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Langsam, ganz langsam erhellte sich das schützende Dunkel, das Heinz Freimanns Bewußtsein umlagert hatte. Es war, wie wenn er vordem durch das Sehrohr des Tauchboots spähte, derweil das Schiff aus der Tiefe zum Meeresspiegel zurückstrebte: erst lag vor dem Blick nur ein tiefes Dunkelgrün — nun tönte sich's, lichtete sich smaragden auf — jetzt war's schon ein zartes schimmerndes Hellgrün — und sieh — da entschleierte sich plötzlich die wogende Meeresfläche — versank noch einmal wieder, und noch einmal in der Dämmerung des Flutenspiels — und lag nun klar gebreitet, vom Tagesglast übergleißt, vom Sprühschaum überstiebt — bis zum fernen Saum, »der Well' und Wolke trennt ...«
Solch dunkellichtes Wogen war auch in des Seemanns Seele, als die Hülle des Schlafs von seinen Sinnen sich hob. Der Meeresgrund: die Vergangenheit — das unruhvolle Schaukelspiel der Fläche: die Gegenwart — die geheimnisvolle Grenzlinie der Ferne: die Zukunft — über allem die Gnadensonne: Ilse ...
Aber wie die Flut um das auftauchende Periskop des Sehrohrs immer wieder zusammengeschlagen war, so trübte sich Heinz Freimanns Gemüt aufs neue unterm Heranschwellen der Erinnerungen, der Zweifel, der Beklemmungen. Was wartete seiner? Was seiner Liebe — seiner Heimat?! Die rote Flut, die ihm beim ersten Eintritt in die Welt seiner Abkunft, seiner Bestimmungen ihre schmutzigen Spritzer entgegengebrodelt hatte — würde sie nicht höher, immer höher steigen, unterwühlen, zusammenreißen, hinwegspülen, was noch stand von diesem unglückseligsten aller Länder?!
Heinz Freimann hatte ohne Wimperzucken Zehntausende von Tonnen feindlicher Handelsschiffe versenkt — hatte nicht gezagt, wenn das dumpfe Krachen feindlicher Wasserbomben seinen empfindlichen Tauchkahn in allen Fugen knacken ließ. Aber er schauderte bei der Erinnerung an die wutverzerrten Fratzen deutscher Männer, Frauen, Knaben, die ihm den Willkommen der Heimat mit Schändung und Mißhandlung dargebracht ... Und in seinem Grüblerhirn bohrte und nagte eine drängende Frage: Wie war das möglich?!
Verhetzung? Ein Wort nur, keine Erklärung. Neid der Armen gegen die Reichen, der Kleinen gegen die Großen? Das mochte zutreffen — aber es reichte nicht. Was — wollten diese Menschen? Was wünschten, was erträumten sie sich?!
Haß?! Er ist immer nur die Kehrseite einer Liebe. Was — liebten diese Menschen?!
Gewiß nicht, was er selbst liebte, der halb unbewußt behaglich, halb bewußt qualvoll hindämmernde Grübler im gepflegten, ruheatmenden Junggesellenstübchen. Ihre Arbeit liebten sie nicht. Nun gut, sie war unsauber, geistlos, eintönig — aber sie gab ihnen doch Nahrung, und sie verstanden keine höhere. Ihr Vaterland liebten sie nicht — oder wenigstens nicht mehr — sie hatten die Waffen fortgeworfen vor dem letzten Kampfe — der vielleicht hoffnungslos gewesen war, den aber Pflicht und Mannesehre gefordert hätten. Sie glaubten nicht an Gott, Heiland, jenseitiges Leben — liebten weder Engel noch Heilige, nicht die Schrift noch die Kirche ... Was also liebten sie?! Welch eine Sehnsucht glühte im Hintergrund ihrer fanatisch flackernden Augen, ihrer fiebrig entzündeten Seelen?!
Heinz Freimann wußte sich frei von Haß. Auch in der wüsten Horde, die ihn am Morgen bespien und entehrt — auch in ihr erkannte er die Genossen seiner Sprache, seines Blutes. Ein Wahn nur war's, was sie trennte von ihm und seinesgleichen. Er hatte mit der Mannschaft immer treue Kameradschaft gehalten im Frieden und im Krieg — war oft von seinen Vorgesetzten als allzu weich im Verkehr mit den »Kerls« getadelt worden — und hatte doch immer straffe Ordnung und Zucht aufrecht bewahrt und höchste Leistung erzielt in seinem Befehlsbereich. Von jedem seiner Rekruten und später seiner U-Bootbesatzung kannte er Vornamen, Beruf, Herkunft, häusliche Verhältnisse — und die linkischen Jungen von der Waterkant wie von der Donau und vom Lech hatten ihm Liebe mit Liebe vergolten. Und ihm — ihm mußte solches Willkommen geschehen ... Das war rätselhaft und grauenvoll — das wollte studiert, erkannt, begriffen sein ...
Eine Kluft war aufgerissen, tiefer als all die Abgründe der Vergangenheit, durch die deutsche Menschheit dieser unseligen Tage. Heinz Freimann, der unzählige Male in die schwarzgrünen Tiefen der Nordsee, der Atlantis hinuntergetaucht war — in diesen Abgrund würde er hinabtauchen, und wenn drunten Gefahren lauerten, schlimmer und grausamer als Wasserbomben, Minen, Stahlnetze ...
Aber ... auf solcher Tiefenwanderung durfte man nicht allein sein. Die seines Lebens Gesellin zu werden entschlossen war: würde sie ihm Gefolgschaft leisten? Er wußte längst, sie war nicht mehr das verwöhnte, kastenbewußte Dämchen, mit dem er im letzten Winter vor dem Kriege getanzt hatte, Schlittschuh gelaufen war ... Eine Arbeiterin war sie geworden, ein Rad im großen Getriebe der deutschen Kriegsmaschine. Aber — Dame war sie geblieben, Tochter aus altem Hause, dessen Ahnenstolz mit dem des Uradels wetteiferte. Die vieltausendköpfige Masse, die ihres Vaters Schiffe baute, war sie mehr als ein gigantisches Maschinengetriebe? Heinz wußte es nicht. Über den kurzen Urlaubstagen, die dem heimlich verlobten Paar ein flüchtiges, angstumschauertes Glück beschert hatten — über diesem schmerzlich-erschütternden Liebestraum hatte die blutige Gegenwart, die blutige Zukunft gelastet ... Ihr hatte gegolten, was die kargen Monate der Zweieinsamkeit noch anderes gebracht hatten als scheue Küsse und wehmutbeladenen Abschied. Wer war sie eigentlich — seine Ilse?! Er konnte nur ahnen — und hoffen.
Wie er sich aufrichtete, um sich ins Leben zurückzufinden, überschauerte seine Zweifel und Beklemmungen dennoch ein unfaßbar wohliges Gefühl der Geborgenheit. Das war Mutters Geist, der dieses Haus durchwehte, der triumphiert hatte über den harten, vorwärts und aufwärts drängenden Eroberersinn des Vaters ...
Und sieh: da ward ihm schon dieses Geistes ein erstes Zeichen. Neben dem Stuhl, auf dem der treue Charlie seines jungen Herrn Zivilkleider sorglich und einladend bereitgehängt, stand auf einem zweiten Stuhl — der Geigenkasten mit der Stradivari ... und auf dem Kasten — ein Strauß weißen Flieders aus dem Gewächshaus ... Das war der Mutter, der Braut Gruß an den Erwachenden ...
Aufrecht im Bette sitzend führte Heinz die duftigen Blüten an seine Lippen, legte sie auf sein Knie — und dann hob er voll Andacht das herrliche Instrument an sein Kinn — führte mit prüfendem Strich den Bogen über die Saiten — sogar gestimmt war sie! — und dann schwollen Töne durch die stummentrückte Kammer — die Geigenstimme des Adagio aus jenem Beethovenschen Streichtrio ...
Bei den ersten Klängen schon öffnete sich die Tür ... Frau Johanna trat auf Zehenspitzen ein, auf dem mädchenhaften Gesicht ein strahlendes Mutterlächeln. Sie winkte dem Sohne weiterzuspielen — setzte sich still in einen Lehnstuhl und lauschte, einen Himmel von Dank in Herz und Auge.
Ja — das war noch da — das lebte — das hatten sie uns nicht nehmen können, konnten es nicht ...
Das war geboren worden, noch ehe es ein Reich, eine Kaiserkrone, eine Flotte gegeben hatte — das würde bleiben, wenn all der herrische Prunk zerstoben, der stolze Traum verweht war ...
Das war ewiges Deutschland ...
Die Weise verklang. Und nun erhob sich Frau Johanna — schwebte heran wie der gute Geist ihres Hauses, ihrer Welt — und zog des Sohnes zerquältes, zerschundenes Haupt an ihre Brust.
»Sie sind alle zur ›Alten Liebe‹ — der Vater, Papa Carstensen, deine Ilse ... Aber nun müssen sie bald wiederkommen — und dann werden wir glücklich sein ...«
»Glücklich?!« Und mit einem Male war alles wieder da: der Zusammenbruch, die Schande, die johlende Menge, das zerbrochene, zerrissene Vaterland, der klaffende Abgrund, aus dem die rote Flut emporschwoll. »Glücklich, Mutter?! Nein — das ist vorbei ...«
»Still — still, mein Junge ... wir sind beisammengeblieben — ist das nicht Glückes genug?!«
Nein! schrie Heinz Freimanns Soldatenherz — nein, du gütiges Mutterherz — für einen Mann ist das nicht genug ... der kann nicht leben ohne den Stolz auf ein großes, herrliches, machtvolles Volk — der kann nicht leben ohne Vaterland ...
Sie saßen beisammen im behaglich durchwärmten Speisesaal. Von den Wänden grüßten kostbare Bilder — Meisterwerke der Oswald Achenbach, Trübner, Kalckreuth — sogar ein Liebermann ... Der Wein funkelte in kristallenen Römern, die Zigarren dufteten. Aber Heinz Freimann schämte sich dieser Dinge heute ... Sie bewiesen, daß jene Stimmen aus der Tiefe recht hatten, die da sich anklagend erhoben und drohend murrten: ungleich verteilt seien des Krieges Lasten — der Reiche habe sich noch immer einen stattlichen Rest Behagens gerettet, dieweil der Arme das tägliche Brot nicht mehr zu finden wußte ...
»Sentimentalitäten!« schalt der Vater, als Heinz solchem Mißbehagen Worte lieh.
Frau Johanna sah einen Meinungsstreit am bisher so heiteren Himmel des Heimkehrfestes heraufziehen. Sie gab Ilse einen Wink — die legte die Zigarette weg, trat zum Flügel und schlug die Einleitungstakte der Kreutzer-Sonate an. Da entwölkte sich schnell ihres Sohnes Grüblerstirn — schon griff er zu Geige und Bogen — und bald entschwebten die Seelen der zwei Verlobten dem Qualm und Zwang der Gegenwart in zeitlose, schmerzentrückte Gefilde. Und Frau Johanna gesellte sich zu ihren Kindern. Leise schob sie sich auf die Doppelbank am Instrument, um die Blätter zu wenden. Das festliche Zimmer, dessen jeder Winkel vom erlesenen Geschmack der Hausfrau Kunde gab, füllte sich mit Schönheit wie die geschliffenen Römer auf dem Tisch mit der goldbraunen Gabe der Rheingauberge.
Die drei Männer, die am Tische zurückgeblieben waren, warfen einander einen kurzen Blick zu, in dem etwas von unbewußter Verachtung zuckte. Die Frauen, nun gut, sie mochten Musik machen. Aber der Sohn des Hauses — durfte er in dieser Stunde tändeln?!
Wie auf Vereinbarung standen sie auf und gingen mit böotischer Rücksichtslosigkeit zur Tür, die in des Hausherrn heimisches Arbeitsgemach führte — zur Geburtsstätte all seiner gewaltigen Pläne, seiner ehrgeizigen Unternehmungen. Hier leuchteten inmitten gepreßter Ledertapeten sonnübergleißte Seestücke von Hans Bohrdt — darunter ein »Porträt« des »Altreichskanzlers«, der stolz in morgenglanzüberhauchte Wogen hinausstürmt ...
Die Herren versanken in knisternde Klubsessel.
Bob Timmermanns öffnete seine büffellederne Mappe und entnahm ihr einen mächtigen Stoß Zeichnungen, Statistiken, Tabellen. Dann sah er respektvoll seinen weißhaarigen Chef an. Dem Herrn der Werft gebührte jetzt das erste Wort.
Der alte Carstensen holte weit aus. Die Arbeiterschaft der Werft habe sich beruhigt, der alte Stamm sei trotz der herben Kriegsverluste wieder beisammen, und die Leitung habe es wagen können, den Wiederaufbau ihres Betriebes und damit des deutschen Handelsschiffsbaues — denn etwas anderes komme ja — vorläufig! — nicht in Frage (»Vorläufig!« knurrte Bob Timmermanns dazwischen) — durch eine Tat größten Maßstabes in Angriff zu nehmen. Die Raubgier der Entente habe die deutsche Hochsee-Dampfschiffahrt vernichtet. Aber der Schatz an Erfahrungen, Kenntnissen, Wagemut, der in den gottlob noch erheblichen Menschenkräften des Personals der Werft von den Leitern bis zum jüngsten gelernten Arbeiter aufgespeichert sei, verlange gebieterisch nach neuer Tätigkeit und gewährleiste ihren Erfolg ... Die Kapitalbeschaffungsfrage könne, wie sein erster Mitarbeiter schon am Nachmittag auf der »Alten Liebe« mit Recht betont habe, keine Rolle spielen. Die Werft habe den Plan eines neuen Schiffstyps fertiggestellt, welcher zwar einen Größen- und Geschwindigkeitsrekord nicht anstreben dürfe, aber innerhalb des durch die Verhältnisse gebotenen Rahmens die denkbar größte Wirtschaftlichkeit erreiche. Er verbinde die höchste Bequemlichkeit und Sicherheit für die Passagiere mit der äußersten, vom Ertragstandpunkt noch zweckmäßigen Geschwindigkeit der Frachtbeförderung. Zwar bilde dieser neue Schiffstyp keinen Wettbewerb für die Wunderwerke deutscher Technik, deren letztes heute in die Hände des Feindbundes übergegangen sei. Er stelle einen Kompromiß dar zwischen dem begreiflichen Wunsche der Werft, ihre Vorkriegsleistungen, welche den Neid des Erdballes erregt hätten, alsbald wieder zu erreichen, womöglich zu übertreffen — und der Notwendigkeit, mit den Mitteln hauszuhalten. Die Mittel, welche das verarmte Reich in Erfüllung der Entschädigungspflicht eines Tages zur Verfügung stellen würde, könnten nur gering angesetzt werden, und das zwinge von vornherein zur Beschränkung.
Das Ergebnis aller dieser Erwägungen sei der Entwurf zu jenem neuen Schiffstyp, dessen Wesen der Oberleiter der Konstruktionsbureaus der Werft alsbald im einzelnen erläutern werde. Es sei selbstverständlich, daß die Hammonia-Werft diesen Entwurf der H. T. L. zur Verfügung stelle. Das entspreche der örtlichen Nachbarschaft wie der jahrzehntealten engen Freundschaftsverbindung der Werft und der Linie. Es entspreche aber vor allem der Lage der H. T. L. Sie sei es gewesen, die vor dem Kriege in Verbindung mit der Hammonia-Werft durch ihre beispiellosen, auch heute noch nicht überbotenen Leistungen auf dem Gebiete der Hochsee-Passagierfahrt den schärfsten Neid der internationalen Konkurrenz hervorgerufen habe und darum von der Rachgier der Sieger am gründlichsten ausgeplündert worden sei. Aber die Person ihres verehrten Leiters bürge dafür, daß es ihr Bestreben sein werde, ihren alten Platz auf dem Weltmeer nach Kräften zurückzuerobern.
Georg Freimann hatte den mit altväterlicher Feierlichkeit vorgetragenen Darlegungen seines greisen Freundes mit angespannter Aufmerksamkeit, doch mit undurchdringlich verschlossenem Gesichte gelauscht. Ab und zu war eine nervöse Unruhe über seine sonst regungslose Gestalt hingeglitten, wenn aus dem Nebenzimmer das feinabgetönte Spiel der zwei Abkömmlinge dieser seegewaltigen Mächte lauter, störend laut herübergeklungen war. Als aber Carstensen zum Schluß auf des Hausherrn eigene Person angespielt hatte, da war ein bitteres Zucken in Georg Freimanns Züge getreten.
»Ich danke Ihnen, lieber Freund Carstensen, für die lichtvolle Darlegung von Gedankengängen, die, Sie wissen es, den Inhalt auch meiner Tage und Nächte bilden seit jenen unseligen Novemberereignissen. Aber ich fürchte, soweit meine eigene Beteiligung in Frage kommt, Sie überschätzen den Rest der Kraft, den die Katastrophe meines Lebenswerkes mir noch gelassen hat.«
»Sie haben Ihren Sohn«, sagte der Reeder.
»Meinen Sohn ...« Georg Freimanns Stirn verfinsterte sich. »Er hat sich im Felde glänzend bewährt. Das erweckt Hoffnungen, die mich seiner Befreiung mit einem Rest von Glauben an meine eigene Zukunft entgegensehen lassen. Aber — — wir halten Rat — er musiziert.«
»Ich würde vorschlagen, ihn zuzuziehen«, meinte Carstensen.
Georg Freimanns Züge blieben finster und eisig, als er sich erhob, um seinen Sohn zu holen. Aber schon war Bob Timmermanns aufgesprungen:
»Gestatten Herr Präsident, daß ich —«
Da war er auch schon an der Tür. Grimmiger noch als der Vater des Musikanten da drinnen hatte der Ingenieur den Kontrast zwischen dem Ernst der Stunde und dem Larifari von nebenan empfunden. Grimmiger — und doch mit einer wilden Genugtuung. So was freite um eine Ilse Carstensen! Das mußte doch mit dem Teufel zugehen, wenn man den da nicht aus dem Felde schlagen sollte ...
Mit seiner ganzen derben Vierschrötigkeit pflanzte er sich in der Tür auf und platzte mitten ins Spiel hinein:
»Herr Kapitänleutnant — Ihr Vater wünscht Ihre Gegenwart.«
Jäh zerriß der Tönezauber. Aus Traumestiefen aufgescheucht starrten die Augen dreier Entrückten den ungeschlachten Mahner an. Mit disziplinierter Schnelle riß Heinz sich zusammen.
»Gut — entschuldige, Ilse.«
»Ich gehe mit,« sagte das Mädchen gefaßt — auch sie war durch vier Jahre Dienst an Manneswerken zur Beherrschung und Anpassung erzogen. Und nur Frau Johanna blieb zurück — einsam, verstört, von wirren Ahnungen und Ängsten bedrängt.
Ohne weitere Erklärung, mit stummer, herrischer Handbewegung wies Freimann den Sohn an, Platz zu nehmen. Ilse schob ihren Sessel an des Vaters Seite und schaute mit sachverständigem Anteil auf die Zeichnungen, deren Grundsinn sie sofort begriff.
Robert Timmermanns begann seinen Vortrag. Der geplante Dampfertyp weise beiderseits des Schiffskörpers beträchtliche seitliche »Anschwellungen« auf, deren Bestimmung es sei, im Schiffsinnern sogenannte »Schlingerdämpfungsräume« aufzunehmen — Tanks, deren Inneres mit dem Meerwasser in Verbindung stehe. Durch diese Vorrichtung werde das Schwanken des Schiffes in ganz verblüffendem Maße abgedämpft.
Das zweite grundlegende Kennzeichen des neuen Typs sei dies: Die Stickluft und der Schmutz des ehemaligen »Zwischendecks« würden in Zukunft der Fabel angehören: auch für die Passagiere der dritten und zweiten Klasse sei ein früher nie geahntes Höchstmaß von Sauberkeit, Komfort und vor allem Raum zur Bewegung und zum Atmen vorgesehen. Der neue Dampfer verwirkliche das amerikanische Ideal des »democratic ship« ...
Das waren die Leitgedanken des ausführlichen Vortrages, durch den der Konstrukteur an der Hand seiner Zeichnungen die gespannt lauschenden Hörer in die Eigenart des neuen Schiffswesens einführte. Er schloß mit dem Wunsche, daß die Verwirklichung dieses Plans das alte Bündnis zwischen Hansa-Transatlantik-Linie und Hammonia-Werft aufs neue verketten, es einer kommenden Blüte, einem Wiederaufleben der deutschen Seegeltung entgegenführen und damit zum Wiederaufbau des daniedergeworfenen deutschen Heldenvolkes beitragen möge.
Ein tiefes Schweigen entstand, als der Ingenieur geendet. Aller Augen hingen an Georg Freimann.
Auf des Reeders Gesicht lag eine tiefe, bittere Müdigkeit.
»Meinen Glückwunsch, lieber Carstensen,« sagte er mit schleppender Stimme, »zu diesen Plänen, dieser Mitarbeiterschaft. Die Werft, ich fühle es, hat in sich die Kraft, so hohe Ziele zu verwirklichen. Denn alles ist im Leben die Persönlichkeit. Ihr habt sie — die Hammonia-Werft hat sie. Sie, Freund Carstensen, sind in Ihrem weißen Haar ein Jüngling — an Ihrer Seite steht die Erbin Ihres Blutes, und aus der Mitte Ihrer Gehilfen ist Ihnen ein Mann zugewachsen, wie die Zeit ihn braucht. Ich aber?! Heinz, mein Sohn, diese Frage zu beantworten, ist an dir.«
Aufglühenden Gesichtes richtete Heinz Freimann sich empor.
»Vater — ich sehe in diesem Zimmer drei ›Offiziere‹ — eigentlich sogar —« und der Verlobte neigte sich mit ritterlicher Achtung vor dem Antlitz der Braut, in das ein scharf prüfender Zug getreten war — »eigentlich sogar deren vier. Aber — wo ist Ihre Armee, meine Herrschaften?! Ihre Mannschaft?! Sehen Sie die Beulen auf meiner Stirn. Was ist von einem Volke zu erwarten, das seine Vorkämpfer so empfängt?!«
»Pöbel!« knurrte Timmermanns. »So ist das Volk — bei uns — und übrigens in aller Welt. In Dock nehmen — gründlich überholen — das Verrostete in den Schrott — neue Teile einsetzen! Frisch lackieren — und das Schiff wird wieder flott!«
»Nein, nein!« sagte der Offizier. »Dies Volk ist krank — ist morsch bis in den Kern. Was hilft's, wenn ihr ihm eine neue Flotte schafft? Es muß von innen aufgebaut werden — ganz neu. Es ist ein Haufen Menschen gleichen Blutes, gleicher Sprache — keine Nation. Was helfen uns Schiffe, Hochseedampfer? Neue Menschen brauchen wir, Millionen erneuter, wiedergeborener deutscher Menschen. Sie fassen den Gedanken des Wiederaufbaus viel, viel zu äußerlich an, Herr Timmermanns, wenn Sie glauben, mit Schlingertanks und Rauchsalons für die Zwischendecker Deutschland erneuern zu können. Vielleicht auch das gehört dazu — aber nicht einmal das werden Sie zustande bringen, solange Sie das Volk nicht verstehen — nicht kennen — und darum nicht führen können — die Sehnsucht seiner Herzen nicht stillen.«
»Herrgott noch mal!« knirschte der Ingenieur, »sind wir hier in einer Volksversammlung — oder wollen wir arbeiten, wie wir's gelernt haben?!«
Der alte Carstensen legte halb beruhigend, halb verweisend die Hand auf die geballte Faust seines ersten Mitarbeiters. »Heinz Freimann,« sagte er mit tiefem Ernst, »ich habe dir die Hand meiner einzigen Tochter anvertraut. Ich bin ein Schiffsbauer — ein Tatsachenmensch. Dein Vater braucht einen Mitarbeiter — und hat nur dich. Ist es möglich, daß eine Aufgabe von solcher Größe dir zuwächst — und du stellst dich nicht an deines Vaters Seite — und kämpfst, solange du einen Atemzug in der Brust hast?!«
»Ich habe meinen Beruf verloren,« sagte Heinz beklommen, »zu einem andern fehlen mir die Vorkenntnisse. Es ist selbstverständlich, daß ich bereit bin, einen Kontorsessel im Betriebe meines Vaters einzunehmen, wenn er glaubt, daß ich dort nützen kann. Aber ich müßte lügen, wenn ich mir den Anschein geben wollte, als glaubte ich, meinem Vater jemals werden zu können, was Sie, Herr Timmermanns, Ihrem Herrn Chef geworden sind. Ich werde zunächst nichts als ein Lehrling sein.«
»Von einem Anfänger«, sagte der Vater scharf, »erwartet man keine Meisterschaft. Aber das Werk des Vaters kann und muß von dem Sohne, der sich ihm einordnet, das eine mindestens verlangen: Glauben.«
»Glauben, Vater? Ich möchte, ich könnte sagen: Ich habe ihn ... Noch überseh' ich die Gründe des deutschen Versagens entfernt nicht ganz. Aber soviel glaube ich zu wissen: mit dem bloßen Wiederbeginn des alten Getriebes, an dessen Ende diese schreckliche Katastrophe gestanden hat — damit ist es nicht getan. Die Masse, ohne die Sie nichts schaffen können — die haßt Sie, haßt ihre Führer mit einem zähnefletschenden, zerstörungswütigen Haß. Er war schon vor dem Kriege da — er ist sich im Drang und Zwang des Krieges seiner bewußt geworden — eine verabscheuungswürdige Verhetzung hat ihn zu wahrer Höllenglut emporgeschürt — die kommende Not wird ihn zu noch weit gräßlicherem Ausbruch verschärfen als den, den wir bereits erlebt haben. Darum habe ich nicht die Zuversicht, daß Ihre Arbeit, so angefaßt, als sei gewissermaßen gar nichts Besonderes vorgefallen — eine ärgerliche Unterbrechung, nicht etwa ein Umsturz aller Grundlagen unseres nationalen, unseres menschlichen Daseins — daß eine einfache Wiederaufnahme der unterbrochenen Tätigkeit unserm Volke Gesundung und Erstarkung bringen kann. Das alles müßte ganz anders angefangen werden — nicht neue Schiffstypen — neue Menschentypen tun uns not.«
»Verzeihung, Herr Kapitänleutnant, da können wir schlichten Schiffsbauer und Handelsleute nicht mit«, sagte Timmermanns kategorisch und abschließend. »Herr Präsident, wir haben keine Zeit zu verlieren. Was beabsichtigt die Linie zu tun?«
Mit einem verzichtenden Achselzucken raffte der alte Freimann sich empor. »Ich werde morgen sofort den Aufsichtsrat und das Präsidium zusammenrufen. Ich zweifle nicht, daß die Leitung — und später auch die Generalversammlung mit Begeisterung und Dank Ihre Vorschläge, Freund Carstensen, und Ihren Vortrag, lieber Timmermanns, entgegennehmen wird. In diesem Sinne danke ich Ihnen, meine Herren — und darf damit vielleicht unsere Aussprache schließen. Ich fühle mich ein wenig angegriffen — Sie werden das verstehen — nach den tragischen und — na, und freudigen Erschütterungen dieses Tages ...«
Heinz hatte Ilses Auge gesucht und — nicht gefunden. Es blieb auch abgewandt, als der Verlobte sich beim Abschied über die schlanker, aber straffer gewordene Hand der Geliebten beugte.
»Ilse —!«
»Du bist müd', Heinz — das will ich als Erklärung nehmen«, sagte das Mädchen. Ein herber Zug lag auch um ihre Lippen — der gemeinsame Zug dieses ganzen Geschlechtes von Tat- und Pflichtmenschen — den Erben der Wikinger und Hansen. Sie löste mit raschem Zug ihre Hand aus Heinzens umklammernder Rechten, schritt ins Nebenzimmer, umarmte Mutter Johanna und flüsterte ihr zu:
»Gib acht auf Papa, Muttchen — ich hab' Angst um ihn ...«
Als Heinz sich mit einem zärtlich beklommenen Kuß von der Mutter verabschiedet hatte, schlich Frau Johanna sich zu des Gatten Arbeitszimmer. Vor der leise angelehnten Tür hemmte sie den Schritt — überwältigt und wie gewürgt von einer jäh aufsteigenden Angst. Da drinnen saß ein Einsamer — und der war ihr Lebensgefährte ... sie hätte seine Kameradin sein müssen ... War sie's gewesen? Hatte sie ihm seinen einzigen Sohn zu dem erzogen, was er brauchte — seinem Gehilfen, seinem Nachfolger, dem Erben seines Lebenswerks?!
Und plötzlich riß vor ihrer Seele ein Schleier, hinter dem sie geträumt, gelitten, sich in Entsagung und heimlichem Überlegenheitsgefühl verborgen Jahrzehnte hindurch, und eine Stimme aus innersten Tiefen sprach: Schuldig — du bist schuldig!
Daß ihr Sohn, ihr Liebling, der junge Held ihres Herzens so heimkehrte — so fremd seinem Vater, so fremd der Aufgabe, zu der er geboren und berufen war — — das war seiner Mutter, das war ihre Schuld ...
Daß der da drinnen einsam war — einsam in dieser Zeit, die den Zusammenbruch seines stolzen Traumes, seiner gewaltigen Lebenssiege über sein aufrechtes Haupt beschworen — das war ihre, das war der Gattin Schuld ...
Nein, Georg — einsam sollst du nicht länger sein ...
Verhaltenen Schrittes trat sie in das Arbeitszimmer. Georg saß und schrieb — oder hatte wenigstens geschrieben — eine einzige Zeile nur ... Er starrte in den stillen Glanz der Schreibtischlampe. Die Frau trat behutsam näher — der dicke Smyrnateppich dämpfte ihren leichten Gang zur Unhörbarkeit.
Und schon hatte Johanna die Arme um des Gatten Nacken geworfen.
»Verzeih mir, Georg ...« stammelte sie. »Du erstickst in Sorgen, und ich, ich hab' dich nicht getröstet. Und nun das mit Heinz ... Verzeih, verzeih ... Du willst fort, o Gott ... Tu's nicht, Georg, tu's nicht ... Komm — wollen alles zusammen tragen — alles zusammen ...«