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Vor dem Hotel Atlantic, an der stattlichen Häuserreihe entlang, welche das weitgedehnte Becken der Alster im Osten einsäumt, hielt die stattliche Reihe der Kraftwagen, welche die Vorstände der United Transatlantic Lines zum Stapellauf ihres Dampfers »Deutschland« führen sollten. Im Vestibül waren die Festgäste versammelt: die Direktion der Hansa-Transatlantik-Linie mit ihren Damen, die Abgesandten des Patterson-Konzerns. Nur Elias Patterson selber und seine Tochter fehlten noch.
Georg Freimann bewegte sich inmitten seiner Freunde mit seiner ganzen weltmännischen Geschmeidigkeit und Sicherheit. Niemand sah ihm an, welche Sorgen seine Seele bedrängten. Noch fehlte der Generaldirektor Timmermanns, der ihm Kunde bringen sollte, wie es auf der Werft stehe ... noch fehlte jede Kunde von Heinz ...
Endlich — da tauchte über dem Gewimmel der glattrasierten Yankeegesichter der Blondbart des Hünen auf ... Sein holzgeschnitztes Gesicht strahlte Hoffnung und Zuversicht ... Aber das konnte Maske sein ... und wirklich, was er mit raschen Flüsterworten von der Stimmung der Arbeiterschaft auf der Werft erzählte, klang nicht übermäßig beruhigend ...
»Was meinen Sie — können wir's wagen?«
»Ich übernehme die volle Verantwortung ...«
»Also gut ... und mein Sohn?«
»— ist auf der Werft in Sicherheit. Er benimmt sich glänzend. Sie können stolz auf ihn sein. Da wächst uns allen eine Stütze heran.«
»Timmermanns ... Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet ... Ich danke Ihnen. — Also los ... Vielleicht holen Sie Herrn Patterson persönlich ab ... dritter Stock, Zimmer 285.«
»Noch eins, Herr Präsident ... wenn die Amerikaner im Wagen sitzen, möchte ich verschwinden und vorauf zur Werft zurückfahren, um mich zu überzeugen, daß wir es wagen können, unsere Gäste anfahren zu lassen. Wenn nein, dann lasse ich die ganze Kavalkade bei der Ausfahrt aus dem Elbtunnel zurückhalten. Ich nehme das vorderste Auto, sause gleich los und fahre auf dem nächsten Wege über den Rathausmarkt zum Hafen. Sie, Herr Präsident, nehmen vielleicht den zweiten Wagen und fahren die Yankees zunächst mal über Lombardsbrücke, Ringstraße und Holstenwall am Bismarck vorbei — kann ihnen sowieso nichts schaden, wenn sie den Schutzpatron unsres Vaterlandes mal zu sehen kriegen ...«
»Abgemacht —« sagte Georg Freimann und trat wieder unter seine Gäste. Gestrafften Nackens, leuchtenden Angesichts. Er fühlte sich verjüngt, erneuert. Er war nicht länger erbelos, nicht mehr allein. Er hatte einen Verbündeten. Sein eigen Fleisch und Blut.
Der Generaldirektor Timmermanns fuhr im Lift zum dritten Stock empor, den Chef des befreundeten Konzerns persönlich zur Fahrt auf die Werft einzuladen. Aber seine kraftvolle Rechte zauderte doch einen Augenblick, ehe er am Salon anklopfte, den der Hotelpage ihm als Wohnung des Herrn Patterson bezeichnet hatte.
»Enter, please!« Eine helle Mädchenstimme hatte es gerufen. Himmel — wenn er sie allein träfe ... und wär's auch nur für einen Augenblick ...
Und — da stand sie ... Wie der leibhaftige Frühling ...
»Ah, Mister Timmermanns ... Das ist schön — Sie wollen kommen zu holen uns ... Nun — was tun Sie sagen zu Ihre kleine Gesangschülerin? Tat nicht ich machen sehr gut mein Sache — diese Nacht?«
»Fräulein Bessie — Sie sind das prachtvollste kleine Frauenzimmer, das mir je in meinem Leben vorgekommen ist ...«
»Oh — das freut mich — das freut mich — quite enormously ...«
»Wahrhaftig — Fräulein Bessie?«
»Aber Sie, Mister Bobbie — Sie sein ein ganz, ganz dummer dicker Hunne ...«
»Wie — meinen Sie das — Fräulein Bessie?«
»Ja, wenn Sie das verstehen noch immer nicht — dann sind Sie noch viel, viel dümmer, als ich dachte jemals ...«
»— — Bessie — —!!«
Und schon flog das feine Figürchen in seine Arme. Er hob sie wie ein Püppchen an seine breite Brust.
Da öffnete sich die Tür, die zu den Schlafgemächern führte — Elias Patterson stand mit einem Gesicht, das ihn in der Generalversammlung um seine ganze Autorität gebracht haben würde.
Bessie machte sich los, stürzte auf den Vater zu, ergriff seine Hand und zerrte ihn auf den Deutschen zu.
»Deinen Segen, daddy, schnell — schnell — die Herren warten drunten schon seit einer Viertelstunde auf uns ...«
Die Autokolonne ruckte an. Gleich hinter dem Wagen, in dem die beiden Chefs der United Transatlantic Lines saßen, kamen die vier Damen:
Mutter Johanna Freimann, überselig, seit Georg ihr hastig zugeflüstert: »Heinz auf der Werft in Sicherheit — Timmermanns ist begeistert von ihm ...«
Neben ihr Klein-Bessie, kaum fähig, ihren Jubel zu bemeistern ... Wenn man doch erst losfahren möchte! Dann wird sie erzählen ... Warum auch verschweigen, was so gut wie besiegelt und unterschrieben war? Er sträubte sich ja noch ein bißchen, der gute daddy — aber wann hatte ihm das je etwas genützt?!
Auf dem Rücksitz Ilse Carstensen — glühend im Glück über so tröstliche Nachricht — und doch auch fiebernd vor Unruhe ... Wie mochte es stehen auf der Werft?!
Alle drei Frauen Vertreterinnen der Oberschicht des Bürgertums zweier Welten — verwöhnter, als sie selber ahnen mochten, durch die Macht des Besitzes ... Die schützte sie vor tausend Stößen des Lebens, denen von hundert Staubgeborenen neunundneunzig langsam erliegen ...
Und als vierte die eine, sorgfältig, doch im Vergleich unendlich bescheiden gekleidet — Antje Tietgens ... die Sekretärin — heute von allen mit Ehre überhäuft ... noch ganz benommen von ihrem Glück, und doch auch sie beklommen von geheimem Bangen vor dem Schicksal der nächsten Stunde, im Herzen die qualvoll süße Erinnerung an den höchsten Augenblick ihres Lebens ...
Die Wagenkolonne fauchte über die Lombardsbrücke. Vor den Augen der Amerikaner tat sich ein Standbild auf, das auch bei den Bürgern der Metropole der neuen Welt seinen Eindruck nicht verfehlen konnte — in seiner bodenständigen Eigenart, seiner alteingewurzelten Vornehmheit. Zur Linken das enge Becken der Binnenalster, der Jungfernstieg mit seinem flutenden Verkehr, die drei Türme — zur Rechten der breit ausladende See der Außenalster, schon wieder wie in Friedenszeiten vom lustigen Gewimmel der Paddelboote und im Frühlingssturm sich blähender Segel belebt ... Dann ging's über die Reste der einstigen Umwallung — zwischen den märzkahlen Bosketts, aus denen die Spiegel der ehemaligen Festungsgräben blinkten, und der stattlichen Reihe der Amtsgebäude und der Musikhalle ...
Und jetzt — jetzt tauchte aus braunen Baumgruppen ein ragendes Gleichnis empor: von Hugo Lederers Meisterhand geschaffen, das Bild des Mannes, der einstmals die Fürsten und Völker Deutschlands zum »ewigen« Bunde zusammengezwungen ...
Der steinerne Gigant schaute schweigend, wachsam gen Westen — dorthin, wo das Meer war, dem Deutschen ewig ersehnt, ihm ewig wieder versperrt vom Neide der Welt ... Seine gepanzerten Arme hielt er um den Knauf des Schwertes verschränkt, das er seinem Volke geschmiedet, das sein Volk sich hatte entreißen und zerbrechen lassen nach vier Jahren eines Abwehrkampfes, wie nie ein Volk ihn bestanden ...
Die beiden deutschen Mädchen sahen einander in die Augen, die Patrizierin, die Sozialistin ... und fühlten zum zweiten Male, daß sie Schwestern waren, Schwestern durch Blut und Schicksal. Und eine preßte der andern Arm in stummem Gelöbnis:
Zusammenhalten — — weil wir zusammengehören —!!