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Als Robert Timmermanns in seiner engen, mit Schiffsmodellen, Büchern, Seekarten vollgepfropften Junggesellenwohnung auf der Werft ankam, fand er Besuch. Armin saß auf dem Sofa, ließ sich des Bruders Zigaretten und Schnäpse schmecken und schmökerte in einem Bande saftiger moderner Dekameroniaden, wie Bobs barbarischer Lesehunger sie liebte als Paprika an das derbe Gericht Leben, das er sich zubereitet. Der ehemalige Stadtsekretär war im Krieg ein strammer, von seinen Untergebenen gehaßter, aber zugleich wegen seines tollen Draufgängertums geachteter Leutnant geworden und schließlich aus der Reserve zum aktiven Dienststand übergetreten. Nun hatte das Feindesdiktat ihm seinen neuen Beruf genommen. Er hatte noch in Polen gefochten, jetzt lag er auf der Straße. Er spielte den Mißvergnügten, den grimmigen Monarchisten, war einer der Mittelpunkte jener Zirkel, die mit dem Gedanken liebäugelten, durch eine Gegenrevolution, durch Diktatur und Wiederaufrichtung der umgestürzten Throne das Vaterland zu retten. Er war soeben von Berlin angekommen und berichtete nun dem Bruder: man werde nun bald die Chose schmeißen und das Ministerpack von heute an die Wand stellen.
»Na, ich weiß ja, daß ich bei dir keine Gegenliebe finde, teures Bruderherz«, schnarrte Armin. »Ich warte mit Genugtuung auf den Tag, wo deine Rotgardisten da unten auch dir den Schädel verkeilen, wie vor vier Monaten deinen Direktoren. Das sollst du wissen, daß du dann bloß auf den Knopp zu drücken brauchst, und auch hier in Hamburg stehen ein paar hundert Kameraden bereit, um dich herauszuhauen und das rote Gesindel mit Maschinengewehren zusammenzuschießen!«
»Mir wär's lieber, du setztest dich auf die Hosen und tätest was ...« brummte Bob und warf seine Mappe auf den Tisch. »Steck' da mal die Nase 'rein, wenn du nicht zu faul dazu bist ... das ist besser als eure Komplotte gegen die Republik — die übrigens auch von mir aus der Teufel holen kann.«
»Na also — in der Hauptsache sind wir wenigstens einig!« lachte Armin und zog den Stöpsel aus der Flasche. »Ich lade dich hiermit freundlichst zu deinem Friedenskognak ein. Als letzte Gegengabe für die unfreiwillige Gastfreundschaft, die du mir mal wieder erweisen mußt, hab' ich dir übrigens was mitgebracht.« Er griff nach einem etwas über einen Meter langen Paket, das hinter ihm auf dem Kanapee lag, und begann es auszupacken. »Hat Mühe genug gekostet, das durch all die roten Spione durchzupaschen, die alle Bahnhöfe besetzt halten, alle Züge nach uns Weißen abschnüffeln ...«
»Bin gespannt«, knurrte Bob. »Das erstemal, daß du dich meinetwegen in Unkosten gestürzt hättest.«
»Wenigstens in moralische«, lachte der Bruder. »Na, da staunst du, was?«
Aus der Hülle entschälte sich — ein vom Kriege stark mitgenommener Karabiner ...
»So — und da ist auch Futter«, grinste Armin und ließ aus seinen vollgestopften Rock- und Hosentaschen ein Dutzend Ladestreifen mit S-Patronen auf den Tisch klappern. »Jeder Schuß für Spartakus!«
»Schnurrig, was für Rezepte die Leute nicht alle bereit haben, um Deutschland gesund zu machen!« zürnte Bob. »Dieser einstige U-Bootwüterich will neue deutsche Menschen erziehen, und du willst die alten niederknallen!«
Armin spitzte die Ohren. »Wer ist das — der einstige U-Bootwüterich?«
Bob erzählte von Heinz Freimanns Empfang in der Heimat und seiner Skepsis für Deutschland. Da horchte Armin auf. Er witterte einen Gesinnungsgenossen und beschloß, den Kapitänleutnant gleich morgen früh aufzusuchen.
»Na — und dein Dank für das da?«
»Ach so — bezahlen muß ich den also doch ... hab's mir gleich gedacht. Wieviel brauchst du mal wieder?«
»Je mehr, je besser!« schmunzelte der Leutnant a. D. »Wenn du den da nach seinem reellen Wert bezahlen solltest, müßtest du ihn genau so hoch einschätzen wie dich selber ... der wird nochmal der Werft ein kostbares Leben erhalten!«
»Ich arbeite«, sagte Bob verächtlich. »Mir tut keiner was. Der jüngste und frechste Lümmel auf der Werft weiß, daß keiner halb soviel schuftet wie ich ... davor hat die Bande schließlich doch Respekt ... Und nötigenfalls sind ja die zwei Fäuste da auch noch vorhanden ... Schießprügel ist was für Schlappstiefel und Angsthasen ...«
»Immerhin — du behältst ihn, das genügt mir!« triumphierte Armin. »'s ist mir 'ne brüderliche Beruhigung ... Schöne Bescherung, wenn Spartakus mir meinen Bankier aufknüpfte ...«
»Wird bald Schluß sein mit dem Bankier!« schalt Bob. »Noch zwei Monate, dann knöpf' ich die Tasche zu, verstanden?! Also such' dir Arbeit, mein Jungeken — das ist der beste Wiederaufbau!«
Bald streckten die Brüder sich zum Schlummer — der Ingenieur in seinem Bett, der heimatlose Söldner auf dem knackenden Sofa.
Ilse Carstensen! träumte Bob im Entschlummern. Wer ist deiner mehr wert — dieser schnurrige Träumer, der mit dir fiedelt — oder ich, der ich mit dir und für dich arbeite und schaffe?!