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Auch zwischen Bessie und Ilse herrschte nicht mehr das alte muntere Einverständnis.
»Ilse, ich liebe Sie!« rief die Kleine im Tone der Ausruferin vor einer Menagerie. »Und ich will, daß Sie mich lieben ... Aber Sie wollen nicht, ich fühle es ...«
»Kleiner Schafskopf!« erwiderte Ilse. »Ich mag Sie lieber als alle Mädchen der Welt — genügt Ihnen das?«
»Ich will, daß Sie mich lieber haben als alle anderen Menschen der Welt ... Aber es gibt zwei Menschen, in die sind Sie verliebt ... Und das ist mehr als lieben ...«
»Zwei, Bessiechen?«
»Ja, zwei ... Sie tragen einen Ring von einem Manne, den ich nicht kenne ... Also sind Sie noch immer in ihn verliebt, sonst hätten Sie den Ring längst abgelegt ...«
»Nun, und der andere?«
Die kecke Kleine wurde rot bis unter die strohblonden Stirnlöckchen.
»Das brauche ich Ihnen nicht zu sagen ... Und er ist sehr verliebt in Sie, wenn er jetzt auch keine Zeit hat — für uns beide ...«
Da flog über die stolze Stirn Ilses ein flüchtiges Rot. »Liebling, ich will Ihnen ganz offen etwas sagen: Der Mann, den Sie meinen, der ist ein Esel.«
»Schämen Sie sich, Ilse!«
»Doch, er ist ein Esel. Kennen Sie nicht die Geschichte von dem Esel zwischen den zwei Heubündeln?«
Zum Glück hatte Bessie noch eine andere Freundin. Der ging es besser als ihrer Kollegin von der Hammonia-Werft. Denn sie war nur »Arbeitnehmerin« und nicht Tochter des Hauses ... Die stülpte um fünf Uhr den Kasten auf ihre Schreibmaschine — und war dann frei. Bessie belegte sie nun energisch mit Beschlag. Und seit sie erst heraus hatte, daß Antje ein Kind des Volkes, ein Kind jener »schlimmen Viertel« war — seitdem fand die kleine Demokratin sie noch viel interessanter ... Damals, als die Blue Star Line vom 27. Stock eines Wolkenkratzers am Broadway hernieder ihre Fäden um den Erdball zu spinnen begann — damals schon war ihr Leiter ein junger Abenteurer namens Elias Patterson. Der entdeckte in einem seiner Riesenbureaus eine allerliebste kleine Stenotypistin, eine Fabrikarbeiterstochter aus Long Island, und machte sie zu seiner Frau. Kein Wunder, daß die einzige Tochter dieses Paares eine tiefe Sympathie für die Privatsekretärin des Herrn Freimann empfand.
Dieser Freundin hatte Bessie natürlich auch ihr Abenteuer mit dem kleinen Mädchen erzählt ... Und mit geheimem Gruseln hatte Antje die Geschichte wiedererkannt. Andersherum war sie ihr ja nicht mehr neu. Sie hatte an manchem Abendschwatz bei Mudder als Gesprächsstoff herhalten müssen. Aber die Sekretärin bekam doch eine Gänsehaut bei dem Gedanken: wie, wenn der verkappte Offizier und der herzensgute Clas — nicht zur Stelle gewesen wären? — und warnte.
Bessie lachte: »Mein Schutzengel ist mir noch stets auf irgendeine Art zu Hilfe gekommen ... Er ist immer da, ich weiß es — sonst wäre ich nicht so übermütig ...«
Antje war skeptisch — sie warnte die kleine Phantastin energisch. »Es könnte vielleicht doch einmal passieren, daß der Schutzengel sich verschliefe, wenn Sie losgondeln mit Ihrer weißlackierten fliegenden Nußschale ... oder daß er nicht mit könnte mit Ihrem Tempo ...«
»Schämen Sie sich, Miß Antje!« zürnte Bessie. »Ein Schutzengel kann alles ...«
Plötzlich klatschte sie in die Hände — blieb vor einem Ladenfenster stehen: »Schauen Sie — da ist er ja schon wieder, und zwar in eigener Gestalt! Da sitzt er hoch oben auf diesem Tannenbaum ... Aber schauen Sie — was ist das für ein merkwürdiger Baum?«
Und Antje erklärte ... Ein Ton von Rührung kam in ihre ruhige Stimme ... Zuviel hatte man erlebt, zuviel ... Zuinnerst war jedes deutsche Herz verwundet. Die lindeste Berührung machte es zucken — selbst die Seligkeit der Erinnerung wurde zum Schmerz.
»Es ist ein Kinderfest, Miß Bessie ... aber wir alle werden Kinder, wenn Weihnachten kommt — und warten, daß wir beschenkt werden — beschenkt mit irgend etwas, das groß und heilig ist und hoch, hoch über unserm Wünschen und Hoffen steht ...«
»Was haben Sie, Miß Antje? Sie weinen ja ...«
»Ach — es ist nichts ... Ich bin ein bißchen überarbeitet ... wir sind's alle ... Ach, Miß Bessie, wenn sie ahnten, wie wir leiden, wir alle ...«
Bessie ahnte es nur zu gut. Und in ihrem Herzen regte sich etwas wie böses Gewissen. Sie wußte: An diesem deutschen Leiden — Amerika hatte daran sein gerüttelt Maß von Anteil. Man hatte ihm gesagt, es gehe wider die Hunnen ... Nun wußte Bessie Bescheid im Hunnenlande ...
»Oh,« lachte sie, im Bedürfnis abzulenken, »was ist das für ein hübscher alter Mann, der da neben dem Lichterbaum steht, mit einem großen Bart — und einem großen Sack — und er trägt einen Besen in der Hand?«
Das sei der Weihnachtsmann, erklärte Antje. Er gehöre zu einem echten deutschen Weihnachtsfeste wie der geschmückte Tannenbaum und der geflügelte Engel an seiner Spitze ...
Ein sehr merkwürdiges Land, das Hunnenland. — Wie werden meine Freundinnen staunen in Neuyork, wenn ich ihnen erzähle vom Hunnenland ...
Die Vorstellung des Kinderfestes spukte in Bessies kapriziösem Köpfchen weiter. So etwas mußte sie machen — für ihre kleinen Freunde in den schlimmen Vierteln.
Zuerst nahm sie sich vor, den großen Festsaal im Atlantic mit Beschlag zu belegen und ihre Günstlinge dorthin einzuladen. Aber dann hätte daddy davon erfahren — und die anderen alle, die sie immer auslachten und exzentrisch schalten ... man hätte ihr Fest hintertrieben oder ihr wenigstens die Freude verdorben ... Nein — das mußte ganz im geheimen geschehen, und erst wenn alles vorbei wäre, würde Bessie berichten und sich am komischen Entsetzen der andern weiden ...
Das Christkind steigt zu den Menschen nieder, hatte die ernste Antje gesagt ... Nein — es war nicht das richtige, die Kinder der schlimmen Viertel ins Atlantic zu bestellen ... Sie würden geblendet und blöde stehen und all die Pracht bestaunen — und schon in ihren jungen Seelen würde der Haß aufglühen, von dem die Freundin ihr erzählt hatte ... Der Neid der Armen auf die Reichen ...
Nein, man würde zu ihnen gehen — niedersteigen wie das Christkind selbst ... Bessie fühlte, wie es ihr feucht in die Augen schoß vor Bewunderung und Ergriffenheit über ihre eigene Güte, ihr verständnisvolles Zartgefühl ... Man würde einen Saal mieten, einen kahlen, schmucklosen Tanzsaal mitten drin im Schmutz und Brodem der Proletariergassen — den würde man mit Flittergold und bunten Fähnchen ausputzen, und in der Mitte müßte so ein großer, schöner Baum stehen. Auf der Spitze ganz oben aber müßte der Schutzengel schweben ... und ein Weihnachtsmann müßte auch dabei sein — mit einem langen Bart — einem Sack voll vergoldeter weißer Nüsse und Apfel — und einem Besen unterm Arm ...
Wenn sie nur jemanden wüßte, der ihr helfen könnte ... keiner von ihren Freunden ... keiner von den Deutschen, die hätten sie nur ausgelacht und wieder einmal so seltsam angeguckt, als sei sie eine Sehenswürdigkeit aus dem Zoologischen Garten, irgendein exotisches kleines Wundertier ... Und die Amerikaner? Es waren smarte Jungen dabei, die Bessie wohl leiden mochte — aber sie waren alle nüchtern und schwunglos wie ein Lineal — die würden sie groß und respektvoll anstaunen — und schleunigst bei daddy verpetzen. Nein — es müßte einer aus der andern Welt sein, aus der Welt der schlimmen Viertel.
Und da fiel ihr ein, daß ja ihr Schutzengel schon einmal beliebt hatte, die Gestalt eines jungen Arbeiters aus den schlimmen Vierteln anzunehmen. Wie, wenn sich das wiederholen möchte? Man wird sehen.
Und Bessie stopfte Little Puck in die Tasche und kurbelte an.
Ihr Ortssinn war fabelhaft entwickelt, wie all ihre Sinne. Schon im Lyzeum hatten ihre Lehrer behauptet, sie müsse Indianerblut in den Adern haben ... Mit der Sicherheit einer Nachtwandlerin fand sie alsbald die finstere, von hohen, geschwärzten Giebelhäusern umstellte Gasse wieder, in der es ihr vielleicht doch wohl schlimm ergangen wäre, wenn der Schutzengel wirklich geschlafen hätte — oder ihrem Tempo nicht hätte folgen können ... Pah — diese Stenotypistin mit dem braunen Madonnenscheitel — was wußte die von einem Schutzengel?!
Richtig ... hier war's gewesen — hier an der Ecke zu dieser — noch viel engeren — puh — wahrhaftig, ein bißchen gruseligen Gasse war er aufgetaucht, der schmucke Bursch, in dessen Herz ihr Schutzengel an jenem Sommernachmittage gefahren war ...
Heute war es kalt, und nur wenig Kinder huschten hin und wider, Körbe am Arm und schmutzige Geldzettel in den Händen ... Aber die erkannten sie, schwirrten kreischend heran und boten der Tante die klebrigen Patschen.
»Kennen ihr ein junges Mann, was hat ein braunes Schnurrbart ... und hat ein Gesicht sehr gut — und ist sehr mjutig?«
Die Kinder grinsten verlegen, enttäuscht, daß die gewohnte Spende ausblieb.
Bei der Gassenkreuzung stand ein hexenhaftes Weib mit lauernden, gierigen Augen. Sie sah die Fremde, die Vornehme, die Auskunft suchte — und sah das elegante Wägelchen, witterte Valuten. Sie schob sich heran:
»Wat wull dei Dam', Kinnings?«
Die Kinder kicherten: »Dei Dam' söcht en jungen Mann!« Gelächter brach aus. Die älteren Gören quiekten vor wissender Wonne.
»Yes, madam,« bestätigte die Fremde, ein wenig beunruhigt durch die Erscheinung der Alten, »ich suche ein junges man, braunes Schnurrbart, was ist sehr mjutig.«
Über das Runzelgesicht der Alten zuckte ein jählings aufflackerndes Verständnis. Nicht die erste kleine Abenteurerin aus der Welt des glänzenden Scheins, der Dolores Jacinto zu einer perversen, abseitigen Seligkeit verholfen hatte ...
»Den'n kann ick Sei besorgen,« kicherte die Hexe, »so ein'n kenn ick gaud ... kam'n Sei man mit mi! Dat Maschinken, dat stellt wi bei mi ünner — dat verwohr' ick so lang'n. Doar kümmt Sei nix an ...«
Dunnerslag! dachte Mudder Lore im Voranhumpeln, während die Fremde vom schwatzenden und feixenden Kinderschwarm umschwirrt, etwas benommen in die schwarze Schlucht der Nebengasse folgte — »Fohrräder heff ick all männigesmol opbewohrt — öwerst 'n Auto, un noch dortau son'n fien' — dat is dat ierstemol ... Tedje sall nich slecht kieken, wenn ick em dit säute Fräten bring ... Man gaud, dat hei grod doer ünn'n in'e Gang'n is ...«
In ihrem alten Hirn war die Sprache ihrer mexikanischen Heimat längst verdunstet — sie dachte sogar auf hamburgisch.
Es ging in einen stockfinsteren Gang — Bessie schauderte und schickte ein wortloses Stoßgebet zu ihrem Schutzengel: Komm, ich fürchte, heut werd' ich dich brauchen ...
»So ... hier lat'n wi dat Maschinken stohn ... Da kümmt sei nix an ...« Schade — surrte es durch das Hirn der Alten — dat wier wat taum Verschärfen — öwerst doar wieren tau väl Oogen rund rüm ... Nein — für das Eigentum der kleinen Kundin war gesorgt ... Auf so gefährliche Sachen ließ Mudder Lore sich nicht ein. Die Dame würde gut bedient werden ... dies eine Mal ... Denn solche vornehmen Vögel pflegten nicht zum zweiten Male wiederzukommen. Die brauchten Abwechslung — und scheuten es, eine Spur zu hinterlassen, die entdeckt werden konnte.
Nun eine Stiege hinauf — durch einen elektrisch beleuchteten, nach scheußlichen Parfüms duftenden Korridor — hier und da öffnete sich eine Tür, ein wuschliger Mädchenkopf tauchte auf, nackte Schultern ... und noch einer, noch einer — Kichern, kreischende Worte, kreischendes Gelächter — Bessie fühlte, daß ihre blonden Stirnlöckchen sich wie Schraubenzieher aufrichteten ... Umkehren? fliehen? war es nicht schon zu spät? Schutzengel, hilf!!
Einen Augenblick machte die Führerin halt, öffnete ein Behältnis, das in einer Ecke stand — holte zwei Flaschen mit Goldhälsen und eine dritte hervor, um deren Hals ein halbmondförmiges Etikett mit drei Sternen sich schlang — füllte einen verbeulten Kühler mit knirschenden Eisstücken, packte alles in einen Korb, entnahm aus einem andern Schrank ein paar Sektschalen, legte sie sorgsam zu dem übrigen — grinste vertraulich, streckte die Hand aus ... Bessie, von Entsetzen geschüttelt, griff in ihre Tasche, drückte der Alten einen ganzen Haufen Dollarnoten in die Krallen — die prüfte genau, schmunzelte zufrieden, knickste und humpelte weiter.
Am Ende des endlosen Korridors hielt die Führerin — hier schien die Welt zu Ende ... Aber plötzlich drehte sich wie durch Hexerei die ganze Abschlußwand — eine neue Finsternis gähnte ... Doch die Alte fand drinnen tastend einen Schalter, eine schwache Birne glomm auf, ein neuer Korridor öffnete sich ... Nun eine ausgetretene Stiege hinunter, knips, neues Licht, ein neuer muffiger Gang ...
Bessies Kehle war wie zugeschnürt. Wenn der Schutzengel nicht kam, war sie verloren ...
»Nein — nein —« stammelte sie zwischen Grausen und Ekel. »Sie wissen nicht ... Sie taten nicht verstehen mich ... ich will — lassen mich gehen ...«
Die Hexe grinste begütigend. Sie kannte solche Anwandlungen von Reue im entscheidenden Augenblick ... Das legte sich — das hatte keine Bedeutung.
»Nein, nein!« stotterte die Kleine noch einmal und klammerte sich an den skelettartig hageren Arm ihrer Führerin — »ich will fort, ich will heraus ...«
»Ruhig, ruhig, mien Düwken!« tätschelte die Alte, »do kümt jo all de Frigersmann — nich bang sien, mien Lütting, hei is 'n Strammen, du schast tofreden sien ...«
Eine mächtige Mannesgestalt tappte den Flur entlang — tauchte plötzlich im dunstigen Lichtkegel auf ...
Bessie erstarrte ... Das — das war — —
Fassung ... Mut ... und Dreistigkeit — — nur Lachen konnte retten ...
Wie ein brünstiges Tier stand er vor ihr, die alte Hexe drückte sich grinsend in eine Ecke ... er ... vor dessen rohen Tatzen — damals! — der Schutzengel in Gestalt des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen — — den hatte sie gesucht — und da war — der andere ...
Er selber schien nicht minder sprachlos erstarrt als sein Opfer ...
Bessie hatte sich wieder. Sie zwang ein schwirrendes Lachen der Wiedersehensfreude auf ihre Lippen.
Der stiernackige Bursch im geflickten, rostfleckigen Arbeitskittel fühlte etwas wie Kavaliersanwandlung.
»Dat's aber scheun, Fräulein — dat wi uns hier wiederfinnen ...«
»Oh, ich bin entzuckt ... heute Sie gefallen mich viel besser als bei unser erstes Begegnung.«
»Sei mich auch, Fräulein —« Tedje konnte galant werden, o ja, das konnte er — »Sei hebben mi glieks sihr god gefallen, hahaha ...«
»Wie heißen Sie?«
»Ick heit Tedje Tietgens ...«
»Tiet —?!« Bessie horchte hoch auf. »Ich kenne eine junge Mädchen — was auch heißt Tiet—«
»Wat's dit?! Sei kennen mien' Swester Antje —?!«
»Antje — yes — that's it!« Schutzengel, hab' Dank!!
Über das Gesicht des Burschen, das sich schon dunkler rötete, glitt eine jähe Ernüchterung. Antje — sie kennt Antje ... Er machte eine Bewegung, als wolle er etwas Bedrückendes, Störendes verscheuchen. Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht von Antje ... hatte nicht die Schwester etwas von einer kleinen Amerikanerin erzählt, mit der sie häufig zusammenkomme?
»Sagen Sei, Fräulein — sind Sei am End' von Amerika?«
»Yes, yes, ich bin ein Bürger von die United States ...« Die Kleine reckte sich. Ihr war, als flattre schirmend über ihrem Köpfchen das Sternenbanner.
»Düwel, Düwel ...« Tedje richtete sich aus seiner lässig-behaglichen Haltung auf ... Seine Stimme klang verändert — beunruhigt, respektvoll ... Etwas von der Verehrung für die Schwester, die in Tedjes rohem Herzen als stilles Heiligtum ruhte, glitt auf dies fremde Mädchen über, von dem Antje mit Achtung und Sympathie gesprochen hatte.
»Nu seggen S' mi man dit eine, Fräulein — wie kamen Sei in dit Lakal — un bi Mudder Lore?!« Ein dumpfes Begreifen meldete sich an: Hier war ein Mißverständnis ... ein Geheimnis ...
»Oh — ich bin gegangen zu suchen ein junges Mann — mit ein braunes Schnurrbart ...«
»Na — dat heff' ick ja ook —« versuchte Tedje zu scherzen.
»Nein — ich meine ein andres junges Mann — was Sie kennen also ... damals, Sie wissen, wie Sie haben wollen strafen mich, habend geworfen zur Erde das kleine Mädchen, das andere junge Mann hat gesagt, Sie nicht Böses tun zu mich ... und ihr habt euch nahe geschlagen, ihr zwei, für meine Sache ...«
»Dunnerslag ... dat 's mien Fründ Anders Niemann ...«
»Ach ... sehen Sie, Sie kennen ihm ... Sie werden mich bringen zu ihm ...«
Wenige Minuten später schritten sie ganz freundschaftlich die nun schon tief im Dämmer liegende Lastergasse hinab zur Knibbel-Twiete — die kleine Amerikanerin und der Spartakist. Sprachlos, verständnislos glotzte die Mexikanerin hinter den zweien drein. Aus den Fenstern gafften die Wuschelköpfe ihrer Kinderchen ... Tedje schob Bessies Auto wie ein Kinderwägelchen vor sich her. Und eine Viertelstunde später standen die zwei vor Vadder Tietgens' einstöckigem Ziegelhäuschen. Tedje pfiff das Signal des Freundschaftsbundes der drei Stubenkameraden: die Anfangszeile des Liedes von der roten Seligkeit ... Alsbald antwortete von droben die zweite Zeile — aus einem Fensterchen schob sich der Kopf des jungen Mannes mit dem braunen Schnurrbärtchen ...
In Bessies Herzen war ein dankbares Frohlocken. Der Schutzengel hatte auch diesmal nicht geschlafen.