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An den St. Pauli Landungsbrücken — ein Bild fast wie aus der Friedenszeit ...
Ja, die Stimmung der Hunderte, die wartend harren, noch gespannter, erregter, fast fieberhaft. — — Was einst alltäglich war, nun ist's ein Langersehntes, ein fast schon Mythe Gewordenes.
Ein Riese des Ozeans wird erwartet — ach, es ist kein deutsches Schiff ... das gibt's nicht mehr ... Gibt's — noch nicht wieder ... Wird's aber geben, einmal wird's das wieder geben ... Drüben auf der Hammonia-Werft, auf der vordersten Helling, mit seinem massigen Leib aufragend bis unters Krangerüst, wuchtet der Gigantenleib der künftigen »Deutschland« ... Schon flattert auf der Spitze des Aussichtstürmchens, dessen keckes Stahlskelett in die planvolle Spierenwirrnis des Helgengerüstes eingebaut ist, das schwarz-rot-goldene Banner des neuen Reiches — — morgen wird das stolze Schiff vom Stapel laufen.
Und was heute kommt, ist fast so etwas Ähnliches wie ein deutsches Schiff ... Die »Union« der Blue Star Line wird heut zum ersten Male unter der Flagge der United Transatlantic Lines von Neuyork her Hamburg anlaufen — dieser Linie, die trotz ihres englischen Namens das erste Zeugnis deutsch-amerikanischer Verständigung ist ... ein erstes tröstliches Zeichen des Wiederaufbaues der Weltwirtschaft — nach der allverschlingenden Sintflut die Taube mit dem Ölzweig ...
Am Heck wird sie das Sternenbanner führen, am Top aber die weiße Fahne mit den Buchstaben »U. T. L.« — dem Symbol erster Wiederbesinnung der wahnzerrissenen Menschheit.
Inmitten der Hunderte, die des großen Ereignisses harrten, stand eine Gruppe von Vertretern der Hansa-Transatlantik-Linie und der Hammonia-Werft. Es galt, den Chef des befreundeten Konzerns zu begrüßen, der heut zum dritten Male von drüben kam, diesmal inmitten eines großen Kreises von Vertretern der Kapitalgruppen, die sich unter seiner Leitung zur Großmacht des Patterson-Konzerns zusammengeschlossen hatten. Alle diese Herren, deren Namen und Bedeutung das Kabel schon längst ihrer Ankunft vorausgesandt, würden kommen, um an das große Einigungswerk der Linie die letzte Hand zu legen — und dem feierlichen Stapellauf der »Deutschland« beizuwohnen, der Zeugnis ablegen sollte, daß die junge Republik die Nachwehen der furchtbarsten Prüfung, die qualvollen Wehen ihres Werdens überwunden habe.
Hatte sie das wirklich?!
Wer das Bild des Hamburger Hafens kannte, wie die wartenden Herren von Linie und Werft es kannten — wer wußte, was sie wußten — der mußte es billig bezweifeln.
Es brodelte wieder einmal mächtig in der Tiefe der Stadt Hamburg — wie es in Deutschlands Tiefen brodelte und schwelte.
Seit heute morgen standen die Arbeiter in der Hephästos-Werft im Streik — und auch auf der Hammonia hatten den ganzen Tag über die Versammlungen einander abgelöst. Es war, als sollte den Amerikanern mit aller Gewalt gleich bei ihrer Ankunft klargemacht werden, daß diesen Deutschen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu helfen sei ...
Schlimmer noch: die Wissenden ahnten, es müsse noch Ärgeres kommen als ein örtlicher großer Ausstand im Hamburger Hafen. Mit den ersten Frühlingslüften war in den Herzen aller derer, die an das neue, an das schwarz-rot-goldene Deutschland nicht glauben wollten, eine jähe Hoffnung aufgekeimt. Der starke Mann, der sich's zutraute, das Rad der deutschen Geschichte um sechs Jahre zurückzudrehen — — er war gefunden.
Die Männer freilich, welche die Ankunft ihrer Vertragsfreunde von drüben erwarteten, die sahen dieser Entwicklung mit tiefer Beklemmung entgegen. Was gab ihnen dieser fast Namenlose, von dem man munkelte, er plane die rettende Tat des Umsturzes von oben, der Gegenrevolution? Sie kannten ihn nicht, er bedeutete ihnen nichts — was würde er dem Volke bedeuten? Und wenn es wirklich zur Tat kam — würde sie nicht das Signal sein zur Entfesselung eines neuen, schrecklichen Bürgerkrieges — ein neues, vielleicht das letzte Glied in der Kette, die Deutschland immer noch von der Völkerwelt abschloß, um es nun vollends zu erwürgen?!
Es waren keine hoffnungsfreudigen Gespräche, welche der alte Detlev Carstensen, schneeweiß und altersgebeugt, und Georg Freimann, gefurchten Antlitzes, doch stramm und zusammengerissen, mit ihren Mitarbeitern tauschten.
Ein wenig abseits standen zwei von den Frauen, die dem großen Ereignis dieses frühlingumwitterten Märznachmittages am nächsten standen: Frau Johanna — und Bessie.
Mutter Johanna war verjüngt, aufgeblüht, kaum wiederzuerkennen. Ihr hatten die zwei Freundinnen, mit Heinzens Erlaubnis, schon am ersten Weihnachtstage das große Geheimnis anvertrauen dürfen:
Heinz ist gefunden!
Oh, nun war alles gut, alles gut. Der fromme Mutterglaube hatte nicht getrogen ... Er ging seinen Weg, er wußte sein Ziel. Noch hielt ihn die Aufgabe, die er selber sich gestellt, in der Tiefe fest, in die er freiwillig hinabgetaucht ... Wer ein Führer des Volkes werden wollte, der mußte es vor allem kennen bis in seinen moorigen Bodensatz hinunter. Aber einst — doch gewiß bald — da würde er wiederkehren — um den Seinen Kunde zu geben, was er da unten erlebt — und vielleicht den rettenden Gedanken ins Licht zu heben, die große Versöhnungstat — die aus allen Deutschen Brüder machen sollte — aus den sechzig Millionen in Wahrheit endlich nach tausendjährigem Irren — ein Reich — ein Volk.
So träumte Mutter Johanna ...
»Wo nur Ilse bleibt?« zürnte die ungeduldige Bessie. »Ich wette, sie trifft sich einmal wieder mit ihrem Matrosen ... Ach, wer's auch so gut hätte ...«
Die achtzehnjährige Brust hob sich in einem tiefen Seufzer. Bobbie — du dummer Klotz ... Bangst dich immer noch um deine Ilse — willst es nicht glauben, daß du bei der verspielt hast ... ahnst nicht, daß ein kleines Mädel aus weiter Ferne dich hunnisches Rauhbein gar zu gern in einen Gentleman von neuestem Neuyorker Schick umdressieren möchte ...
»Wehe aber, wenn sie zu spät kommt zur Ankunft ...«
Nein — sie würde nicht zu spät kommen. Eben tauchte sie auf — ganz frühlingsmäßig zum Empfang geputzt.
Ach — es war ihr schlecht bekommen, das Wagnis, an diesem Sonntage, da es wieder einmal kriselte in der Welt des Hamburger Hafens, in der Tracht der Glücklichen ohne Geleit einen Gang durch die schlimmen Viertel zu machen. Sie glühte vor Erregung, ihre stolzen Züge waren fast zum Weinen verzogen ... Es hatte abscheuliche Rufe, Schimpfworte, Drohungen gehagelt um ihren hastigen Wandel ... Wenig hätte gefehlt, und die erbosten Weiber aus den Hafenstraßen hätten ihr das seidene Jäckchen in Fetzen gerissen ...
Aber nun, zwischen der erschrockenen Schwiegermutter und der scheltenden Freundin, schüttelte sie Schreck und Scham ab.
»Mama — Bessie — ich hab' ihn gesprochen ... übermorgen kehrt er heim ... Nur noch den Stapellauf der ›Deutschland‹ will er abwarten — dann, meint er, sei's genug — dann macht er Schluß mit Anders Niemann — und will wieder unser sein ...«
Ein Jubelruf auf Mutterlippen ... fast hätte Mutter Johanna die Braut umarmt ... Aber nein — Hamburg ist Hamburg, man weiß sich zu beherrschen, wenn andere zuschauen.
»Und dann? Und dann, Ilse?«
»Er hat große Pläne ... Er will nach Berlin, will im Kultusministerium berichten ... hat allerhand Vorschläge für eine Reform des Unterrichtswesens auf nationaler Grundlage ... freilich — es will mir kaum über die Lippen — unter Anerkennung der Republik — er, des Kaisers Offizier ...«
Da rümpfte auch Johanna die Nase. Das war ja kaum möglich ... Nun, man würde ja hören ... Wenn er nur wiederkam — alles andere würde sich finden — diesmal sollte er nicht mehr klagen dürfen, sein Elternhaus sei ihm nicht Heimat mehr ...
»Puh!« lachte Bessie, »was ihr zwei für Gesichter macht, wenn ihr von eurer Republik sprecht ... Sie beißt nicht, die Republik ... Daddy und ich sind auch Republikaner, sogar geborene ... gebt mir acht, ihr werdet's auch ... Oh, ich werde sehr gut sein mit Mister Heinz, wenn er ein Republikaner ist ... Nimm dich in acht, Ilse — wenn du schlecht zu ihm bist, schnapp' ich ihn dir vor der Nase weg ... Er hat mich einmal gerettet, also gehört er mir so schon halb und halb ...«
»Und wie beurteilt Heinz die Lage der Werft?«
»Nicht allzu ungünstig ... Die älteren, besonneneren Elemente sind gegen den Streik. Zwar leidet alles furchtbar unter der Geldentwertung ... Aber der alte Tietgens, der ihr Führer ist, hat heute drüben in der Versammlung eine große Rede gehalten: Die Amerikaner kämen heute an, denen dürfe man nicht das Schauspiel eines inneren Zerwürfnisses bieten — sonst verlören sie das Vertrauen — und die Vereinigung der beiden Linien bräche wieder auseinander ... Auch würden sie dann der Werft keinen Dampfer in Auftrag geben ... und wenn die Werft nichts zu tun habe, könne sie keine Löhne zahlen ... Das hatte Heinz ihm alles klargemacht ... da siehst du, Mama, wie gut es ist, daß er noch geblieben ist ...«
Erregung schwoll auf — alle Hälse reckten sich ... Dort hinten, wo für das Auge die schwärzlichen Häusermassen von Altona mit den hochgetürmten Eisengerüsten der Hephästos-Werft zusammenzustoßen schienen, tauchte zwischen dem Mastengewirr der kleinen Dampfer und Segler, die nun die Stelle der Riesen von einst belegt hatten, der Rumpf eines Gewaltigen auf, überragt von den klobigen Zylindern der drei schwarzen Schornsteine mit dem weißen Reif, auf dem sich alsbald der blaue Stern abzeichnen würde ... Voran tänzelte das Lotsendampferchen — als führe die Hand eines Kindes einen tappenden Goliath, der sich zum Spaß die Augen hätte verbinden lassen.
Ein Rauschen innerster Bewegung ging durch die harrende Menge. Fünf Jahre lang war der drittgrößte Hafen- und Handelsplatz der Welt vom großen Leben des Erdballs abgeschnitten gewesen — ausgesperrt vom freien Weltmeer, dem Tummelplatz aller großen Völker, dem Sehnsuchtsziel germanischer Träume seit Wikingertagen — dem Ruhmespfade der Hansa, der froh befahrenen Lebensstraße des zweiten Kaiserreichs ...
»Unsre Zukunft liegt auf dem Wasser —« herrischer Fürstenmund, der einst dies kühne Wort gesprochen, nun in selbstgewählter Verbannung verstummt ...
Der Irrsinn innerer Zwietracht hatte das festlandgebundene Volk der Deutschen aus der Reihe der hoffenden Nationen getilgt ... Wär's möglich — täte die See aufs neue vor ihm sich auf?!
Mit fest zusammengebissenen Zähnen stand Georg Freimann.
War nicht eine Stunde gewesen, da neben dem begonnenen Abschiedsbrief an die Lebensgefährtin der Browning lag —?
Dankbar suchte das Auge des Reeders der Gattin liebeschweres, wissendes Antlitz.
Nun flatterten viel hundert weiße Tücher, viel hundert winkende Hände — drunten auf dem wimmelnden Landungssteg ... Droben aber auf den Promenadendecks, der Kommandobrücke, harrten Kopf an Kopf gedrängt die Sendlinge der Neuen Welt der Ankunft in dem Lande, dessen verzweifelte Gegenwehr von Amerikas Granaten in den Grund geschossen worden war. Und auch droben winkte manche Hand, flatterte manches Tuch den Gruß der wiedererwachten Menschlichkeit.