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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 43: 9
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

9

Tedje Tietgens tastete sich einen Seitengang im Labyrinth der Mudder Lore entlang, der, nur ihm bekannt, in einer Nebengasse mündete. Er hatte sich im Dachsbau verirrt ... hatte lange im Finstern umhertappen müssen, nachdem er das letzte Streichholz verbrannt. Bis er schließlich fast durch einen Zufall doch noch einen Ausgang gefunden. Jetzt öffnete er eine Tür, die ins Freie führte ... Vorsicht ... Vielleicht hatten die Blauen auch dieses Schlupfloch erspäht und besetzt?! Nein — alles still ... und schon war er draußen, schob sich wie eine Katze an den finsteren, klebrigen Ziegelmauern entlang, stand auf der menschenverlassenen Wexstraße. Hastete dem Hafen zu. Er hielt einen Augenblick inne, wischte sich mit dem Rockärmel die angetrocknete Kruste aus Wein, Blut, Schweiß vom Gesicht. Seine mächtige Gestalt bebte, seine Kinnbacken knirschten vor fressender Wut.

Die »Zarentochter« war ihm entrissen. Jetzt wenigstens nicht zu spät kommen, wenn die »Deutschland« in die Luft geht ... Clas Mönkebüll wird da sein ... Und »Anders Niemann« — hahaha! Feine, den wenigstens kriegst du nicht wieder zu sehen — deinen »Heinz«! Der geht mit deinem Schiff in die Luft!!

Nur nicht zu spät kommen! ...

Die Turmuhren schlugen an. Verdammt ... drei Uhr ... Er beschleunigte den Schritt, stand endlich am Hafen, auf St. Pauli Fischmarkt, hart gegenüber der Werft. Dort hatten Dragomiroff und die Spießgesellen ihn erwarten wollen.

Alles tot, menschenleer. Verdammt ... also doch zu spät gekommen ... Aber — warum ging's denn da drüben noch nicht los?!

Horch — ein Motorboot töfft über den hochgehenden Strom — legt zu Füßen des Lauschers an. Ein paar dunkle Gestalten klimmen die Treppe hinauf — im Licht einer Straßenlaterne aus grauem Wirrbart das fahle Gesicht des Genossen Dragomiroff.

Tedje tut einen leisen Pfiff ... das Signal der Moskauer. Er wird erwidert ...

»Nun?«

Der Russe knirscht einen schmutzigen Fluch. »Jetzt kommst du, Scheißkerl — jetzt, wo alles versaut und vorüber ist ...«

Er erzählte. Eine Stunde und länger hatte er mit den Genossen gewartet — kein Clas, kein Tedje. Schließlich war Mönkebüll gekommen ...

»Allein?!« fragte Tedje heiser.

»Allein —«

»Un Anders Niemann? Ick harr em opdrogen, dat hei em mitbringen süll — un wenn dat nich güng, denn süll hei em kolt moken ...«

»Wohl bedacht!« lobte der Russe. »Ich habe ihm nie getraut, dem Braunen ... dann wird Clas ja wohl mit ihm abgerechnet haben. Um so besser —«

»Na — un doar dröben? Worüm is dat denn nich losgohn?«

»Da muß Verrat im Spiele sein ... Wir hatten die erste Lunte bereits angezündet — auf einmal fallen Schüsse, Mönkebüll bricht neben mir zusammen ... Wir reißen aus, was Beine hat ... Na, und da sind wir ... Ein paar von uns scheinen sie erwischt zu haben.«

»Verdammi ... wat nu, Genosse?«

Der Russe ließ sich Tedjes Abenteuer ausführlich erzählen.

»Hundesohn!« schäumte er. »Das hast du davon, daß du in einer Nacht, die der Tat gehört, dein Säuchen hüten mußtest ... Nun erzähl' mir wenigstens alles — ich merke, du hast noch irgend etwas hinterm Berge ...«

Und schamglühend mußte Tedje gestehen, daß er ein Telephongespräch belauscht hatte — und dabei erfahren, daß Anders Niemann, sein Freund und Vertrauter, der Mitwisser aller Geheimnisse des Komplotts, ein Spitzel und Verräter war ...

Auf einmal hellte des Russen Gesicht sich auf. »Du — das rettet uns vielleicht. Ein Spitzel — ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — das ließe sich ausschlachten ... Laß sehen — laß sehen ... Ich hab's, du Ochse! Gib acht: Ich nehme an, Clas Mönkebüll hat dafür gesorgt, daß der Verräter auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist ... jetzt drehen wir den Spieß um. Ich habe ganz sichere Nachricht, daß heute nacht in Berlin eine große gegenrevolutionäre Unternehmung zum Klappen kommt. Glückt sie, so reagiert morgen früh das ganze deutsche Proletariat mit dem Generalstreik. Also die Stimmung wird morgen früh ohnehin ziemlich gespannt sein. Da haken wir ein. Du bist ja dank deiner kleinen Seitensprünge bei der Unternehmung gegen die ›Deutschland‹ gar nicht kompromittiert — kannst dein Alibi nachweisen, hahaha! Du wirst morgen früh den Kollegen die Geschichte mit diesem Anders Niemann oder Heinz Freimann erzählen — und daß der die ganze Sabotagegeschichte angezettelt hat. Er selber kann sich nicht mehr verteidigen, Clas wird auch schweigen, wenn er nicht überhaupt schon ganz stumm ist ... Hast du begriffen?«

Mit glühenden Augen hatte Tedje dem Genossen zugehört. Nun dämmerte ihm das Verständnis. Ein Spitzel — der ein Jahr lang auf der Werft gearbeitet hat — den sie alle kennen, die Kollegen, und der ist ein Sohn des Präsidenten der H. T. L. — und jetzt, wo der Anschlag auf den Dampfer mißglückt, ist er verschwunden ... Daraus ließ sich etwas machen.

»Also gib acht, du Schuft. Wir stellen die Sache so dar, als ob das ganze Attentat gegen die ›Deutschland‹ das Werk eines Spitzels gewesen sei — eines agent provocateur, du weißt wohl, was das ist, nicht wahr?«

»Weit ick, weit ick«, grinste Tedje. »Ick begriep ganz gaud. Dei Kollegen söhlen gleuwen, dat dei ganze Sabotasch' —«

»— nur ein Bluff der Weißen ist — ein Mittel, das Bürgertum gegen die Arbeiterschaft aufzuputschen ... Sollst mal sehen, was das für eine bildschöne Wut gibt ... Hauptsache ist, daß der Stapellauf morgen vereitelt wird — daß die Amerikaner den Eindruck bekommen: in Deutschland geht alles drunter und drüber ... Wie ich sie kenne, werden sie sich dann für die Weiterführung des Bündnisses bedanken — werden abreisen und Werft und Linie ihrem Schicksal überlassen. Wenn wir das erreichen, ist so gut wie alles gewonnen. Die Verbindung zwischen dem Kapitalismus Amerikas und Deutschlands, die sich schon angesponnen hatte, reißt wieder ab — ein Haupthindernis für das Übergreifen der Weltrevolution nach Deutschland ist beseitigt. Verstehst du mich, Tedje?«

Aufleuchtenden Auges bejahte der Bursch. Die Rache ... sie kam also doch noch ...

Aber — wenn man ihn morgen da drüben — wegen seines Attentats auf die Tochter seines Chefs — verhaften ließe?!

»Du wirst nicht so dumm sein und ihnen in die Hände laufen. Bring die Arbeiterschaft nur ordentlich in Bewegung. Wenn's kocht, greift keiner ungestraft in den Topf.«

»Dat mok ick!« flammte Tedje auf. »Nich koken — öberkoken sall dei Supp — dat oll Timmermanns un oll Carstensen sick dei Nees' verbrennt!«

Und ich — hab' ich die »Zarentochter« nicht gekriegt — der andere kriegt sie wenigstens auch nicht ...

Hahaha — du Feine! Deinen Bräutigam, den siehst du nicht wieder! Der liegt, wo Mond und Sonne niemals hinscheinen — mit Clas Mönkebülls Messer zwischen den Rippen —!!

Und wenn die »Deutschland« nicht in die Luft gegangen ist — die H. T. L. geht deshalb morgen doch in die Luft! Und hoffentlich die Hammonia-Werft mit ...

Und dann — Generalstreik ... in Hamburg, in ganz Deutschland ...

Sie kommt ja doch — kommt doch — die Diktatur des Proletariats — die Weltrevolution — —!

Die rote Seligkeit — —!!