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Das Land unserer Liebe

Chapter 40: 6
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

6

Aus ungezählten hellerleuchteten Fenstern strahlte Haus Freimann die Siegeshoffnung seines Herrn in die Märznacht — in die kahlen Parks und Baumarkaden um die vornehmste Villenstraße Deutschlands.

Die Yankees waren keine zugeknöpften Engländer — sie waren freimütige Söhne eines freien Landes. Es war ihnen wohl in dieser Stunde, durch die ein warmer Hauch von Versöhnung, von Menschlichkeit, von Hoffnung flutete. Und sie hielten's nicht für Raub, sich behaglich zu geben, wo sie sich behaglich fühlten.

Die Herren waren im Salon beisammen, in Gruppen um kleine Tische verteilt. Frau Johanna inmitten — strahlend in Hoffnung und Güte. Manch offenes Männerwort wurde gesprochen. Die Deutschen konnten sich manchen lange getragenen Groll von der Seele reden.

Hinüber und herüber flog's — Anklagen, Bitterkeiten — grundlose und tief berechtigte hüben und drüben ...

Und doch über dem allen eine geheime Entspannung. Man sah sich, man fühlte sich wieder — man sprach sich aus ... man fing an, einander zu begreifen ...

Die Jugend im Saale hatte kurzen Prozeß gemacht. Ihr Lebensdrang, ihr Freudebedürfnis hatte den großen Abgrund schnell überbrückt. Misses und Jungmädchen, Jungherren und Gentlemen drehten sich längst im Onestep, im Boston, im Tango ...

Zwar fehlte von den beiden jungen Königinnen dieses Abends die eine: Ilse Carstensen hatte sich nach aufgehobener Tafel für eine Stunde entschuldigen lassen. Die war längst herum — aber vergebens schauten die jungen Ingenieure und Abteilungschefs vom Patterson-Konzern sich die Augen aus nach der schlanken blonden Hamburgerin. Bessie aber konnte sich kaum des Ansturms der kriegsgestählten Jünglinge erwehren, auf deren Fräcken — nu jrade! — die Eisernen Kreuze von verbrausten Schlachten, von verschmerzten Leidensjahren erzählten.

Wie ein Turm ragte Bob Timmermanns' Hünengestalt, leuchtete sein blonder Schädel, flammte sein blonder Bart über dem Tanzgewühl. Er brach sich und seiner Tänzerin Bahn wie seine Schiffe durchs Wellentosen des entfesselten Ozeans ... Aber immer wieder sah man in seinem Arm das straffe Körperchen der munteren Bessie, an seinem breiten Männerbusen das kapriziöse Köpfchen mit den weißblonden Wuschellocken. Und im Gewühl neigte der Riese den kantigen Friesenschädel, schmachtete das Schelmengesicht zu ihm empor:

Bär du — Hunnensohn — du gefällst mir ...

Musik verklingt — Gewühl beruhigt, entwirrt sich ...

Zu Bob Timmermanns tritt auf leisen Sohlen, in Eskarpins und Seidenstrümpfen, korrekt gefältelten Gesichts der greise Charlie:

»Herr Generaldirektor — eine Sekunde, wenn ich bitten darf ...«

»Schön — verzeihen Sie, Miß Bessie ... Gehen Sie hinaus«, flüsterte Timmermanns dem alten Diener zu. »Ich finde Sie draußen ...«

Verflucht! Jedenfalls etwas Unangenehmes ... Eine Meldung von der Werft ... Nur jetzt keine Krise, nur jetzt nicht ...

Beim Hinaustreten erkannte er sofort die junge Dame im schlichten Lodenmantel ... die Sekretärin des Hausherrn.

»Fräulein Tietgens — was gibt's?«

»Herr Generaldirektor — heut nacht um drei Uhr soll die ›Deutschland‹ in die Luft gesprengt werden.«

»So — —« sagte Bob Timmermanns tonlos. »So — — Erzählen Sie, Fräulein.«

»Herr Generaldirektor — ist Fräulein Carstensen wieder im Saal?«

»Nein — sie hat sich vor — es muß schon länger als eine halbe Stunde sein — sie hat sich entschuldigt — Kopfschmerzen — ist nach Hause gegangen — wollte bald wieder hier sein. Aber was hat das mit — mit der ›Deutschland‹ zu tun?«

»Sie — ist nicht — wiedergekommen?! Ich war vor zehn Minuten schon einmal hier, um nach Fräulein Carstensen zu fragen — man sagte mir, sie sei nach Hause gegangen — ich ging zur Villa Carstensen ... Da ist sie auch nicht ... ist überhaupt gar nicht da gewesen ...«

Robert Timmermanns griff sich an den Kopf. »Sie machen einen ganz verständigen Eindruck, Fräulein — aber alles, was Sie mir da erzählen — bitte, nehmen Sie sich ein wenig zusammen — und sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie zu sagen haben.«

Und nun erzählte Antje. Ihr Bericht war klar wie ein Diktatbrief ihres Chefs.

Der Generaldirektor hörte ihr mit gespannter Aufmerksamkeit zu, ohne sie auch nur durch einen Ausruf, einen Laut zu unterbrechen.

»Fräulein,« sagte er dann mit einer Gelassenheit, durch die nur leise das Beben seiner Erschütterung hindurchschwang, »Sie wissen, was auf dem Spiele steht. Die Amerikaner dürfen's nicht merken — Sie verstehen mich. Ich werde niemanden benachrichtigen als — als meinen Bruder, der glücklicherweise drinnen im Saal ist. Und, Fräulein — Ihren Herrn Chef werden wir auch in Kenntnis setzen müssen.«

Er winkte dem alten Charlie — der stand wie eine Mumie an der Saaltür, hinter der eben jetzt aufs neue die lockenden Tanzweisen aufquirlten.

»Kennen Sie meinen Bruder, den Leutnant Timmermanns? Ich muß ihn sprechen. Holen Sie ihn heraus — und auch den Herrn Präsidenten. Aber so, daß es nicht auffällt — verstanden?«

Der Diener nickte wortlos. Die Saaltür öffnete sich, eine Sekunde lang blitzte das Fest in die Dämmerung der Diele hinaus, jubilierten die Geigen, rauschten die Akkorde des Flügels, schwebte der Tanz einher. Antjes Seele schrie. Bob Timmermanns stand unbeweglich, das harte Gesicht in scharfem Überlegen zusammengekrampft.

Im Augenblick, da der Alte die Tür von draußen schließen wollte, schlüpfte ein zierliches Figürchen an ihm vorüber, von perlmutterfarben schillernden Pailletten überrieselt, spähenden Blicks — Bessie ... Hatten ihre Indianersinne die Witterung des drangvollen Moments?

»Verdammt — die fehlt uns gerade ...« zischte Timmermanns.

Aber schon hatte Bessie ihre Freundin Antje erkannt. Sie raschelte heran, streckte beide Hände aus.

»Oh, das ist schön, daß Sie kommen, Miß Antje. — Ich habe mich den ganzen Abend nach Ihnen gesehnt! Warum sind Sie nicht auf dem Fest? Sie gehören doch auch dazu ... Ich wette, Sie haben wegen dieses Schiffes mehr Briefe geschrieben als alle anderen Menschen zusammengenommen! — Aber — was haben Sie? Sie sind ja so aufgeregt? Und auch Sie, Mister Bobbie.«

Sie ließ sich nicht beruhigen. »Nein, nein, mir macht keiner was vor — stimmt etwas nicht in Ihrem Stapellauf? Es wäre entsetzlich ...«

»Fräulein Bessie,« sagte Timmermanns, der von ihrem hastigen Englisch natürlich keinen Ton verstand, aber den Sinn ihrer Fragen erriet, »gehen Sie ruhig wieder hinein — ich komme gleich zurück, Sie haben mir den nächsten Boston versprochen ... Fräulein Tietgens hat etwas Geschäftliches mit mir zu bereden — zu Unruhe ist nicht die leiseste Veranlassung ...«

Umsonst — da kamen schon die Herren — der Leutnant, der Präsident. Und Bessie war nicht abzuschütteln ...

»Nein, nein, ich gehe nicht fort ... Ich will wissen, was los ist ... Vor allem will ich wissen, wo Miß Ilse ist ...«

Es blieb nichts übrig — man mußte in ihrer Gegenwart Antjes Bericht entgegennehmen.

Mit der letzten Anspannung seiner Willenskraft hörte Georg Freimann seine Mitarbeiterin an. Was die sagte, war unbesehen als Wahrheit anzunehmen. Aber — — welche Kunde!!

Die »Deutschland« in Gefahr — Ilse verschwunden — Heinz wiedergefunden, aber in höchster Not ...

Ein Schwindel wollte den Reeder umwerfen. Gewaltsam raffte er sich zusammen — und übernahm sofort die Führung.

»Miß Bessie, Sie haben gehört und verstanden, nicht wahr? Ich erwarte von Ihrer Freundschaft zu uns allen, daß Sie Ihrem Vater und Ihren Landsleuten gegenüber schweigen werden. Versprechen Sie mir das?«

Das Mädchen kämpfte vergebens mit den Tränen. »Miß Ilse!« stammelte sie schluchzend, »o Gott, wo ist Miß Ilse?!«

»Davon später! Ihre Hand, Miß Bessie — Sie werden die Ihrigen nicht unnütz und vorzeitig beunruhigen? Gut — so bleiben Sie ... Herr Generaldirektor — Sie übernehmen ja wohl den Schutz der Werft. Mein Wagen wird Sie zum Hafen bringen. — Sie alarmieren die Hafenpolizei, außerdem werde ich Ihnen noch zwei oder drei Ihrer jungen Herren herausschicken ... Genügt das? Oder haben Sie noch Wünsche oder Fragen?«

»Nein, Herr Präsident!« sagte Robert fest.

»Gut — so bleiben zwei weitere Fragen: Wo ist Fräulein Ilse Carstensen — und wo ist mein Sohn? Haben Sie eine entfernte Vorstellung, Fräulein Tietgens, was mit den beiden geschehen sein könnte?«

»Nein, Herr Präsident«, flüsterte Antje. »Nicht die leiseste Ahnung ... Aber ich fürchte, ich fürchte ...«

»Was fürchten Sie?!«

»Ich weiß — daß mein Bruder ...« Schamglühenden Gesichtes verstummte sie.

»Ihr Bruder hat schon seit Monaten Fräulein Carstensen beunruhigt —« sagte Robert. »Wir wissen es, Fräulein Tietgens. Glauben Sie, daß — halten Sie es für möglich — — mein Gott, das wäre ja entsetzlich ...«

»Ich ... kann mir wenigstens Fräulein Carstensens Verschwinden — nur auf diese Weise erklären —« stammelte das gepeinigte Mädchen.

»So ... das ... halten Sie für möglich«, sagte Georg Freimann durch die Zähne. »Und wohin könnte er sie ... mein Himmel — — Hamburg ist groß ...«

Verzweifelt zuckte Antje die Achseln.

Die kleine Bessie hatte bislang stumm und gespannt gelauscht. Jetzt trat sie hastig einen Schritt vor:

»Ich weiß, wo Miß Ilse ist! Mister Freimann, geben Sie mir einen tapferen jungen Mann zur Begleitung, mehr brauche ich nicht. Mister Timmermanns soll sich Polizisten holen, ich werde mir auch Polizisten holen. Aber außerdem brauche ich einen tapferen und eleganten jungen Mann zur Begleitung. Geben Sie mir den, ich werde Miß Ilse finden und befreien.«

Sie ließ sich auf keinerlei weitere Erklärungen ein. Aber ihre Bestimmtheit hatte etwas dermaßen Ansteckendes und Beruhigendes —

»Gut«, entschied Georg Freimann. »Sehen Sie sich diesen Herrn da an — Sie wissen, es ist der Bruder des Herrn Generaldirektors Timmermanns — würde der Ihren Ansprüchen genügen?«

Bessie musterte den Leutnant mit scharfer Prüfung.

»Er tanzt sehr gut, dieser Herr — er hat auch sehr viele Orden, also ist er jedenfalls sehr tapfer gewesen — er genügt mir. Kommen Sie, Mister Timmermanns.«

»Ich vertraue Ihnen Fräulein Bessie an, Herr Leutnant«, sagte Freimann. »Ich weiß, Sie werden sich eher in Stücke reißen lassen ...«

»Dessen können der Herr Präsident sicher sein«, sagte Armin.

»Gut — so bliebe noch zu überlegen, ob wir nichts für meinen — Sohn tun können ...«

Und abermals stand Antjes zuckendes Gesicht in dunkler Glut.

»Er wohnt bei meinen Eltern ... Wenn er irgendwo zu finden ist, dann ist er dort ... Ich will hingehen ... Es ist wenigstens eine entfernte Möglichkeit ...«

Wiederum griff die kleine Amerikanerin ein. »Wir gehen nachher alle mit Ihnen, Miß Antje, und suchen den jungen Mister Freimann. Vorher aber suchen wir Miß Ilse — und Sie, Sie gehen mit uns. Wir werden in die schlimmen Viertel gehen — und Sie, Sie kennen sich aus in den schlimmen Vierteln ... Miß Ilse haben wir in einer halben Stunde — dann ist immer noch Zeit, Mister Freimann zu suchen ...«

»Miß Bessie,« sagte der Präsident, »ich mache mir schwere Gewissensbisse, Sie ohne Zustimmung Ihres Vaters in ein Abenteuer —«

»Oh, oh, Mister Freimann, nein, nein. — Sie werden doch meinen guten Daddy nicht aufregen! Ach nein, der ist solche kleine Überraschungen von mir gewohnt ...«

»Jedenfalls ist es mir eine große Beruhigung, Fräulein Tietgens, daß Sie mit von der Partie sind ... Mein Gott, welche Zeit, welche Zeit ...«

»Herr Präsident,« sagte Robert Timmermanns, »es ist jetzt alles aufs beste überlegt. Gehen Sie ruhig zu Ihren Gästen zurück — die dürfen unter keinen Umständen etwas merken. Dazu brauchen Sie ihre Nerven. Alles andere überlassen Sie ruhig Ihren Getreuen ...«

Als die drei jungen Ingenieure der Werft, die Georg Freimann zusammengesucht hatte, sich im Vestibül einfanden, trafen sie den Generaldirektor bereits im Pelz. »Vorwärts, vorwärts, meine Herren ... das Auto wartet ... Ich erkläre Ihnen draußen alles.«

Armin strahlte wie ein Sekundaner beim ersten Rendezvous, als er der kleinen Amerikanerin den Arm bot. »Gnädiges Fräulein — ich habe in Krieg und Frieden manche nächtliche Streife mitgemacht — aber noch nie mit einer Dame am Arm ...«

Bessie, bis zur Nasenspitze in einen Sealpelz von märchenhafter Kostbarkeit gehüllt, schob ihre feste kleine Rechte in den straffen Arm ihres Kavaliers — mit der Linken zog sie Antje an sich heran.

»Wir werden gehen an ein sehr schlimmes Platz ... Ich noch nicht weiß, wie zu kommen hinein ... Ich werde sein ein kleines Mädchen von der Straße ... und will gehen mit Sie zu solch eine Platz, wo er will bleiben mit ihr in diese Nacht ...«

»Donnerwetter!« schmunzelte Armin. Aber er schämte sich sofort. Die Lage war verteufelt ernst.

Die drei traten in den Park hinaus. Ein frühlingslauer Nachtsturm tobte ihnen entgegen.

»Also kommt ... Ich weiß sehr genau das Weg ... nur ich weiß nicht, wo zu finden das nächste Police office ...«

»Das weiß ich«, sagte Antje. »Aber schnell, schnell, Miß Bessie ...«

Unter den sturmgepeitschten Ulmen des Harvestehuder Weges warteten das Carstensensche und das Freimannsche Auto. Wenige Sekunden später sausten beide davon — das eine zum Hafen, das andere zur Neustadt.

Georg Freimann aber hatte schon längst mit strahlendem Gesichte den Saal betreten. Der Tanz war wieder flott im Gange. Amerika und Deutschland plauderten, flirteten, stepten, becherten um die Wette. Es war nichts vorgefallen — gar nichts.

»Ich gratuliere Ihnen, lieber Freund«, sagte Elias Patterson und klopfte dem Hausherrn bewundernd auf die Schulter. »Ein ganz entzückendes Fest — ein glückliches Omen für morgen — und ein vielversprechender Auftakt für die Reihe von angenehmen Tagen, die Ihre Gastfreundschaft uns bereiten wird ... Ihr seid doch Mordskerle, ihr Deutschen ...«