen fehlten einstweilen. Ein Trost — aber ein geringer. Der Terror der Jugend würde früh genug auch die Widerwilligen, die Friedfertigen, die Maßvollen mitreißen ...

Ilse kam dem Freunde mit fiebernden Augen entgegen:

»Heut gibt's wieder was! Gut, daß Sie kommen — ich hatte schon Angst, man hätte Ihnen den Weg verlegt ...« Und ihre Augen leuchteten Dank, Vertrauen ... Bobbies Herz klopfte, seine Donnerstimme ward brüderlich zart:

»Keine Angst, Fräulein Ilse —« wahrhaftig, er wagte es, Fräulein Ilse zu sagen! — »es ist vorläufig halb so schlimm ... Nur die Lausebengels sind beisammen ... Aber freilich: das ist immer der Anfang ... Die andern lassen sich mitreißen ...«

»Ein Streik muß unter allen Umständen vermieden werden«, meinte Ilse. »Ein Kabel von Patterson ist da: Der Konzern bestehe darauf, daß die ›Deutschland‹ spätestens Mitte Januar vom Stapel laufe — andernfalls werde man die Hoffnung auf Wiederherstellung unserer Bündnisfähigkeit aufgeben ...«

»Wann wird er kommen?« fragte der Generaldirektor.

Um Ilses Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Er schweigt sich aus. Aber hier ist noch ein Telegramm an Ihre Privatadresse.«

Timmermanns trat ans Fenster und las — o weh — es war Englisch — und dabei die Unterschrift: Bessie Patterson ... Verflucht ...

Ein kurzer Kampf — dann wußte er, was er zu tun hatte. Mochte die Stolze immerhin wissen, daß die kleine Dollarmaid ihm etwas mitzuteilen hatte.

»Würden Sie die Güte haben, Fräulein Ilse, mir das vorzulesen?«

Und lächelnd entzifferte Ilse: »Höre bedauernd meines dicken Meisters Verletzung, kabelt Befinden.« Und mit boshaftem Schmunzeln las sie laut den Namen der Absenderin.

Bobbie glühte wie ein Stahlblock unterm Fallhammer. Na — wenn schon — —

»Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll und setzen Sie mir eine Antwort auf!«

Ilses Lippen zuckten vor Übermut. Sie kritzelte ein paar englische Worte auf ein Notizblatt und reichte es dem Treulosen.

»Heißt wie auf Deutsch?«

»Knochen wieder gesund, Herz unheilbar angeknackst. Bobbie.«

»Fräulein Ilse —!« stammelte der Riese. »Ich bitte Sie — wie können Sie nur —«

»Versuchen Sie nicht zu schwindeln — — Herr — Generaldirektor!« lachte Ilse. »Das können Sie nicht.«

Ein rauhes Klopfen überhob ihn der Antwort. Und schon sprang die Tür auf: Eine Gruppe junger und ganz junger Arbeiter stapfte geräuschvoll herein — mit ihr eine Wolke von Schweißdunst, Öldunst, Teerdunst, Schnapsdunst —.

Tedje Tietgens an ihrer Spitze ... auf seinen Zügen flammte die Röte der Destille. Da sah er Ilse — und eine zweite heißere Flamme zuckte in seinen Augen auf. Er wandte sich halb an den Generaldirektor, halb an die »Feine«.

»Wir sünd die Deputaschon von unsre Kollegen!« begann er pathetisch. »Wir sünd von die Versammlung unsrer Kollegen beauftragt, die Forderungen der Arbeiterschaft vorzulegen — und wir sünd beauftragt, die Werftdirekschon ein Ul — ein Ul —«

»— ein Ultimatum, wollen Sie sagen, Tietgens«, half Timmermanns herablassend ein.

»Ja — dat is dat Wort —« stotterte Tedje, »öwerst ick bün nich Tietgens, dat Sei't wissen, Herr Timmermanns — ick heiß' Herr Tietgens!«

Die Kollegen knurrten grinsend Beifall.

»Und ich heiß' Herr Generaldirektor, Herr Tietgens, daß Sie's wissen«, erwiderte Timmermanns gelassen. »Nehmen Sie Platz, meine Herren, soweit die Stühle reichen. Bitte um die Aufstellung.«

Tedje setzte sich breitbeinig, reichte ein Blatt, das die Forderungen der Streikwilligen enthielt. Der Generaldirektor gab die Tabelle an die Tochter seines Chefs weiter. Die las aufmerksam, gesenkten Hauptes. Tedje verschlang jede ihrer Bewegungen. Höll' un Düwel — so was in die Arme kriegen — — das nächste Mal mußte es noch viel doller gehn — die rote Woche durfte nur ein Auftakt gewesen sein. Man hatte sich begnügen müssen, entwaffnete Männer aus der Bourgeoisie zu massakrieren ... bis an die Weiber war man noch gar nicht gekommen ...

Ilse Carstensen reichte ihrem Getreuen das Blatt zurück. Beider Blicke trafen sich. Bob Timmermanns verstand Ilses stumme Frage: Ist das überhaupt tragbar? Er schüttelte den Kopf.

»Meine Herren,« sagte der Generaldirektor, »wenn Sie denken, die Werftleitung hätte die Mittel, um diese Forderungen zu bewilligen, dann irren Sie sich. Wir verfügen über einen Kredit, der beschränkt ist — das Geld ist fast alle. Herr Carstensen ist in Berlin, um mit der Reichsregierung wegen der Entschädigungen für die Reedereien zu verhandeln. Werden die vom Reich bewilligt, dann läßt sich über eure Forderungen reden. Vorher — ausgeschlossen. Sagen wir heute ja zu diesen Ansprüchen, dann müssen wir in acht Tagen die Bude zumachen.«

»Een Pund Brot kost' seit gistern hundert Mark, Herr Generaldirektor«, sagte Tietgens. »Reken Sei sick gefälligs ülben ut, woans en Familienvadder mit den'n ollen Lohn bestohn kann.«

Und wieder brummten die Genossen Zustimmung.

Timmermanns schwieg in dumpfem Sinnen. Sie hatten recht ... die Leute ... Die Not der Zeit wuchs allen über die Köpfe — den Arbeitnehmern wie den Arbeitgebern ... Als ungerecht, als überspannt konnte man die Ansprüche der Arbeiterschaft unmöglich bezeichnen. Aber was war zu machen? Es ging nicht ...

»Leute, seid vernünftig ... Wenn wir eure Forderungen bewilligen, ist die Werft in acht Tagen pleite, ich schwöre es euch ... Es ist eine schwere Zeit — wir müssen alle zusammen uns einschränken ...«

»Solang dei Döchder von unse Arbeitgebers noch Brillanten an die Fingers drägen,« rief Tedje mit einem Vampirblick nach Ilses leise bebenden Händen, »solang'n söhlen Sei uns nich wat von Inschränken vörklöhnen —«

In Scham zog Ilse ihre Hand zurück ... Wie hatte sie nur vergessen können, den Ring abzulegen ...

»Ji sitten in dei Villas un eeten Botter un Wittbrot!« kreischte Tedje und sprang auf. »Wie slopt op Stroh un fret dreuges Markenbrot — kamt uns nich mit Inschränken, süß sprekt wi en anner Word!! Ne, Timmermanns, so mötten Sei uns nich komen!« Und er hieb mit der hammergewohnten Faust auf den Tisch, daß die Tintenfässer tanzten.

»Respekt, Minsch, Dunnerslag noch mol!« brüllte da Bob Timmermanns. »Wenn ji vergeten doht, wen je vör jug hebbt, dann smiet ick Sei an de Wand, Tietgens, as all eenmol! Hebbt Sei dat all vergeten?«

Diese Erinnerung an seine Niederlage vor den Ohren und Augen dieser Frau — der wilde Bursche verlor den Rest seiner Besinnung. Er griff einen Stuhl und schwang ihn empor. Seine Kameraden fielen ihm in den Arm. Ilse riß Timmermanns zurück — ihre Kinnbacken bebten.

»Teuf, mien Deern!« schrie Tedje unter den Fäusten seiner Kollegen. »Ick will di woll kriegen — un wenn dien Schlöks von Brögam bi di wakt und bi di slöppt ... Unsre Kam'roden in Rußland — —«

Da schnarrte der Fernsprecher.

Ilse nahm den Hörer ... und schon hatte sie ihres Vaters Stimme erkannt. Es war wie ein Zauber — als stünde er neben ihr, so laut und klar klang seine Stimme, dem Beben froher Erregung zum Trotz, das sie durchschwirrte ...

»Ach, Ilse — du selber? Eine Freudenbotschaft: Die Regierung bewilligt der H. T. L. als erste Rate hundert Millionen!«

»Meine Herren,« sagte Ilse, »die Werftleitung bewilligt die Forderungen der Arbeiterschaft.«

»Verdammi!« knirschte Tedje Tietgens in sich hinein.