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Das Land unserer Liebe

Chapter 46: 12
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

12

Der alte Carstensen, noch immer tief erschüttert vom Schrecken und vom Erlösungsglück dieser Nacht, hatte sich in selbstverständlicher Pflichterfüllung auf sein Kontor begeben. Die Botschaften, die ihn empfingen, rissen ihn in den Wirbel der Gärung hinein, die sein Eigentum, die Stätte seiner Lebensarbeit, durchfieberte. Alsbald ließ er sich seinen getreuen Stellvertreter zum Bericht kommen.

Bob Timmermanns stand vor seinem Brotherrn mit nicht ganz reinem Gewissen. Zwar erntete er ein warmes Lob und einen herzlichen Dank für sein tatkräftiges Eingreifen, das die »Deutschland« gerettet und unübersehbares Unglück von der Werft, der Stadt Hamburg, dem ganzen Vaterlande abgewandt hatte. Aber er fühlte sich dennoch tief bedrückt. Seit Morgengrauen hatten hundertfünfundzwanzig junge Männer in Arbeitertracht, durch Geleitschein von seiner eigenen Hand ausgewiesen, die Portierloge der Werft passiert. Die packten in diesem Augenblick, er wußte es nur zu gut, in den weitläufigen Kellerräumen des Direktionsgebäudes jene geheimnisvollen Kisten aus, die um fünf Uhr auf einem Lastauto angerollt waren ... War es möglich, daß alle diese Vorbereitungen unbemerkt geblieben waren — daß nichts davon bis zu den erregten Massen der Werftarbeiter durchgesickert war? Die ballten sich da unten überall, zu Füßen der ragenden Helgengerüste und Docks, an den Eingängen der Kantinen, der Maschinen- und Schiffsbauhalle, zu schwärzlichen Klumpen zusammen. Aus denen schrillten abgerissene Fetzen von Hetzreden, grelle Zwischenrufe, bisweilen ein jähes Aufbrüllen Hunderter von Männerkehlen herüber. Wußte man dort bereits, daß das Direktionsgebäude, dem berühmten hölzernen Roß von Ilion vergleichbar, den gewappneten Feind des Proletariats im Bauche berge —?!

Bob Timmermanns fühlte sich nicht berechtigt, dem Herrn dieses Hauses und dieses Betriebes das nächtige Geheimnis zu verschweigen.

Der alte Carstensen war entsetzt. »Mein lieber Timmermanns,« sagte er langsam und nach Worten ringend, »Sie haben heute nacht — so viel für mich getan — daß ich — daß ich mich schwer entschließen kann, Ihnen zu sagen — daß Sie mit dieser Anordnung — Ihre Kompetenzen denn doch erheblich überschritten haben ...«

»Ich weiß, Herr Senator, ich weiß —« stotterte der Riese. »Aber bei der Kürze der Zeit — —«

Carstensen hob die Hand. Auf seinem zerfurchten Greisengesicht war ein Zug, den Timmermanns lebenslang kannte. Er kündete den Herrn — schnitt jeden Widerspruch ab.

»Wenn Ihr Bruder Gegenrevolution spielen will, so mag er das tun, wo er es verantworten zu können glaubt — ich für meine Person muß Ihnen, lieber Freund, mit aller Bestimmtheit erklären, daß ich mir auf meinem Grund und Boden jede Betätigung antirepublikanischer Gesinnung, so ehrlich und edel sie gemeint sein mag, verbitten muß. Ich habe vor wenigen Minuten telegraphisch aus Berlin die Schreckensbotschaft bekommen, daß tatsächlich dort in dieser Nacht eine große gegenrevolutionäre Unternehmung stattgefunden hat — und zwar, soweit es sich im Augenblick übersehen läßt, mit einem gewissen ... unleugbaren ... Anfangserfolg. Ich wünsche nicht, daß meine Werft in diese Bewegung hineingezogen wird, verstehen Sie mich, lieber Timmermanns? Was geschehen ist, ist geschehen. Ich lehne jede Verantwortung für Leben und Sicherheit der jungen Leute ab, wenn Sie — — nehmen Sie mir's nicht übel, ich bin doch ein bißchen sprachlos!!«

In glühender Beschämung senkte Timmermanns den blonden Schädel. »Herr Senator, ich werde Sorge tragen, daß niemand sich zeigt ... ich werde meinem Bruder sagen, daß er sich und seine Leute lediglich als Schutzmannschaft für die Werft zu betrachten hat — daß nicht das mindeste unternommen werden darf ohne einen persönlichen Befehl aus Ihrem Munde ...«

»Recht so, Timmermanns. Danke Ihnen.«

In diesem Augenblick trat die Sekretärin, die Ilses Dienst übernommen hatte, ins Zimmer und meldete eine Abordnung der Arbeiterschaft.

»Sollen kommen. Bleiben Sie, Timmermanns.«

Schweren Schrittes stapften die Männer ins helle Gemach. Lauter gereifte, scharfgeprägte Köpfe — besonnene, erlesene Vertreter ihrer Klasse. Werkmeister, Vorarbeiter. Als ihr Sprecher voran der alte getreue Kranführer Timm Tietgens.

Detlev Carstensen sagte gelassen: »Nehmen Sie Platz, meine Herren.«

Der alte Tietgens begann seinen Spruch. Die Arbeiterschaft sei in tiefer Erregung. Sie müsse die Werftleitung um Aufklärung ersuchen. Erstens: es sei heute nacht, wie das Gerücht wissen wolle, ein Sabotageversuch gegen die »Deutschland« unternommen worden. Dabei solle einer der Arbeiter erschossen worden sein. Die Arbeiterschaft sei überzeugt, es sei ausgeschlossen und unmöglich, daß dieses schändliche Unternehmen in ihren Reihen geplant worden sei. Sollten tatsächlich Angehörige der Werft bei der Ausführung beteiligt gewesen sein, so könne es sich nur um einzelne Verführte und Bestochene handeln. Der angeblich Gefallene — es werde der Name Clas Mönkebüll genannt — sei ihm, dem Sprecher, persönlich bekannt. Er sei seit einem Jahr sein Kostgänger — ein etwas phantastischer Junge, leidenschaftlich, aber grenzenlos gutmütig, leider leicht zu beeinflussen. Ob es Tatsache sei, daß er gefallen sei?

»Das ist leider Tatsache«, sagte Detlev Carstensen. »Die Werftleitung hatte von dem geplanten Unternehmen Kunde bekommen — Herr Generaldirektor Timmermanns hat die Polizei alarmiert — es ist ihm gelungen, die geplante Untat im letzten Augenblick zu vereiteln. Leider hat man einen meiner braven Werftwächter erstochen aufgefunden. Dann sind Schüsse gefallen — man hat den Arbeiter Mönkebüll sterbend angetroffen, die anderen Täter sind entflohen. Am Fuße der ›Deutschland‹ fanden sich drei Kisten Dynamit, groß genug, um die ganze Werft zu rasieren. Eine Zündschnur brannte, das ist die Lage.«

Der alte Tietgens richtete sich hoch auf. Die Arbeiterschaft weise mit Entrüstung und Empörung die Verantwortung und den Verdacht der Übereinstimmung mit dieser Tat ab.

Carstensen erklärte ruhig und bestimmt, er nehme diese Erklärung mit Dank und vollem Glauben entgegen. Es habe ihm nichts ferner gelegen, als die Gesamtheit seiner Mitarbeiter oder auch nur ihre Gesinnung für eine solche abscheuliche und sinnlose Tat verantwortlich zu machen.

Jetzt müsse aber noch etwas anderes zur Sprache kommen, fuhr der Sprecher der Arbeiter fort. Es gehe das Gerücht: die Tat sei das Werk eines Spitzels, eines Provokanten. Es werde der Name eines Arbeiters genannt, der seit einem Jahr unter dem Namen Anders Niemann auf der Werft als Nieter tätig sei. Das Gerücht aber wolle wissen, daß dieser Arbeiter — in Wirklichkeit gar kein Arbeiter gewesen sei — daß sein Name ein angenommener sei — daß sein Träger in Wirklichkeit ganz jemand anders sei — nämlich — — der Sohn des Präsidenten der Hansa-Transatlantik-Linie, der seit einem Jahr verschollene Kapitänleutnant Heinrich Freimann — —.

Der alte Carstensen saß wie eine Mumie. Seine Augen nur wurden unnatürlich groß, in seine wächsernen Züge stieg eine kongestive Röte. Er hatte das alles ja kommen sehen. Aber nun war es da — — und eine zitternde Wut war in ihm — gegen den jungen Mann, dem er die Hand seiner Tochter vertraut hatte — — und der legte nun durch sein phantastisches Tun den Feuerbrand an das Werk, dem Detlev Carstensen sein Leben gewidmet hatte. Und neben ihm saß der Generaldirektor — in der gleichen stummen Empörung — ihm schoß das Blut in die Augen, in die Stirn ... seine mächtigen Fäuste ballten sich, sie begannen zu zittern, als müsse er sich zwingen, sich mühsam bändigen ...

»Ich weiß das alles —!« sagte Detlev Carstensen. »Aber — ich weiß es erst seit heute nacht.«

»Herr Senator,« begann Robert Timmermanns zwischen zusammengebissenen Zähnen, »gestatten Sie mir eine Frage an den Sprecher der Arbeiterschaft? Ich danke ... Herr Tietgens, ist Ihr Sohn auf der Werft?«

»Ja, Herr Generaldirektor.«

Er wagt es!! dachte Robert Timmermanns. Er wagt es ... Und wider Willen fühlte er eine dumpfe Bewunderung für des Proletariers freche Größe.

»Haben Sie Ihren Sohn schon gesprochen heut morgen?«

»Das hab' ich, ja. Und er hat mich alles bestätigt, wat ich vorgedragen hab'. Er is auch der Ansicht, dat der sogenannte Anders Niemann der Täter is. Der is ja auch heut morgen nich auf de Werft.«

Timmermanns erhielt Erlaubnis, Tedje Tietgens holen zu lassen. Ein Beamter sollte den Auftrag erhalten — aber die Arbeiter mischten sich ein: es sei jetzt nicht rätlich, einen Herrn vom Bureau zu den Arbeitern hinauszuschicken — man könne für seine Person nicht bürgen. Eines der Mitglieder der Abordnung erklärte sich bereit, den jungen Tietgens herbeizuschaffen.

Carstensen ersuchte mit matter Stimme Herrn Timmermanns, die Verhandlung weiterzuführen. Regungslos, mit geschwollenen Stirnadern saß der alte Herr — folgte dem Fortgang der Besprechung mit abwesendem Gesicht — nur die schweren Atemstöße seiner Brust verrieten den Sturm, der sein Inneres schüttelte.

Der alte Tietgens erzählte ausführlich, wie Anders Niemann zu ihm gekommen sei, wie er bei ihm gelebt habe, ein Vertrauter seines Hauses, ein Freund seiner Kinder und des umgekommenen zweiten Kostgängers geworden sei. Des alten Mannes Augen feuchteten sich in der Erinnerung ... Niemals hätte er für möglich gehalten, was nun Wahrheit zu sein scheine ...

Die Arbeiterschaft könne sich diesen ungeheuerlichen Vorgang nur so erklären, daß die Werftleitung von der Anwesenheit des Sohnes des Leiters der befreundeten Linie Kenntnis gehabt haben müsse ... Und das um so mehr, als jetzt auch bekannt geworden sei, daß der Kapitänleutnant Freimann mit der Tochter des Herrn Carstensen verlobt sei ... Und darüber verlange man in erster Linie Aufklärung.

Jetzt regten sich die Lippen des Greises, der dieses Hauses Herr war, der Arbeitgeber der Achttausend da unten war, die sich anschickten, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.

»Die Werftleitung hat keine Ahnung gehabt, daß der Nieter Anders Niemann, wie Sie behaupten, einen falschen Namen getragen hat. Genügt Ihnen das, meine Herren?«

Die Arbeiter steckten die Köpfe zusammen. Einer der Werkmeister meinte:

»Herr Senator, Ihnen glauben wir alles. Aber — hat auch der Herr Timm — der Herr Generaldirektor nix davon gewußt?!«

»Mein Ehrenwort«, sagte Robert Timmermanns. »Auch ich habe erst heute nacht erfahren, daß der junge Freimann ein Jahr lang unerkannt auf der Werft gearbeitet hat.«

»Herr Generaldirektor,« sagte Timm Tietgens, »Sie haben einen Bruder, der is im Krieg Leutnant gewesen — dann hat er mit die Bahrenfelder ins Rathaus gesteckt, letzten Juni, Sie wissen wohl. Und jetzt soll er ja auch wieder im Land herumspuken. Kann der wohl etwas davon gewußt haben?«

Timmermanns zuckte die Achseln. »Er ist im Hause — Sie können ihn fragen.« Das war ihm herausgerutscht — schon bereute er.

Die Arbeiter horchten hoch auf — tuschelten erregt zusammen.

»Dann darf man wohl fragen,« sagte Tietgens bedächtig prüfend, »wat de Herr Leutnant Timmermanns heut auf die Werft zu suchen hat?!«

»Er hat mich besucht, zum Donner!« rief der Generaldirektor. »Das geht doch wohl keinem Menschen was an als Herrn Senator Carstensen, nicht wahr?!« Beschämung und Grimm erstickten des Riesen Stimme.

»Ja — dat wär' der dritte Punkt«, fuhr Tietgens ruhig und entschieden fort. »Wir möchten gern wissen, ob dat wohr is, dat heut nacht Waffen auf die Werft geschafft sünd — un dat im Keller mehr als hundert Weißgardisten versteckt sünd?!«

In diesem Augenblick riß der alte Carstensen sich aus seiner Erstarrung. Sein Mitarbeiter hatte ihm heut nacht sein Eigen, sein Alles gerettet — jetzt galt's, für ihn einzutreten. Er richtete sich auf.

»Die Werftleitung hat es für ihre Pflicht gehalten, Vorkehrungen zu treffen, um im Notfalle die Anlagen der Werft, das heute nacht durch bübischen Anschlag gefährdete Schiff und Leib und Leben ihrer arbeitswilligen Mitarbeiter gegen unbesonnene und frevelhafte Anschläge verhetzter und landfremder Elemente zu schützen.«

In der Stimme des Greises war Herrenklang. Die Abordnung, die schon willens gewesen war, sich zu erheben und die Verhandlung abzubrechen, empfand, verstand diesen Klang.

Da öffnete sich die Tür — und Tedje Tietgens trat ein. Hochaufgereckten Hauptes — polternden Schritts. In seinen verwüsteten Zügen stand verbissener Wille, knirschender Trotz. Rebell — Zerstörer — Dämon.

»Goden Morrn' alltausomen«, sagte er frech.

Auf einen Wink seines Chefs übernahm Timmermanns die Befragung. Tedje antwortete knapp, höhnisch, verschlossen.

Ja, es sei wahr — Anders Niemann sei der Kapitänleutnant Freimann. Die ganze Arbeiterschaft wisse bereits um den Bubenstreich des fälschlichen Anders Niemann ... Sie sei überzeugt, daß er ein Werkzeug der Reaktion sei — und sie sei entschlossen, diese Schurkerei mit der Verkündigung des Proteststreiks zu beantworten ... Übrigens sei es inzwischen bekannt geworden, daß in Berlin ein monarchistischer Putsch gegen die Republik im Gange sei ... Die Arbeiter seien entschlossen, die Republik mit allen Mitteln zu verteidigen ... also werde es ohnehin in der nächsten Stunde zum Generalstreik kommen.

»Genug!« unterbrach da der alte Carstensen und stand auf, mühsam, doch gebietend. Und alle erhoben sich. »Ich wiederhole noch einmal: die Werftleitung steht allen diesen Dingen völlig fern und verurteilt sie. Nun aber noch ein Wort an Sie, meine Mitarbeiter — wenigstens an die Verständigen unter Ihnen — denn Sie, Tedje Tietgens, Sie gebe ich auf, Sie sind entlassen, mit Ihresgleichen wünsche ich nicht eine Sekunde länger zusammenzuarbeiten. Aber ihr, ihr alten, getreuen Kameraden, von denen ich jeden einzelnen seit Jahrzehnten kenne, von euch erwarte ich, daß ihr nicht die Tat des Wahnsinns, welche die ›Deutschland‹, unser aller gemeinsames Werk, vernichten wollte — daß ihr die nicht weit schlimmer wiederholt. Ihr alle wißt, was dieser Tag für die Werft, für die H. T. L., für Hamburg, für unser ganzes Vaterland bedeutet. Heut nachmittag sollte die ›Deutschland‹ vom Stapel laufen — und ich hoffe noch immer, sie wird's. Amerika wartet auf dies Ereignis — als auf ein Zeichen, daß Deutschland nicht das Werk seiner Feinde vollenden wird durch innere Zerrüttung — daß der Bürgerkrieg, der dem Kriege gefolgt ist, sich ausgetobt hat. Vereitelt ihr diese Hoffnung — ihr seid alle viel zu erfahren und vernünftig, als daß ihr nicht wüßtet, was das für Folgen haben wird — für unser Vaterland, für die Werft, für euch alle, für mich! Wir gehören zusammen. Wer uns trennt, vernichtet uns. Nicht mich allein — euch alle mit. Guten Morgen, meine Herren, ich danke Ihnen.«

Er neigte kurz und herrisch das Haupt. Die Arbeiter, tief bewegt, verbeugten sich mit all der Ehrerbietung, die sich in Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit mit ihrem Brotherrn in ihnen angesammelt hatte. Aber in die nachdenksame, beherrschte Stille schrillte ein rohes Gelächter.

»Hahaha!« grinste Tedje Tietgens, »kiek, wo se sick duken, wo sei den Steert intrecken, dei ollen grotmuligen Bullenbieters! Öwerst ji sünd nich dei Arbeiterschaft — ji sünd olle lendenlahme Knackstäwels! Wat wi annern sünd, wi Jungen, wi Radikolen — wi lat't uns nich besabbeln! Wi willt unse Republik verteidigen gegen den gefräßigen Götzen Mammon!«

Da winkte der alte Tietgens seinem Sohne Schweigen und trat noch einmal vor:

»Herr Senator — meine Kollegen un ich, wir werden dat all beraten, wat Sie uns gesagt haben. Ich für meine Person, ich glaub' Sie ja dat alles ... Aber dat mit die hundertzwanzig Mann vom Leutnant Timmermanns — un mit die Waffenkisten — dat gefällt uns nich — un dat eine kann ich Sie sagen im Namen von die ganze Arbeiterschaft: Reakschon is nich! — Gegenrevolution is nich! ... An unse Republik laten wi nich rühren — wer dat verseuken will, dei is unser Feind — un gegen den'n stohn wi all tausomen bit op den'n letzten Blaudsdruppen!!«


Die Arbeiter hatten sich entfernt. Carstensen und sein erster Mitarbeiter blieben allein. Der Greis schwieg. Er fühlte das Gebäude seines Lebens wanken. Der Sturm aus dem Osten hatte seine Fundamente unterwühlt. Bis zu dieser Stunde hatte der alte Mann alle Erschütterungen der Zeit mit einem Achselzucken abgetan. Kriegsfolgen — Ermattungs- und Lähmungserscheinungen ... Das gleicht sich aus ... In einem, in zwei Jahren läuft die Karre wieder wie zuvor ... Die unruhigen Elemente werden allmählich abgestoßen, man wird wieder Herr im Hause sein ... Er hatte es bis zur Stunde vermieden, persönlich mit den Arbeitern zu verhandeln. Dafür war sein Stellvertreter da. Jetzt hatte er ihnen ins Auge gesehen ... Darin stand etwas Neues, etwas, dem die Zukunft gehörte. Die Masse war aus ihrer Unpersönlichkeit erwacht. Man würde sie niederhalten müssen — aber überhören durfte man sie nicht mehr.

Gut — aber er würde dabei nicht mehr mittun. Mochte die Jugend sehen, wie sie mit der erwachten Masse fertig wurde.

Robert Timmermanns sah, wie die aufgerührten Gedanken hinter der von harten Adersträhnen gesäumten Stirn seines Chefs arbeiteten. Er wartete, bis der Senator das Wort an ihn richten würde. Da schrillte das Telephon. Präsident Freimann erkundigte sich nach der Lage.

»Wollen Sie selber antworten, Herr Senator?«

»Geben Sie her. Glauben Sie, Timmermanns, daß wir es verantworten können, an dem Stapellauf festzuhalten?«

»Mit Bestimmtheit, Herr Senator.«

»Guten Morgen, Freimann, guten Morgen ... Ja, ja, allerdings, es ist eine gewisse Unruhe unter der Arbeiterschaft ... Aber zu irgendwelcher Besorgnis ist einstweilen keine Veranlassung ... Doch, doch, Sie können die Amerikaner durchaus beruhigen ... Ja, der hat tatsächlich die Frechheit gehabt, auf der Werft zu erscheinen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre ... Er scheint der schlimmste Hetzer zu sein ... So, Sie haben seiner Schwester versprochen, ein gutes Wort für ihn einzulegen ... Nun, er macht's uns freilich schwer genug — wollen sehen, was sich tun läßt ... Ich ließe den Schuft am liebsten sofort verhaften ... Nein, nein, es bleibt alles bei unsrer Verabredung ... Um drei Uhr erwarte ich die Anfahrt der Herrschaften ... Um drei ein Viertel geht die ›Deutschland‹ zu Wasser ... Wie meinen Sie? Es würde die Amerikaner beruhigen, wenn einer meiner Herren sie abholen würde? Doch, doch, das läßt sich machen ... Ich halte die Lage auf der Werft sogar für so vollkommen gesichert, daß ich Ihnen meinen Generaldirektor schicken kann ... Das dürfte den Herren genügen, wie? Sie nehmen Ilse mit, nicht wahr? — Ob Heinz hier draußen ist? Nein — bis jetzt nicht ... So? Fräulein Tietgens behauptet, er müsse bei uns sein? Nun, dann wird er wohl noch kommen ... Ich soll ihn nicht allzu unsanft empfangen? Na, lieber Freund, er hat mir mit seiner phantastischen Unternehmung eine schöne Bescherung angerichtet ... Ich soll ihm wenigstens verzeihen, wenn alles gut geht? Wenn alles gut geht, lieber Freimann — so weit sind wir leider noch nicht. Grüßen Sie Ihre Sekretärin ... und bringen Sie das Prachtmädel mit zum Stapellauf — sie gehört mit dazu, sie vor allen ... Ich danke ihr dann noch persönlich. Also auf Wiedersehen um drei, lieber Freund — Ob mir gut ist? Doch, doch, selbstverständlich — meine Stimme — matt? Keine Idee ... Schluß!«

Mit mächtiger Willensanspannung rang der Greis die tiefe Müdigkeit nieder ... Heute noch einmal galt es, vor Mitarbeitern und Außenwelt den Herrn der Werft darzustellen. Einmal noch ...

»Sie haben gehört, Timmermanns ... Die Linie legt Wert darauf, daß Sie die Amerikaner abholen ... Ich hoffe, die Werft kann Sie entbehren. Im schlimmsten Falle habe ich ja Ihren Bruder. Ich bin jetzt ganz froh, daß er da ist. Können ihn mir schicken.«

Schon hatte der Generaldirektor die Türklinke in der Hand, da klopfte es. Robert Timmermanns öffnete — Heinz Freimann trat ein in seiner abgewetzten Matrosenbluse ... Aber in Gesicht und Mienen ganz der verantwortungsfreudige, tatbewußte Offizier.

»Guten Morgen, Papa. Ich melde mich ganz gehorsamst zur Stelle.«

Detlev Carstensen saß unbewegt. »Ich weiß noch nicht, ob für dich ein Platz in diesem Zimmer ist, Anders Niemann!« sagte er beherrscht. »Verantworte dich.«

Timmermanns wollte sich verabschieden. Sein Chef befahl ihm mit Handwink zu bleiben.

In knappen Sätzen sprach Heinz aus, was ihn bewogen habe, in die Tiefe hinabzusteigen. Er gab zu, sein Handeln habe sich gegen ihn gekehrt — ihn selber und alles, was er liebe, in Gefahr gebracht. Aber der Schwiegervater wolle nicht vergessen, daß er auch Opfer gebracht — ein schweres Opfer. Er sei treulos geworden an den Kameraden — deren Vertrauen ihn zum Mitwisser ihrer verbrecherischen Pläne gemacht habe. Sein Leben sei in höchster Gefahr, seine Ehre nicht ganz fleckenrein. Auch einem Verbrecher die Treue brechen sei Verrat. Er sei bereit, sein Leben als Sühneopfer darzubieten. Er stelle sich zur Verfügung für den Fall, wo es gelten möchte, vor der Arbeiterschaft Zeugnis abzulegen, daß die Werftleitung von seiner Anwesenheit auf der Werft keine Ahnung gehabt — daß er kein Spion, kein Spitzel der Direktion, kein agent provocateur der Gegenrevolution sei, sondern ein Deutscher, voll heißer Liebe zu seinen Volksgenossen, voll heißer Sehnsucht, beizutragen zu großen Werke der Versöhnung der Klassen.

Detlev Carstensens strenge Züge waren immer milder geworden beim knappen, freimütigen Bericht des Verlobten seiner Tochter.

»Du Träumer,« sagte er mit leisem Kopfschütteln, »du Phantast ... Es ist gut, mein Junge ... Ich glaube dir jedes Wort ... Ich glaube sogar fast, ich fange an, dich zu verstehen ... Herr Timmermanns wird dich im Hause verbergen ... Du bleibst zur Verfügung, bis wir dich brauchen ... Wenn die ›Deutschland‹ zu Wasser gegangen ist, werde ich wissen, ob du noch wert bist, die Hand meines einzigen Kindes in die deine zu nehmen.«

Er winkte gnädig Entlassung.


Die Mittagspause kam. Von Arbeit war nicht viel die Rede gewesen auf der Werft. Überall hatten Versammlungen unter freiem Himmel stattgefunden — mit dem sausenden Märzsturm kämpfend hatten die Redner sich heiser geschrien. Ein heißer Kampf: die ruhigen, verständigen Elemente waren schroff gegen den Generalstreik. Die Sabotageangelegenheit sei nicht geklärt — die Werftleitung habe sorgfältige Untersuchung unter Mitwirkung der Arbeitervertreter versprochen — man müsse das Ergebnis abwarten. Es sei Wahnsinn, den Stapellauf zu hintertreiben — er müsse heut nachmittag um drei Uhr planmäßig und ohne Störung stattfinden, sonst sei die Verbindung mit Amerika gefährdet. Die Folgen seien jedem Vernünftigen klar: Aufhören der Bestellungen auf Dampferneubauten, Erliegen der Werft, Schluß mit jeder Arbeitsmöglichkeit —

Die Hetzer griffen's auf: das sei ja im höchsten Grade wünschenswert —!! Die Verbindung der Kapitalisten von hüben und drüben bedeute eine neue Versklavung des arbeitenden Volkes — der Bolschewismus müsse triumphieren, die Reaktion niedergeschmettert werden — die Woge der Weltrevolution werde alle Dämme niederreißen, die das Proletariat des Erdballs in Nationen zersplittere — dann werde die neue Menschheit erstehen, die Brot und Seligkeit für alle bringe ...

Eine Einigung war nirgends zustandegekommen. Als die Sirenen im ganzen Hafengebiet die Mittagstunde ausriefen, trieb der Hunger alles in die Kantinen. Die Arbeit hatte stillgestanden — die Küche war glücklicherweise treulich am Werke geblieben.

Aber auch die Hetzer blieben am Werke. Der Terror vergewaltigte die Vernunft. Als die Essensstunde vorüber war, hatten die Fanatiker, die Wahnwitzigen die Oberhand gewonnen.

Und plötzlich waren auch Waffen da. Woher sie kamen, wer vermochte es zu sagen? Sie waren da. Die Halbwüchsigen schleppten ganze Arme voll rostiger Gewehre heran, drängten sie den Unwilligen auf, stopften jedem ein halbes Dutzend Ladestreifen mit grünspanüberzogenen Patronen in die Taschen. Auf erhöhten Punkten postierten ehemalige Somme- und Flandernkämpfer Maschinengewehre.

Armin Timmermanns verstand sein Handwerk: sein Meldedienst funktionierte. Kein Zweifel, es galt ... Ein Koppel mit Patronentaschen und kurzem Seitengewehr umgeschnallt, einen Stahlhelm auf dem Kopf, einen Karabiner umgehängt, trat er in dienstlicher Haltung vor den alten Carstensen:

»Herr Senator, ich melde ganz gehorsamst: die Roten rüsten zum Sturm auf das Verwaltungsgebäude.«

Detlev Carstensen thronte in seinem Arbeitsstuhl wie ein Cäsar, der die Kunde empfängt, seine Hauptstadt sei im Aufruhr. Kaum, daß seine schneeweißen Brauen sich etwas zusammenzogen.

»Ihr Bruder schon zurück?«

»Nein, Herr Senator.«

»Gut — ich lege den Schutz der Werft in Ihre Hand. Sie werden Übereilungen zu verhüten wissen.«

»Jawohl, Herr Senator. Gehorsamsten Dank.«

Draußen harrten seine Adjutanten. Knapp und klar erklangen seine Befehle. Alles beste Schule. Treppauf, treppab spritzten die jungen Herren auseinander. Gemessenen Schrittes folgte der nervige Diktator der Hammonia-Werft. Er wußte: es würde klappen. Mochten sie kommen — sie sollten sich blutige Köpfe holen.

Jetzt dröhnte die weite Halle des Lichtschachtes, der das ganze Gebäude durchstieß, vom Ansturm der Jungmannen, die nun behelmt und bewaffnet dem Keller entquollen und die Treppen hinanstürmten, um die ganze Front nach der Werft hin zu besetzen. In den Korridoren öffneten sich die Türen — erschrockene Köpfe tauchten auf — Direktoren, Ingenieure, Prokuristen, Sekretärinnen ... Ah — also doch! Man war verteidigt ...

Sie mochten kommen.