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Das Land unserer Liebe cover

Das Land unserer Liebe

Chapter 8: 7
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About This Book

The narrative follows Georg Freimann, the proud head of a shipping line, as he confronts postwar upheaval: returning soldier-revolutionaries, Allied oversight, and the forced surrender of his company's last great liner. Public disorder and the loss of professional purpose plunge him into despair, briefly contemplating a desperate act, while his secretary Antje Tietgens observes with compassionate restraint. Administrative maneuvers and personal pride collide as he assembles a commission to salvage what remains, and the story examines the collapse of an established world, conflicting loyalties, and the tension between private anguish and the demands of leadership.

7

Als Ilse am folgenden Morgen die Schranke des beflissen und verehrungsvoll grüßenden Portiers durchschritten hatte und zu dem vielstöckig sich auftürmenden Bureaugebäude weiterschritt, trat ihr plötzlich ein Bursche in den Weg, nicht größer als sie, aber mit Schultern wie ein Stier. Er hatte sich mit einem schmächtigen Gefährten beim Pförtner gemeldet, seine Militärpapiere vorgelegt und seine und seines Genossen Wiedereinstellung zur Arbeit als ein Recht des ehemaligen Werftangehörigen und Kriegsteilnehmers in Anspruch genommen. Der Portier, ein Veteran von Siebzig, hatte den Mitkämpfer des Weltkrieges achtungsvoll gegrüßt und zu warten gebeten, bis der Vorsitzende des Arbeiterrats der Werft einträfe, dem die Neueinstellungen unterstünden. So hatten Tedje Tietgens und Clas Mönkebüll an der Schwelle ihrer einstigen Arbeitsstätte gewartet, als Ilse Carstensen den Weg zu ihrer Schreibmaschine angetreten hatte.

Das Mädchen stutzte, als der stämmige Gesell ihr plötzlich den Weg verlegte. Das freundliche Lächeln, mit dem sie den alten Türhüter begrüßt, war wie weggefroren: Ilse Carstensen war auf einmal unnahbare Patrizierin.

»Sie wünschen?«

»Dunnerslag!« griente Tedje, und wie eine heiße Welle stieg die Mannesgier in seine Augen, »an wat vör'n Pult geheurst du denn, mien Lütten?! Ick bruk 'n Schatz, mien seuten Engel, du wörst mi grod recht! Dei smuddligen Bolschewistendeerns in Rußland, dat weur doch nich dat Richtige op de Duer ...«

»Lassen Sie mich durch!« sagte Ilse in ruhigem Befehlston.

»Du —?!« gurgelte es bedrohlich aus des Bärtigen Kehle, »man nich so grotsnutig, lüttje Tippdeern ... Wat mien' Kam'roden in Rußland sünd, dei hebben sich dei Zorentöchter langt ... büst vör mi grod god genog, du smucke Vagel, du!«

Schon war der Veteran herzugesprungen, hatte den Dreisten am Rock beiseitegezerrt:

»Büst du besapen, Minsch?! Dat 's dei Dochter von unsen Herrn Chef!«

Und von links sprang Clas Mönkebüll herzu:

»Lot nah, Tedje! Du büst jo woll nich bi Verstand —!«

Tedje schüttelte die zwei Warner ab wie zwei Flaumfedern:

»Lot man, Jungs ... in Wiewersoken soll eener eenen nich rinschnacken!«

Und er griff nach des Mädchens Armen, die in mühsam verhohlenem Schreck erstarrten.

Aber schon flog er mit einem Ruck beiseite, taumelte gegen den Sandsteinsockel des Bureauhauses, daß ihm Schädel und Rippen knackten.

»Respekt, du Lümmel!«

Auf den ersten Blick erkannten sie einander: der Werkmeisterssohn, dessen Aufstieg den Tüchtigen ein Ansporn, ein fressender Neid den Faulen und Unfähigen war — und der Sohn des Kranführers, dem der Schnaps und die Mädels immer wichtiger gewesen waren als die Fortbildungsschule.

»Och — Tedje Tietgens!« sagte der Riese mit schnell wiedergekehrter Jovialität und streckte dem einstigen Schulkameraden die Hand hin: »Willkamen in de Heimat ... Un nix vör ungaud ... möst beter henkieken, wen du vor di hest ...«

Aber Tedje Tietgens schlug nicht ein. In seinen rotunterlaufenen Augen schwelte der Pariagrimm.

»Teuf, du ...« gurgelte er ... »teuft, all ji twei ...«

»Na, denn nich ...!« lachte der Ingenieur. »Entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein —«

»Gnädiges Fräulein!« äffte Tedje nach. »Gnädiges Fräulein gift dat nich mehr ... Mien Kam'roden in Rußland —«

»— haben sich die Zarentöchter gelangt, das wissen wir all«, sagte der Ingenieur. »Lang' du di ok welk, wenn du jem find'st, mien Jung — öber wenn du di noch mol ünnersteihst un vergittet den nödigen Respekt vor dien'n Chef sien Fräulein Dochter, denn sleiht Bob Timmermanns di dien Knoken tau Mus, versteihst mi?!«

Ilse lachte.

»Er hat's nicht bös gemeint, Timmermanns ... Tedje Tietgens — hör' ich — der Sohn unseres braven Kranführers auf Helgen eins bis fünf? Und aus der Gefangenschaft zurück? Das freut mich zu hören. Seien Sie auch mir willkommen — ein andermal vertragen wir uns besser, nicht? Was macht Fräulein Antje, Ihre Schwester, drüben bei der Linie? Grüßen Sie sie recht schön von mir ...«

Wie betäubt stand Tedje Tietgens. Hatte sie ihm wirklich zugelächelt — die Feine, die Aristokratin — die ... verdammt — die Schöne —?

Eine Wut war in Tedje Tietgens' wuchtigem Körper ... eine Wut, wie er sie noch nie im Leben gespürt ... Warum durfte dieser Bob Timmermanns mit ihr gehen — ein Arbeitersohn wie er selber?! Und wie sie den angelacht hatte, ganz auf gleich und gleich ... Und ihn, den starken Tedje — den hatte sie doch nur eben so von oben her angelächelt.

Dumpf grollte Tedje Tietgens in sich hinein.

»Mien Kam'roden in Rußland — — Verdammi —!« brüllte er plötzlich auf und ballte seine Faust hinter dem Paare drein, das eben die Freitreppe zum Bureauhaus hinanschritt.

»Nich, nich, Tedje!« murmelte Clas Mönkebüll und umfaßte des Genossen zuckende Schultern. »Nix vör uns.«

»Verdammi, Jung — doch!« knirschte Tedje Tietgens.

Mit einem Ruck warf er den schweren Körper herum, schob sich an dem verblüfften Portier vorbei — und wandte der Werft den Rücken.

Clas Mönkebüll hastete hinter dem Kameraden drein.

»Wat's denn los mit di, Tedje?! Wullst du nich di anmelden tau'r Arbeit?«

»Arbeit? Wat Schiet!« schrie Tedje. »Besupen dau'k mi — un du mit — versteihst mi?!«