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Das Land unserer Liebe

Chapter 44: 10
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

10

An der Lombardsbrücke hatten Heinz und Antje sich von Bessie und ihrem Kavalier, dem strammen Leutnant Timmermanns, verabschiedet.

Als die beiden außer Sicht waren, zog Heinz die Hand der Freundin in seinen Arm, beugte sich nieder und küßte die fleißigen Finger. In Dank und Wehmut schwoll ihm das Herz.

»Antje —« sagte er leise — »Antje ... alles hast du gerettet — die ›Deutschland‹, die Werft — die — Linie — meines Vaters Lebenswerk — meine Ilse — mich selber — alles ... Mädchen, Mädchen — wie soll ich dir danken?!«

Sie schritten den neuen Jungfernstieg entlang. Die träge Wasserfläche der Binnenalster kräuselte sich kaum — der Märzsturm, vom starren Schirm der ragenden Hotel- und Kaufhausfronten abgefangen, brauste nur droben in den Lüften und hetzte dichte Wolkenzüge, die selten ein flüchtiges Aufleuchten des sinkenden Mondes durchstieß. Die nächtlichen Straßen wie gefegt ... an den tief umschatteten Häuserreihen hallten die Schritte des einsamen Paares gespenstisch wider.

In Antjes Seele rangen Glück und Bitterkeit. Ja, ihr — — euch hab' ich alles gerettet — und ich?!

Mein Bruder flüchtig, die Polizei auf seiner Spur ... morgen vielleicht sitzt er hinter Schloß und Riegel — weil er es gewagt hat, Blick und Hand zu einer von euch zu erheben ... und vielleicht außerdem als Schuldiger des scheußlichen Planes, den doch nur die Verführung aus dem Osten ihm eingegeben haben kann ... Der Anschlag ist mißglückt — gottlob — das Getöse der Explosion hätte ganz Hamburg erschüttert. Nein — diese Sorge war man los. Der Generaldirektor war zur rechten Zeit gekommen. Aber Clas Mönkebüll? Der gute, stille, umgängliche Mensch, der sie einmal vergebens um Liebe gebeten hatte?! Was mag aus ihm geworden sein? Vielleicht ist er gefangen, vielleicht — — und morgen früh werden die Eltern alles erfahren — die Kammer der »drei Söhne« wird verödet sein — — für lange Zeit — vielleicht für immer ... Das stille Glück um Mudders Tisch ist zertrümmert ...

Ach, Antje — und dein eigenes Herz?!

Er hielt, er küßte ihre Hand — der Mann, der seit einem Jahr ihres Lebens Inhalt war ... ihres Lebens Inhalt bleiben würde ... Aus Dank — nur aus Dank — weil sie ihm die Braut gerettet hatte ... Ahnte er denn gar nicht — auch nicht im leisesten — was er ihr bedeutete? O doch, er ahnte, nein, er wußte es — mußte es wissen ...

Pah — was war sie ihm? Eine interessante Bekanntschaft — aus einem Abschnitt seines Entwicklungsganges, der nun hinter ihm lag — ein weibliches Exemplar jener fernen, fremden Rasse, an deren Erforschung er ein Jahr seines Lebens gesetzt — ein — Studienobjekt ... Was wußte er von ihrer Seele — von ihrer Liebe? Was — verlangte er von ihr zu wissen?!

Heinz wußte von ihr. Alles wußte er — und daß er ihr ewiger Schuldner bliebe — bleiben müßte. Denn morgen war's ja doch zu Ende — alles, was zwischen ihnen beiden gewesen war — dies lange, erlebnistiefe, schöne — ja, ja! unsagbar schöne Jahr hindurch. Gott — zu Ende? War das möglich? Durfte das möglich sein?

Denn jetzt erst — jetzt, da es zu Ende ging — jetzt erst, da dieses Mädchen ihm die Braut, die Zukunft, das Leben gerettet hatte — jetzt erst ward es ihm ganz und schmerzlich klar: er liebte Antje ... nicht wie eine Freundin — nein, wie eine Ersehnte, Unentbehrliche — ein Stück seines Wesens, ein bestes Teil seines Lebens.

War das möglich?! Liebte er denn Ilse — nicht?!

O ja, ja — er liebte Ilse — heißer, sehnsüchtiger, stolzer, hoffender denn je ... war das — möglich?!

Es war Wirklichkeit ... eine Wirklichkeit, zu schön, zu groß, zu hold für diese Erde ...

Er mußte wählen — er hatte gewählt. Was ihn zu diesem Mädchen zog, das da so still, so dunkel, so leidvoll neben ihm schritt — dem er so viel, dem er verdankte, was er niemals vergelten konnte — das mußte er niederzwingen — das durfte sie nicht einmal ahnen.

Er raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen, hastig, in halb scherzhaftem Ton fröhlicher, dankbarer Kameradschaft. Sie soll sich nicht grämen um ihren Bruder. Tedje wird Verzeihung erhalten. Für alles — für sein Vergehen gegen Ilse — für seinen Anteil an dem — gottlob — vereitelten Plane dieser Nacht — für seine Wühlarbeit auf der Werft. Man wird für ihn sorgen — so daß er sich emporarbeiten kann — er ist ja so begabt, so energisch. Nur mißleitet ist er — man wird ihn auf den rechten Weg bringen.

Ob er wohl glaubt, was er da sagt? dachte Antje. Sie fühlte den herzlichen Willen des Freundes, ihr Gutes und Aufrichtendes zu sagen. Das machte sie froh — nur helfen konnte er ihr nicht.

In tiefer Nachtstille lag die gewaltige Stadt. Die Schritte des einsamen Paares hallten wider an den vielfenstrigen Fronten der stattlichen Kaufhäuser, der hochgetürmten Bank- und Handelspaläste. Seine Welt — die ihn nun wieder an sich zog, ihn halten würde. Und sie — sie wird vergessen sein — wenn nicht morgen, dann übermorgen.

Ihre Seele weinte, rang, schrie — er hörte es nicht, sollte es ja auch nicht hören — nein, das sollte er nicht. Für Mitleid hatte Antje keine Verwendung.

Heinz redete, redete ... Wieviel er gelernt habe — in dem langen, ernsten, reichen Lehrjahr. Wie tief er allen zu Dank verbunden sei — und daß er seinen Dank in Taten umsetzen wolle. Er wird mit seinem Schwiegervater sprechen ... Vadders Träume werden sich nun erfüllen — in ein paar Tagen wird er Mudder in das Werkmeisterhäuschen neben dem Werftgebäude führen können. Und auch für Clas Mönkebüll wird nun gesorgt werden. Er soll nicht länger Niete setzen ... Er ist ja noch so jung — man wird ihn auf das Konservatorium schicken — einen tüchtigen Musiker aus ihm machen. Und dann — dann will er selber, Heinz, sich an die Verwirklichung all der großen und rettenden Pläne machen, welche das Lehrjahr in ihm gereift. Er will auf ein paar Jahre in die Direktion der Werft eintreten ... will sofort Bildungskurse für die Begabten, Strebsamen unter den Arbeitern einrichten, Vorträge für die ganze Arbeiterschaft — mit Lichtbildern — die sie in den Sinn des ganzen großen Produktionsprozesses einführen. Vielleicht läßt es sich ermöglichen, die Älteren und Bewährten irgendwie am finanziellen Erträgnis der Werft zu beteiligen ...

Er redete — redete ... Antje warf nur zuweilen ein kaum bewußtes Wort dazwischen: »Ja — das wär' schön —« oder: »Gewiß, das könnte viel Segen stiften ...« Aber ihr Herz klagte stumm: er liebt mich nicht. Er gehört der andern — gehört ihr allein.

Plötzlich durchkreuzte ihren Schmerz ein angstvoller Gedanke: Tedje — — wo war er, was trieb er in diesem Augenblick?!

Die Polizei war hinter ihm drein — pah, sie würde ihn nicht kriegen, des war sie sicher. Aber — was tat er, was plante er sonst?! Er war nicht der Mann, die Hände in den Schoß zu legen. Und hätte er's gewollt — sein böser Dämon lauerte ja auf ihn, würde ihn zu neuen, entsetzlichen Plänen aufpeitschen — der Genosse Dragomiroff ...

Nur mit halbem Ohr lauschte sie fortan den Schwärmereien des Freundes. Was würden sie aushecken in dieser Stunde — ihr Bruder — und der Russe?!

Es half nichts — sie mußte den Freund warnen ...

Sie unterbrach seine eifrigen Zukunftsphantasien — fragte ihn, was er selber jetzt zu tun gedenke. Und nun erst besann sich Heinz, daß er sich diese Frage im Drange der Ereignisse dieser wilden Nacht noch gar nicht überlegt hatte. Das war ja selbstverständlich, daß er Antje zu ihrer Wohnung begleitete ... Aber dann?! In sein Quartier zurück — zum Hause Tietgens, um dort womöglich mit Clas und Tedje zusammenzutreffen? Nein — das ist vorbei. Nun — sein Elternhaus steht ihm ja offen — aber — dann kommt's schon morgen früh heraus, daß Anders Niemann — — Und — die Arbeiter? Werden nicht die Kollegen sein ganzes Handeln aufs ungeheuerlichste mißverstehen —?

Hastige Gedanken werden jagende, einander überstürzende Worte.

»Heinz — bedenk doch — Dragomiroff — und — mein Bruder ...«

»Natürlich — sitzt die Polizei dem auf den Hacken — er ahnt ja nicht, welch eine Fürsprecherin er gefunden hat ... Er muß denken, ihn könne nichts retten, als wenn — als wenn morgen —«

»— alles drunter und drüber geht!« nickte Antje in zitterndem Eifer. »Alles drunter und drüber — auf der Werft — in ganz Hamburg ...«

Da war der Freihafen, da der Wolkenkratzer, in dem Antjes Pension sich befand. Und die zwei mußten wandern, wandern ... Die Vorsetzen entlang ... Schon umschritten sie den mächtigen Häuserblock der Verwaltungsgebäude an St. Pauli Landungsbrücke.

»Gewiß, gewiß,« sagte Antje, und die quälende Sorge um den Freund durchzitterte immer unverhüllter ihre sachlich verhaltenen Worte, »so kommt's, verlaß dich drauf! Sie sind zu allem fähig, die zwei!«

»Nun gut — so geh' ich morgen früh zur Arbeit, als sei nichts vorgefallen — und stelle mich dem Sturm.«

»Du bist wahnsinnig, Heinz! Du kennst sie nicht — die Arbeiter! Der leiseste Verdacht — und sie reißen dich in Stücke!! Nein, Heinz, nein — das darfst du nicht!«

Sie preßte des geliebten Mannes Arm ... Ihre bebende Angst durchbrach den Wall der Entsagung.

Heinz fühlte den Druck, hörte das Zittern der Stimme, verstand der Freundin gefoltertes Herz. Er hätte sie an sich reißen mögen, um sie nicht zu lassen ... und hatte doch vor wenigen Stunden den Mund einer anderen geküßt, in kniefälligem Dank um ihre Rettung, um Wiederfinden, Lebenshoffnung, Glauben an nahe Erfüllung ...

O Glück, o Sehnsucht, o Schmerz ... Laßt ab, ihr ewigen Mächte, mit mir zu spielen ...

Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...

»Aber was soll ich denn sonst tun, Antje?«

»Es gibt nur eins: Du mußt zu deinen Eltern gehen, dich verborgen halten, bis alles vorbei ist ...«

»Damit der Russe und dein Bruder gewonnenes Spiel haben? Damit sie den Kollegen sagen können, ich sei verschwunden, weil ich ihre Rache fürchtete?! Dann werden sie glauben, daß die Werftleitung mit mir im Einverständnis gewesen sei — werden das Ganze als ein Komplott der Direktion ansehen ... Und der alte Carstensen, Timmermanns, die Werft?! Nein — das ist unmöglich — — ich habe die ganze Verantwortung ... Ich habe für mich allein gehandelt, ich allein muß die Folgen tragen, darf sie nicht auf alle diese Männer abwälzen, die von mir keine Ahnung gehabt haben —«

»— was die Arbeiter aber niemals glauben werden —« warf Antje ein.

»Siehst du, siehst du! Und darum muß ich mich in Bereitschaft halten, muß im äußersten Falle meine Person einsetzen, um Zeugnis abzulegen vor der ganzen Arbeiterschaft, daß die Werftleitung nichts von mir gewußt hat, daß das Attentat auf die ›Deutschland‹ nicht mein Werk ist, nicht eine Tat der Provokation — kurz: Für die Wahrheit muß ich zeugen — komme was wolle!«

»Heinz, Heinz — du bist verloren!«

»Mag sein — Früchte meines Tuns —! Ich hab' eine Maske getragen ein ganzes Jahr lang — ein Dasein geführt, das ein einziger großer Betrug war — und habe Schlafen und Wachen, Dach und Speise, Arbeit und Muße geteilt mit euch ... Jetzt kehrt sich's gegen mich ... Ich bin ein alter Seemann und Soldat — kein Drückeberger ... Ich werde mich dem Schicksal nicht aufdrängen — aber bereit werd' ich mich halten. Ich werde — — jetzt weiß ich, was ich tu. Ich fahre morgen früh im geschlossenen Auto zur Werft, melde mich beim Generaldirektor Timmermanns. Kommt es zum Äußersten, so stell' ich mich den Arbeitern. So ist's gut — so mach' ich's.«

Vergebens, daß Antje in zitternder Angst immer aufs neue den Freund beschwor, sich in seinem Elternhaus in Sicherheit zu bringen, bis der Sturm, der kommen müsse, vorbei sei ...

Nun hatten sie die Gebäude am Hafentor umschritten — da lag die gigantische Rotunde des Elbtunnels — und vor ihnen brauste der sturmgepeitschte Fluß — und nun — nun hob sich über die niederen Schuppen drüben, im ersten fahlen Morgenlicht, das Gewirr der breit hingelagerten Baugerüste der Werft. Und da — da lag der Koloß der »Deutschland« — unversehrt, wie ein Gebirge aufgetürmt ... Eine Ruhe strömte von ihm aus, eine Kraft — die goß neuen Glauben in die ringenden Herzen der beiden engverbundenen Menschenkinder.

Einen Augenblick standen sie stumm und regungslos, erschüttert vom Anblick des stolzen Werkes deutscher Tatkraft, deutschen Lebenswillens, deutscher Hoffnung. Die Sozialistin, des Kaisers Offizier. Zwei deutsche Menschen — zwei Liebende.

Es warf sie zusammen. Mit jäher Bewegung riß Heinz das Mädchen in seine Arme. Sie küßten sich. Ihre Tränen rannen.

Es ist zu schwer, ein Mensch zu sein ...

Sie lösten sich — sie hielten einander an den Händen. Sie suchten einer des andern Blick — auf ihren bleichen Gesichtern lag das erste ferne Leuchten des neuen Tages. Des Tages, da die »Deutschland« sich den Wellen des großen Stromes vermählen sollte.

Und sie wußten, daß sie zu entsagen hatten. Sie wußten, daß sie die Kraft zur Entsagung finden würden.