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Tedje Tietgens fühlte es in allen Knochen: seine Stunde kam. Immer näher und näher. Unabwendbar.
Seine Seele war ganz Haß geworden. Ganz Grimm und Rachegier. Die tollen, blutigen Junitage durften nur ein Vorspiel gewesen sein. Nur ein Vorspiel.
Die »Deutschland« war fertig. Ihr Stapellauf bedeutete ihm den Triumph des Kapitalismus — das Scheitern der Weltrevolution. Und was ihm selber nur dumpf und wirr in Sinnen und Hirn gor — der Sendling des Ostens hatte den Höllensud gargekocht. Die »Deutschland« würde nicht vom Stapel laufen — —
Seit Wochen hatten Tedje und sein Vertrauter päckchenweise das Dynamit, das die Berliner Zentrale geschafft, in ihren Taschen auf die Werft geschmuggelt. In einem verschwiegenen Keller standen drei Kisten bereit, groß genug, eine Armada in die Luft zu blasen ...
Oh, wie er es haßte, das stolze Schiff, an dessen Vollendung seine starken Fäuste seit mehr denn einem Jahre mitgeschafft — im Bunde mit seinen Freunden, seinen Stubengenossen!
Aus welchem Kopfe war es entsprungen? Jeder auf der Werft wußte es: Bob Timmermanns — der Werkmeisterssohn — hatte es ersonnen. Er, der ihn einmal am Kragen gepackt und an die Wand geschmissen wie einen tollen Hund ...
Wer würde den Ruhm davon haben? Die Hammonia-Werft. Der alte Carstensen — für den hatte er sich abgeschunden sein ganzes Jugendleben hindurch ... er und die Tausende seiner Kollegen ... Und oll Carstensens Tochter würde am Bugspriet stehen und die Sektflasche gegen die Eisenwand des Dampfers schleudern ... Sie, die Feine, die »Zarentochter«.
Und dann — dann würde die »Deutschland« zu Wasser gehen — und nach Amerika fahren — und schwer Geld verdienen — für die H. T. L. Für die Feinde — die Kapitalisten.
Und Tedje? Und die andern fünf-, sechstausend, die daran mitgeschafft hatten in Glut und Frost, in Fleiß und Schweiß?
Nicht zu früh triumphieren — ihr da oben im Licht!!
Die »Deutschland« läuft morgen nicht vom Stapel! Die »Deutschland« geht heut nacht in die Luft!
Und dann — wenn alles drunter und drüber geht — dann holt Tedje Tietgens sich seine Feine — seine »Zarentochter« —!!
In dumpfer Maulwurfshöhle hielt Spartakus Kriegsrat. Tedje Tietgens hatte nicht den Vorsitz mehr — die Beratungen leitete im Auftrage der Berliner Zentrale der Sendling Moskaus: der Genosse Dragomiroff. Und in der Runde der Spießgesellen, die um Mudder Lores Tisch saßen, an den Wänden sich rekelten, auf dem Fußboden kauerten, sah man inmitten der lenzluftgebräunten Köpfe der Werftarbeiter manches fahle, spitzknochige Slawengesicht. Die Wodkaflasche kreiste, in den Taschen knisterten die Sowjetrubel.
Dragomiroff war mit der Haltung des Hamburger Proletariats höchst unzufrieden. Die Schlappmacher von der Mehrheitssozialdemokratie, selbst die unsicheren Kantonisten, die Unabhängigen — sie schielten alle nach dem Brotkorb, den der Kapitalismus ihnen mit kargen Brocken zu füllen geruhte. Kein Glaube mehr, keine Begeisterung, kein Opfermut! Da waren wir Russen doch andere Kerle, hatten ganze Arbeit gemacht!!
Nein, so ging's nicht weiter. Jetzt oder nie! Die Gegenrevolution rüstete zu ihrem längst geplanten großen Streich. Die Zentrale hatte sichere Kunde, daß in den nächsten Tagen die Weißen mit einer ganzen Armee gen Berlin rücken würden, um die Regierung der Lauen und Halben zu stürzen und das Reich des Mammonismus und Militarismus aufs neue aufzurichten in Deutschland.
Da ging über die angespannten Gesichter der Lauschenden eine jache Glut.
Nieder die Bourgeoisie! Es lebe die Weltrevolution! Die Weißen an die Laterne!
Der Russe lachte Hohn. Sein gewandtes, östlich schnarrendes Deutsch goß siedendes Öl in die Seelen seiner Hörerschaft. »Pah — schreien! Damit seid ihr immer bei der Hand, ihr schlappen Deutschen! Aber wo steckt ihr, wenn's ans Handeln geht?! Ein bißchen putschen, ein paar Cafés und Villen plündern, das Rathaus mit Maschinengewehren punktieren, einen Haufen entwaffneter Weißgardisten zertrampeln — dazu reicht's! Sind das Taten? Lausbubenstreiche sind's, nichts weiter! Der Feind, der handelt —! In eben dieser Stunde läuft im Hafen ein Dampfer ein, an dessen Bord die Zwingherren Amerikas von drüben kommen — das internationale Kapital reicht dem deutschen die Hand, damit dem Siegeszuge des Bolschewismus ein Damm entgegengetürmt werde! Und drüben auf der Werft soll morgen ein Schiff vom Stapel laufen, das ihr selber, ihr albernen Tröpfe, gebaut habt als Bindeglied und Stärkung für die Macht des Götzen, der euch alle knechtet, euch Proletarier der alten wie da drüben in der neuen Welt! Dieses Schiff wird den Namen ›Deutschland‹ tragen — eine neue Herausforderung des international gesinnten deutschen Proletariats — eine neue Verherrlichung des Nationalismus — dieser diabolischen Erfindung des Kapitals, das mit seiner Hilfe die Arbeiter des Erdenrunds verhindert, sich in unwiderstehlicher Stoßkraft zu verbrüdern — das sie vier Jahre lang widereinander gehetzt hat ... Und sie mußten sich gegenseitig zerfleischen, vorn im vordersten Graben, aber die Offiziere, die Sendboten des Kapitals, die euch in Blut und Tod jagten, die blieben hübsch hinten und versteckten ihr kostbares Leben, das Leben eurer Unterdrücker, in bombensicheren Unterständen!«
»Haut sie!« brüllte der Chor der jungen Gesellen, von denen gut die Hälfte höchstens im Rekrutendepot den Krieg erlebt hatte. »Messers rut! An'ne Wand dei Schufte!«
»Deutschland! Was heißt das? Ist Deutschland der Proletarier Vaterland? Dann ist's ein Rabenvaterland! Hat's für euch jemals etwas anderes übrig gehabt als verblödende Arbeit — elenden Hungerlohn — stinkige Zinskasernen — gemeinen Fusel und halbverfaulte Kartoffeln — und wenn eure Knochen morsch wurden, aufgerieben und zermürbt von einem Leben der Arbeit für die Großen — hundert Mark Invalidenrente?!
Und übermorgen werden sie jubeln, wenn das Werk eurer Hände zu Wasser geht, jubeln und sich brüsten, als hätten sie es gebaut und nicht ihr!
Soll's dazu kommen?!«
»Nein!« brüllte die Horde.
»Gut — so sorgt mir, Genossen, ihr Entschlossenen, ihr Jungen, ihr, die ihr euch ekelt mit mir vor der Halbheit und Lauheit der Maulproletarier, der verkappten Bourgeois — sorgt mir, daß die versumpfende, verrottende sogenannte ›Bewegung‹ endlich Beine bekommt, Flügel bekommt, Klauen und Zähne bekommt! Sorgt, daß ein Fanal aufglüht, ein Posaunenstoß schmettert, eine Sprengmine in die Luft geht!
Es lebe die Propaganda der Tat!!«
Der Sendling Lenins ließ sich in einen Stuhl fallen — stürzte ein Glas Branntwein hinunter. Und mit eisig kühlem Vivisektorenblick musterte er die wüste Schar seiner Hörer, die ihn tobend, armefuchtelnd umdrängten.
»Wat söhlt wi moken — Genosse? Wat köhnt wi dauh'n? Du hest doch'n Plon, Kierl — spuck'n mol ut!«
Dragomiroff empfand: Die Zündschnur glomm. Nun mochte ein anderer pusten, sie in Brand zu halten. Er gab dem Genossen Tietgens das Wort.
Tedje stand auf. In seinen dunklen Augen glosteten drei Höllen auf einmal: Wollust, Zerstörungswut — und die gelbste, tückischste, stinkendste aller Schwefelflammen: der Neid. ... Der Neid des Unfruchtbaren auf die Könner, des Athleten auf die Gedankenriesen, des Glaubensleeren auf die Glaubensstarken.
»Jungs!« zischte er, »dei ›Dütschland‹ lopt morgen nich von'n Stopel — wi blost ehr in dei Luft!! In'n Keller von dei Maschinenbuhalle, doar stohn dree Kisten Dynamit!!«
Was — — — hatte er gesagt — der Tedje?!
Die »Deutschland« in die Luft blasen — mit — Dynamit?! — Die — — »Deutschland« —?!
Starr saßen sie plötzlich, die jungen Burschen — glotzten blöden, jählings erblaßten Gesichts im Kreis — —
Die Wodkadünste, die Phrasennebel rissen, verflatterten ... Eine Tat reckte sich auf, scheußlich, irrsinnig — eine fratzenhafte Ausgeburt der Hölle ...
Selbst für diese zerrütteten, verrohten Gestalten zu aberwitzig, zu bestialisch ...
Anders Niemann saß regungslos. Er hatte hundertfachen Schreckenstod geschaut — seine Nerven hatten gezuckt wie unter glühenden Zangen — sein Herz hatte nicht gebebt. Jetzt bebte es.
Die »Deutschland« in die Luft gesprengt ... War's auszudenken?
Dragomiroff — nun ja, Halbasien — — ein Tier mit Menschenantlitz und Menschensprache, aber mit Wolfsinstinkten ...
Aber Tedje — —! War das möglich — dann — was war dann nicht zu fürchten — von der Masse, der entfesselten, der zuchtentsprungenen —?!
Anders Niemann saß in fieberndem Lauschen und Schauen. War's möglich — sie — konnten ihn dulden — — — — diesen — diesen Plan?!
Sie fielen nicht über ihn her, über diesen höllenentstiegenen Satan — schlugen nicht mit ihren sehnigen deutschen Werkerfäusten das Hirn zu Brei, das diesen gräßlichen Gedanken ausgespien?! Ihm und — — seinem Helfershelfer, diesem Sohn einer deutschen Mutter?!
Nein — sie überlegten — — hinter dieser und jener niederen Stirn, in dem und jenem unstet flackernden Augenpaar glomm's schon auf — eine scheußliche, quallige Zerstörungswollust ...
Ja, sie wankten, sie taumelten, diese Haltlosen, Glaubenslosen, Willenlosen — stürzten hinein in den Mahlstrom des Irrsinns, der aus dem giftgeschwollenen Maul des Höllenfremdlings zu ihren Seelen emporbrandete, ersäufte, hinwegschwemmte, was gut, gesund, eigen — was deutsch in ihnen war. Der Osten siegte — das Nihil ...
Die Ungestalt über die Gestalt, das Chaos über den Kosmos ... Ahriman über Ormuzd ...
»Verdammi — ick bün dobi!!«
Clas Mönkebüll hatte es gerufen — der blauäugige Holste, der Schumann und Brahms zu spielen wußte und den schmerzlichen Wahn im Herzen trug, er hätte ein Künstler werden können, hätte des Elends würgende Faust ihm nicht das Werkzeug der Seele gestumpft ...
»Ick ook! Ick ook!«
Dort und dort reckte sich eine arbeitsharte Faust ... immer mehr — immer mehr ...
Sinn war in Unsinn verwandelt, Schaffenskraft in Zerstörungswut, Tat in Untat ...
Waren's noch Menschen, Deutsche, Brüder — die beisammenhockten, den scheußlichen Plan durchsprachen bis in alle Einzelheiten, die Rollen verteilten, die Stunde, die Minute des Vollbringens festlegten, das — Chaos organisierten —
Anders Niemann blieb noch immer ganz regungslos. Unvorbereitet stand er dem Entsetzlichen gegenüber, das sich plötzlich hirnerstarrend vor ihm aufreckte.
Mitwisser — dieses — dieses Geheimnisses?! Dieses — dieses Planes —!!
Ja — nun wandte sich's gegen ihn, was er seit einem Jahre, reinen Herzens, getan und gelebt. Er war in diese Welt der Tiefe hinabgestiegen, ein Liebender, ein Suchender — und sah sich plötzlich nun verstrickt, hineingezerrt in ein entsetzliches Geheimnis — er, Georg Freimanns Sohn.
Was tun?!
Die »Deutschland« — Georg Freimann — die H. T. L. — die United Transatlantic Lines — das Vaterland — das alles war eins — das alles wollten sie vernichten, diese Verrückten, mit einem einzigen Streich — einem Bubenstreich — einem Satansstreich — —
Heinz — Anders — Mann — Sohn — Deutscher — was tun?!
Im Sinnen war's ihm plötzlich, als stäche eine glühende Nadel ihm ins Hirn. Aufblick: Tedje —! Er belauert, wittert mich! Vorsicht —!!
Anders Niemann fühlte ein Würgen, als griffe eine drosselnde Faust nach seiner Kehle. Nur jetzt nicht erkannt, durchschaut, zertreten werden!! Einen Augenblick lang meinte er, klar zu sehen — wähnte nun erst zu wissen, was sein Weg war — meinte plötzlich zu begreifen, daß dies der eigentliche Sinn seines Handelns habe sein sollen: daß er des grausen Anschlags Mitwisser hatte werden sollen ... und so der Retter ... der »Deutschland« ... Deutschlands ...
Aber nein, es war ja ganz anders gewollt, geplant, ausgeführt ... ganz, ganz anders — —
Ein Spion — — ein Spitzel wider Willen? Wahnwitzige Schrulle des Geschicks — —. Zwölf Monate Kamerad unter Kameraden, Freund unter Freunden, Stubengenoß, Tischgenoß — dem sie alle vertraut — den eine — — liebte.
Und nun: Denunziant — Verräter?!
Unmöglich, Heinz Freimann — unmöglich!!
Die hohe Sendung, die dich in die Tiefe geführt, sie wäre nicht nur gescheitert — sie wäre auch — geschändet ... dein Sehnen zur scheußlichen Fratze entstellt ...
Nein — das war unmöglich — gab's denn kein anderes Mittel, das Unausdenkbare zu verhindern?!
Und Anders Niemann warf sich dem Mahlstrom entgegen. Er bat ums Wort. Er beschwor die Kameraden, abzustehen von ihrem grauenvollen Vorhaben.
»Kameraden!« rief er, »ick begriep dat nich: Dei ›Dütschland‹, dei hebbt wi doch mokt, alltausomen hebbt wi s' mokt! Nich blot dei Inschenöre, nich blot Timmermanns — du un du un du un ick, wi hebbt unsen Sweit un uns' Gedanken un — ick kann't nicht beter seggen, wi hebbt en Stück von uns' Hart 'rinbugt in dat Schipp!«
»Hahaha!!« lachten da um die Wette der bärtige Russe, der ungeschlachte Tedje.
»So ist's recht!« knarrte Dragomiroff. »Deutscher Knechtssinn! Unausrottbar! Wer bist du denn, junger Mann, daß du's besser weißt, was dem Arbeiter frommt, als ich, der Vorkämpfer des siegreichen russischen Proletariats, he?! Oder dein Kollege Tietgens hier, der Vertrauensmann der glorreichen Volksrepublik des Ostens?«
Anders Niemann ließ sich nicht den Mund verbieten. Heiß schwoll ihm das Herz. Arbeiter sein, das durfte doch nicht heißen, das Werk seiner Hände verachten und hassen! Liebe müsse bei dem Tagwerk sein, sonst sei es sinnlos und verflucht! Mit wildem Flehen rang er um das Herz der Brüder. Vollendet stehe da drüben das große, gemeinsame Werk — vom rechnenden messenden Kopf ersonnen, aufgetürmt von der tausendfältig schaffenden Hand ... Morgen solle es hinaus in die freie Flut, um später, nach weiteren Monaten harter Arbeit der werkelnden Faust, hinauszufliegen und denen da draußen in aller Welt zu verkünden, daß Deutschland noch aufrecht stehe — daß es Erdrosselungskrieg und Erdrosselungsfrieden überstanden habe und leben, leben, leben wolle ... Freilich, davon könne Dragomiroff nichts verstehen — er sei ein Russe, ein Fremdling ... Und arbeiten habe noch kein Mensch den jemals gesehen ...
»Tedje, Clos!« beschwor er die Freunde, »wi hebbt tausomen vel hunnertdusend Niete mokt in dei ›Dütschland‹ — is dat nich uns' Wark, dat Schipp, is dat nich uns' Kind?!«
In Clas Mönkebülls heißem Gesichte sah Anders den Abglanz seiner Glut wühlen und flammen ... Aber noch etwas anderes erkannte er in des Freundes Auge: etwas, das ihn seit Wochen zuweilen angeglotzt aus des treuen Burschen zerquältem Gesicht: etwas wie dumpf schwelender Haß ... Und — Tedje?!
Kiek den Duckmäuser! Tut sich auf einmal als Klugschwätzer auf — will mir meinen schönen Racheplan vermasseln! Der Schleicher, der scheinheilige — um den meine Antje sich härmt! Na teuf, mien Jung!
Dragomiroff hatte lauernd, abwartend beobachtet, wie des Matrosen Worte wirken würden. Er sah, wie sie eindrangen, dort und dort, in die verwilderten, verstörten Herzen. Jetzt war's Zeit.
»Hast du nun genug gequatscht, du Schwätzer, du Pope, du Scheinheiliger?« schrie er wutverzerrten Gesichts. »Ich will dir helfen, du Esel, klüger sein zu wollen als wir, die Vorkämpfer der proletarischen Freiheit! — Genossen! Wer steht zu unserm Plan? Wer will der vorderste sein am großen Vernichtungswerk, das den Götzen Mammon zertrümmern soll? Wer legt die Zündschnur — wer setzt sie in Brand?!«
Nur zwei traten vor: Tedje Tietgens und — — Clas Mönkebüll ...
Arm in Arm stellten sie sich, auf Dragomiroffs Geheiß, in der Kameraden Mitte. Der Russe nahm sie mit Handschlag in Eid und Pflicht und gab ihnen einen knallenden Weihekuß. Und so die anderen alle — sie, die sich verpflichtet hatten, die ständigen Wächter der Werft von hinten anzuschleichen und mit zähem Messerschnitt in die Gurgel zu erledigen. — »Dann aber, Genossen,« schloß Dragomiroff, »dann, wenn die Tat geglückt ist — dann heißt es: Zu den Waffen! Denn die Weißen stehen bereit, unsere Tat wird auch für sie das Signal. Dann heißt's die Kameraden fortreißen, ehe die zur Besinnung kommen. Es lebe die Propaganda der Tat!«
Dann winkte er Tedje zu sich heran.
»Tietgens!« flüsterte er ihm heiser ins Ohr, »gib acht auf den Quatschkopp, den Niemann — der Hund ist gefährlich!«
»Dat will'k woll gleuwen, Genosse!« zischte Tedje zurück. »Clos Mönkebüll sall em op dei Hacken blieben! Verlot di op mi, den'n Kierl lot wi nich ut Sicht!«
Und nun: der Wirrwarr und Lärm des Aufbruchs ... Heinz raffte sich aus seinem krampfigen Grübeln. Er hatte Klarheit. Was galt Heinz Freimanns Leben, was galt selbst seine Ehre — wo es um alles ging?! Nein — wer solches plante, der hatte das Recht auf Treue verwirkt ...
Wenn der Anschlag mißglückt — mißglückt, weil er verraten ist — Tedje Tietgens wird wissen, an wen er sich zu halten hat. An den Kollegen, den er einmal mit der Tochter seines Chefs hat spazierengehen gesehen ... und das bedeutet ein gräßliches Ende — vielleicht ein spurloses Verschwinden ... Was tut's? Die ihn lieben, werden wissen, wie und für was er gestorben ist ...
Aber schweigen? Den Plan dieser Schreckenstat kennen und schweigen?! Unmöglich ...
In einem Nebelmeer von Zigarettenqualm schwamm das unterirdische Gelaß — alles umdrängte den Russen, verlangte noch letzte Weisungen ... Heinz hatte sich bis zur Tür durchgepirscht. Ein rascher Späherblick in der Runde — nein — niemand beobachtete ihn ... und mit einem Ruck war er im stockfinstern Flur, tappte sich die wohlbekannten triefenden Wände entlang, glitschige Stufen hinauf, öffnete eine geheime Tür nach der andern mit kundigem Druck — stand im Flur des Vorderhauses, verschwand in der Telephonzelle, in der sonst die verlorenen Kinder, die unter Mudder Lores Fuchtel ihre armseligen Leiber feilhielten, mit ihren Freunden ihre Sonntagsverabredungen trafen. Das aber entging ihm, daß mit Katzentritten vier Füße ihm nachgeschlichen waren — daß zwei Männergestalten dicht neben der Telephonzelle in der Wand verschwunden waren — in einem geheimen Versteck, aus dem man jedes Gespräch belauschen konnte ...
Er hob den Hörer, verlangte die Nummer der Villa Carstensen ...
»Hier bei Senator Carstensen ...«
»Hallo — kann ich Fräulein Ilse sprechen? Bitte sofort — es ist äußerst dringlich ...«
Er lauschte in bebendem Warten. Klangen nicht draußen Tritte?
»Ilse Carstensen ...«
»Hier Heinz ... Ilse, ich muß dich unbedingt sofort sprechen ...«
»Unmöglich, Heinz — du weißt doch, die Amerikaner — in einer halben Stunde beginnt der Empfang bei euch zu Hause — ich bin gerade bei der Toilette ...«
Ein Bild stieg sekundenlang vor des Mannes Augen auf ... eine Vision — beglückend und fern wie ein nie erreichbares Sehnsuchtsland ...
»Wann kannst du dich frei machen?«
»Frühestens nach dem Abendessen, ich denke etwa um halb zehn ...«
»Das wird zur Not genügen. Also höre, Ilse: Ich werde um punkt halb zehn im Auto an unserer Gartentür vorfahren, auf dem Harvestehuder Weg ... Du erwartest mich, steigst zu mir ein, wir fahren einmal um den Häuserblock herum, ich sage dir schnell, was zu sagen ist — und in fünf Minuten kannst du wieder bei euren Gästen sein ... einverstanden?«
»Ja, Heinz — kannst du mir nicht wenigstens eine Andeutung —?«
»Telephonisch unmöglich ... Es bleibt dabei: um halb zehn an unsrer Gartenpforte! Laß mich nicht im Stich, es steht viel, es steht alles auf dem Spiel ... Auf Wiedersehen, mein Herz ...«
»Auf Wiedersehen ...«
Mit einem Ruck riß Heinz die Tür der Telephonzelle auf — spähte umher, ob er unbelauscht geblieben sei — alles leer, alles still ... Völlig beruhigt kehrte Heinz um, legte aufs neue den ganzen Weg bis zum Versteck der Verschwörung zurück und mischte sich unter die Genossen, die noch immer erregt schwatzend beisammenhockten.
Kaum war er hinter der geheimen Tür verschwunden, welche aus dem Flur des Vorderhauses in das unterirdische Labyrinth führte, da öffnete sich neben der Telephonzelle die Wand, und mit wutverzerrten Gesichtern traten Tedje und Clas aus dem Versteck hervor.
»So'n Hund, so'n entfomtigen Hund!« knirschte Tedje. »Clas, ick mutt di wat seggen: Düssen Anders, düssen Kierl, de mien Swester 'n Kopp verdreiht hett — den'n heff ick — vor drei Dag heff ick'n seihn, as hei sick mit Fräulein Carstensen in dei Passage an'n ollen Steinweg dropen hett — un is mit ehr in 'ne lüttje Konditorei verswunnen — un doar hebbt sei 'n Stünn' un länger tausomen snackt ... Un nu telephoniert hei 'ne gewisse Ilse, und seggt tau ehr: Hier Heinz ...«
»Verdammi —!« zischte Clas, »verdammi! Is dat denn meuglich, dat hei — dat uns' Anders Niemann —«
»— en Spitzel is? En ganzen hundsgemeinen Spion un Verräter?! Wenn du dat nu noch nich markt hest, Clos, denn lat di in Alsterdörp in dei Idiotenanstalt opnehmen — doar geheurst du hen, mien Jung!«
»Wat mokt wi mit em, Tedje, wat mokt wi blot?!«
»Dat 's nu dien Sok, Clos«, sagte Tedje mit tückischem Grinsen. »Ick denk', du hest sowieso wat mit em aftaumoken, mit düssen Anders Niemann odder ... Heinz ... Dunnerslag ... doar fallt mi wat in — Heinz ... Im Hause meiner Eltern, hett sei seggt ...«
Und mit atemlosen Worten erinnerte er den Freund: ob er sich denn nicht mehr entsinnen könne, daß vor einem Jahr in ganz Hamburg davon gesprochen worden sei, der Kapitänleutnant Heinrich Freimann, der Sohn des Generaldirektors der H. T. L., eben als Kapitänleutnant aus englischer Gefangenschaft zurückgekehrt, sei plötzlich spurlos verschwunden?!
»Dat is hei, Clos! Strof mi Gott, dat is hei!!«
Clas Mönkebülls gutmütiges Musikantengesicht hatte sich längst in Grimm und Glut verzerrt. Dem Kameraden, dem Kollegen hatte er Antje blutenden Herzens gönnen müssen ... wehe aber, wenn dieser Kollege ein Schuft war, ein Verräter, ein Weißer gar, ein — nicht auszudenken — ein Bourgeois, ein ehemaliger Offizier ...
»Du weits nu Bescheid. Clos! Ick verlot mi ganz op di ... Hest 'ne Waffe?«
»Heff ick!« knirschte Clas und ließ sein Messer einschnappen. »De kümmt mi nich weg, Tedje.«
»Mok dien Sok' man gaud, Clos ... ick leg' ok 'n gaud Wort vör di in bi mien Swester ...«
Da lächelte Clas melancholisch und beschattet. Im Augenblick, als er die Hand zum Schwur dem Russen hingestreckt, hatte er in tiefer Seele das dunkle Rauschen vernommen — das er aus den Erzählungen seiner Kriegskameraden kannte. Wem es erklungen war, der hatte des kommenden Tages Morgenröte nicht mehr geschaut. —
»Dat 's vörbi, Tedje ... hüt nacht goht wi twei kaput ...«
»Meuglich —« murmelte Tedje ... »öwerst denn sall dei entfomigter Slieker, dei Anders Niemann — ne, dei Heinz Freimann — dei sall denn mit us twei tausom'n kaput gohn!!«
Wenige Augenblicke später stand Clas Mönkebüll neben Heinz — der bewegte sich wieder ganz harmlos inmitten der abschiednehmenden Kameraden, die sich immer noch nicht von den Wodkaflaschen trennen konnten.
»Kumm, Anders!« sagte Clas und stieß den Schlafkameraden vertraulich mit dem Ellbogen an, »wüllt een' Lüttjen nehmen! Wer weit, ob dat nich de letzte is!«
Anders Niemann fuhr herum. Diese Stimme — unterirdisches Grollen ... dies Gesicht — verändert, verzerrt ... Die aufrechte Gestalt wie seltsam verkrümmt ... Reue?! Freilich, diese arme, arbeitsrissige Hand, der die Läufer und Passagen immer mehr unter den Fingern wegrollten — sie hatte sich einem Werk des Wahnsinns verschworen ... ein Fluchgezeichneter, ein Todgeweihter vielleicht ... unmöglich, ihm diese Bitte abzuschlagen. Man wird sich rechtzeitig losmachen müssen.
»'t is recht, Clos — wo goht wi hen?«
Clas Mönkebülls Augen flackerten irr und trüb. »Wat söhlt wi noch wied lopen? Lot uns in Mudder Lor' ehr lütt' Kabuff sitten ... sei hett 'n ollen lüttjen Köhm, so een' is in ganz Hamborg nich weddertaufinnen ...«
Im schlimmsten Falle, du Hund, kommst du aus Mudder Lores Dachsbau überhaupt nicht wieder heraus! — —
Tedje hatte sich als letzter von Dragomiroff getrennt. Nun war er sich selber überlassen. Er schlenderte durch die engen Gassen des unheimlichen Viertels zwischen Wexstraße und Neustädter Straße. Sein Schädel dampfte, Gesicht und Hände zuckten im Krampfe.
Anders Niemann ein Spitzel ... ein Spion ... der verschollene Sohn des Generaldirektors der H. T. L.! Und wohnt seit einem Jahr in Mudders Jungsstübchen ... ißt an Vadders Tisch — schafft auf der Hammonia-Werft mit Clas und Tedje ... und macht die arme Antje Tietgens verrückt ... Hund du — Hund —!!
Was hat er nur gewollt?! Sekundenlang blitzte es durch Tedjes brodelndes Hirn, ob doch irgendein Geheimnis dahinterstecken möchte — irgendein verborgenes Wollen, das anständig wäre und ehrenwert ... Nein, nein — es soll nicht sein! Er soll ein Schuft sein, nichts weiter als ein ganz gemeiner Verräter. Jetzt ist's ja klar, er hat spionieren wollen, nichts als spionieren! Na, und das ist ja auch gelungen — jetzt weiß er etwas, das lohnt, verdammi, das ganze Jahr Verstellung!
Wirst dich verrechnet haben, Spion! Der starke Arm, der alle Räder stehen lassen kann, wenn er will — der greift nach deiner Gurgel! Wir lassen dich nicht aus — sollst danebenstehen und zusehen, wie die stolze Hoffnung deines Vaters in die Luft geht — und dann — dann bist du reif fürs Messer!
Und wenn du nicht mitgehen willst — wenn du Anstalten machst, Alarm zu schlagen, zu warnen — dann — schon vorher! Bei Clas bist du gut aufgehoben — schon um Antjes willen —!
Arme Antje ... Wenn nun morgen keiner von uns dreien wiederkommt?! Sie wird weinen — um wen? Nicht um den armen Clas, der sich hätte totschlagen lassen für sie ... um den Bruder vielleicht ein paar Tränchen ... aber die Augen aus dem Kopfe wird sie sich weinen — um den Schuft, um den Halunken, um den Verführer, um den Verräter ...
Nein ... Das darf nicht sein ... Sie soll wenigstens wissen, wer er ist ... Sie soll — sie soll nicht um ihn weinen ... einerlei, ob er unter Clas' Messer verblutet oder heut nacht mit der »Deutschland« in die Luft geht — Antje Tietgens soll nicht um ihn weinen. Sie soll erfahren, daß sie ihr Herz und ... wer weiß was sonst noch alles an einen Lumpen und Verräter weggeschmissen hat. Sie wird sich grämen vor Schande — aber sie wird wenigstens nicht um ihn weinen. Das ist er nicht wert ... Die Ehre soll er nicht mal im Tode genießen.
Also heim — zu Antje ...
Und dann? War nicht noch etwas anderes zu erledigen, bevor es ans große Rachewerk geht?! Was war's doch nur?!
Ah — die Feine ...
Halb zehn an unserer Gartenpforte — du erwartest mich, steigst zu mir ins Auto — —
Wirst vergebens warten auf deinen Bräutigam, schöne Zarentochter ...
Aber wie — wenn statt seiner — ein anderer im Auto säße —?!
Düwel, Düwel — dit wier 'n Snack —!!
Mit einem Ruck blieb Tedje stehen — mitten in einer der üblen Gassen, an deren Fenstern die armseligen Huldinnen der schlimmen Viertel auf Beute warteten.
Da war sie ja, endlich, die lang umlauerte Gelegenheit ... Hahahaha!
Der eigene Bräutigam hatte sie aus ihrer Festung herauslocken müssen — trieb sie in Tedje Tietgens' Arme ...
Das kommt nie wieder!
Und just in der letzten Stunde vor der großen Entscheidung — vor der Tat, die so leicht mißglücken kann — — Dynamitkisten sind keine Schiffsniete ... da kann einer leicht aus Versehen mit in die Luft gehen ... Und vorher das da!
Düwel, Düwel — so 'n Snack!
Esel und Schlappstiefel, wer da nicht zupackt!
War ja alles zum Lachen einfach, — die zwei hatten's ja eingefädelt!
Als wenn man nicht ein halb Dutzend Freunde hätte unter den Benzinkutschern ... Dazu noch irgendeinen handfesten Kollegen als Helfershelfer — ohne Gewalt wird es ja nicht abgehen ... Die läßt sich in Stücke reißen — schreit ganz Hamburg zusammen ... Für alle Fälle ein Paket Watte und eine Flasche Äther, kriegt man in jeder Drogerie — —
Aber schnell, schnell, in zehn Minuten ist Ladenschluß!