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Das Land unserer Liebe

Chapter 32: 7
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

7

Auf die frostklirrenden deutschen Lande senkte die sechste Schmerzensweihnacht sich nieder. Die sechste Schmerzensweihnacht!

Nach dem Donner der Geschütze der Zweieinhalbtausend-Kilometer-Front waren zur Stunde auch die Maschinengewehre und Handgranaten des Bruderkrieges verstummt. Nicht mehr starben täglich zwölfhundert deutsche Männer den Schlachtentod. Aber immer noch siechten dahin die Darbenden, die hilflosen Alten, die hilflosen Kinder ... Noch immer lag auf dem ausgepreßten Volke der würgende Bann der Hungerblockade ...

Und dennoch: Bis dicht an die heilige Stunde heran, im ganzen Lande, vom Fels bis zum Meer, sausten die Spindeln, ratterten die Webstühle, glühten die Essen, wuchteten die Fallhämmer, ticktackten die Nietschlegel ...

Der Geist der Arbeit hatte sich aus Kriegslähmung und Welterneuerungsfieber losgerungen.

Die Bauleute waren am Werk, die Trümmer wegzuräumen — und aus dem Schotter hoben sich langsam die Mauern des neuen Reichsbaues. Auf dem Gerüst flatterte ein neues — ein uraltes Panier.

Nicht alle Blicke, längst nicht alle, grüßten es mit Ehrfurcht und Glauben. Es waren die schlechtesten nicht, jene Hunderttausende, welche die alten Farben nicht vergessen mochten, für die sie gelebt, geschafft, gekämpft, geopfert, geblutet.

Aber auch die waren wackere Deutsche, die da glaubten, die neue Zeit brauche auch ein neues Gleichnis ... Die da hofften, es werde einst die Stunde kommen, da die Schwarz-weiß-roten und die Roten sich zusammenfänden, um im Schwarz-rot-gold das Zeichen eines neuen Bundes aller, aller deutschen Menschen zu verehren ...

Einstweilen war es ein Glück und eine Hoffnung, daß sie alle drei, die Hüter der heiligen Erinnerungen, die Fanatiker der roten Seligkeit — und die Vorkämpfer eines Deutschland der Brüderlichkeit sich wieder zusammenzufinden begannen, tief unterhalb des wirren Treibens der brodelnden Oberfläche des Parteikampfes zu stiller, scheinloser, hingebender Arbeit ...

Heute aber schritt über die gärende Fläche und über die schaffende Tiefe das uralte Fest der Rast — der Sammlung — des Einklangs ...

Das Fest der Menschen, die guten Willens sind.


Im palisandergetäfelten Speisesaal der Villa Freimann saßen stille, müde, sinnende Menschen um einen hohen, schmucklosen Tannenbaum, in dessen dunklen Nadeln sparsam verteilte Lichter knisterten. Frau Johanna hatte es sich nicht nehmen lassen, der Braut ihres Sohnes und dem alten, immer mehr in sich zusammensinkenden Freunde Detlev Carstensen das Fest zu bereiten. An Gaben fehlte es nicht — aber selbst in diesem Kreise, den die rauhe Lebensnot noch nicht zu nahe bedrängte, trugen die Geschenke den Stempel der ernsten Zeit. Man spendete nicht mehr Gold, Edelsteine, Bronzen, Bilder — man schenkte Genußmittel, die man sich sonst versagte — man gab Gegenstände des täglichen Bedarfs ...

Ach — und mitten in der Reihe waren auch die Gaben für den einen aufgebaut, der dem Feste fern blieb ... dem gleichwohl aller Gedanken, Träume, Schmerzen galten. Dem Verschollenen ... Wenn er heimkäme, würde er sie finden ... und er würde heimkommen — aus der geheimnisvollen Ferne, in die er sich geflüchtet vor dem Unglauben der Seinen — wie er einst heimgekommen war aus dem Graus der Meerestiefe, in den ihrer aller Glaube ihn begleitet hatte.

Keine hatte den Abwesenden, den Entrückten reichlicher, sinnvoller, zarter beschenkt als jene, die sich als die Hauptschuldige seines Versinkens fühlte ... Ihr war, als hätte sie doppelt gutzumachen — doppelt innig zu bekunden, wie treu sie zu ihm stände ...

Mutter Johanna hatte in Ilses Beisein den Vorschlag gemacht, den treubewährten Mitarbeiter ihres alten Freundes am Festabend von seiner Junggeselleneinsamkeit zu erlösen. Und dabei hatten ihre Augen mit seltsam scharfer Prüfung die Züge der künftigen Schwiegertochter gesucht ... Ilse hatte das empfunden, hatte sich heftig gegen diesen Vorschlag gewandt: Herr Timmermanns stecke tief in der Arbeit, lehne alle Einladungen ab, fühle sich am wohlsten in seiner verräucherten Bude zwischen seinen Zeichnungen und Tabellen, sei überhaupt kein Mann für Feste des Gemüts ... Und schnell und mit geheimem Aufatmen hatte Johanna die geplante Einladung aufgegeben.

Aber einen anderen Gast hatte man nicht ausschließen dürfen: Bessie Patterson. Sie gehörte ja seit zwei Wochen zum Hause. Ihr Vater war heimgekehrt, um bald nach Neujahr an Bord des Dampfers »Union« der Blue Star Line, welcher als erstes Schiff unter der Flagge der United Transatlantic Lines den neuen Dienst Neuyork-Hamburg aufnehmen sollte, wiederum die Europafahrt anzutreten. Aber Bessie hatte es durchgesetzt, daß sie bleiben durfte. — »Ich kann meine Studien über dies kuriose Land jetzt nicht unterbrechen ...« Sie hatte es halbwegs erzwungen, daß Frau Johanna ihr die Gastfreundschaft ihres Hauses anbot ... obwohl die den kleinen Exzentrikclown nicht mochte ... Und so war Bessie seit zwei Wochen in ein Gastzimmer der Villa Freimann übergesiedelt, samt dem allverhaßten Puck, dem Kodak und dem Puppenauto ...

Selbstverständlich stand auch für sie ein reicher Gabentisch gedeckt. Aber welch Aufatmen, als Bessie am Nachmittag von irgendwoher da draußen angerufen hatte, man möge sie zum Feste entschuldigen — sie werde vielleicht nach dem Abendessen erscheinen ... Gottlob — die Heiligabend-Stimmung war gerettet ...

Ilse hatte still in sich hineingelächelt. Auch sie würde sich nach der Bescherung für eine Stunde beurlauben müssen. Bessie hatte sie im letzten Augenblick ins Vertrauen gezogen und zu ihrer Kinderweihnacht eingeladen. Der Wagen war bestellt.

Als aber die Kerzen brannten, die Gaben ausgetauscht waren — da bedauerte Johanna fast, daß der kleine Sprühteufel fehlte. Die Stimmung war da — aber anders, als die Festgeberin gehofft hatte. Die Väter saßen stumm rauchend in ihren Sesseln, von bohrenden Sorgen und trotzigen Plänen bedrückt und ausgefüllt, und starrten abwesend in die tröstlichen Lichter.

Die Frauen aber durften einander kaum ansehen, so wurden ihnen auch schon die Augen feucht. Und der eine, der ihnen allen Trost, Hoffnung, Stütze hätte sein sollen — der fehlte. Sie alle fühlten sich schuldig, ihn missen zu müssen. Sie alle hatten ihn ausgetrieben — dem Heimgekehrten hatten sie keine Heimat gegeben, weil er anders war und anderes ersehnte, als sie es von ihm gehofft, erwartet, verlangt hatten ...

Und kurz nach dem Abendessen stand Ilse auf, bat, sie für eine Stunde zu beurlauben, da sie zu einer Weihnachtsfeier des Roten Kreuzes zugesagt habe, und ließ die drei Alten allein.

Da ging Frau Johanna leise aus dem Zimmer. Sie wußte: Georg liebte keine Tränen.


In Mudder Minings Stube brannte ein winziges Bäumchen, nur mit vier Kerzen, aber mit viel verblichenem Flitterkram aus besseren Tagen ausgeputzt. In der engen Wohnstube war's ganz unsagbar gemütlich und friedvoll. Wie hatte sich aber auch ein jedes angestrengt, die Seinen zu beschenken! Vollends Tedje — Kunststück, er war seit Monaten der reine Großmogul ... Die Eltern fragten nicht nach der Quelle solches plötzlichen Wohlstandes — der Junge war großjährig, hatte sein Tun und Lassen selber zu verantworten ... Jedenfalls war Vadder sehr erfreut über seine »tapezierten« Zigarren, seinen Tabak, seinen Schnaps, seine Ölsardinen — ob er auch tiefinnerst den leisen Verdacht hegte, diese Schätze möchten irgendwie im Zusammenhang mit den Wirren vom vergangenen Juni stehen ... Und wenn Mudder ihren Lieben heut Bohnenkaffee und Frankfurter Würstchen vorsetzen konnte, so dankte sie auch das der Freigebigkeit ihres Einzigen ... Und wie hatten die zwei Kostgänger sich angestrengt, Clas und Anders! Ein kaum noch erträumter Reichtum an allerhand langentbehrten guten Dingen war auf dem Gabentisch gestapelt —. »Die reinsten Friedensweihnachten —!« meinte Vadder Tietgens — paff, paff — »Dunnerslag — wat'n Tobak!«

Aber den Vogel schoß Antje ab. Die hatte ja wohl ihre ganzen Ersparnisse draufgehen lassen ... Sie hatte ihre Gaben nicht unterm Weihnachtsbaum aufgebaut, sondern war mit einem Berg Pakete gekommen und ging nun von einem zum andern. Und jeder bekam etwas ganz Besonderes, etwas, das an jene Zeiten gemahnte, die für deutsche Menschen wohl sobald nicht wiederkommen würden ... Eine lange Pfeife mit Hornausguß für Vadder — für Mudder eine wollene — ja wahrhaftig, eine reinwollene Strickjacke ... Dann kam Tedje dran — er bekam als Ersatz für die Bolschewistenmütze, die Antje nicht leiden mochte, einen wunderschönen grünen Lodenhut — und eine in Seidenpapier gewickelte Flasche, die er sofort begierig ausschälte ... Da setzte er sie mit einem harten Bums auf den Tisch, markierte einen Tobsuchtsanfall der Enttäuschung, warf sich auf die Schwester, packte sie zähneknirschend an den Armen — und versetzte ihr einen schallenden Klaps auf jene Stelle ihres schlanken Körpers, die er vor Jahren manchmal nach Bruderart harmlos gezüchtigt.

Die anderen am Tische brachen in ein Freudengeheul aus. — Die Aufschrift der Flasche lautete:

»Apollinaris« ...

Und dann kam Clas an die Reihe: Er bekam Noten — Klavierstücke von Grieg ...

Aber mit wahrer Fieberspannung beobachteten alle Hausgenossen, wie Antje nun, eine leichte Röte um Stirn und Augen, verlangsamten Schrittes sich ihrem Anders näherte. Die Alten tauschten einen Blick: Wird's nun kommen — das Erwartete — trotz mancher Bedenken im geheimen doch Ersehnte?

Mit unsicheren Händen reichte das Mädchen dem Freunde ein Buch — er las die Aufschrift:

»Seefahrt ist not ... Roman von Gorch Fock.«

Der Finger der Geberin unterstrich leise die Aufschrift: also wohl auf die kam es an ...

Anders Niemann hörte die Donner von Skagerrak — sah aus der aufgewühlten See die Schaumfontänen aufschießen bis hoch über die Beobachtungstürme der kämpfenden grauen Schiffsriesen — fühlte die Stahlwände auf S. M. S. Derfflinger krachen und knirschen unterm Einschlag und Bersten der Granaten Jellicoes ... und sah dann unter Hunderten von Leichnamen deutscher Kameraden einen treiben, um dessen erblassende Stirn die Glorie des Dichters schwebte ...

Dann blickte er ins Antlitz der Mahnerin. Es sprach: Entscheide dich ... Wohin gehörst du?

Ist dir Seefahrt not, dann laß ab von mir — und steige wieder empor in die Höhen, auf denen du geboren bist — auf denen du entbehrt und ersehnt wirst ... Ich glaube, ich weiß fast, du wirst es tun ... dann aber tu's bald — ich trag's nicht mehr ...

Oder gehörst du zu uns? Dann sag's — dann laß mich's wissen ... Ich bin reich, ich habe einen Himmel zu verschenken ... Willst du ihn, dann sprich ... Ich trag's nicht mehr ...

Und Heinz verstand die bange, schluchzende Frage. Und er gab ihr stumm die Antwort. Er schenkte der Freundin den »Poggfred« ... Darin stand die schmerzvoll süße Ballade von der kleinen Fiete — oft hatte er sie ihr vorgelesen:

»Was willst du — noch einmal dein Köpfchen lehnen
an meine Brust — ich soll mich nach dir sehnen?!«

Da neigte sie leise das braungescheitelte Haupt. So stirbt ein Mädchentraum.

Und keiner der Lauschenden, der Harrenden, der nicht begriffen hätte. Enttäuscht die Alten — aufatmend Clas Mönkebüll ... aufknirschend vor verbissener Wut der Bruder ...

Er hatte nun endlich ernst machen sollen, der Duckmäuser, der um Antje herumstrich, als könne er das Wort nicht finden ... Der sie längst ins Gerede gebracht hatte bei allen Kollegen — bei den Lästermäulern in allen Höfen und Twieten um den Neuen Steinweg — bis hinunter zu den Gemüseweibern auf dem Neumarkt ... Wenn sie denn schon einmal einen Kerl haben mußte, dann in Gottes Namen den ... Er war wenigstens rot bis in die Knochen und nicht so ein Halber, Lauer wie Vadder und seine Gesinnungsgenossen von der S. P. D. — Aber der Kerl war ja wohl nicht recht bei Troste ... Sah er nicht, wie Antje sich verzehrte um ihn? oder — wollte er nicht sehen? Hatte er am Ende gar — verdammi!! eine andere gefunden? — eine mit Geld? Na wart, Kamerad!!

Immer giftiger schwoll in Tedjes wildem Herzen die Wut. Was sie wohl auch heut wieder zu tuscheln hatten, die zwei? Und Clas steckte ja wohl mit ihnen unter der Decke — wie seit acht Tagen schon — seit er selber dumm genug gewesen war, die kleine Dollarkröte laufen zu lassen und sie gar noch mit seinem Freund Anders zusammenzubringen ... Aber es kam noch schlimmer. Es war ein förmliches Komplott ... Als man bei den Bierflaschen saß, fing's trotz aller Enttäuschung an, recht gemütlich zu werden unter Mudders Weihnachtsbaum. Die guten Leibbinden-Zigarren, die Tedje vor einem halben Jahr aus dem Alsterpavillon hatte mitgehen heißen, die feinen Schnäpse aus der Elysium-Bar — das war doch mal wieder 'n richtiges Weihnachtsfest ... Plötzlich standen sie alle auf, Clas, Antje, Anders — und sagten ein bißchen verlegen, sie hätten noch 'nen Gang — in einer halben Stunde wären sie wieder da ... Weg waren sie — und hatten Tedje nicht ins Vertrauen gezogen, wie schon seit acht Tagen nicht mehr, wenn sie die Köpfe zusammensteckten und verschwunden waren alle drei ...

Nach ein paar Minuten stand auch Tedje brüsk auf. »Ick warr bald wedder kamen ...«

Und Vater und Mutter blieben allein. Ganz traurig und verlassen saßen sie da, nur die Schnäpse und Zigarren zur Gesellschaft ...

»Tjä, Mudder, denn helpt dat nich — denn möten wi uns allein trösten ...«

»Hest jo mi, Vadder —« sagte Mudder Mining und legte ihr müdes, dünnumsträhntes Köpfchen an ihres Lebensgefährten breite Schulter.

Verlöschend knisterten die Weihnachtskerzen.