WeRead Powered by ReaderPub
Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 33: 8
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

8

Im dumpfen Tanzsaal einer verkommenen Gastwirtschaft in der Wincklerstraße hatten Antje und Bessie den ganzen Nachmittag am fröhlichen Festwerk gewirkt, bis die Sekretärin sich zur Bescherung der Eltern verabschiedet hatte. Seitdem arbeitete die kleine Fee aus dem Dollarlande allein weiter, wie Antje sie's gelehrt. Für dreißig Kinder hatte sie Gaben besorgt — für dreißig Kinder, die sie noch gar nicht kannte. War alles fertig, dann würde sie mit ihrem Freund Anders durch die Straßen gehen und von den Schaufenstern der Neustadt die Ärmsten unter den Armen auflesen, die dort herumlungerten, um wenigstens einen Abglanz des Festes der Glücklichen zu erhaschen. Inzwischen fühlte Bessie sich seltsam heiter und begnadet. So hatte sie noch nie zuvor im Leben empfunden, daß Reichtum eine Gnade bedeutet — und eine Verpflichtung zugleich ... Sie hatte sich nicht genug tun können im Kaufen und Auswählen ... Antje hatte sie zügeln müssen.

»Nicht gar zu sehr verwöhnen! — Sie werden's nie wieder so gut bekommen — und später immer enttäuscht und traurig sein ...«

»Unsinn, Antje! Sie sollen ihr Leben lang an dies Weihnachten denken ... Und ich komme ja auch wieder ... Ich möchte immer hierbleiben — es gefällt mir viel besser in Deutschland als in Amerika ... Ihr friert, sagt ihr? Es ist warm bei euch — viel wärmer als drüben ...«

Nun freute sie sich, daß sie soviel, viel mehr gekauft hatte, als die Führerin hatte dulden wollen. Sie schob zuletzt unter jeden Teller noch eine Fünf-Dollarnote. So — nun war sie aber auch völlig blank ... Gut, daß sie im Hause Freimann Quartier hatte ...

Und dann kicherte sie heimlich auf: Jetzt mußte der dicke Bobbie ihren Gabenkorb bekommen haben — der arme Bobbie in seinem einsamen Junggesellenstübchen — zwischen seinen langweiligen Schiffsmodellen und Kartenstößen ... Ob er sich's wohl schmecken ließ? All die erlesenen Dinge, die sie zusammengepackt? Und ob er wohl einmal dabei an sie denken würde?! Ach nein — er dachte gewiß an die schlanke Ilse — die soviel vornehmer war, soviel interessanter, soviel klüger ... Und der kleinen Bessie Busen hob sich in einem melancholischen Seufzer ...

Ach was — an die Arbeit ... Ilse hatte recht, ein Esel war er, ein recht dicker, langohriger Esel ...

An die Arbeit! Wie hübsch der schmutzige, kahle Saal doch geworden war unter den schmückenden Mädchenhänden! Es war doch gut, daß sie Ilse eingeladen hatte — die würde staunen — und sich vielleicht doch ein wenig schämen, daß sie sich so wenig um Elias Pattersons verlassenes Töchterchen gekümmert hatte.

So ... fertig ... Wenn jetzt nur die Freunde kämen ... Antje und ihre zwei jungen Männer, die sich so nützlich gemacht hatten in den Tagen der Vorbereitung ... Der hübsche Anders — dessen Seele einmal Bessies Schutzengel hatte beherbergen dürfen — und der wunderliche Kauz, dessen arbeitsharte Fäuste doch so schön gespielt hatten auf dem scheußlichen, klapprigen Pianino da hinten in der Ecke ... Wie drollig er sich ausnehmen würde im Kostüm des Weihnachtsmannes, das nebenan im Kämmerchen ausgebreitet lag — samt allem Zubehör: dem langen weißen Umhängebart — dem Sack mit Äpfeln und Nüssen — und der Rute für die unartigen Kinder ...

Horch — welch wunderschönes Getön da draußen?! Bessie stieß das Fenster auf, um zu lauschen. Freilich still war's heute in den finsteren Höfen ... hinter den schneeüberlagerten Fensterborden der schwarzen Hausfronten, die das Geviert umstanden, blinkten überall die Kerzenbäume — und droben, wo die Hauswände mit schwarzem Strich zu Ende gingen, ein Stück stahlblauen Nachthimmels, mit tausend funkelnden Sternen beflittert ...

Aber über all das schwang sich ein mächtiges Getön — noch nie meinte die Tochter in der tosenden Millionenstadt der Wolkenkratzer und autodurchrasten Avenuen solch wunderbare Musik vernommen zu haben. Glocken — Kirchenglocken — aber wie viele — wie unmenschlich viele!

Sie konnte nicht wissen, die kleine Genießerin aus dem Goldlande, daß es kaum noch die Hälfte von den Glocken waren, die in dieser Stadt um diese Stunde dereinst, vor dem Kriege, das Christfest eingeläutet hatten — daß mehr als die Hälfte von jenen heute, in hunderttausend Fetzen zerrissen, eingebettet in der Erde der Schlachtfelder dreier Erdteile lag, in den Tiefen dreier Ozeane ... inmitten der modernden Leiber wackrer Soldaten aus allen Kontinenten des wahnsinnig gewordenen Erdballs ...

Die übriggeblieben waren — ihr vereinter Schall war immer noch machtvoll genug, das Herz der hergewehten Lauscherin mit nie geahnten Schauern zu füllen. Zumal von der Straßenseite her das gewaltige Geläut der Michaeliskirche die Lüfte durchbrauste ... Der Amerikanerin war es, sie hörte die Stimme dieses wundersamen, geheimnisvollen, rätselschweren Landes — dieses Landes, das sie drüben das Hunnenland nannten — und in dem sie nichts als gütige, schnurrige, traurig-selige, stolze, klingende Menschen gefunden hatte ...

Wahrlich, wenn irgendwo die Lehre des Kindes von Bethlehem in den Herzen eine Stätte gefunden hatte, dann war es hier — und nicht im Lande der Bethlehem Steel Company ...

O holdes Wunder, das im Liede dieser Glocken schwang — o Seele, Mädchenseele, erschauernd in nie geahntem Glück der Verbundenheit — des Einklangs mit Erdseele, Menschenseele, Weltseele ...

Doch — da waren die Freunde ... Wie sie staunten, die beiden guten Jungen — die hatten wohl nie so etwas Schönes gesehen alle zwei ... Ganz ergriffen standen sie und starrten auf den Glanz dieses reichen Festes, als sei es ihnen selber zugerichtet ... mit rechten Kinderaugen staunten sie, die zwei guten Jungen ...

»So, Antje!« befahl die Festgeberin, »nun werden Sie helfen zu Ihr guter Freund Mister Clas anziehen sein Kostüm ... Und Sie, Mister Anders, Sie werden gehen mit mir auf die Straße zu suchen unsere kleine Gäste. In halb eine Stunde, ich hoffe so, wir werden haben zusammen unsre dreißig. Aber gut achtgeben, Mister Anders, daß sie sind richtig sortiert ... fünfzehn Jungen, fünfzehn Mädchen, sonst gibt's confusion

Und Clas und Antje waren allein. Das Mädchen half unter Kichern und Prusten ihrem Getreuen die grauwollenen Pluderhosen über seinen Sonntagsanzug ziehen, den mit weißem Krimmer verbrämten langschößigen Kittel, die hohe schwarze Pelzmütze, an der ein paar lange weiße Locken angenäht waren ... Zuletzt hing sie ihm noch den ehrwürdigen Bart um — klatschte dann jubelnd in die Hände: Der Weihnachtsmann war fertig, wie aus dem Bilderbuch herausgeschnitten! Ein Spiegel hing im Kämmerchen, blind, verstaubt:

»Kieken S' mol, Clos, wat vör'n nüdlichen Wihnachtsmann wi ut Sei mokt hebbt!«

Der gute Junge sah sich an und kannte sich nicht. Nur ein schmerzliches Gefühl von Unsicherheit und Befangenheit überkam ihn bei dem Anblick, bei des Mädchens Fröhlichkeit. Er konnte den Entsagungsblick nicht vergessen, den Seufzer nicht, der ihre volle Brust gehoben hatte, als sie und Anders einander beschenkt hatten. Er begriff nur schwer, was in den beiden vorgegangen war in jenem Augenblick ... Nur das eine fühlte er: und ob sie jetzt lachte und in die Hände klatschte wie ein Schulkind — sie litt ...

Er wandte sich ab — es stieg ihm feucht in die Augen. Er nahm seinen Sack und seine Rute und stapfte in den Saal zurück. Das alte zerschrammte Pianino zog ihn wieder magisch an, wie schon einmal heut am Tage, als er einen Stoß Pakete abgeladen hatte, welche die Fremde ihm bei Tietz aufgehalst ... Und er saß, hauchte in die frostverklammten Finger, die vom ewigen Ticktack, vom eisigen Dezembersturm immer ungelenker wurden — und schlug die Tasten an:

»O du fröhliche,
o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit ...«

Auf einmal konnte er nicht mehr weiter. Es warf ihn um. Seine Finger glitten von den Tasten — über den weißen Bart kollerten aus des Jünglings wasserhellen Nordlandsaugen die blanken Tränen ...

»Wat hebbt Sei, Clos?«

»Och ... Antje ... ick bün so unglücklich ... En Musiker harr' ick warden mücht ... un ick weet, ick harr't warden künnt ... öwerst mien Vadder weur man 'n Arbeitsmann, as ick nu ok een bün ... ick heff mien Klavierstünn' opgeben ... öwerst ick heff ümmer flietig speelt — un Sei weeten jo ok, Antje, dat ick schön spälen kann — öwerst nu warden mien Finger ümmer stiewer und stiewer ... un bald ward dat woll ganz all sien mit dat Klavierspeelen ...«

Umsonst versuchte Antje den lieben Jungen zu trösten. Sie hatte es ja selbst bemerkt, wie sein Spiel nachließ ... Proletarierlos ...

Sie trat von hinten an den Freund heran und streichelte ihm ganz lind und leise die nasse Wange überm flächsernen Umhängebart. Da sank das Haupt des armen Weihnachtsmannes an Antjes hochatmende Brust — seine glühenden Schläfen fühlten das heiße Klopfen des starken, ringenden Mädchenherzens.

»Antje!« stammelte Clas und suchte der Freundin schlanke Damenhände zu fassen. »Antje ... mit düssen Anders, dat ward jo doch nix ... ick weit nich, wat dat is mit den Jungen ... öwerst ick gleuw — ick gleuw ... Antje ... ick heff Sei so bannig giern ...«

Da löste die Schlanke sich ganz langsam von Haupt und Händen des Mannes.

»Mien lewe Fründ!« sagte sie leise und innig, »mien lewe Fründ ...«

»Antje ... und dat wier ganz unmögelich, dat Sei ... ick weit, Sei sünd tau gaud vör mi ... öwerst ick heff Sei so giern, so bannig giern ...«

»Still, still, mien gauden Clos ... ick kann't nich ... ick kann't nich ...«


»Sie kommen!« rief Antje. Auf dem Hofe scholl das Geschwirr halblauter Kinderstimmen, von Andacht und bang hoffender Spannung gedämpft ...

»Schnell, Clas, Lichter anzünden!«

Bald flammte der Baum im Wunderglanze der seligen Nacht.

Und — da kamen sie. Die Tür flog auf, Bessie trat ein, so stolz, frostfrisch und süß wie eine kleine Märchenfee — sie trat zur Rechten — und zur Linken ihr Gefährte, kaum fähig, seine Erschütterung zu meistern.

Und nun trappsten und trippelten sie herein — auf ihren zerschlissenen, geflickten Nagelschuhen — ach, es waren gar ein paar Barfüßer dabei — die Kinder des Elends ... In jedem dieser fahlen, verquollenen, schrundigen, oft von Narben und Schorf überkrusteten Gesichter stand eine Geschichte ... das Schicksal einer Blüte, die der Frost gelähmt, der Wurm zernagt, der Sturm zerpflückt, die Dürre verödet ... In den meisten noch ein Rest des großen Kinderstaunens über den Irrsinn des Leidenmüssens — in vielen aber auch schon die Gerissenheit und Verschmitztheit des gehetzten Getiers, in dem und jenem gar schon das Notmal frühreifen Lasters, ererbten, verfrühten Erwachens des Bewußtseins des zu selbstverständlicher Hantierung gewordenen Verbrechertums ...

Und doch allen gemeinsam in diesem Augenblick ein verklärender Zug von Glückseligkeit — die alle hatten dieser Weihnachtszeit entgegengehungert ohne Hoffnung auf einen Lichterbaum, einen freundlichen Willkomm, eine schenkende Hand, eine noch so bescheidene Gabe — bei keiner Wohltätigkeitsorganisation waren sie angemeldet, keine mildtätige Familie hatte sie für diesen Abend in den Frieden ihres Hauses geladen — sie waren allesamt Freiwild, Nachwuchs der Fäulnisschicht, die in der untersten Schlammtiefe der Großstadt wuchert, prädestiniert zu einstigen Insassen der Obdachlosenasyle, der Bordelle, der Zuchthäuser, der Irrenanstalten.

Und nun war ihnen doch einmal, ach vielleicht nur dies eine Mal, das große Kindheitswunder erschienen ... In ihr dumpfes, verpestetes, verdammtes Leben fiel ein Strahl des ewigen Gnadenlichts ...

Man sah's ihnen an: keines begriff, was eigentlich mit ihm geschah ... Sie ahnten nicht, was die Person mit dem feinen Pelzrock und den blanken Stiefelchen von ihnen wollte — wie sie dazu kam, einen Haufen fremder Kinder von der Straße aufzulesen und mit sich zu schleppen ... Und wie kam es, daß sie sich als Helfer einen jungen Kerl von ihrer Sorte ausgesucht hatte — einen Arbeitsmann und ehemaligen Matrosen?! Und da war ja noch eine Dame, nicht so fein wie die Kleine — Dunnerslag! Dies und jenes aus der Neustadt kannte sie sogar: Das war ja Vadder Tietgens seine Antje aus der Uhlen-Twiete, die bei der H. T. L. tippen ging!

Aber nun geschah etwas ganz Ungeheuerliches, Unheimliches und doch eigentlich Wunderschönes: Da stand ja unter dem Lichterbaum auf einmal — so'n alter Kerl, wie sie wohl in den großen Ladenschaufenstern standen, aber ausgestopft — und das war ein lebendiger — zwar die scharfen Augen der Wildlinge sahen sofort: Es war gar kein wirklicher alter Mann, er hatte ein frisches, rotes Jugendgesicht, und der lange, ehrwürdige, schneeweise Bart, den er trug, der war aus Wolle, und er hatte sich ihn nur umgehängt zum Spaß ... aber das war ja gerade das Schöne, daß es man Spaß war ...

Ach — und nun ging der Weihnachtsmann ans Klavier und fing an zu spielen ...

Und die dreißig Kindermünder sangen froh und tapfer und grell und selig mit, als nun die alte Weise klang — die wunderliebe deutsche Weise von der stillen, der heiligen Nacht.


Die drang durch die Fensterscheiben in die schluchtenge, flockendurchstiebte Gasse hinaus, in die nun draußen, drunten die gleißenden Lichtkegel eines Automobils fielen. Und aus dem Wagen tastete sich eine schlanke, pelzbehandschuhte Hand, schob sich ein feiner Mädchenfuß ... Mit leichtem Gruseln stand Ilse Carstensen im schmutzigen, schlüpfrigen Schnee.

Und da schrak sie plötzlich heftig zusammen: Aus der Dämmerung, welche der matte Widerschein der Wagenlampen außerhalb ihres scharfumgrenzten Bereichs schuf, stierten ein Paar Augen sie an, unstet flackernd, heißhungrig wie die Lichter eines Wildkaters ...

Mit hastigen Schritten floh Ilse da die Stiege zur Wirtshaustür hinan ... Und nun klang ihr das Lied von droben entgegen:

»Christ, der Retter ist da —
Christ, der Retter ist da ...«

Das rüttelte an ihres Herzens Pforten, die sie daheim im Elternhause gewaltsam hatte zusperren müssen, damit die liebsten Menschen nicht sähen, was sie doch nicht sehen durften — ihres einsamen Herzens hilflos zitternde Not ... Nun sprangen die Riegel, wehrlos, unverteidigt ergab sich des Mädchens verlassene, verlorene Seele der Gnadenbotschaft aus der Höhe.

Sie klinkte die Saaltür auf, hinter der soeben die letzten Klaviernachklänge verschwebten — und stand geblendet im verschwenderischen Lichte des Tannenbaums, den die Hand einer Glücklichen aus glücklichem Lande für die Ärmsten des ärmsten aller Völker geschmückt hatte. Und Ilse sah ... sie sah das Bild aufatmenden Kinderglücks, das, ungläubig immer noch und endlich doch begreifend, unfaßbarer Schätze sich bemächtigt ... Sie sah das lachende, gebeselige Gesicht ihrer exzentrischen kleinen Freundin, in deren Augen sich die Neugier der schauensfrohen Globetrotterin mit dem reinen Herzensgold der Güte so lieblich mischte — und sie sah, wie nun der Weihnachtsmann vom Klavier her an der Festgeberin Seite trat und sie ihm dankbar und bewundernd die Hand schüttelte. Aber da war ja auch noch ein anderes Paar — sieh da — Fräulein Tietgens, ihres Schwiegervaters Sekretärin — mit der die kleine Patterson sich ja, Ilse wußte es, in ihrer unterstrichenen Popularitätssucht so demonstrativ angefreundet hatte ...

Auch sie war um die Kinder bemüht, half ihnen bewundern und packen — aber dabei lächelte sie mit weich-wehmütigem Schwesterblick einem jungen Manne in Matrosenkleidern zu, welcher, der Tür den Rücken kehrend, mit der Sekretärin plauderte.

Wirklich ein feines, eigenes Geschöpf, dieses Fräulein Tietgens — sah wahrhaftig wie eine Dame aus — und war doch, wenn man sich recht erinnerte, aus ganz kleinen Verhältnissen ... Und der junge Mann, mit dem sie im Wechsel mit ihren Unterweisungen auf die tausend Fragen der immer mehr auftauenden Beschenkten so eifrig und hingegeben plauderte — das wird wohl so etwas wie ein Schatz sein ... merkwürdiges Paar, die sorgfältig, fast elegant gekleidete junge Person — und der Matrose mit dem kahlgeschorenen Kopfe ...

Nun drehte der Seemann sich um, ein tiefgebräuntes Gesicht mit braunem Schnurrbärtchen neigte sich zu einem der Buben nieder, ein Paar arbeitsderbe Fäuste griffen zu, um dem Knaben beim Verstauen seiner Schätze behilflich zu sein — jetzt hob der Kopf sich ein wenig — —

Ilse fühlte etwas wie einen Stoß gegen ihr Herz. Ihre Augen brannten, in ihrer Kehle stieg ein Schluchzen empor ... das keinen Ausweg fand —

Und wieder wandte er — er! — wandte sich wieder an dieses Fräulein Tietgens, und Scherzworte flogen hin und her — es lächelte der weich-wehmütige Schwesterblick ... in tiefem Verstehen strahlten die zwei jungen Menschen einander an, in ihren Augen war der Abglanz des Lichterbaumes, die Weihe des Liebeswerkes, in dessen Dienste sie sich regten, die reine Flamme der Menschengüte.

Sie — sie ist gut zu ihm — sie darf um ihn sein, ihm helfen, mit ihm Gutes tun an den Ärmsten — und ich — —

Also hier — hier ist er — hierhin hat er sich geflüchtet aus der Welt der Geschäfte und Fusionen, der Kontore und Werften, der Helgen und Docks, des Trotzes und Ehrgeizes, des Ringens um Besitz und Macht —?!

In Ilses Wesen löste sich etwas — etwas Starres und Stählernes — etwas Stolzes und Steifes — löste sich, fiel ab wie Schale, wie Schlacke — und aus befreiter Tiefe quoll's auf, eine Fülle ward entbunden, eine Helligkeit brach hervor, eine lang gebundene Musik ward Harfen- und Schalmeienjubel — ein Mensch ward sich seiner Menschlichkeit bewußt.

Und jetzt — jetzt richtete der junge Mann im Matrosenkittel sich vollends auf, sein Antlitz, geheimnisvoll angezogen, wandte sich zur Tür — — und da sanken seine Arme am Leib herab — und auch in seine Augen kam jählings das gleiche kinderselige Staunen, wie es auf den dreißig Angesichtern der freudelachenden Beschenkten stand.

Und Blick senkte sich in Blick.

Du bist's — du — — hier find' ich dich — hier bist du —! staunte Ilses Auge. Unter den Ärmsten der Armen — im Kleide der Schlichten ... hingegeben dem Werk der schenkenden Güte — —

Verstehst du mich? fragten des Geliebten Blicke zurück.

Nein — ich versteh' dich nicht — aber ich glaube — — ich — ahne dich ... und mir ist, als säh' ich dich heut erst, wie du bist ... begriff' erst heute, wer du bist ...

Eine Sekunde nur hielten die Augen der Liebenden einander fest — schimmernd im Glanz der Weihnachtslichter grüßten ihre Seelen sich über den Abgrund hinüber, den Heinz zwischen sich und seine Welt gelegt ...

Aber diese eine Sekunde gab tiefstes Verstehen — dieser kurze Blicketausch war letztes Erkennen — ein Liebesgeständnis ... ein neues Verlöbnis. Erlösende, beseligende Zwiesprache der Herzen — inmitten des Schwarms, der sich um die Gabentische drängte — heiligstes Geheimnis dieser heiligen Nacht — —

Und schon war Heinz wieder Anders Niemann geworden — mit einem Ruck zurückverwandelt ...

Denn hinter Ilse Carstensens Lichtgestalt war im Rahmen ein Schatten aufgetaucht — ein Gespenst aus der Tiefe ... inmitten des Liebesfestes ein Dämon des Hasses ...

Nur einen Moment — und schon war er verschwunden — geblendet, hinweggescheucht vom Glanz der heiligen Stunde.