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Mudder Lores »Bar« entbehrte nicht einer gewissen klebrigen Gemütlichkeit. Hier hatte Anders Niemann nach mancher Sitzung des »revolutionären Aktionskomitees« mit seinen Freunden scharf gezecht. Und nun — diese Abschiedsstunde ...
Da saß er ihm gegenüber, dem guten Gesellen, mit dem er unzählige Stunden reinen Glücks erlebt — wenn sie zusammen an Mudder Minings klapprigem Pianino Beethovens und Brahms' Sonaten gespielt — und sich emporgeschwungen hatten über Enge und Niedrigkeit in strahlende Höhen kampfgeläuterten Menschentums ... Und nun — nun war's vielleicht das letztemal ...
Anders hob das Glas: »Nich so trurig kieken, Clas, vellicht kümmt dat all man half so slimm.«
Da traf ihn aus des Freundes Augen ein Blick, unter dem er zusammenzuckte.
»Wi will'n drinken ...« stammelte der Holsteiner, »nich snacken ... blot nich snacken ... ick kann nich ... ick kann nich ...«
Was war das?! Ahnte er irgend etwas? Unmöglich — Woher sollte er ...
Clas Mönkebüll war nicht der Mann, eine Hölle verschwiegen in der Brust zu tragen. Er litt ohne Grenzen.
»Wat hest du, Clos? Is di nich gaud —?!«
»Ne,« sagte Clas, und seine Brauen zogen sich so fest zusammen, daß sie die Augen fast verhüllten, »gaud is mi nich.«
Anders glaubte zu begreifen. Der Schwur ... die Freveltat, zu der er sich im Wirbel des Augenblicks hatte dingen lassen ... dieser wahnwitzige, fluchwürdige Plan — — Ach — wenn man ihn retten könnte ...
»Jo, Clos, hest recht ... dat döggt nich, wat wi uns von düssen Russen hebbt ansnacken loten.«
»Dat helpt nich ... wi hebbt sworen ...« Clas stürzte ein großes Glas Schnaps hinunter und winkte der grellbunt gekleideten Aufwärterin um eine frische Füllung.
»Ick nich, Clos — ick nich ...«
»Ne ... öwerst ick ...«
Ein ungeheures Mitleid schwoll in Anders Niemanns Seele. Wie er verzweifelt rang, der treue Bursch, wider das Unausdenkbare, das der Dämon aus dem Osten ihm eingeblasen ... Oder war's etwa das nicht allein?! Immer wieder hoben sich des Freundes wirre Augen und sandten einen Blick herüber, in dem noch mehr lag als nur Verzweiflung über das eigene Schicksal ... ein Argwohn, ein Verdacht ... Nein, das war unerträglich. Anders fühlte erst in dieser Stunde mit voller Klarheit: Dieser junge Mensch aus der Tiefe war ihm wert und lieb geworden — und dies das letzte Beisammensein vielleicht ... Wie immer der Ausgang sein sollte, ob es zur Vollendung kam oder nicht — Anders Niemann und Clas Mönkebüll würden nie mehr zusammen arbeiten, plaudern, trinken, musizieren ... O Wehmut ohne Grenzen ... o grausamer Irrsinn des Lebens ...
Wohl hatte Anders Niemann eine Maske getragen — wohl war zwischen ihm und dem Proletarier da drüben niemals im letzten Sinne Wahrheit gewesen ... Dennoch — ein Band hatte sich geknüpft, stark genug, wenn eines Tages die Hülle des Truges fiele, über die Klüfte des Standes und der Bildung hinüber ein Leben lang zu dauern — ein Anfang war gemacht, diese Klüfte zu überbrücken ... in seiner Freundschaft zu diesem Schlichten hatte Heinz Freimann einen ersten Schimmer der Erfüllung seiner kühnen Träume von einer versöhnenden Gemeinschaft aller deutschen Menschen erlebt ... Und nun dies Ende ... War denn kein Ausweg? War es denn ganz unmöglich, diesen kindguten, herzenswarmen Menschen der höllischen Verstrickung zu entreißen, in die er sich hatte hineinzerren lassen?!
»Clos ... segg mi, dat — dat bliwt, dat du hüt nacht — ick kann't un kann't nich gleuwen von di ...«
»Dat bliwt!!« sagte Clas hart.
Hier war ein Kamerad über Bord gegangen, kämpfte mit den Wogen, die ihn verschlingen mußten. Und der alte Seemann stürzte sich in den Strudel. Rettung! Rettung!
Er nahm seine ganze Kraft zusammen. Welches Glück, daß er der Sprache des Volkes mächtig geworden war bis in ihre feinsten Schattierungen! Wie mit wuchtigen Schwimmstößen rang er sich an die Seele des Freundes heran, packte die widerstrebende, kämpfte verzweifelt wider ihren selbstmörderischen Willen zum Untergang. Von Deutschland sprach er, das ihrer beider Vaterland sei. Von dem stolzen Schiff, in das sie beide seit einem Jahr ihre Kraft und ihren Fleiß hineingebaut. Von dem Fahneneid, den sie einst als Rekruten geschworen ...
Umsonst. Immer finsterer, immer unnahbarer zog des Arbeiters Seele sich vor dem heißen Werben des Mannes zurück, den er ein Jahr seinen Freund genannt. Und plötzlich überkam den Werber die jähe Erkenntnis, daß zwischen ihm und dem Gefährten noch etwas anderes liegen müsse als der Schwur, den jener geleistet ...
»Clos — du hest wat gegen mi — segg't mi iehrlich, Clos!«
»Ick verstoh nich ...«
»Doch — du versteihst mi ... hett di een' wat ... seggt öwer mi —?«
Clas konnte nicht lügen. Mit einem Male richtete er sich hoch auf, sah dem Frager starr ins Auge und sagte:
»Geben Sei sick keine Meuh — — Herr — Kapitänleutnant.«
Anders Niemann fühlte einen Stoß wider das Herz. Also das!! Aber wie?! und seit wann?!
»Ach so!« sagte er, und ohne sein Wollen ging eine Verwandlung mit ihm vor. Anders Niemann sank in die Tiefe — Heinz Freimann ward wiedergeboren.
»Also du weißt, wer ich bin, Clas Mönkebüll«, sagte er gefaßt. »Ich will dich jetzt nicht fragen, woher. Komm her, lieber Junge, hier ist meine Hand. Ich bin dein Freund — du hast keinen besseren. Glaub' mir's — werde nicht irre an mir Ich will dir alles erklären.«
»Geben Sei sick kein Meuh, Herr.«
Er stand auf, gab dem Frauenzimmer am Büfett einen Wink. Die verschwand. Man hörte, daß sie die Tür hinter sich abriegelte. Nun schritt Clas Mönkebüll zu der Tür, die zum Flur führte, schloß sie ab, steckte den Schlüssel in die Tasche und trat auf Heinz Freimann zu.
»Wenn Sei vellicht noch en Vadderunser beden will'n —«
In seiner Hand blinkte das Messer.
Heinz Freimann sprang auf. Einen Augenblick lang fuhr's ihm durch den Kopf: Eine Waffe! Dann: Schreien! Um Hilfe schreien — pah — umsonst. Er begriff nichts — nichts als dies eine: Er war verloren.
Und plötzlich ein Blitzstrahl: Antje ... Was in diesen umdüsterten Augen schwelte, war nicht allein der Haß der Klasse — solch fressendes Feuer entzündete nur verschmähte Liebe.
»Ein Wort noch, Clas!« sagte er fest und in Haltung. »Du willst mich töten, weil ich um euren Plan weiß — und weil du glaubst, daß ich ihn verraten will. Ehrlich gestanden, ja — ich hätte ihn verraten müssen, wenn du mich leben ließest. Müssen, Clas — und wenn's mich meine Ehre gekostet hätte. Ich habe euch gewarnt — habe euch angefleht mit allen Kräften meines Herzens, ihr solltet dem Hund, dem Moskowiter, nicht folgen. Es hat nichts geholfen. Darum muß ich euch verraten — muß, wenn du mich leben läßt. Tu du, was du verantworten kannst. Aber ich glaube, zuvor ist zwischen dir und mir noch etwas anderes klarzustellen. Du bist unserer Freundin Antje Tietgens gut. Du glaubst, ich hätte sie dir abwendig gemacht. Und darum willst du mich töten. Tu's — aber dann geh hin zu Antje, grüß' sie von mir — und sag' ihr, ich hätte dir in meinem letzten Augenblick gesagt, daß ich niemals auch nur die leiseste Gunst von ihr bekommen hab' ... Ich habe ihre Lippen niemals berührt —!«
Da wurde Clas Mönkebülls gestraffter Körper plötzlich matt und schwankte. In die grimmverzerrten Züge trat ein ungläubiges, irres Staunen. Die zuckenden Lippen stammelten:
»Is — dat — wohr?! — Is dat — wohr —?«
»So wahr ich ein braver Soldat bin — und dein guter Kamerad, dein treuer Freund, der dich wie einen Bruder ehrt und liebt ...«
Des armen Burschen Hand mit dem blinkenden Messer sank schlaff am Leibe herab. »Nu kann'k 't nich dauhn,« stammelte er heiser, »nu kann'k 't nich dauhn ...«
»So tu auch das andere nicht, Clas!« rief Heinz und legte seine beiden Hände auf des Freundes Schultern. »Besinn dich! Du bist ein Deutscher ... Es ist Wahn, dein Lied von der roten Seligkeit ...«
»Dei kümmt — dei kümmt ...« Das war wie ein verzweifeltes Sichaufbäumen gegen empordämmernde Erkenntnis — krampfhaftes Sichanklammern an treibende Trümmer ... Und nun: ein letzter Blick — mit beiden Fäusten umklammerte Clas Mönkebüll des Freundes Rechte — es war, als wolle er ihn an seine Brust reißen — aber mit einem krampfigen Schluchzen machte er sich los, stürmte zum Ausgang, schloß auf, zog den Schlüssel ab, warf die Tür von draußen zu — ein schwerer Riegel ward vorgeschoben, der Schlüssel krachte ins Schloß. —
Heinz Freimann war gefangen.