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Sie kamen.
Aus der Deckung der Maschinenhalle, der Schiffsbauhalle, der hochragenden Docks schoben sich tausendköpfige Massen zusammen, ballten sich zu einer lebenden Mauer, die dunkel und dräuend immer näher auf das Verwaltungsgebäude heranrückte. Dahinter ragte der schwarze Schattenriß der »Deutschland« — überhöht vom breitgespannten Schirm des Eisengerüstes, auf dessen Türmchen die Seehandelsflagge des Deutschen Reiches flatterte.
Armin Timmermanns überflog vom Fenster des Chefkontors mit dem Blick des kampfbewährten Führers das Bild der Lage. Die Wahnsinnigen! Wollten sie als dichtgekeilte Masse zum Sturm antreten?!
Näher — immer näher ...
»Gestatten Herr Senator, daß ich das Feuer eröffne?«
Detlev Carstensen saß im Thronsessel seiner Arbeit wie sein eigenes Standbild. Auf seiner kantigen Stirn schwollen die Aderstränge. Nun hob er sich mit schwerfälligem Ruck.
»Das — Feuer eröffnen?! Herr Leutnant — wir sind nicht auf dem Schlachtfeld — wir sind auf meiner Werft. Eins ist noch nicht versucht. Wo ist Heinz Freimann?«
»Er wartet im Zimmer meines Bruders.«
»Soll nach unten in die Vorhalle kommen.«
Der Greis schritt zur Tür.
»Darf ich fragen, was Herr Senator beabsichtigen?« fragte Timmermanns verständnislos.
»Mit meinen Leuten reden. Mein Schwiegersohn wird mich begleiten. Geschossen wird nicht.«
»Zu Befehl, Herr Senator.«
Gelassenen Schrittes stieg Detlev Carstensen in die weitgedehnte Vorhalle hinab. Dort drängten sich, zwischen den Glaskästen mit den gewaltigen Dampfermodellen, ganze Rudel aufgeregter alter Herren in Kontorröcken und schlotternde, schluchzende Bureaudamen.
In einem Seitengang harrte der Stoßtrupp — Studenten, junge Kaufleute —, alles alte Kriegsoffiziere, zwei Dutzend Teufelskerle vom Schlage ihres Führers — des Augenblicks, der sie im Notfalle in den Kampf reißen sollte —. Carstensen begrüßte die bunt zusammengewürfelte Versammlung mit einem stummen Kopfnicken. Um ihn war eine Würde, eine Kraft, vor der sich alles neigte. Durch eine schnell sich öffnende Gasse schritt er zum Hauptportal — sah unbeweglich hinaus — der dunklen Mauer entgegen, die sich immer näher, immer dräuender gegen sein Lebenswerk heranschob.
Und jetzt traten zwei junge Männer an seine Seite ... Heinz — Armin ...
»Sie brauche ich noch nicht, Herr Leutnant«, sagte Carstensen. »Halten Sie sich bereit — aber nur für den äußersten Fall.«
Mit ruhigem Griff öffnete der Greis die Tür, schob seinen Arm unter den des Schwiegersohnes und trat mit ihm auf die breitausladende Freitreppe hinaus —
Die dunkle Mauer erstarrte — stand. Eine Stille ward. Nur eine Sekunde — dann schwoll dumpfes Wutgebrüll auf, tobten wüste Schreie: »Doar is hei ja — dei Schuft! dei Spitzel! dei Spion!«
Detlev Carstensen streckte die Rechte aus — und abermals ward lastende, lauschende Stille.
»Arbeiter!« rief Detlev Carstensen, und seine Stimme klang voll und gebietend wie in den Tagen seiner Lebenshöhe, »dieser Mann ist kein Spion — kein Verräter. Um euch nahe zu kommen, hat er mit euch gelebt und geschafft. Die Werftleitung hat nichts davon gewußt. Was er sonst noch zu sagen hat, hört von ihm selber.«
Heinz Freimann sprach: »Kameraden! Ich habe nicht viel zu sagen. Ich bin nicht ehrlos gewesen. Was ich wollte, kann und muß ich vertreten. Laßt meinen Fall untersuchen und dann macht mit mir, was ihr wollt — ich wehre mich nicht!«
Und ruhigen Gesichtes löste Heinz Freimann sich von Detlev Carstensen und stieg langsam die Freitreppe hinunter, der geballten Masse entgegen, die schweigend, unbeweglich seinen Worten gelauscht hatte. Viele drohend erhobene Fäuste, viele geschwungene Waffen senkten sich.
Da klang aus der Menge eine wüste, schrille Jungmännerstimme: »Du Swindler! Klooksnacker du! Olle Volksbedreiger! giv mi mien Fründ t'rügg — Clos Mönkebüll giv mi wedder!«
Und aus der Masse drängte ein grimmiger Bursch sich hervor in schmutzig zerfetztem Arbeiterkittel. Hoch schwang er das Gewehr über dem Kopfe, sprang mit ein paar wilden Sätzen heran, sich auf Heinz Freimann zu stürzen.
Im selben Augenblick flog an dem Greise, der droben ragte, und dem jungen Mann, welcher der Masse seine wehrlose Brust bot, eine andere Männergestalt vorüber, warf sich dem Anspringenden entgegen: der Leutnant im Stahlhelm — und auch er schwang im Anlauf über seinem Haupte das Gewehr —.
Schon standen die zwei auf eines Schrittes Breite einander gegenüber. Die Kolben sprangen in die Luft, zielten nach des Feindes Haupt, sausten nieder —.
Aber Tedje Tietgens' Arm war stärker — in weitem Bogen flog des Leutnants Waffe zur Seite, ein zweiter Kolbenschlag donnerte auf seinen Stahlhelm nieder, daß Armin betäubt zu taumeln begann ... in derselben Sekunde ließ der Proletarier das Gewehr fallen, zückte sein Messer und grub es mit tückischem Stoß tief in des Leutnants Hals.
Über dem zusammenbrechenden Leibe des Feindes stand Tedje Tietgens hoch aufgerichtet — stieren Blicks — das blutige Messer in der langsam sinkenden Hand.
Da — aus dem ersten Stockwerk des Bureaugebäudes — ein Knall, ein Feuerstrahl — Tedje Tietgens zuckte jäh auf, seine Rechte ließ das Messer fallen, fuhr nach dem Herzen — und schon sank der mächtige Körper in sich zusammen, fiel über den verröchelnden Leib seines Opfers.
Droben Bob Timmermanns, irren Auges, den rauchenden Karabiner in der Hand — —.
Das alles in fünf Sekunden ...
Nun endlich brach ein Aufschrei aus Tausenden von Kehlen — aber ein Aufschrei nicht der Wut, der Rache — sondern des Entsetzens — des Abscheus vor dem eigenen Tun ...
Kainstat hüben, Kainstat drüben ...
Doch schon einen Atemzug später tausendstimmig ein zweiter Schrei — Heinz Freimann war vorgesprungen, stand neben den verknäulten Leibern der Opfer des Wahns — breitete die Arme gegen seine Kameraden aus: »Über mich dies Blut — schlagt mich tot!«
Schon hoben sich aufs neue viel hundert geballte Fäuste, mordgierige Waffen. Und aus dem Verwaltungsgebäude quoll Armins Stoßtrupp hervor — des Führers Tod zu rächen. Eine Sekunde noch, und ein Blutbad begann, unhemmbar, unsühnbar ...
Aber zwischen den gezückten Waffen, den anrückenden Gestalten der entflammten Rächer zwängten sich mit einem Male zwei Frauengestalten hindurch. Ilse Carstensen flog mit jagenden Sprüngen über den Platz, schon stand sie neben dem stumm verzweifelnden Heinz — trat vor ihn hin, breitete weit und schützend die Arme aus. Und jetzt stand Antje Tietgens neben ihr — auch sie reckte die Arme, den Sohn des Bürgertums zu decken gegen ihre Klassengenossen ...
Und sieh: der Ansturm von hüben und drüben erlahmte. Bajonette, Kolben senkten sich — mit ausgebreiteten Armen standen beide Frauen inmitten — Gleichnisse beide von einer höheren Ordnung der Dinge, Künderinnen einer reineren Zukunft, einer kommenden Menschheit. Zwei Töchter eines Volkes ...
Da hob Ilse die Rechte — wie eine Priesterin, wie eine Seherin stand sie da.
Und aller Blicke folgten der gebietenden Weisung: Hoch überm Schwall der fiebernden Tausende türmte sich ihrer heute zum Kampf gekrallten Hände gigantisches Friedenswerk: die »Deutschland« ...
Antje starrte in tränenlosem Jammer auf des Bruders zusammengesunkenen Leichnam. Nun aber richtete sie sich auf und rief: »Arbeiter, Kameraden, kennt ihr mich? Der Tote da, das ist mein Bruder — und dieser Anders Niemann hier, das ist mein Freund! Keiner hat gewußt, wer er war, solange er zwischen euch geschafft hat. Ich aber, ich hab's gewußt! In all der Zeit hab' ich's gewußt! Und ich, ich, die Proletarierin, ich bezeuge es ihm nun auch: Er ist kein Spitzel, kein Spion! Er ist unser Bruder, unser Kamerad! ... Gebt Liebe um Liebe! Laßt uns zusammenhalten — wir gehören zusammen! Kopf und Faust, Arbeit und Kapital, Bürger und Proletarier —! Das hat er mich gelehrt, er, mein Freund, unser Freund — glaubt mir's, glaubt's ihm ... Der da, mein armer Bruder, der hat's ihm nicht glauben wollen ... darum ...« Ihre Stimme wollte brechen — aber noch einmal raffte sie sich auf: »Versöhnung! Brüder — Kameraden — Versöhnung!!«
Und jetzt trat der alte Carstensen vor bis zu der Stelle, wo der todbereite Mann stand — geschützt nur von der Liebe der zwei Frauen, die ihn verstanden.
Der Senator hob im Vorschreiten das Gewehr von der Erde, das des Leutnants Händen entfallen war. Und nun ergriff er auch das zweite, das der Arbeiter hatte sinken lassen, um zum Messer zu greifen. So stand der alte Mann — in jeder Hand eine Waffe ... nun hob er beide — hoch in die märzlich durchstürmten Lüfte. Über dem schneeweißen Haupt, aus dem diese ganze Schaffenswelt ringsum entstanden war, schwankten die zwei braunen Kolben. Nun sausten sie nieder aufs blutgetränkte Pflaster des Werfthofes, zersplitterten mit einem ächzenden Krachen. So groß war die Bewegung, so einfach und herrlich ihr Sinn — sie zwang die Tausende in ihren Bann.
Und jetzt trat aus der Pforte Bob Timmermanns, den Karabiner in der Hand, aus dem er den rächenden Schuß getan. Dem Beispiel seines Meisters folgend hob er als erster die Waffe und schlug sie entzwei.
Da ging durch die harrenden Massen ein tiefes, aufatmenden Begreifen.
Erst waren es drei, vier, sechs Arme, die sich hoben, die Waffe des Bruderkrieges zu zertrümmern — schon zersplitterte Kolben um Kolben, flog Schaft um Schaft zuhauf — nun stürmten Dutzende heran, dem Opferfeste, der Versöhnungsfeier sich anzuschließen — zu Hunderten jetzt zerkrachten die Gewehre, geweiht dereinst zu des Vaterlandes Verteidigung, geschändet nun durch den Kampf der Parteien, der Klassen, der Brüder ...
Und wie Waffe um Waffe zersprang, wie die Trümmer zum Berge sich türmten inmitten — da traten sie von hüben und drüben aufeinander zu, die Roten und die Weißen, und schauten sich ins Auge. Und Hammerhand und Federhand fanden, fügten sich zusammen über den Leichnamen der Opfer, besiegelten in stummem Gelöbnis den neuen Bund, den Bund der Deutschen, schwuren wortlos heiligen Schwur.
Droben aber an einem Fenster des ersten Stockwerks, zwischen aufatmenden Männern und leise schluchzenden Frauen, stand das Kind eines fernen, eines glücklichen Landes, eines längst schon einigen und freien Volkes — inmitten seiner staunenden Landsleute vom Patterson-Konzern — und sah, wie Deutsche zu Deutschen sich fanden — sah den Starken, den Trotzigen, dem sie sich zu eigen gelobt, drunten Hand in Hand mit dem alten Manne stehen, dem er den Sohn erschlagen, dessen Sohn ihm den Bruder getötet ...
Und da quoll aus ihrer jungen Seele ein heiliges Gelöbnis: für dieses Volk zu zeugen, soweit ihre schwache Mädchenstimme Kraft hatte zu klingen ... an dieses Mannes, dieses Volkes Zukunft ihr unentweihtes Herz, ihr freudig pulsendes Leben zu wagen.
Mehr noch — mehr noch — immer mehr — alle — alle — —
In dichten Massen drängten sie heran, die eben noch zum Sturm antraten wider die Herzkammern ihres eigenen Schaffens und Lebens. Zur großen, freien Sühnetat eilen sie herzu, zerschlagen die Werkzeuge des Hasses, zerschlagen den Haß, die Verbitterung, den Neid — schwören ab dem Bruderzwist, dem Klassenzwist. Geloben sich dem Genius ihres Volkes, der selbstverleugnenden Arbeit fürs Ganze, der Eintracht, der Versöhnung, der Wiedergeburt.
Spürst du, wie ein leises Beben den rostfarbenen Gigantenleib der eisernen Riesin durchrinnt?! Die Hammerschläge dröhnen und treiben die letzten Keile heraus. Nichts hemmt nun mehr den Drang der Gewaltigen, der sie zum Strome treibt, in das sturmgepeitschte Wogengetriebe, das ohne Hasten und ohne Rasten dem nahen, dem freien Meer entgegen sich wälzt.
Und jetzt — jetzt ist es getan — in erhabener Ruhe setzt die lastende Masse sich in Bewegung. An ihrem Heck flattert die Seeflagge des Deutschen Reiches ...
Die Bremsketten rasseln, die Gleitbahn ächzt, der Boden wankt unterm schweren Wandel der Riesin —
Schneller, immer schneller —
Und nun erschallt ein Jauchzen ringsum — nun heben sich zu jubelndem Gruß die tausend und aber tausend Hände derer, die sie planten, die sie bauten — die aber tausend Hände, noch bebend vom Treugelöbnis, das sie alle zum neuen Bunde zusammengefügt ...
Jetzt schäumt die Welle des Elbstromes hochauf grüßt schäumend ihre jüngste Bezwingerin ...
Hoch droben am Heck aber, wo die sturmgepeitschte Fahne des Deutschen Reiches flattert, sehen die tausend und aber tausend Augenpaare der Jauchzenden in goldenen Lettern den Namen glänzen, dem sie ihr Herz, ihre Faust, ihr Leben heut aufs neue geweiht:
den Namen des Landes unserer
Liebe.