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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 30: 5
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

5

Herr Patterson hatte einen endlosen Fragebogen mitgebracht: Die Fusion hatte drüben tausend Probleme und Einzelfragen ausgelöst, die besprochen und geklärt sein wollten. Und neben Bessie und dem technischen und kaufmännischen Stabe waren diesmal auch mehrere führende Persönlichkeiten der Kapitalgruppen mitgekommen, welche im Patterson-Konzern zusammengeschlossen waren. Während auf der Hammonia-Werft die »Deutschland« mit wahren Riesenschritten dem Tage des Stapellaufs entgegenwuchs, kamen für die Direktion der Linie wie der Werft harte Wochen voll täglicher, stundenlanger Sitzungen. Die Herren von drüben waren sachkundig, zäh, auf die Wahrung ihrer Interessen bedacht. Es gab scharfe Auseinandersetzungen. Manchmal schien es, als solle das junge Bündnis über einem Sonderpunkt wieder scheitern.

Elias Patterson war diesmal nicht ganz der zärtliche, rücksichtsvolle Vater wie bei seinem ersten Besuch. Bessie kannte das. Sie wußte, das Geschäft ging vor. Sie würde sich auch ohne daddy die Zeit zu vertreiben wissen.

Zu ihrem nicht geringen Ärger versagte aber auch ihr Freund und Sangesmeister. Auch er stand ganz im Banne der Arbeit. Die Amerikaner verlangten neuerdings, daß die H. T. L. sofort auch noch zwei Frachtdampfer von je zwölftausend Tons auf Helgen lege. Dazu reichte die von der Regierung bewilligte Entschädigungsrate nicht aus. Neue Reisen nach Berlin, neue Verhandlungen wurden nötig. Und wenn es heute gelang, bei den Ministerien, beim Reichstage neue Bewilligungen durchzudrücken — morgen warf die anschwellende Markentwertung alle Vorschläge über den Haufen.

Oft zuckten die Amerikaner untereinander die Achseln: Nein, es war doch unmöglich, mit den Deutschen zu arbeiten ... ihre nationale Disziplin war zum Teufel — sie fraßen einander auf, bewucherten sich gegenseitig in den Hungertod, in den Bürgerkrieg, in den völligen Untergang hinein ...

Und dann wieder staunten die Herren über täglich neue Überraschungen deutscher Tüchtigkeit und Unverwüstlichkeit. ... Ein Rätsel, diese Menschen, dieses Volk ...

Bob Timmermanns verzehnfachte sich. Er hatte sich's in den Kopf gesetzt, auch die Frachtdampfer müßten völlige Neuschöpfungen werden ... Alle Probleme, welche die Entwicklung der Schiffsbautechnik in den Jahren der Isolierung und Absperrung Deutschlands hatten heranreifen lassen, wollten an der Hand der ausländischen Fachliteratur und Publizistik studiert, durchdacht, immer neuer, eigenartiger Lösung entgegengeführt sein. Die Konstruktionsbureaus ächzten unter der Last ihrer Aufgaben, welche der Generaldirektor ihnen stellte. Es galt, die Sachverständigen von drüben in ständiger sprachloser Verblüffung zu halten ... Was galt in solchen Tagen die Stimme des Herzens? Sie hatte zu schweigen. Und sie schwieg. Bob Timmermanns hatte sich in der Gewalt.

Wenn Bobbie jemals geträumt hatte, die Aufmerksamkeit, die Bessie ihm unverkennbar entgegenbrachte, würde seine Aussichten bei Ilse verbessern — dann hatte er sich getäuscht. Die schattenhafte Eifersucht, die sich fast unbewußt in Ilses Kopf mehr als in ihrem Herzen geregt hatte — sie fand keine Nahrung, weil Bob für Bessie einfach keine Zeit hatte. Aber was das Auftauchen der kleinen Nebenbuhlerin nicht bewirkt hatte, das erzwang ganz ungewollt und ahnungslos des Generaldirektors unerhörte Tüchtigkeit. Er imponierte dem Mädchen, das er vergötterte. In diesen drangvollen Wochen des Planens und Ringens entfaltete sich Bob Timmermanns' technische Genialität, seine fanatische Hingabe an die Werft und ihre Aufgaben, seine titanische Arbeitskraft so überwältigend, daß Ilse sich gefangen und verstrickt fühlte. Ein Rauhbein, ein Streber, ein Prolet —. Ilses krampfhafte Selbstverteidigung übte immer neue Kritik an Roberts Wesen. Aber ohne auf Wirkung auszugehen oder sie, als sie eintrat, auch nur zu bemerken, zwang der Starke das Mädchen, das ihn nun kannte und erkannte wie kein anderer Mensch, in den Bann seiner Persönlichkeit. Ein Rauhbein — ein Streber — ein Prolet — aber ein Mann — ein Kerl.

Und Heinz Freimanns Bild verblaßte — ward entrückt ... Die Ferne, die Zeit übten ihre Rechte.

Nur eine empfand das mit Trauer und Bitterkeit: Johanna Freimann.

In ihrem mütterlichen Herzen stand über allem Gram der felsenfeste Glaube an das Kind ihres Wesens. Er lebt, er arbeitet, er wächst ... Er wird wiederkommen, ein Lebensheld, wie er ein Kriegsheld gewesen ... Ganz gleichgültig, wo er sich verborgen hält und warum — gleichgültig, was er treibt, leidet, fühlt — es ist notwendig — notwendig für ihn und darum für sein Volk, sein Vaterland ... Er wird seiner Mutter, seinem Elternhause, seiner Braut nicht anrechnen, was sie alle durch Teilnahmlosigkeit, durch Mangel an Verständnis, an gläubiger, entsagender Liebe wider sein Werden, seine Genesung gefehlt ... Denn sein Wesen ist Güte, ist Herzenskraft ... In seinem Herzen trägt er den Kompaß, der ihn leiten wird durch die Wirrnis, die er über sich selber verhängt hat ...

So sah Mutter Johanna den Sohn, so erklärte ihn ihre Sehnsucht — so mühte sie sich, sein Bild im Herzen der Braut aufzurichten ... Ihr feines Fühlen hatte längst durchschaut, daß jenes Bild in der Seele des Mädchens, das sie dem geliebten Jungen auch bei seiner zweiten Heimkehr entgegenführen wollte, nicht mehr ganz hell im Lichte stand ...

Dies Ahnen, dies Wissen hing wie ein quälender Schatten zwischen den zwei Frauen, die einander so viel geworden waren. Der Kampf gegen diesen Schatten war der geheime Inhalt aller Gespräche, die endlos jene immer karger ausgesparten Stunden ausfüllten, in denen Mutter Johanna und Ilse um die Zukunft rangen.