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Das Land unserer Liebe

Chapter 3: 2
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

2

Der Berlin-Hamburger D-Zug schnob durch die kahlen Marschen von Billwärder, auf deren Feldern die Frühsaat saftgrün in Halme schoß. Seinem regelmäßigen Bestand an Durchgangswagen waren vier Waggons dritter Klasse angehängt — für einen Trupp heimkehrender Kriegsgefangener, die aus Hamburg, Harburg, Altona stammten.

Sie hatten ein abenteuerliches Schicksal hinter sich. Aus den kaukasischen Bergwerken hatten sie sich nach Ausbruch der russischen Revolution im Fußmarsch bis Moskau durchgeschlagen. Hier waren sie einem »Arbeiter- und Soldatenrat« der deutschen Kriegsgefangenen in die Hände gefallen, der von der Sowjetregierung beauftragt war, die in der Hauptstadt eintreffenden Kameraden zu empfangen, zu versorgen — und nebenbei nach Kräften zu bolschewisieren. Die Mitglieder dieses edlen Rates, eine Gesellschaft übelster Sorte, hatten die ihnen überwiesenen Leidensgefährten, statt sie unverzüglich nach Deutschland weiterzubefördern, mit kaum verhüllter Gewalt zurückgehalten. Nur ab und an fertigten sie, um den Schein zu wahren, einen Transport nach Deutschland ab. Für den aber suchten sie nach Möglichkeit nur solche Heimkehrer heraus, welche sich ihre bolschewistische Theorie und Praxis gründlich zu eigen gemacht hatten. Von dieser Sorte waren die anderthalb hundert ehemaligen Werft- und Hafenarbeiter aus dem Hamburger Bezirk, die der Berliner Zug heute morgen ihrer Heimat entgegentrug. In ihren verworrenen Seelen tobte ein wilder Tanz der Gefühle: Heimkehrbangen, Wiedersehensfreude, Sehnsucht nach der lang entwöhnten Berufsarbeit — das alles wirkte und wühlte wohl im innersten Herzensbezirk. Aber nach außen trugen sie ein ganz anderes Wesen zur Schau. Waren sie nicht die Träger und berufenen Verkünder der großen Heilslehre aus dem Osten? Schon beim Halten in Spandau waren sie aus den ihnen angewiesenen Wagen herausgeströmt und hatten sich durch den ganzen Zug verbreitet. Sie lümmelten sich auf den mit roter Kriegsleinwand bespannten Polstern der ersten Klasse, setzten im Speisewagen die Unterstützungsgelder der Hilfskomitees in Schnaps und Sekt um und entsetzten die verschüchterten Fahrgäste durch greuliche Reden von Zukunftsstaat, Ausrottung der Bourgeoisie und Diktatur des Proletariats.

In einem Abteil der ersten Klasse lagen, langhingestreckt auf den roten Bänken, von denen die berechtigten Fahrgäste mit Entsetzen in die Korridore entwichen waren, zwei ungleiche Kameraden in abgewetzten, verdreckten, verlausten Feldmänteln. Sie qualmten Zigarette um Zigarette. Und Tedje Tietgens, einst Nieter auf der Hammonia-Werft, dann schwerer Artillerist und seit der Brussilowoffensive Kriegsgefangener im fernen Osten des Zarenreiches, entwickelte dem Genossen seines Handwerks und seiner Gefangenschaft seine Zukunftspläne.

»Deerns, Clos, junge Deerns möt ick nu irst mol hebben ... Ick bün, as wör ick rein dull un uthungert op Deerns ... Öber nich son'n smuddlige Mietjes ut de Fabriken. Uns' russ'sche Kam'roden, wat dei sünd, weißt du, Clos, de hebben sick den'n Zoren sien Döchter halt ... Ick hal mi de Fienste von de Fienen ut'n Harvestehuder Weg ... un denn möt dei danzen, as ick fleit ... Junge, Junge, dat möt ick erleben ... Nu sünd wi de Herren, nu warden dei Wiewer requirert, as Volkseigentum erklärt und denn sozialisert ...«

Und der ungeschlachte Geselle dehnte und rekelte den stämmigen Leib, dem zwei Jahre harter Fronarbeit unter der Knute russischer Aufseher von seiner Urkraft so wenig hatten nehmen können wie einst die minder schwere, doch ungleich gefahrvollere Arbeit des Nietens, hoch droben am werdenden Eisenleibe gigantischer Schiffsrümpfe.

Sein Gefährte, untersetzt, kräftigen Leibes wie er, doch neben dem klobigen Gesellen fast schmächtig anzuschauen, lag ganz still und behaglich hingestreckt und schaute den Kringeln seiner Zigarette nach, die am Gepäcknetz verstiebten.

»Achtstündigen Arbeitsdag!« träumte er mit verschleierter Stimme vor sich hin. »Klock veer is Sluß op dei Werft! Un denn nah Huus, un in mien Quartier heff ick'n Pianino ... un denn späl ick'n ganzen Obend ... ganz wunnerscheune Soken späl ick denn, Schumann un Brahms ... nich ümmer blot taun Danz as vör Tieden ... Ja ... wenn man blot mien Finger nich ümmer so stief wören von dei swore Arbeit op dei Werft ... denn spälte Clos Mönkebüll bi de groten Konzerten.«

»Du büst'n groten Quasselkopp un Spintisierer, Clos!« knarrte Tedje. »Nu kannst du fiene Dam's kriegen, so väl as du wullt — un brukst jem nich erst wat optauspälen, dat du sei dull makst nah di ... Nu brukst du blot mol kommanderen: Runter mit die Lappen! — denn hest du s' all, as sei wussen sünd ...«

Eine Unruhe entstand im Zug. Aus allen Abteilen drängten die schweißdunstigen, bartumstarrten Gestalten der Heimkehrer in die Gänge.

»Hamborg! Kiekt blot, Jungs, nu kümmt Hamborg!«

Straßenzeilen drängten sich an den Zug heran, hochragende Speichergebäude, alles grau und geschwärzt im fahlen Lichte des nebelverhangenen Vorlenztages ... Und nun:

»Kiekt, Jungs — de Hoben ... Ober wo leddig ... Dunnerslag noch mol — wo leddig; grod as weer hei utstorben ...«

Die Männer hatten seit ihrer Rückkehr aus Feindesland schon viel von ihres Vaterlandes Schicksal geschaut. In fremder Städte Bannkreise waren sie sich der grauenvollen Veränderung nicht voll bewußt geworden — hatte der begeisterte Empfang, den die Genossen ihnen bereitet, das trunkenmachende Bewußtsein des inneren Sieges ihrer Klasse ihnen die Erkenntnis der vernichtenden Folgen der äußeren Niederlage bis zu dieser Stunde noch verschleiert. Nun tat sich ihre Heimat, ihre Arbeitsstätte vor ihnen auf — nun fröstelte jählings in ihren Seelen die entsetzliche Ahnung, daß die Hand des Feindes nicht dem verhaßten Kapitalismus allein, nein, jedem einzelnen von ihnen die Wurzeln des Daseins abgrub.

Schon lief der Zug in die rußige Halle des Hauptbahnhofs, und bald strudelten die Heimkehrer die Treppen zur Durchgangshalle hinan, quollen als mißfarbiger Schwall auf den fast ausgestorbenen Glockengießerwall hinaus. Und wieder nun, wie bisher auf allen Stationen, wehte ihnen das geliebte, mit fanatischer Inbrunst verehrte Rot entgegen. Empfangskomitee, Kaffee, Wurststullen, Begrüßungsreden:

»Willkommen, Brüder, Genossen, Proletarier im befreiten, verjüngten Vaterlande!«

Die bis zum Überfluß vernommenen Phrasen zündeten nicht mehr so hitzig wie in Breslau und Berlin ... Auf den gefurchten Stirnen, unter den früh ergrauten Scheiteln der Familienväter hockte plötzlich die Sorge um Arbeit und Brot ... Man würde ja nicht hungern müssen, o nein, der neue Staat sorgte für die arbeitslosen Verteidiger des alten ... Aber man war nicht heimgekehrt, um stempeln zu gehen — man sehnte sich nach dem altvertrauten Schaffen ... nur kürzer müßte es sein, nicht den ganzen Tag mit Beschlag belegen, nicht Leib und Seele ausdörren ... Und der Hafen so leer ... Woher sollte da — —

Die Organisatoren des Empfanges kannten solche Stimmungen. Die sollten jedenfalls nicht gleich zu Anfang aufkommen. Noch schaltete ja über Hamburg der Arbeiter- und Soldatenrat ...

Musik zur Stelle — es ordnete sich ein Zug. Und es war wie eine Selbstverständlichkeit, daß der lauteste, selbstbewußteste, klassenbewußteste der Schar, der stämmige Tedje Tietgens, das bereitgehaltene rote Panier ergriff und hart hinter der Musik dem Zug der Kameraden vorantrug. Die Trompeten, die einstmals den Ersatz der Sechsundsiebziger zur Ausfahrt ins Feld begleitet hatten, schmetterten nun der Heimkehr der bolschewisierten Trümmer der wehrhaften Mannschaft Hamburgs voran. Taktfester Gesang aus zweihundert Kehlen brandete an den Mauern der Geschäftshäuser des Glockengießerwalls empor, zum Alsterbecken hinüber:

»Wir bluteten vier Jahr
in Schlamm und Glut und Graus
für Krone, Thron, Altar —
nun ist die Knechtschaft aus!
Was hoch und stolz, das fällt
im Sturm der neuen Zeit —
nun bringen wir der Welt
die rote Seligkeit!«

Wenige Minuten später als der Berliner Zug war von Harburg her der Bremer in die Halle gelaufen. Ihm entstieg unter dem tagesüblichen Gewimmel jener Geschäftsleute, die sich im revolutionären Deutschland einzurichten gewußt hatten, ein junger Marineoffizier in stark strapazierter Uniform, das Eiserne Kreuz Erster Klasse und eine breite Ordensschnalle auf der Brust. Er war ja nun wieder frei ... Aber auch in seinen Zügen stand noch das dumpfe Entsetzen des ersten Wiedersehens mit dem Hafen, dem Lebenszentrum seiner Vaterstadt. Auf Urlaub, während des großen Ringens, hatte man diesen Zustand als natürliche Kriegsfolge empfunden — sein Fortbestehen nach dem Waffenstillstande durchschauerte die Seele mit bitteren Beklemmungen ... Die überschatteten die ernsten, feinen Züge des Seemanns, den seine Ehrenzeichen als Bewährten erkennen ließen — und nur ein tiefes Aufatmen der schmalen Brust, ein verstohlenes Glimmen in den stillen, nach innen schauenden Augen verriet, daß in diesem Jüngling-Mann auch Hoffnungen und Sehnsüchte der Heimat entgegenjubelten — aller tiefsten Trauer um den Jammer des Vaterlandes, der Vaterstadt zum Trotz.

Von so widerspruchsvollen Gedanken durchstürmt trat der Kapitänleutnant Heinz Freimann aus der Pforte des Hauptbahnhofs auf den Glockengießerwall hinaus. Heimat ... Vaterstadt ... Wie anders als einst ... Wohin der brandende Schwall des Reiseverkehrs der Handelsmetropole? Und in den Lüften alles wie still ... Es fehlte etwas — jener Klang, der einstens dem Ankommenden den Gruß der Schiffahrt entboten hatte — das vieldutzendstimmige Heulen der Sirenen aus- und einfahrender Dampfer ... Also Hamburgs Hafen immer noch in todgleicher Erstarrung ... Und wo war die endlose Reihe der Autos, die sonst vor dem Bahnhofseingang der Reisenden geharrt hatte? Nirgends ein Gefährt zu erspähen ... Freilich: das war auch während der Kriegsjahre so gewesen. Aber — war denn jetzt nicht Friede? Nur wogende Menschenmassen — alles vom Proletariertyp, in jedem Knopfloch, an jedem Frauenmantel die blutrote Rosette ... Und in der Ferne, nach der Lombardsbrücke zu, wälzte sich ein Zug von hinnen — schmetterte marschfeste Musik, brandete das blutaufpeitschende Lied von der »roten Seligkeit« ...

Jetzt erst gewahrte Heinz Freimann, daß neben dem Bahnhofseingang vor einem blutrot lackierten Schilderhaus ein Posten stand — ein Matrose, die Flinte am Riemen umgehängt, die Mündung, jedem infanteristischen Gefühl zum Trotz, nach unten gekehrt. Der Mann stand nicht etwa stramm, als des Offiziers Auge ihn traf — den erstaunten Blick des Vorgesetzten beantwortete er mit einem tückisch-herausfordernden Grinsen ...

Ach so ...

Vor dem Heimgekehrten stand plötzlich ein sechzehnjähriger Lümmel mit frechem, verwüstetem Gesicht:

»Na, wat's dit? Sei hebbt woll de niege Tied verslopen?! Wüllt Sei mol fix den'n ganzen Plünn'nkrom von Achselstücken un Kron' un Ordens un Kokarr runnernehmen? Öber 'n bäten fix, segg ick ... wat?!«

Der Offizier sah eine Sekunde lang verständnislos auf den unverschämten Bengel herab — ihm zuckte die Hand, den Buben abzustrafen — aber schon wandten sich ringsum die Köpfe, stockten Schritte, schob sich's heran, glotzten herausfordernde Blicke, gellten Schreie, Flüche, Pfiffe.

»So'n utverschamten Reaxionär! Messers rut! Riet em de Plünn'n von'n Liew!«

Heinz Freimann starrte entsetzt in den Klumpen Gier und Haß, der sich sekundlich dichter um seine Heimkehr zusammenballte. Und schon war's geschehen. Derbe, arbeitsrissige Männertatzen, behandschuhte, parfümierte Dirnenhände, schmutzige Knabenfinger griffen nach ihm, rissen ihm die Waffe von der Seite — die Krone vom Ärmel, die Achselstücke von den Schultern — vom Rock die Ehrenzeichen, in vielen Dutzenden todumdräuter, abenteuertoller Seegefechte verdient — Püffe regneten ihm wider Brust und Bauch, seine Mütze, der Kokarde beraubt, wurde ihm roh von hinten wieder aufgestülpt, daß ihm der Schirm über die Augen fiel ...

Da stand er, taumelnd, gebrochen — ein Blutrinnsel tropfte ihm übers Gesicht, auf dem die dicken Beulen aufquollen ... um ihn johlte Triumphgeheul, Hunderte von haß- und hohngrinsenden Augenpaaren starrten ihn an ...

Wenn sie mich doch nur ganz zusammengetrampelt hätten — das war der erste halbbewußte Gedanke des Geschändeten. ... Der zweite: fort — fort — sich verkriechen ...

Wankenden Schrittes tappte Heinz von dannen, der Lombardsbrücke zu. Da hinten irgendwo gehörte er ja hin ... Dorthin, wo nun jenseits der Kunsthalle, des Schillerdenkmals der weitgeschwungene Bogen des Alsterufers auftauchte, Harvestehudes kühl-unnahbare Vornehmheit ... Der Pöbelhaufe begleitete ihn, johlend, pfeifend —

Und stob plötzlich auseinander — spritzte nach rechts und links, gab einem Auto den Weg frei, dem das gellende Hupensignal Bahn riß ... Auf dem Motorgehäuse flatterte ein winziges Sternenbanner. Nur der Kapitänleutnant hatte den Warnruf nicht vernommen — taumelte verblödet seinen Weg ... und ward plötzlich umgerissen ... Der Chauffeur des Kraftwagens hatte im letzten Augenblick scharf gebremst und das Steuerrad herumgerissen, sonst hätte er den Betäubten vollends überfahren.

Seltsam! Dieselben Menschen, die eben noch den Offizier entwaffnet, beschimpft, mißhandelt hatten, wandten sich nun mit verschärfter Wut und Empörung gegen den Fahrer und den Insassen des Wagens mit der feindlichen Flagge.

Der hagere, bartlose Herr, der bisher mit verächtlichem, unbeteiligtem Gesichtsausdruck im Lederpolster gelegen hatte, sah sich nun bemüßigt, sich des uniformierten Mannes anzunehmen, den sein Gefährt, achtlos durch die Massen des besiegten Volkes dahinrasend, zur Strecke gebracht hatte. Er machte eine lässig beschwichtigende Handbewegung gegen die Menge, die sein Gefährt mit geballten Fäusten und drohenden Mienen umdrängte, stieg federnden Schrittes aus, rief seinem Chauffeur einen Befehl zu und hob mit dessen Unterstützung den sich mühsam aufrichtenden Offizier in seinen Wagen. Und ehe die Herandrängenden recht zum Bewußtsein gekommen waren, flog das Gefährt mit dem flatternden Sternenbanner über die Lombardsbrücke.

»Beg your pardon, Sir —« sagte der Herr des Wagens zu seinem Opfer und Schützling und fuhr in leidlich verständlichem Deutsch fort: »Ich bin sehr unangenehm habend Sie beschädigt ... wohin muß ich bringen Sie?«

Heinz Freimanns Sinne fanden sich langsam wieder zueinander. Er richtete sich auf und sagte eisig ablehnend:

»Lassen Sie halten. Ich wünsche auszusteigen.«

Sehr höflich bat da der Amerikaner wiederholt um Verzeihung und um Erlaubnis, das Versehen seines Chauffeurs dadurch wieder gutmachen zu dürfen, daß er den captain nach Hause fahre.

»Ich meine zu sehen, Sie haben gehabt eine collision mit Ihre countrymen ...«

»Ich bitte wiederholt, mich sofort aussteigen zu lassen ...«

Je schärfer des Deutschen Stimme klang, desto liebenswürdiger wurde der Amerikaner. Er ging ins Englische über:

»Mein Name ist Elias Patterson ... ich bitte wiederholt um die Vergünstigung, Sie heimfahren zu dürfen ...«

Heinz Freimann, im Bann einer unbesieglichen Müdigkeit, gab sich gefangen. »Harvestehuder Weg 327, Villa Freimann, bitte rechtsum am Wasser entlang ...«

Der Fremde wurde ein wenig verlegen und verdoppelte seine Verbindlichkeit. »O — Villa Freimann ... Ich kenne Villa Freimann ...«

»Ich bin der Sohn des Herrn Freimann«, sagte Heinz auf Deutsch.

»Oh — ich bin glücklich zu hören, daß Sie mich verstehen in Englisch« — und weiter in der heimatlichen Sprache: »Ich bin untröstlich, daß meine erste Wiederbegegnung mit dem Hause meines alten Freundes Freimann ein wenig gewaltsam war ... Ich kenne Ihren Vater sehr gut aus den schönen Tagen des Morgan-Trusts ... Wir haben sehr gut zusammen gearbeitet zum Wohle der amerikanischen und der deutschen Schiffahrt — damals — in glücklicheren Zeiten. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, wie ich nach Hamburg komme. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist gebeten worden, einen Sachverständigen zu senden, welcher der Entente-Kommission bei Übernahme des letzten Schiffes der Hansa-Transatlantik-Linie als Berater zur Seite stehen soll. Ich habe den Auftrag des Weißen Hauses um so lieber angenommen, als ich als Chefbesitzer des Patterson-Großreederei-Konzerns in sehr angenehmen Beziehungen zur H. T. L. und ihrem ausgezeichneten und hochverdienten Leiter, Ihrem Vater, gestanden habe ...«

In Heinz Freimanns dröhnendem Schädel hatten sich inzwischen die Gedanken ein wenig geordnet. Allerhand Assoziationen schossen an: Patterson-Konzern — natürlich, eine der führenden amerikanischen Dampfschiffahrtsvertrustungen ... Ja, Heinz meinte sich sogar zu entsinnen, daß er einmal auf Urlaub in seinem Vaterhause dem Leiter dieser riesigen Zusammenballung amerikanischer Seeinteressen begegnet sein müsse ... Aber dazwischen lagen die vier Jahre — die hatten von der Tafel des Gedächtnisses unzählige Erinnerungen und Bilder spurlos ausgelöscht ...

»Mein Vater wird erfreut sein, von Ihnen zu hören«, sagte er in Haltung.

»Ich weiß nicht genau« — wieder lächelte Patterson diplomatisch. »Ich werde ihn darauf vorzubereiten haben, daß meine Sendung nicht ganz uninteressiert ist ... Aber wie ich Ihren Vater kenne, wird er es ahnen, wenn er nur meinen Namen hört ... Sagen Sie ihm, er soll nicht böse sein — Elias Patterson wird ihn besuchen, wenn das amtliche Geschäft vorüber ist — vielleicht machen wir dann noch ein privates ...«

Das Auto hielt inmitten der Doppelreihe der Baumkolosse des Harvestehuder Weges. Über den schneegesprenkelten Rasenflächen, den braunen Bosketts stieg in ablehnendem Weiß Villa Freimann auf. Ihr Stil verriet, daß der Präsident der H. T. L. sich bei der Gestaltung seiner Lebenshaltung statt von dem eigenen Geschmack von dem unfehlbaren Takt seiner Gattin beraten ließ.

Heinz Freimann zwängte einen formelhaften Dank über die Lippen.

»Auf Wiedersehen, Herr Freimann ... grüßen Sie Herrn und Frau Freimann ... und lassen Sie sich die Heimat so gut schmecken, daß Sie den abscheulichen Empfang vergessen!«

Der Seemann hastete den knirschenden Kiesweg hinan. Nur nicht gesehen werden so — nur schnell verschwinden und vom Leibe reißen das besudelte Ehrenkleid ...

Ein Schillervers aus Primanertagen zuckte auf:

»O schöner Tag, wenn endlich der Soldat
ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit —«

Aufschreien hätte er mögen — aufschreien ...

Und da war er doch gesehen worden ... Ein Willkommen scholl vom Altan, eine helle, festlich gekleidete Mädchengestalt stieg die Treppe hinunter in jener vollendeten Haltung, welche die Hamburgerin aus erster Familie so peinlich wahrt, wenn sie sich in die Sphäre der Beobachtungsmöglichkeit begibt ... Aber als die Braut die fahlen, leidensgefurchten Züge des geliebten Mannes enträtselte, da war es doch um ihre Fassung geschehen. Zwei junge Menschenkinder flogen sich entgegen, umschlangen sich in Harm und Seligkeit, schluchzten einander all ihr Trennungsleid und ihren Jammer ums zertretene, geschändete Vaterland entgegen.

Ilse Carstensen hatte das Fehlen der Achselstücke, der Krone, der Ehrenzeichen bemerkt und — in diesem instinktiven Wissen um das Grausen der Zeit ganz richtig verstanden ... Sie würde seinen Eltern alles erklären, niemand sollte ihn fragen dürfen.

»Mein Junge du — mein Junge ... Still — bist bei mir — nun wird alles gut ...«

Und da — da stand Frau Johanna. Durch Tränenschleier strahlte ihr Mutterauge doppelt hell ... Auch sie hatte sofort gesehen ... und begriffen. Man wußte ja aus Zeitungen, wie der deutsche Pöbel seine Kämpfer empfangen hatte ... Sie winkte dem alten Charlie, der auf der Terrasse stand, bescheiden im Hintergrunde, doch im Blick den ganzen tiefen Anteil des vasallentreuen Greises.

»Charlie — sofort mit Herrn Kapitänleutnant auf sein Zimmer — Bad, frische Wäsche, Zivil ...«

Dann erst schloß sie ihren Einzigen in die Arme. Es war ja alles, alles gleichgültig — er war da, war frei — lebte — es hatte ihn nicht behalten, das brüllende Meer, der brüllende Krieg ... O doch, es wachte droben ein gnädiger Hüter ...

Und dann stand Heinz vor dem Vater, der ihn um eines Hauptes Länge überragte.

»Willkommen, mein Sohn, in dem, was übrig ist von unserm armen Vaterland ...«

»Still, still, Georg —« flüsterte Frau Johanna. »Ein Festtag ist's, ein hoher Festtag! Nein, nein, Heinz, jetzt nicht fragen, nicht erzählen ... Laß ihn, Georg, er kommt von langer Reise, ist müd' und angegriffen, wie kann's denn anders sein? Komm, mein Junge, deine Zimmer warten, und Charlie läßt das Bad einlaufen. Das brauchst du jetzt am nötigsten ... bist ja daheim, mein Junge, bist ja daheim!«

Gott, diese Wonne, sich ganz stumm und einsam in die warme Flut versenken — und dämmern — schweigen — leben — —

Wortlos räumte der brave Charlie das verstümmelte Soldatenkleid hinweg — grimmige Flüche im Herzen auf das Pack ohne Distanzgefühl — und doch ein beglücktes Lächeln auf den schmalen, umfalteten Lippen — breitete mit Behagen den hechtgrauen Zivilanzug aus, die seidene Wäsche — warf ganz bescheiden seinem jungen Herrn einen Blick zu, der sich verklärte, als er dankbar lächelnd erwidert wurde ...

Und drunten rüsteten die Frauen den Eßtisch, besetzten ihn mit seltenen, lang aufgesparten Köstlichkeiten ... und zwischendrein sahen sie einander in die Augen — die feuchteten sich, es zuckten die Lippen ... und plötzlich fielen die zwei einander in die Arme ...

»Mut, liebste Mama —« sagte Ilse und löste ihr blondes Haupt von der zuckenden Schulter der Mutter ihres Geliebten — »Mut! Wir werden arbeiten — Heinz an seines Vaters Seite — wir kommen wieder hoch — wir kommen hoch!«

Eine trotzige Falte grub sich in Ilse Carstensens Stirn — das Erbteil eines alten Geschlechtes von Schiffbauern ... es konnte seinen Ursprung bis in die Tage zurückverfolgen, da ein Timm Carstensen der Stadt Hamburg jene stolzen Koggen baute, die dann den Dänenkönig Waldemar Atterdag das Fürchten lehrten.

Georg aber war in sein Arbeitszimmer getreten. An diesem Schreibtisch hatte er nach Geschäftsschluß all jene ehrgeizigen Pläne ausgesonnen und aufgezeichnet, welche die H. T. L. zur ersten Dampfschiffahrtsgesellschaft der Welt gemacht hatten. Wie manchen Brief des Kaisers hatte er hier beantwortet in seinem schwungvollen Stil, der den Geschmack des weiland Schirmherrn deutscher Handels- und Schiffahrtsgröße so meisterhaft zu treffen gewußt hatte ...

Nun sann er nicht mehr. Dumpf und ausgebrannt war sein Hirn, sein unverwüstlicher Wille gelähmt. Er fühlte: der schluchzende, unter ungeahnter Schande zusammengebrochene Jüngling, der seines Blutes einziger Erbe war, der war nicht aus dem Holz, aus dem die großen Kommodoren geschnitzt werden. Er wußte: er war allein. Und heute abend dampfte der »Altreichskanzler« unter der Flagge der vereinigten Weltmächte in den Ozean hinaus.

Freimann öffnete ein Geheimfach und starrte auf den braunen Lauf des letzten Trösters ...