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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 39: 5
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

5

»Öwersnappt sünd's, Mudder — öwersnappt!« eiferte Vadder Tietgens.

»Hest recht, Vadder«, hüstelte Mining. »Helpt jo allens nich, dat oll Gestreik un Geputsch ... flietig in dei Hann' spucken un arbeiten, as ji freuer arbeit' hebbt — nich acht Stünn', ne, tein, twolf ... süß köhnt wi jo nich wedder hoch komen!«

Da paffte Timm Tietgens eine mächtige Unmutwolke: »Ne, Mudder, dat mi den'n Achtstünndag, dat mutt blieben ... öwerst se möten in dei acht Stünn' ok würklich arbeiten un nicht ümmer diskurieren un debattieren ...«

Antje saß still und bedrückt den Alten gegenüber. Wo nur die Jungens blieben?! Es braute sich etwas Schwüles, Dräuendes zusammen — sie fühlte es am Zerren ihrer Nerven, am aussetzenden Schlag ihres gequälten Herzens. Ach, daß ein Mensch so leiden konnte, wie sie litt seit Monaten. Sie, die aufrechte, nackensteife Frau ...

Vadder Timm gähnte vernehmlich. »Ick bün meud — ick warr doch hellschen klapprig, nich, Mudder? So 'n grote Red' — dat is nix miehr vor mi ... Geihst du nich to Hus, Deern?«

»Ick wull op dei Jungs luern«, sagte Antje gepreßt. »Öwer goht ji man tau Bed, all beid ... ick heff' jo 'n Slötel ...«

Und dann saß sie einsam — lauschte dem Stundenschlag der unzähligen Kirchtürme, die über dem Brodem der Stadt ihres feierlichen Ruferamtes walteten — und sann — sann — sann ...

Nun feiern sie in der Villa Freimann — die Glücklichen, die Reichen ... Und morgen, nach dem Stapellauf, da werden sie wieder feiern ... Das Werk, das zwölftausend Hände geschaffen, sie rechnen sich's allein an, weil's aus ihrem Kopf entsprungen ist ... Und wer wird dann der zwölftausend fleißigen Hände gedenken, ohne die ihr Planen ewig Papier und Phantasie bliebe?! Nein — die Faust hatte schon recht, sich zu ballen und aufzurecken wider den herrischen Kopf, der allein im Lichte stand ... Gemeinsam war das Werk, gemeinsam sollte die Feier sein ... die Freude ... der Stolz ...

Einer von denen da oben, der hatte angefangen, das zu begreifen. Der träumte von einer neuen Welt, in der Kopf und Fäuste das Werk nicht nur gemeinsam schüfen, nein, auch gemeinsam begriffen, umfingen mit ihrer ganzen Seelenmacht. — Er hatte nicht umsonst ein Jahr lang die Luft dieses Hauses, dieser bescheidenen Stuben geatmet, nicht umsonst aus Mudders Topf gegessen, mit Vadder geraucht und politisiert, mit den Burschen geschlafen und gewacht, gearbeitet und geschwatzt ...

Und würde nun doch emporsteigen aus der Niederung — empor in seine helle Welt — in die Welt des herrschsüchtigen Kopfes, des triumphierenden Geistes, des Glanzes, der Feste — empor zu seinen Menschen, den Menschen seiner Rasse, seiner Klasse — empor — empor zu — der andern ... mit der sie ihn vor wenig Tagen, Schulter an Schulter, durch die kahlen Bosketts am Glacis hatte schlendern gesehen — wie er hundertmal mit ihr geschlendert war — mit der armen Antje ...

Und Antje würde vergessen sein ... vergessen die unzähligen Stunden, in denen er ihr, sie ihm gegeben hatte — das Beste, was ein jedes besessen — eine Welt von Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen ...

Ach ja — einmal ein Jahr aus seiner Welt in die andere hinüberwechseln, aus der Höhe in die Tiefe steigen ... das konnte er, das mochte er — aber dann — dann tat sie sich doch aufs neue zwischen hüben und drüben auf, die ewige, die unausfüllbare Kluft zwischen den zwei Völkern, die eines Blutes waren, eine Sprache redeten, eines Staates Bürger waren — eines Vaterlandes Kinder ...

Pah — Vaterland!!

Ach — es blieb doch ewig wahr: Nur die da oben, nur die hatten überhaupt ein Vaterland ... die unten, die blieben ewig die »vaterlandslosen Gesellen ...«

O Heinz — du hast das alles empfunden und verstanden — du Guter — du Reiner — du Großer im Wollen und Sehnen ... du willst sie schließen helfen, die unüberbrückbare Kluft ...

Oh, wenn dir das gelänge — ja, wenn du auch nur standhaft, gläubig, heilig genug wärst, dein Leben zu setzen an dies Werk — deine Antje wollte sich's nicht gereuen lassen, daß sie ihr ganzes Herz in dich, in dein Wollen und Wesen hinein verblutet hat ...

— Horch ... die Stiege knarrt ... Tedje ... nicht ganz sicher, wie immer ... aber ... allein. Und Clas und Anders —?!

Da stand er in der Tür ... Gott ... diese Augen —

So blickt kein Mensch ... so blickt ein — —

»Kiek ... Antje ... un dei Ollen?!«

Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen.

Leise schwankend tappte sich der Bruder an den Tisch. In seinen gedunsenen Zügen zuckten die Gedanken, die Gefühle, wetterleuchtend von innerem Aufruhr. Jetzt legte er die rissige Arbeitshand auf der Schwester vollen Arm:

»Hest 'n arg leiw — dien'n Kierl — nich wohr, mien Deern?«

»Ick verstoh di nich, Tedje ...«

Nein — sie verstand ihn nicht ... zwar seine Worte, aber nicht sein Fühlen. In seinem rohen, zerwühlten Gesicht strahlte jählings etwas selten, fast nie Geschautes auf — eine wehe Güte — eine schmerzvolle Liebe ...

»Wenn hei nu eens Dogs nich wedder köm' — dat deed di weih, nich wohr, mien Deern?«

Wunderlicher Gesell — seine Stimme zitterte — es stand etwas in seinem Auge, das im stillen Schein des Glühdrahts blinkte wie eine Perle ... Und schon war's verwischt, hinweggeweht ... und etwas Tückisches, Lauerndes, Abscheuliches flatterte empor.

»Ick will di wat vertellen, Antje ... Clos un ick — wi gohn hüt nacht en sworen Gang tausomen ...«

Antje saß erstarrt ... ganz Lauschen — ganz ahnungsvolles Grausen ...

»Meuglich, dat wi tausom'n dorbi kaput gohn ... dat wi, kein ein wedder an Mudders Disch tau sitten kümmt ... Dat wull ick di seggen, mien Deern ... du sast dei Ollen grüßen van uns twei ... un wenn't so kümmt ... denn sast du Vaddern seggen, dat wi follen sünd op dat grote Slachtfeld von dei Frieheit — as truge Söhns von't Proletariat ...«

»Um Gottes willen, Tedje — wat hebbt ji vör?!«

Und mit dem nervösen Begreifen, das diese grausengewöhnte Zeit ihren Menschen angezüchtet:

»Den'n Damper! dei ›Dütschland‹? ... dei wöllt ji sabotieren —?!«

Tedje schwieg — ein Satansgrinsen um die Lippen, zwischen denen die Zähne bleckten wie ein Hyänengebiß.

»Jo — dei geiht in dei Luft, hüt nacht!!«

»Dat's nich wohr, Tedje — dat's nich wohr!«

»So wohr as ik hüt noch hier sitt — un morgen vellicht nich miehr ... Wi hebbt sworen, Clos un ick —!«

»Tedje —« schrie das Mädchen, »un Anders? — Wat is mit Anders?!«

Da verzerrte sich des Bruders Gesicht zu einer Grimasse urweltentstiegenen Hasses.

»Dien Kierl — hahaha! Dien Kierl! Weißt du, wer dat is? 'n Spitzel is hei, 'n ganz hundsgemeinen Verräter!«

Und in grellen, abgerissenen Sätzen stieß er heraus, was er wußte von Anders Niemann. Daß er in Wahrheit Heinz Freimann sei — und daß er um halb zehn das Fräulein Carstensen treffen wolle, seine Braut, um ihr den Anschlag seiner Kameraden zu verraten.

»Öwerst doar hett hei keen Glück mit — Clos Mönkebüll bliwt em op de Hacken ... hei mutt met op dei Werft ... Un wenn wi annern in dei Luft gohn, denn geiht hei mit! Un wenn hei sich vörher muckst, dann sitt em Clos sien Messer twüschen dei Rippen!«

Entgeistert hatte Antje der entsetzlichen Kunde gelauscht. Nun saß sie noch immer bewegungslos, unfähig, das Unfaßbare in sich aufzunehmen.

»Na, Deern, wat seggst nu tau dien'n Kierl?! Dat heff'k di seggen wullt — dat du weißt, wat hei vör'n Halunk weur — un dat hei nich wert is, dat du di üm em grämst, wenn hei verswinnt op Nimmerwedderseihn ...«

»Tedje!« schrie Antje. »Dat dörft ji nich — ji dörft em nix dauhn! Ji kennt em nich — öwerst ick, ick kenn' em ... Ick heff dat jo allens wußt, von'n iersten Oogenblick an heff ick dat wußt, donn all, as ick em seih'n heff an Mudders Disch ...«

»Dat — hest du — wußt?!«

»Dat heff ick, Tedje ...« Und in jagenden Worten versuchte sie dem Bruder klarzumachen, was den Kapitänleutnant Heinz Freimann heruntergezogen in die Welt der harten Handarbeit ums tägliche Brot ...

Tedje Tietgens hatte sich in einen Stuhl fallen lassen. Er ließ der Schwester angstgehetzte Schilderung über sich hinbrausen — im Anfang mit hämischem Grinsen — dann immer gebannter ... immer verstörter. Fern, ganz fern dämmerte etwas herauf — eine Ahnung, ein mattes, ungewisses, hauchhaftes Leuchten ...

Nein — nein — das durfte nicht sein ... Der Traum von der roten Seligkeit, die moskowitische Prophetie hatte in Tedjes zerfahrenes, verludertes Leben etwas wie einen Sinn, ein Ziel, eine Hoffnung hineingebracht ... An das alles klammerte er sich verzweifelt an, um nicht ins Bodenlose zu sinken ... Brüsk raffte er sich auf:

»So — nu is't 'naug, Antje! Hest di gaud besabbeln loten, Deern — ick fall' do nich op 'rin! Allens Swindel, allens Kaptalistenhumbug! Adjüs, Swester — ick heff di seggt, wat ick weit — nu mok, wat du wullt ... grüß dei Öllern — un wenn wi nich wedderkomen — denn vergeet mi nich ganz, heurst?«

Er faßte die Schwester an beiden Schultern, wie er's so oft getan — preßte sie an sich in wilder, verzweifelter Zärtlichkeit — riß sich los — stürmte hinaus, die hölzerne Stiege hinunter polterten seine schweren Schuhe, die Tür fiel drunten ins Schloß, auf der Straße verklang sein Schritt.

An allen Gliedern schlotternd, stand Antje. Über ihre zuckenden Wangen stürzten die Tränen.

Was tun? Was tun?!

Die »Deutschland« sabotiert — Antje wußte, was das bedeutete. Die H. T. L. — die United Transatlantic Lines — die Hammonia-Werft — alles brach zusammen. Ach — und ihre kleine Welt? Die Welt ihres armen, gemarterten Herzens? Der Bruder — Clas — verloren beide ... diese enge, geliebte Stube — morgen wird sie widerhallen vom Jammer der Verzweiflung ...

Und Heinz —! Wo war er? Sie wußte es nicht — kein Schatten einer Ahnung ... Nur das eine war gewiß: Er war in den Händen der zwei Männer, mit denen er seit einem Jahr Wachen und Schlaf geteilt — die er als seine Freunde, sie wußte es, geehrt und geliebt — nun waren sie binnen einer Stunde durch ein unbegreifliches Schrecknis seine Todfeinde geworden ...

Auch er — verloren — verloren ... und damit das letzte, was ihres eigenen Lebens ganzer Sinn und Inhalt geworden war.

Was tun?! Es gab nur eine Antwort, nur eine Lösung:

Zu ihr — zu der andern — zu seiner Braut. Wenn einer noch retten konnte — dann war sie es — sie — und die Menschen, die sie umgaben — die Klugen, die Starken, die Mächtigen.

Und schon stand Antje in Hut und Mantel, schon raste sie die Treppe hinunter.

Zu ihr ... zur Schwester ihres Leides ...