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Das Land unserer Liebe

Chapter 45: 11
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

11

Der Morgen kam. Hamburg stieg in seinen Tag.

Unter den grauen Massen der Hafen- und Werftarbeiter, die längs des Elbufers auf die Dampfbarkassen und Motorboote warteten, liefen wilde, erregende Gerüchte um. Berlin in der Hand der Gegenrevolution ... Die Regierung entflohen — oder, wie andere wissen wollten, hinter Schloß und Riegel ... Auch in Hamburg rühren sich die Weißen ... heute nacht sind ganze Kisten mit Waffen und Munition zur Hammonia-Werft hinübergeschafft worden ... Die Republik ist in Gefahr ...

Erregte Gruppen rotteten sich zusammen, ballten sich zu immer größeren Massen, zu förmlichen Volksversammlungen. Hier und dort sprang einer, der des Wortes mächtig war, auf eine Rampe, eine Treppe, schleuderte wilde Hetzreden über die murrenden Häupter, die geballten Fäuste seiner Klassengenossen.

»Kam'roden! Proletarier! Brüder! Die Reakschon is wieder am Werk! Die Errungenschaften von die Revolution sollen euch entrissen werden! Ji söhlt wedder veertein Stünn däglich schuften statts acht! Dei Löhne söhlt jug besneden warden! Der Militarismus erhebt aufs neue sein scheußliches Haupt! Op dei Hammonia-Werft hefft sei hüt nacht söben Genossen an de Wand stellt!«

Wutschreie — Pfiffe — geschwungene Knüppel ...

Ein anderer wußte noch mehr:

»Spitzel sünd in'ne Gang! Aschang prowockatöhrs! Do dröben op dei Werft hett hüt nacht so'n Oos den'n niegen groten Dampfer in dei Luft sprengen wullt, öwer dei Nachtwach hett em bi't Schlaffittchen kregen!«

»Wo is dei Halunk?!« schrie's aus der Menge. »Dei mutt lüncht warden, dei Swienhund!«

Da heulte die Sirene der Barkasse. In dunklen Strömen fluteten die Erregten zur Landungsbrücke, trotteten über die schmalen Stege, schwangen sich über die Brüstung des Dampfers, fanden sich während der Fahrt zu kleineren Grüppchen zusammen. Die Jungen kreischten und hetzten: »Wi hebbt Waffen! Wi störmt dei Direkschon! Sei möten uns den'n Spitzel rutgeben!«

»Proteststreik!« schrie eine grelle Knabenstimme.

»Ne — Generalstreik! Generalstreik!« —

Das war das Wort der Stunde.

Aber die Älteren, die Besonneneren protestierten.

»Kold Blaud, Jungs, ümmer kold Blaud! Mit Generalstreik fängt dat an, mit Utsperrung hett dat sin'n Furtgang! Dei Streikkassen sünd leddig. Dat Leben ward däglich dürer! Dei Verdeinst dörf nich afrieten — süß köhnt wie Hungerpooten sugen.«

Vadder Tietgens hatte einen schweren Stand inmitten der Halbwüchsigen, der Ungelernten, der Kriegsverwahrlosten.

»Dat is allens Bleudsinn mit dei Sabotasch! Dat will wi uns erst mol negger bekieken!«

»Swiegt Sei man blot still, Vadder Tietgens! Ehr eigen Söhn hett mi dat vertellt! Hei loppt op dei Landungsbrügg rüm un vertellt dat jeden, dei't heurn mag!«

»Mien Söhn is en ... Dei Düwel sall em halen! En Hetzer is hei!«

»Ehr Söhn is 'n ganzen dägten Kierl! Ehr Söhn sall vör sien Kollegen op de Direkschon — un sall uns' Forderungen vördrägen, sall oll Timmermanns dat Mul stoppen!«

Der Alte raffte sich zusammen. Auf dem Fährdampfer, der schaumumsprüht die hochgehende lehmgelbe Elbflut durchquerte, ließ er zum zweiten Male die große Rede vom Stapel, die er zehnmal hatte halten wollen — und zehnmal wieder in sich hineingewürgt hatte aus Angst vor dem Hohngebrüll der »Halbstarken« ... bis er sie gestern abend endlich losgeworden war. Heute sprach er noch freier, leidenschaftlicher, eindringlicher ... Daß sie doch alle Deutsche seien ... Daß die »Deutschland« vom Stapel müsse, müsse — damit der Hafen wieder aufblühe, Hamburg, das Vaterland ... Daß es Wahnsinn sei, wenn die Arbeiter gegen ihre Brotherren wüteten, ihre Führer im großen Kampf um Deutschlands wirtschaftliche Wiedergeburt ... Daß man zusammenhalten müsse, brüderlich zusammenhalten ...

Umsonst — die Verbohrten, die Verhetzten, die Unbelehrbaren, die Unreifen brüllten den alten Mann mit rohem Gelächter nieder ...

»Generolstreik — Generolstreik!«

»Nieder mit die Reakschon!«

»Es lebe das internationale Proletariat!«

»Es lebe die Weltrevolution!«

Drüben auf der Werft fand der alte Tietgens alles in wildester Erregung. Niemand dachte daran, die Arbeit aufzunehmen Einer erzählte es dem andern, eine Gruppe schrie der andern die Geschehnisse der Nacht zu.

»Unsern Kolleg Mönkebüll hebbt sei dotschotten hüt nacht! Sien Liek liggt in dei Hall von't Direkschonsgebäude!«

»Dei Hellingen sünd polezeilich afsparrt! Polezei is op dei Werft!«

Einer kam vom Eingang herangestürzt:

»Jungs — Kollegen — weet ji all dat Niegste? Dei Swienhund, dei hüt nacht dei ›Dütschland‹ hett in de Luft sprengen wullt, dat is'n Spitzel west! Un weit ji ok wer? Een von dei Nieters — Anders Niemann hett hei sick nennt! Öwerst in Wohrheit weur dat 'n Spion! Offizier is hei west — Marineoffizier! Kapteinleutnant! un hett en ganzes Johr op de Werft as Nieter arbeit! Un weet ji ok, wo hei heet, dei Halunk, dei entfomigte? Hei heet Freimann, Hinrik Freimann — un is en Söhn von den'n Generoldirekter von dei H. T. L.!«

Weit offenen Mundes hatte der alte Tietgens die phantastische Erzählung angehört. Jetzt legte er dem jungen Burschen seine schwere Faust auf die Schulter:

»Dat sast du mi bewiesen, mien Jung, wat du doar snackt hest! Anders Niemann is mien Fründ — hei wohnt as Kostgänger in mien Hus siet en Johr! Dat sast du mi bewiesen! — Wer hett di dat seggt?!«

Der Halbwüchsige hielt den zürnenden Blick des Graukopfes aus. »Dat hett Ehr Söhn mi seggt, Vadder Tietgens!«

»Lagen is dat — utverschamt lagen!« schäumte der Alte. »Vör Anders Niemann legg ick mien Hand in't Füer!«

Umsonst — von allen Seiten schwirrte es heran, das entsetzliche Gerücht. Anders Niemann ein Spitzel — ein agent provocateur der Gegenrevolution ... ein Saboteur — ein scheußlicher, schmutziger Spion und Verräter ...

Hochauf schäumte die Wut. Das war ein Bubenstreich, so abgefeimt, so bodenlos gemein, daß er nur mit einer unmißverständlichen Gegendemonstration des ganzen Werftpersonals beantwortet werden konnte.

Von Werkstatt zu Werkstatt, von Halle zu Halle, von Dock zu Dock, von Helling zu Helling schwirrten die wahnwitzigsten Gerüchte, Vermutungen, Fragen, Kombinationen.

Wie war es denn möglich, daß der Bubenstreich hatte entdeckt werden können? Vielleicht war überhaupt alles bloß ein Schwindelmanöver, um das Bürgertum gegen die Arbeiter aufzuputschen — Stimmung für den Umsturz von oben zu machen? Die Republik zu unterwühlen?!

Aber nein — es war ja geschossen worden auf der Werft — und da standen sie ja am Fuß des Helgengerüstes, mit fünf Schritt Abstand, Gewehr am Riemen, Handgranaten am Gürtel — die Würgengel des Proletariats, die Schutzengel des Kapitalismus, die Noskebrüder. In voller Ausrüstung, als wäre Krieg ... Die ganze Helling, auf der die »Deutschland« ihres Stapellaufes harrte, war abgesperrt ... Mit stummem, verächtlichem Lächeln ließen die Beamten die Flüche, die gräßlichen Schimpfworte der Wütenden über sich ergehen.

Auch droben in den weiten Gängen, Hallen, Treppenhäusern des Direktions- und Verwaltungsgebäudes fieberte die Erregung, schwirrten die Gerüchte von Kontor zu Kontor. Die Stimmung war gespalten. Ein Teil der kaufmännischen und technischen Beamten stand zur Republik, ein anderer, vor allem die meisten der ehemaligen Kriegsoffiziere, ersehnte die Gegenrevolution, die Diktatur des starken Mannes, die Wiederherstellung der alten Ordnung, im letzten Hintergrunde den Sturz der Republik, die Wiederaufrichtung der Monarchie ... Niemand dachte an Arbeit — die ganze Hammonia-Werft stand in tollster Gärung.

Und inmitten dieses wilden Treibens wuchtete stumm, riesenhaft, herrlich die »Deutschland« — ein Werk von Menschenhand, doch nicht leblos, seelenlos — ein Stück Weltgeist, zu einer Wirklichkeit des Erdenlebens materialisiert ... Eine Abkürzung, ein Symbol des großen, immer noch herrlichen, immer noch heiligen Landes, dessen Namen sie in goldenen Buchstaben zu beiden Seiten des Vorderstevens und über der massigen Schwellung des Hecks trug.


Und wiederum fühlte sich Ilse wie eingehüllt in eine dichte, lastende Wolke, die nicht weichen mochte. Aber diesmal war es kein ängstliches, quälendes Gefühl — eine tiefe, süße Geborgenheit, der das Herz nur ungern sich entraffte, um wieder hinauszustreben in den heischenden Tag ... Denn diesmal war sie ja wirklich daheim — in ihrem behüteten Bette ... und alles, alles war gut ... sie war gerettet — Heinz war gerettet ... alles — war gut. Und Ilse konnte sich noch nicht entschließen, die Augen zu öffnen ...

Aber plötzlich meldete sich die Gewohnheit strenger Lebensführung — das Pflichtbewußtsein. Heute: Stapellauf der »Deutschland« — großer Tag für die Werft ... Senator Carstensens fleißige Sekretärin wird wieder einmal die erste sein auf dem Bureau ...

Mit einem Ruck richtete sie sich auf — und schau — an ihrem Bette saß in all ihrer lächelnden Güte Mutter Johanna. Nun legte sie die Hand auf die Schultern der Schwiegertochter, drückte sie sanft in ihre Kissen zurück.

»Aber ich muß doch zur Werft, Mama —«

»Still, Kind, still — dein Vater will, daß du dich ausschläfst ... und ich habe ihm feierlich versprechen müssen, dich unter keinen Umständen vor dem Mittagessen aus dem Bett zu lassen. Wir fahren dann um zwei Uhr alle zusammen zum Stapellauf — mein Mann, ich, du, die Herren von der Linie, die Amerikaner ...«

Ilse ergab sich. Es war so seltsam süß, nach langer Zeit einmal wieder betreut zu werden von Mutterhänden ...

Frau Johanna hatte tausend Fragen auf der Seele. Aber sie zwang sie nieder.

»Nur Ruhe, Ilsekind, nur Ruhe — fürs Erzählen bleibt noch Zeit genug ...«

Das Frühstück mußte im Bett verzehrt werden — und dann zog Johanna sich in eine Ecke zurück und Ilse blieb ihren Träumen überlassen.

Heinz kommt wieder, sang ihr Herz: Heute kommt er wieder für immer, für alle Zeit. Bald bin ich sein ... Ein neues Leben fängt an — meines und seines — unser Leben ...

Nein, sie war nicht geschaffen, ihre Tage auf dem Bureau, an der Schreibmaschine zuzubringen ... Sie hatte ihre Pflicht getan — als Tochter ihres alten Hauses, ihres alternden Vaters — mit Stolz und Freude — aber im tiefsten Innern hatte sie sich immer gesehnt, eines gepflegten Hauses beglückte, beglückende Herrin zu sein — wie vor ihr die lange, lange Reihe der Frauen, deren Bilder alle Wände ihres Elternhauses schmückten — wie die Carstensens sie sich im Laufe der Jahrhunderte aus den ersten Familien ihrer Vaterstadt geholt hatten, ihnen hauszuhalten und Kinder zu schenken ...

Freilich, sie wird keine Carstensen bleiben — sie wird eine Freimann ... Im Hause ihres künftigen Gatten hängen keine Ahnenbilder aus vier Jahrhunderten. Was tut's? Der Mann, dem sie folgen wird, ist ein zwiefach Bewährter — ein Kriegsheld — und hat nun auch im Leben des Alltags durch tausend Anfechtungen seinen Weg gefunden ... Wird in der vordersten Linie stehen, nun es gilt, das tief gesunkene Vaterland wieder emporzuheben. Vertrau' mir, Heinz — vertrau' deiner Ilse ... Sie will dir die Kameradin sein, die du brauchst ... Nie mehr wird sie hochmütig, verschlossen auf die dunklen Massen herabschauen, die drunten hastend sich mühen, damit die Carstensens reich und geehrt regieren droben im Kontor — und in prächtigen Villen wohnen ... Heinz Freimann soll nicht umsonst da drunten Niete gesetzt und in des Kranführers Hause gewohnt haben ... Zwar dieser entsetzliche Tedje ist ein Tier — aber wer hat denn Ilse Carstensen gerettet aus seinen Händen? — Diese Antje — die seine Schwester ist ... und die Heinz Freimann seine Freundin nennt ...

Freundin? Ilse lächelte still in sich hinein. Sie wußte: Was Heinz für dieses Mädchen empfand, war mehr als Freundschaft ... Und das Mädchen liebte ihn ... Noch vor wenigen Tagen hatte dies Wissen ihr manche bittere, qualvolle Stunde gebracht. Nun waren die längst verflogen. Denn dies Gefühl, das zwischen Antje und Heinz war — was wäre aus ihr selber geworden ohne diese zarte, verschwiegene Neigung? Sie wäre verloren ... Was so viel Segen gebracht, konnte es böse, gefährlich, konnte es unrecht sein?! Nein, ihr beiden tapferen, hilfreichen Menschen — ihr sollt Freunde sein, Freunde fürs Leben. Ich vertrau' euch.

Und um dieser Rettungstat willen, Antje Tietgens, soll auch deinem Bruder vergeben sein ... Vielleicht ist er noch zu retten ... vielleicht, wenn in sein wildes Leben ein wenig Fürsorge, ein wenig Leitung kommt — vielleicht lernt auch er noch einmal erkennen, daß Heinz Freimann recht hat: daß wir alle zusammengehören, wir armen, gepeinigten Deutschen ... ohne Gleichheitswahn, ohne Freiheitsphantom — eingereiht zu sorgsam gestufter Gemeinarbeit ...

Oh, wie alles licht wurde, wenn man solche tröstliche zukunftweisende Gedanken dachte ... solche Heinz-Gedanken ...


Auch jenseits des frühlingssturmüberkräuselten Spiegels der Außenalster, in einem Hotelzimmer des Atlantic, wob der Morgentraum um eine Mädchenstirn. Bessie Patterson dehnte sich im Glück ihres Rettertums. Oh, wieviel würde sie drüben zu erzählen haben ... Sie würde interviewt werden ... Die Zeitungen würden riesenhafte Beschreibungen bringen: Junge amerikanische Lady rettet deutschen Großreeders Tochter — Bündnis der amerikanischen und deutschen Transozeanlinien durch Heldentat junger Neuyorkerin gekittet ... Wer weiß — vielleicht machten sie drüben aus ihren Hamburger Erlebnissen gar noch einen Film, der die Welt erobern würde ... Und alle ihre Freunde müßten darin vorkommen — vor allem er, der ihr so stark, so tapfer, so tollkühn erschien wie eine Coopersche Romanfigur — der dicke Bobbie ... Ach Himmel — wie mochte es dem wohl ergangen sein heut nacht?! Nun gewiß, er war zur rechten Zeit gekommen — wäre die »Deutschland« in die Luft gegangen, das hätte man doch wohl in der ganzen Stadt gehört ...

Ach nein — was Bobbie anfaßt, das glückt ...

Bobbie ... du armer, dummer Hunne — du dicker, grauer Esel zwischen den zwei Heubündeln ...

Es klopfte. »Ich bin's, Bessie — darf ich?«

»Aber gewiß, daddy

Vater Elias trat ein, ganz verstört ... »Steh auf, Kind ... Es stimmt etwas nicht in der Stadt ... Und überhaupt in diesem entsetzlichen, versinkenden Lande ... Aus Berlin sollen Nachrichten gekommen sein: Eine Gegenrevolution ist im Gange ... Deutschland steht vor dem Bürgerkrieg ... Wer weiß, ob der Stapellauf heut nachmittag überhaupt stattfinden kann ... Vor allem aber erzähl' mir, warum du heut nacht so ganz heimlich vom Fest verschwunden bist ... Mister Freimann sagte, du hättest Migräne und seist schlafen gegangen ... Migräne? Ist ja ganz etwas Neues bei dir ... Ich wollte dich heut nacht nicht stören ...«

»Ach, daddy —« lachte Bessie — »was ich dir alles zu erzählen habe —? Du wirst staunen —!«


Antje Tietgens saß längst in ihrem Bureau. Das Telephon stand nicht still. Kaum war sie eingetroffen, da läutete ihr Chef von seinem Haus aus an: Er habe Nachricht aus Berlin, daß dort ein Rechtsputsch im Gange sei. Das Bureau solle versuchen, Verbindung mit der Berliner Vertretung der Linie zu bekommen. Das Postamt gab zur Antwort: Jede Verbindung mit Berlin sei unterbrochen. Aber beim Nachtdienst waren noch Stöße von Telegrammen aus der Reichshauptstadt eingelaufen. Sie meldeten: Die Truppen der Gegenrevolution marschieren mit wehenden Fahnen in die Stadt. Die Regierung ist nach Süddeutschland geflohen. Die Linksparteien werden den Generalstreik proklamieren.

Bald rief die Hammonia-Werft an, die eine eigene Verbindung mit der Linie unterhielt. Antje erkannte die Stimme des Generaldirektors Timmermanns.

»Wer ist am Apparat?«

»Tietgens ...«

»Ach, Sie, liebes Fräulein — nun, so kann ich Ihnen gleich im Namen der Werft unsern vorläufigen Dank abstatten ... Die Sabotage der ›Deutschland‹ ist vereitelt. Leider nicht ganz ohne Blutvergießen: ein Werftwächter ist erstochen, ein Werftarbeiter erschossen worden ...«

»— Ein Werftarbeiter?! — Wissen Sie zufällig seinen Namen?«

»Doch — auch das — ein gewisser Mönkebüll ...«

Clas — o Gott — mein armer, armer Clas — nun hast du sie, deine »rote Seligkeit« ... Nun schwebt deine unruhvolle Seele in den Musikantenhimmel, den du so oft heruntergezwungen auf unsere arme Tränenerde ... Still, mein Herz ... bin ja im Dienst ...

Herr Timmermanns berichtete: Die Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft sei sehr beunruhigt ... Er hoffe gleichwohl, der Bewegung Herr werden zu können. Wenn der Herr Präsident komme, sei ihm zu berichten, daß die Werft entschlossen sei, den Stapellauf stattfinden zu lassen. Noch Fragen?

»Herr Generaldirektor, darf ich ein gutes Wort für ... für meinen unglücklichen Bruder einlegen? Ist Ihnen etwas über ihn bekannt geworden?«

»Noch nicht, liebes Fräulein ... jedenfalls in den Händen der Polizei ist er nicht, das habe ich bereits festgestellt. Seien Sie überzeugt, daß er jede erdenkliche Nachsicht erfahren wird — schon um seines würdigen Vaters willen, unseres alten treuen Mitarbeiters — vor allem aber um Ihretwillen ... Und noch einmal: den Dank der Werft ... auch im Namen meines Herrn Chefs, der noch nicht eingetroffen ist ... Sie werden noch von uns hören. Auf Wiedersehen, liebes Fräulein — seien Sie getrost, ich werde für ihren Bruder tun, was in meinen Kräften steht.«

Tief aufatmend legte Antje den Hörer auf die Gabel. Oh, wie gut, wie gut ... Vielleicht war er noch zu retten — der arme, wilde, verführte, der geliebte Junge ...

Georg Freimann trat ein. Mit ausgestreckten Händen ging er auf seine Mitarbeiterin zu. War's möglich? Er zog ihre Hand an seine Lippen ...

»Fräulein Antje,« sagte er mit einem Ausdruck in Gesicht und Stimme, den das Mädchen an seinem Chef noch niemals gesehen hatte, »ich finde keine Worte, um Ihnen zu danken. Was wäre geschehen ohne Sie? Es ist nicht auszudenken —«

»Meine Pflicht — Herr Präsident —«

»Ach was, Pflicht — ein Prachtmädel sind Sie ... Die Linie, die Werft können Ihnen niemals vergelten, was Sie für uns getan haben ... Und ich — ich vollends — Sie haben mir meinen Sohn, meine Schwiegertochter und — mein Lebenswerk gerettet ... Kommen Sie her, Kind — ich kann nicht anders ...«

Er nahm das Mädchen in seine Arme — er küßte ihre Stirn wie einer lieben Tochter ... Seine herbe Stimme erstickte in einem jähen Schluchzen.

»Oh, unser Volk ...« stammelte er, ich hab' es oft verflucht und verlästert in diesen gräßlichen Zeiten ... Um Ihretwillen werd' ich's wieder lieben, ihm neu vertrauen lernen ... um Ihretwillen, Sie liebes, liebes, herrliches Mädchen ...«