Viertes Buch
1
Ein verschlissenes Plüschsofa, davor ein fleckiges Marmortischchen in der dumpfen, dunklen Nische eines winzigen, kleinbürgerlichen Cafés der Steinweg-Passage zwischen Altem Steinweg und Wexstraße — das war seit Weihnachten für Heinz und Ilse das Asyl ... Hier wußte niemand, wer das elegante, schlanke Mädchen war, das sich mit einem Matrosen traf — niemand kümmerte sich darum. Hier hatten die Verlobten einander gefunden. Ilse begriff nun alles — verstand des Freundes Suchen und Sehnen — wußte, was er da unten erhofft und gefunden, kannte seine Erlebnisse, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen ...
Draußen fegten die Sprühschauer und Sturmböen des Vorfrühlings um die berußten Ziegelfronten der Neustadt — aber durch die jagenden Wolken fiel bisweilen doch auch schon ein Strahl der belebenden Märzsonne. Unter das Glasdach der stickigen Passage, in die muffige Enge dieses spießigen Kaffee- und Kuchenverschleißes brach kein Sonnenblick, wehte kein Lenzhauch. Aber die zwei Menschen, die in der Frühnachmittagsstunde dieses Sonntags die einzigen Gäste waren, die hatten ihren Frühling mitgebracht. Sie saßen Hand in Hand, und ihre Worte, ihre Gedanken jagten sich wie draußen Wind und Wolken, und durcheinander wirbelten Bangigkeit und Hoffnung, Sorge und Zuversicht.
»Wie schön du dich heute gemacht hast!« strahlte Heinz. »Für mich armselige Blaujacke schwerlich — also beichte, für wen?«
»Selbstverständlich nicht für dich!« lachte Ilse. »Für ganz wichtige Leute! Um drei Uhr legt an St. Pauli Landungsbrücke die ›Union‹ an — das erste Schiff, das unter der Flagge der United Transatlantic Lines Hamburg anläuft! Alle diese Pracht ist für die von drüben!«
»Ein großer Tag für meinen Vater!« sagte Heinz versonnen.
»Für uns nicht minder! Für unser ganzes Vaterland!« sagte Senator Carstensens fleißige Sekretärin. »Und morgen mittag Stapellauf der ›Deutschland‹ — doch, wir sind ein Stück vorwärts gekommen.«
»Aber,« meinte Heinz bedenklich, »das innerpolitische Thermometer steht wieder einmal auf Sturm. Die Arbeiterschaft ist furchtbar erregt. Man munkelt von einem unmittelbar bevorstehenden Rechtsputsch — die Republik sei in Gefahr.«
»Es scheint etwas daran zu sein«, gab Ilse zu. »Auch in unserem Bureau und bei der H. T. L. sind Informationen eingelaufen, daß irgend etwas bevorstehe wie ein Unternehmen zur Wiederherstellung der alten Ordnung ... Also die Stimmung in ›euren‹ Kreisen ist bedrohlich?«
»Sehr ... es wäre höchst fatal, käme die Sache gerade jetzt zum Ausbruch ... Also hör': Mein Schlafkamerad Tedje Tietgens ist wieder sehr tätig. Sollte wirklich ein gegenrevolutionäres Unternehmen in diesen Tagen zum Klappen kommen, dann sind Rückwirkungen auf die Hamburger Arbeiterschaft unvermeidlich — dann kracht's auch hier, und ganz besonders auf unserer Werft!«
»Das wäre fürchterlich ...« sagte Ilse unruhig. »Ach, Heinz, wie bang' ich mich um dich ... Vor diesem Tietgens hab' ich eine entsetzliche Angst ... Du weißt ja, der unheimliche Kerl lauert mir seit Monaten bei jeder Gelegenheit auf ... Vor ein paar Tagen, ich muß es dir sagen, ist mir sogar etwas ganz Entsetzliches passiert ...«
Und glühend vor Scham und Empörung erzählte sie dem Freunde, daß der Arbeiter sich erfrecht habe, sie in der Dämmerung anzusprechen. Er müsse sie einmal mit Heinz zusammen beobachtet haben ... denn er habe gesagt »Fräulein, wenn mein Kamerad Anders Niemann die Ehre hat, mit Ihnen spazierenzugehen, dann ist es vielleicht erlaubt zu fragen, ob auch unsereins einmal so frei sein darf ...«
»Unverschämtheit!« zischte Heinz. »Das ist allerdings schlimm ... Ich habe schon seit ein paar Wochen das Gefühl: er ist nicht mehr wie sonst ... er hält sich zurück, belauert mich ... Nun — und was wurde weiter? Was sagtest du, tatest du?«
»Alles ist gnädig abgelaufen«, erzählte Ilse, noch fiebernd in der Erinnerung. »Der Bursche hatte mich kaum angesprochen, da trat ein hochgewachsener Herr dazwischen und schrie deinen Freund an, er solle mich in Frieden lassen, ich sei die Tochter des Senators Carstensen ... es war ein Leutnant Timmermanns — der Bruder unseres Generaldirektors ...«
»Ah — deines stillen Verehrers!«
»Ach — der ist mir längst abtrünnig geworden!« lachte Ilse ein wenig befangen. »Er zappelt gewiß in diesem Augenblicke vor Ungeduld, bis die ›Union‹ anläuft ... Ich habe ihn an Amerika verloren ...«
»Sein Glück!« gab Heinz das Lächeln zurück und drohte mit dem Finger. »Nun — und wie ging's aus?«
»Es hätte nicht viel gefehlt und Leutnant und Arbeiter wären um meinetwillen handgemein geworden. Aber Herr Timmermanns war zum Glück nicht allein ... Ein paar sehr stattliche junge Herren, die in seiner Gesellschaft gewesen waren, erschienen als Verstärkung — da ist der böse Tedje schleunigst verduftet. Aber dieser entsetzliche Abschiedsblick — mir gruselt noch, wenn ich daran denke ... ekelhaft ...« Ihre Schultern fröstelten — unwillkürlich zog sie den Blaufuchskragen am Hals zusammen. »Heinz — und du mit solchen Kerlen seit einem Jahr unter einem Dach, in einer Kammer zusammen — wie du das nur erträgst ... Wenn ich nachts schlaflos liege — du ahnst nicht, wie oft ich's tu um deinetwillen — mich ängstigen entsetzliche Bilder ... hast du denn wenigstens das Gefühl, daß deine ganze wunderliche Unternehmung ihren Zweck erreicht?«
»Das hat sie längst getan, Ilse — und ich denke, es ist nun genug. Ich warte jetzt nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ ab — dann werde ich wieder Heinz Freimann — und Anders Niemann wird Episode gewesen sein ...«
»Heinz — ist's wahr?!« Die Braut umschlang den Verlobten und küßte ihn. Aber ihre Hände und Lippen zitterten. »Und dann, Heinz, und dann?«
»Dann werden meine Erfahrungen ›ausgewertet‹, wie wir im Kriege sagten. Das ist ein langes Kapitel ...«
»Erzähl' mir, Heinz — erzähl' mir ... Ich will doch einmal deine Gehilfin werden, deine Mitarbeiterin — noch in einem ganz anderen Sinne als jetzt bei Vater ...«
»Wo soll ich nun anfangen, Ilse, um dir das klarzulegen, was ich gelernt hab'? Ich kenne nun — oder bilde mir's wenigstens ein — ich kenne das große Rätselding: die Arbeiterseele.«
»Gibt's das denn überhaupt?« fragte Ilse. »Ich lebe doch nun seit vier Jahren inmitten unserer Arbeiterschaft — von Seele habe ich wenig gespürt, möglichst viel Lohn und möglichst wenig dafür leisten müssen — da hast du die Arbeiterseele!«
»Ilse! Jetzt sprichst du Harvestehudisch und nicht Deutsch!« zürnte Heinz.
»Ach nein — die sind unersättlich, die!« eiferte die Patriziertochter. »Was hat das Kaiserreich nicht alles für sie getan! Bedenk doch nur — unsere vorbildliche Arbeiterschutzgesetzgebung!«
»— die kein großes Kulturvolk uns nachgemacht hat — sollte das nicht zu denken geben?! Frag' mal unsere Ärzte, unsere Juristen, unsere Sozialpsychologen! Da wirst du seltsame Dinge zu hören bekommen: Rassenverschlechterung trotz der Hygiene ... Untergrabung des Verantwortlichkeitsgefühls, des Spartriebes, des Familiensinnes — Züchtigung der Rentenpsychose und des Simulantentums — — Und was das schlimmste ist: das Volk fühlt halb unbewußt, daß diese Fürsorge nur seinem leiblichen Wohl gilt — nur bestimmt ist, seinen Wert als Produktionsfaktor vor allzu schneller Abnutzung zu bewahren ... Wer aber hat die wahre, die seelische Aufgabe erkannt, die das riesige Anwachsen des Industrieproletariats unserer Zeit gestellt hat? Wer hat es unternommen, dem Manne an der Maschine einen — Lebensinhalt zu geben? Sein Dasein einzuordnen in den inneren Entwicklungsgang der Nation? Wer hat sich den Mächten entgegengestemmt, die es seinem Volkstum entfremdeten — es zum Internationalismus erzogen?! Wer hat den Arbeiter gelehrt, sich als Deutschen zu fühlen?«
»Und das — das willst du —?!«
»Ich will's — solange kein anderer es tut — kein anderer als vielleicht der Feind — durch das Übermaß seiner Bedrückung! Diese Fragen sind die wichtigsten von allen großen Menschheitsfragen unserer Tage. Entweder wir lösen sie, oder unser Volkstum, unsere Kultur, unsere ganze Welt versinkt in der roten Flut.«
»Also was willst du tun?«
»Ich gehe nach Berlin. Ich fordere eine Reform des Volksschulunterrichts auf nationaler und sozialer Grundlage. Ich werde meine Erfahrungen allen Männern der Zeit unterbreiten, die irgendwelchen Einfluß auf die Geschicke unseres Vaterlandes haben oder verdienen. Ich werde schreiben, ich werde schreien, wenn's sein muß: Hier ist eine ungeheure Not — Millionen der Menschen, die unsere Sprache sprechen, die unseres Blutes sind, schmachten in hoffnungsloser seelischer Verzweiflung. Oh, ich weiß noch gar nicht, was ich alles tun werde. Ich weiß nur das eine: Hier muß geholfen werden. Ich verstehe ja jetzt auf einmal alles — ich begreife, warum wir den Krieg verloren haben. Darum, weil wir innerlich noch gar kein Volk waren, als die große Prüfung über uns kam.«
»Und euer berühmter Geist von 1914?«
»Ein schöner Traum — eine Vorahnung nur von — etwas, das einmal kommen muß ... Ein Ergebnis der eisernen Friedensdisziplin unseres Heeres — nicht eines tief inneren Zusammengehörigkeitsgefühls unseres ganzen Volkes ... Das furchtbare Erwachen ist gekommen — langsam, unabwendlich. Im Graus der Schlachten zerschmolz mit dem geschulten Heere der Geist des 1. August ... Wir mußten auffüllen ... aus den Massen, die der Friedensdrill nicht erfaßt hatte — die außerhalb der Volksverbundenheit geblieben waren. Das hat sich in Kürze nicht ausgleichen lassen — man hat's auch nur sehr unvollkommen versucht. So — ist's gekommen.«
»Und — was soll werden?« fragte Ilse.
»Hand ans Werk! Der Proletarier muß erkennen lernen, daß auch er ein Deutscher ist. Daß wir zusammengehören — über den Klüften der Bildung, des Besitzes, der Bekenntnisse, der politischen Überzeugungen. Dies und nichts anderes will die deutsche Stunde, die deutsche Not. Das alles habe ich inmitten meiner neuen Freunde erlebt und erkannt — das will ich den Deutschen sagen, das müssen sie begreifen lernen — dieser Gedanke, diese Erkenntnis muß die Grundlage alles unseres zukünftigen Denkens werden. Nicht mit Arbeiterschutzgesetzen, nicht mit Lohnerhöhungen, nicht mit Sozialisierung der Betriebe, nicht mit der Diktatur des Proletariats — aber auch nicht mit Wiederherstellung der alten Ordnung, nicht mit der Wiedereinführung des ›Herr-im-Hause-Standpunktes‹ ist uns geholfen ... unser ganzes nationales Leben muß umgestaltet werden, aufgebaut auf dem einen Grundgedanken der Erziehung aller Deutschen zur Volksgemeinschaft!«
»Ach, Heinz,« klagte Ilse, »die Volksgemeinschaft — ist das nicht auch nur ein Wort, eine Theorie — eine Phrase?!«
»Es ist ein Wort — eine Phrase ist es nicht«, sagte Heinz mit stolzem Ernst. »Es ist — das Wort.«
»Welch eine Riesenarbeit nimmst du auf deine Schultern!«
»Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, sie zu tragen. Aber darauf kommt es auch gar nicht an — dazu bedarf es aller Kräfte der Nation. Die Hauptsache ist, daß diese Aufgabe zunächst einmal erkannt wird. Ich habe sie erkannt — und ein Lump will ich sein, wenn ich nicht alle meine Kräfte daransetze, sie in den Brennpunkt unserer nationalen Arbeit zu rücken! Früher haben wir uns überhoben, jetzt trauen wir uns überhaupt keinen Aufschwung mehr zu ... Aber hör' ein Beispiel: Ein amerikanischer Matrose hat mir's in einer Hafenkneipe erzählt. In jeder Schule in den Vereinigten Staaten, aber auch in jeder, hängt über der Schultafel eines jeden Klassenzimmers ein riesengroßes Sternenbanner. Wenn der kleine Bub oder das Mädchen morgens sein Schulzimmer betritt, stellt es sich zunächst vor die Flagge, legt salutierend die Hand ans Köpfchen und sagt: My flag! Dann kommt der Lehrer, begrüßt die Kinder, und stehend singt die ganze Klasse zuerst das amerikanische Flaggenlied! Das nenne ich nationale Erziehung!«
»Wundervoll! Wundervoll!« rief das Mädchen. »Aber — wer wird die Kraft haben, so etwas in Deutschland einzuführen? Ja — und welche Flagge sollen unsere Schulkinder nun salutieren? Wir haben ja zwei — an der einen hängt unser Herz, unsere heiligsten Erinnerungen — und die andere — die wird uns aufgezwungen ...«
»Ja, es ist eine Trauer,« sagte Heinz, »ein rechtes Gleichnis unserer unausrottbaren deutschen Zerrissenheit. Ich würde vorschlagen: Wenn die schwarz-rot-goldene Flagge einmal durch ein Reichsgesetz eingeführt worden ist, wollen wir sie ehren als ein Symbol unseres einigen, unzerstörbaren Deutschen Reiches. Mit meiner Treue gegen unsere schwarz-weiß-roten Erinnerungen hat das gar nichts zu tun. Nicht auf das Zeichen, auf die Sache kommt es an. Ich bin ein so guter Schwarz-weiß-roter gewesen und geblieben als irgendein Deutscher, ich dächte, das hätte ich bewiesen und beweise das auch heute noch. Aber sobald ein Mehrheitsbeschluß vorliegt, der die neue Flagge einführt, scheint es mir sinnlos, dies neue Gleichnis zu schmähen, das ja übrigens in Wirklichkeit uralt ist. Hinter der schwarz-rot-goldenen Flagge wie hinter der schwarz-weiß-roten sehe ich, ehre und liebe ich die gleiche Sache, mein deutsches Vaterland ... Mein deutsches, denn ich habe nur eins. Ich kann mich nicht in einen Hamburger und in einen Deutschen teilen. Und es wäre schön, wenn auch der Preuße und der Bayer und der Lipper sich endlich als Deutsche fühlen wollten und auf das Kokettieren mit einem Spezialpatriotismus verzichten lernten ... Siehst du, das alles sind Bruchstücke der großen neuen Erkenntnis, die das Jahr in der Tiefe mir gebracht hat ... das alles will ich bekennen vor meinem Volk, bekennen vor meinen Standesgenossen und meinen Kameraden. Nicht rückwärts, vorwärts wollen wir schauen in die deutsche Zukunft!«