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Über den unruhig wogenden Elbstrom, vom Sprühschaum umstiebt, sauste ein leise fauchendes Motorboot. Am Steven, fieberhaft nach vorn spähend, als könne sein Blick die Mitternachtsschwärze durchdringen, stand Robert Timmermanns — den Zylinder fest in den Nacken geschoben, den Paletot überm Frack. Neben ihm ein Polizeileutnant, im Boot ein Vierteldutzend junger Ingenieure der Werft und zwölf Schutzleute, Karabiner umgehängt, Revolver im Gurt.
»In dieser Nacht, Herr Generaldirektor,« flüsterte der Polizeileutnant, »rückt die Armee der Ordnung in die Stadt Berlin ein ... Morgen früh sitzt die Regierung der Republik hinter Schloß und Riegel ... In acht Tagen herrscht wieder Zucht und Recht in Deutschland.«
»Gott geb's!« knurrte Robert. »Mir ist's im Augenblick wichtiger, daß wir noch zurecht kommen, ehe sie uns die ›Deutschland‹ in die Luft sprengen.«
Kommen wir zu spät, dachte er bei sich — dann schieß' ich mir eine Kugel aus Armins Karabiner in den Schädel.
Schade wär's doch —! sann er grimmig. Es fing gerade an, ein bißchen nett zu werden — das Leben. United Transatlantic Lines — Generaldirektor — Stapellauf der »Deutschland« — und ich laß mich hängen, wenn ich die tolle kleine Yankeemaid nicht doch noch ein bißchen lieber habe, als ich diese unheimlich vornehme Ilse jemals hätte haben können ... Na — wollen sehen ... Wenn mir von den Saboteuren einer zwischen die Klauen kommt, dem sei Gott gnädig ...
Auf der Werft alles still. Der riesige Würfel des Verwaltungsgebäudes zur Linken — gegenüber das phantastische Gefüge des hochgetürmten, breit hingelagerten Helgengerüstes — und darunter wie ein Gebirge massig aufwuchtend der dunkle Gigantenleib der »Deutschland« — alles lag in gelassen rastendem Schweigen.
Da stieß — des Polizeileutnants Fuß plötzlich an etwas Weiches ... Dies Gefühl kannte er — aus hundert Nachtgefechten ...
Eine Taschenlampe blitzte auf: ein lebloser Mann — an seinem Hals ein gräßlich klaffender Schnitt — Blutgüsse auf Kleidern und Fußboden ... Bob Timmermanns erkannte den Toten: ein braver Werftwächter ...
»Ihr Hunde —!« knirschte er, »ihr Hunde!«
Weiter — weiter! Heran an die Helling, heran an das Schiff! Wir dürfen nicht zu spät kommen! Da — ein paar Gestalten, die sich niedergekauert, springen auf, rasen gehetzt von dannen. ... Schon fliegen die Karabiner an die Backen, Schüsse blitzen hinter den Fliehenden drein — weiter! weiter! Der hastige Gang wird zum Lauf — da sind wir am Schiffsrumpf — steil klaftert die Eisenwand sich empor, vom Gewirr der Gerüste und Laufstege befreit, bereit, in die Flut zu gleiten ...
Schau! Glimmt dort nicht etwas am Boden?! Hölle und Teufel, eine Zündschnur ... Mit den mächtigen Tatzen zerdrückt Bob Timmermanns die Glut ... Mit dem Lichtkegel der Laterne verfolgen sie die Schnur: Da steht eine Blechkiste, groß genug, um ein ganzes Geschwader in die Luft zu sprengen ... Und da — noch ein Toter — nein, ein Sterbender ... Bob Timmermanns kennt das Gesicht, aber nicht den Namen ... Ein Blondkopf mit großen, halb offenen Träumeraugen — hinter dieser Stirn hätte man alles andere gesucht als einen Dynamitarden ... Er ist gut getroffen ... aus seiner Schlagader rinnt matter schon der pulsende Strahl. Er öffnet den Mund — will etwas sagen — aber es kommt kaum noch ein Hauch ... Es klingt wie: Antje ...
Hast gebüßt, Gesell. Zieh hin, wo auf dich wartet, was du verdient hast.
Sie haben gut gesorgt, die Hunde. Mittschiffs eine zweite Kiste aufgebaut, am Heck eine dritte. Vor allem die Zündschnuren durchschneiden! Unnütze Vorsicht — die haben sie nicht einmal mehr in Brand gekriegt — außer der einen.
Der Polizeileutnant teilt eine Wache und Patrouillen ein. Das ganze Werftgelände wird abgestreift, ein paar junge Kerle, die sich versteckt hatten, werden eingefangen und unsanft vor den Leutnant geführt. Schluchzend gestehen sie ihre Teilnahme an dem Komplott. Aufgefordert aber, die Namen der Rädelsführer zu nennen, schweigen sie, halb angstvoll, halb verbissen. Einen Kameraden verraten? Das tut man nicht — außerdem würde es einem schlecht bekommen. — Einer ist gefallen — kennt ihr den? Sie werden zu dem Toten geführt: Ja — das ist der Mönkebüll.
Still liegt das weite Werftgelände, still dahinter zieht der Fluß seine Bahn zum Meer. Hamburg schläft, Altona schläft. Die paar Schüsse haben die Stadt der Arbeit nicht aus dem Schlummer geweckt.
Bob Timmermanns saß in seinem einsamen Bureau und braute sich einen Grog. Über ihn kam eine furchtbare Müdigkeit. Verflucht, waren das Tage gewesen ... Die Vorbereitungen für die Ankunft der Amerikaner, für den Stapellauf hatten die Direktion in fieberhafter Anspannung gehalten. Und dann — das Fest ... der Tanz ... Die Ankunft der Sekretärin — ihre Schreckensbotschaft — Kleine Bessie — wie mag's dir ergangen sein.
Des Riesen harte Züge wurden ganz weich. Er streckte sich in seinem Klubsessel, trank in bedächtigen Zügen das glühheiße Getränk — und fiel in Träumerei. Kleine — süße Bessie ... Ein ganzer Teufelskerl, diese tolle Neuyorkerin ... Mit ihrer ruhigen Bestimmtheit hatte sie sogar dem Präsidenten imponiert.
Hamburg ist groß! hatte er mit hängenden Armen gesagt. Und die Kleine: Ich weiß, wo sie ist ... Glück zu, Prachtkerlchen ... Wenn du das fertig bringst — und uns unsere Ilse wiederschaffst — dann verlange von Bob Timmermanns, daß er vom Aussichtstürmchen auf dem Helgengerüst in die Elbe springt — er tut's.
Kleine ... süßeste ... Bessie ...
»Guten Morgen, Bob.«
Der Generaldirektor fuhr auf. Teufel — eingeschlafen ... Vor ihm stand sein Bruder Armin — auch er noch immer im Frack.
»Erzähl'!«
»Gerettet!«
»Erzähl'!«
»Erst einen Grog, mein Teurer ... Die Hauptsache weißt du ja.«
Ein hastiges Berichten hinüber und herüber.
»Entwischt — Düwel un Dunnerslag!« fluchte Bob. »Gib acht, der macht uns noch zu schaffen! Ich wette, der steckt hinter allem ... und du meinst, er hat ihr nichts getan?«
»Wir sind im allerletzten Augenblick gekommen. Hat ihm einfach das Sektglas in die Fresse gehauen!«
»Die Ilse! Die Prinzessin! Kaum zu fassen! Wo ist sie nun?«
»Liegt jedenfalls im Augenblick schon mollig und weich in ihrem seidenen Bettchen ...« schmunzelte Armin. »Ja, mein guter Bob — bei der hast du verspielt ...«
Bob Timmermanns entzündete die Spiritusflamme aufs neue. Er lachte stumm in sich hinein. Wenn du ahntest, Bruderherz ... »Zigarette gefällig?«
»Danke!« sagte Armin und füllte sich sein Etui.
»Und — die kleine Amerikanerin?« fragte Bob — leichthin, wie er meinte. Aber des Bruders scharfes Ohr hatte doch den Unterton gehört. Er lachte in sich hinein. Recht so ... Geld in die Familie ...
»Weißt du, was — ich bekommen habe von der? So wahr ich lebe — einen Kuß! — Da leckst du dir die Lippen, nicht — Bobchen?! Habe sie dann persönlich im Atlantic abgeliefert. Sie platzt vor Stolz. Übrigens mit Recht. Süßer kleiner Käfer — schwärmt für dich, Bob!«
Er bekam keine Antwort. Einen Augenblick träumten beide Brüder den Wölkchen ihrer Zigaretten nach.
»Na, mein Jung,« fragte nach einer kleinen Pause Armin, »bist du nun bald soweit? Glaubst du's nun, daß Republik und Chaos das gleiche bedeuten?«
Bob gähnte heftig. »Verdammt müde«, sagte er. »Büschen happig, dieses Nächtchen.«
»Schlaf, Michel, schlaf!« sang Armin wütend. »Du wirst's nicht eher glauben, als bis du mit der ganzen Werft in die Luft fliegst.«
Bob rappelte sich auf. »Ne, Armin, du hast recht. Wenn dein Kapp es schafft — ich war schon ein halber Republikaner — aber dann mausere ich mich rückwärts. So geht's nicht weiter.«
»Aha — dich ins Schlepptau nehmen lassen, wenn's gut gegangen ist! So reden sie alle — so schwatzt dies ganze marklose Bürgertum ... Nein — mittun — selber handeln — vorangehen!«
»Das mögen andere machen. Ich bin Generaldirektor der Werft — werde morgen alle Hände voll zu tun haben, den Streik niederzuhalten.«
»So is recht — Herr Generaldirektor! Jeder sorgt für sein Krämchen — rettet ›die‹ Deutschland — seine kleine ›Deutschland‹, und derweil geht das große Deutschland in die Luft — äh — schlappe, versumpfende Nation ...«
»Was soll ich machen?!«
»Erlaube mir, mich morgen mit einer Anzahl meiner Kameraden in Arbeiterkleidern auf der Werft einzufinden. Wir schaffen noch vor Dämmerung unsere Waffen heran ...«
»Du vergißt, lieber Kerl: der Eigentümer der Werft ist ein gewisser Senator Carstensen!«
»Der wird dir's morgen danken, daß du auch diesmal in seinem Interesse das Richtige angeordnet hast! Kommt's morgen oder übermorgen auf der Werft zum Krawall — so greifen wir ein und treiben die Arbeiter zu Paaren ... Alle öffentlichen Gebäude, alle Werftdirektionen, alle Bahnhöfe in unsere Hand. Der rote Senat, die rote Bürgerschaft werden abgesetzt, eine örtliche Diktatur für Hamburg wird aufgerichtet, die Verbindung mit Berlin wird aufgenommen, über dem hoffentlich morgen abend die schwarz-weiß-rote Fahne weht.«
Bob war im Lauschen wach geworden. Der Schrecken saß ihm noch in den Gebeinen. Nein — wenn sie ihm an seine Schiffe wollten — dann hörte die Gemütlichkeit auf.
Und dann — die Amerikaner! Sollten sie denn schon einmal das Schauspiel eines deutschen Bürgerkrieges miterleben, dann wenigstens eines solchen, der mit dem Siege der Ordnung endigte.
»Mein lieber Armin — das läßt sich hören. Das mußt du mir noch mal genauer auseinandersetzen.«
Die Brüder steckten die Köpfe zusammen.
Draußen ragte die gerettete »Deutschland«.
Und zu Füßen des Schiffes erkaltete der Leichnam eines jungen Deutschen, der für das Vaterland seiner Träume gestorben war.