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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 41: 7
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

7

Entsetzlich, mit solch aberwitzigen Träumen ringen zu müssen — — und sich nicht wachkämpfen zu können ... Es war ja, dem Himmel sei Dank, nur ein Traum, das alles ... Gleich würde sie aufwachen ... in ihrem behüteten Bettchen daheim — und die abscheuliche Vision abschütteln mit einem befreienden Aufatmen ... diese ekelhaften Wahnbilder von einem angstvollen Gang durch den Freimannschen Park — um irgendwen — wen nur? — zu treffen — von einem Auto, in das man vertrauensvoll einstieg, um diesen jemand zu finden. Von einer frechen Umarmung — einem abscheulichen, süßlichen, erstickenden Geruch — von mühsamer Gegenwehr gegen ein grausiges, unfaßliches Etwas, das sich auf Lunge und Willen stürzte ...

Himmel, wie schwer der Schlaf — wie mühsam dieser Kampf um das erlösende Erwachen ... Eine Angst schwoll in Ilses Brust. — Mein Gott — wenn das alles am Ende gar kein — Traum — gewesen wäre — sondern —

Mit letzter Anspannung rüttelte Ilse an den verschlossenen Pforten des Erwachens — nun richtete sie sich empor, nun riß sie krampfhaft die Augen auf — — und schloß sie sofort wieder, von Grausen durchfröstelt bis ins Mark. Nein — der Traum war noch immer nicht abgeschüttelt ... oder — —?!

Und abermals hob sie mühsam die Lider — — und sah — — und sah — — sah sich — — nicht im Nachtgewande, nicht in ihrem behüteten Bettchen — nein, in ihrem meergrünen Gesellschaftskleide, mit bloßen Schultern, denen der pelzgefütterte Abendmantel entglitten war — — wo? Auf einem verschlissenen verstaubten Diwan, inmitten eines Berges abgeschabter Kissen, die nach alten, schlechten Parfüms und kaltem Zigarettenqualm rochen ... verknitterte Samtportieren — ein Taburett, darauf ein Sektkühler mit zwei goldenen Flaschenhälsen — zwei Schalen, in denen die Perlen leise knisternd aufstiegen ...

Wahnsinn!! Gegenüber ein aufgeschlagenes Bett ... aufgleißend im matten Schein einer roten Ampel ...

Und neben dem Bett saß ... ein Dämon ... ein Tier mit lauerndem Basiliskenblick ... er ... der Kerl ...

Ein einziger wilder Schrei des Entsetzens — dann hatte Ilse begriffen. Und schon hatte sie sich gefaßt. Sie erstarrte in der Haltung einer unnahbaren Königin. Sie wußte, daß sie verloren war. Und ihre Hände tasteten, ihre Augen spähten umher nach einem Werkzeug, sich die hämmernden Adern zu öffnen.

»Na, mien Deern — glücklich opwokt!« grinste der Unhold. »Wat heff ick di seggt —?! Mien Kamroden in Rußland — —«

Seltsam — Ilse Carstensen empfand eigentlich keine Angst. Nicht ein Mensch, ein Deutscher, ein Landsmann — ein betrunkener Gorilla ... Was diese glotzenden Augen heischten, diese zusammengekrampften Fäuste zu erzwingen willens waren, das war vollkommen unmöglich — das würde nie geschehen. Und ihre schmalen Lippen sprachen im Ton unsäglicher Verachtung über den Abgrund der Klassen hinüber:

»Ich wünsche ungestört zu bleiben. Machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Über Tedjes Haupt klang in diesem Augenblick ein dunkles Rauschen. Er kannte es — aus den Erzählungen seiner Kameraden im Felde, wenn eine größere Unternehmung bevorstand. Dann hatte der oder jener seiner liebsten Kriegsgesellen ihm heiser flüsternd dies Gefühl beschrieben ... und von denen, die sich solchermaßen ihrer Angst zu entlasten versucht hatten, war niemals einer wiedergekommen.

Da ächzte der wilde Tedje — und in seinem fiebergeschüttelten Körper schäumte gieriger Lebenshunger, quälender Durst nach Helle, Glück, Genüssen empor ... Die Stunde war da, die er ewig ersehnt hatte. Die lichte, die obere Welt ... Die Welt, die nichts von Schmutz und Schweiß, von Frost und Hunger, von eintönig freudloser Arbeit und stumpfsinnigen, tierischen Genüssen weiß. Die Welt voll Inhalt, voll Seele, voll Sinn ...

Und wie sie da vor ihm sich auftat — das Sinnbild seiner Träume, in seiner Hand, ihm verfallen, wehrlos, rettungslos — da fühlte, da wußte sein dumpfgrübelndes Hirn, daß er sie ja doch nie erfassen, nie besitzen, nie — haben könnte ... Sie an sich reißen, wie man ein kostbar gebundenes Buch rauben mag, ein Buch, dessen Lettern man nicht lesen kann — ja, das vermochte er ... Ein solches Buch kann der Räuber verschmutzen, zerreißen, zerstampfen — begreifen, erfassen, erleben kann er es nicht.

Das alles schoß als mystisches Ahnen durch den Kopf des wilden Tedje ... Das lähmte ihm den gierenden Willen, den tierischen Trieb. Ein grenzenloses Mitleid mit sich selber überkam ihn, ein tiefer Ekel vor der schmutzigen Niedrigkeit seiner Existenz, aus der er selber nichts zu machen gewußt. Selbst seine Schönheit, die ihm unzählige Frauen seines Bereichs als willenlose Beute in die Arme getrieben, seine Manneskraft, der Dunst der Gefährlichkeit, der ihm den Respekt seiner Feinde, sogar seiner Vorgesetzten im Felde verschafft hatte — in dieser Frau erweckte das alles nichts als Ekel und Abscheu — kaum Haß, ja nicht einmal Furcht, nicht einmal Abwehr ... Die Welt seiner Sehnsucht lehnte ihn ab, stieß ihn aus, ganz selbstverständlich, ganz tatlos, durch ihre bloße Gegenwart, durch ihre eisige Fremdheit, ihre weltenweite Ferne ...

Gut denn — und wenn er sie denn niemals haben, niemals erleben soll — die Welt seiner Träume — so soll sie wenigstens zertrümmert sein.

Langsam, von Selbstekel und Zerstörungswollust geschüttelt, erhob sich der wilde Tedje. Geduckten Hauptes, wie der Kampfstier in die Arena schreitet, tappte er auf das niedere Tischchen zu, auf dem die goldbehalsten Flaschen, die gefüllten Kristallschalen seine Sehnsucht höhnten. Und da fuhr auch das Mädchen empor. Jetzt hob der Mann die arbeitsharte Tatze, sie krampfte, sie krallte sich zusammen, die blassen Schultern der »Zarentochter« mit wütendem Griff zu packen. Da nahm Ilse Carstensen mit einer gelassenen Bewegung eine der Sektschalen und stieß sie dem Bedränger ins glutgedunsene Gesicht, daß sie klirrend zersprang.

Tedje taumelte, von Wein und Blut überströmt — und fühlte zugleich eine Faust in seinem Nacken. Die Tür hinter ihm war aufgeflogen — ein Herr im Frack — Schutzmannshelme — —

Aber schon hatte der Arbeiter sich losgemacht. Ein Sprung — ein Griff in das aufgeschlagene Bett — die Daunendecke flog dem Befrackten entgegen, umhüllte ihn sekundenlang, daß er wankte — den nachdrängenden Beamten in die Arme sank — — und jetzt — Höllenspuk! jetzt klaffte an der Wand zwischen Bett und Diwan ein meterbreiter schwarzer Spalt ... ein Hohngelächter gellte — der Spalt schloß sich —

Tedje Tietgens war verschwunden — wie weggeweht.

Ein Beben rann durch Ilse Carstensens hochaufgerichtete Gestalt. Ein Schrei des Entsetzens und der Erlösung zugleich ...

Und schon war das enge Gelaß mit Menschen wie gestopft. Armin Timmermanns hatte sich freigemacht, schoß auf Ilse zu:

»Zur rechten Zeit gekommen, gnädiges Fräulein?!«

Stumm nickte das Mädchen — bot ihrem Retter die eiskalte Hand. Der zog sie ritterlich an die Lippen ... Und jetzt — jetzt schwirrte ein helles Triumphlachen — und da streckte Bessie der geretteten Freundin ihr festes Händchen entgegen, fiel ihr jauchzend und schluchzend um den Hals ... und jetzt — hoch lauschte Ilse auf — durch das wirre Brausen erregter Männerstimmen hatte sie eine Stimme vernommen —

Gewimmel der Polizisten, die alle Möbel abrückten, Teppiche und Bilder aufhoben, um nach der Feder zur geheimen Tür zu fahnden, durch die der Attentäter verschwunden war.

Sie stießen eine scheußliche, schlotternde, greinende Vettel in die Mitte des Raumes ...

»Olle Düwelsbroden, wies uns dei Fedder, süß brekt wi di alle Rippen in'n Liew kaput ...«

Und jetzt — durch die Reihen der Behelmten drängte sich ein junger Mann in einer Matrosenbluse ...

»Ilse —!!«

Da warf Senator Carstensens stolze Tochter sich an des Verlobten Brust. Vergebens Fragen, Bitten, Tröstungen. Sie weinte — weinte — weinte.