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Bis tief in die Nacht hatten im Hause Freimann die Gatten beisammengesessen, Hand in Hand, wie kaum in fernen Bräutigamszeiten. Und ehe sie ihre Zimmer aufsuchten, hatte Georg den Browning aus dem Schubfach genommen, entladen und in Johannas Hände gelegt »— zur Sicherheit gegen Rückfälle!«
Gestärkt und verjüngt war der Präsident erwacht — gestärkt vom Kinderglauben der Frau, die auf ihr Vaterland vertraute, weil sie in ihm nichts anderes erblickte als das vergrößerte und erhöhte Abbild ihrer eigenen Welt. Und mehr noch hatte sie gewirkt, die Zauberin Güte. Beim Frühstück bat Heinz den Vater, ihn zum Bureau mitzunehmen und ihm seinen Platz am Arbeitspult anzuweisen. Georg Freimann antwortete nur mit einem kurzen »Gut!« Aber er bestellte den Wagen ab, schob den Arm in den des Sohnes und entwickelte unterwegs einen Arbeitsplan für Heinzens nächste Ausbildung. Er führte ihn durch das ganze weitgedehnte, so prachtvolle wie praktische Bureaugebäude der Linie, erklärte ihm die Einteilung der großen Gruppen des Betriebes.
Um dieselbe Stunde, als Vater und Sohn sich anschickten, die gemeinsame Arbeit aufzunehmen, betrat Elias Patterson das imposante H. T. L.-Gebäude.
»Ich wünsche zu sprechen Mister Freimann.«
Marmorgetäfelte Wände, knirschende Smyrnateppiche ...
Bauen können sie, die Deutschen ... oder konnten's ... vorher.
Aber da drinnen, hinter dem geschliffenen Glase der Bureautüren sah's minder glänzend aus:
Scheinen Zeit zu haben, die Jünglinge ...
Kein Zweifel: eine Konkursmasse vor der Liquidation — wie dies ganze zertrümmerte Deutschland ...
Lloyd George hatte recht behalten. Den knock out hatten sie weg, diese zähen Burschen.
»Good morning, Freimann — ah, auch der captain ... nun, Sie schauen ja wieder wie ein Gentleman aus ...«
Vater und Sohn gefroren in tiefverletztem Schweigen.
»— Also hören Sie, Freimann! Der Krieg ist zu Ende. Ich dächte, Sie und ich, wir ständen mindestens auf gleicher Stufe wie die Preisboxer — die reichen sich auch die Hände, wenn's vorbei ist. Der Blödsinn hat ausgetobt, die Vernunft kommt wieder ans Regiment. Wollen wir wieder die Alten sein miteinander?!«
»Ich vermute, Sie haben bestimmte Absichten und Vorschläge, Herr Patterson«, sagte Georg Freimann gemessen. »Bitte, sprechen Sie sich aus.«
»Gut — also, Herr Freimann — die H. T. L. hat ihre sämtlichen Schiffe verloren bis auf ein paar armselige Küstenkähne. Aber sie besitzt noch Werte — für die sie selber keine Verwendung mehr hat. Vor allem diesen Bureaupalast — er ist wundervoll ausgefallen, Herr Freimann, ich mache Ihnen mein Kompliment. Als ich Sie 1913 zum letztenmal besuchte, stand noch das alte Haus an dieser Stelle — und das war auch schon nicht übel. Dann sind da Ihre Kais — ich habe sie mir heute morgen schon angesehen. Trostlos leer schaut's da natürlich aus. Und ferner Ihre Niederlassungen im Ausland ... Zwar in den Ländern Ihrer Kriegsgegner ist natürlich alles verloren, aber in den neutralen Ländern sind Ihre ganzen Betriebseinrichtungen ja noch vorhanden. Und selbst in Feindesland haben Sie noch alte Beziehungen ... Das alles müßten Sie nun einzeln — liquidieren — wie wär's, wenn Sie das Ganze in Bausch und Bogen an meinen Konzern verkauften? Für Ihre Aktionäre kämen schließlich als Schmerzensgeld ein paar Prozent mehr heraus. Sagen Sie ja, Herr Freimann, und lassen Sie Ihre Generalversammlung einen Mindestpreis festsetzen.«
Georg Freimann hatte stumm zugehört. Ihm zuckte es in den Fingern aufzuspringen, um den lächelnden Gast aus dem Lande, das Deutschlands Vernichtung besiegelt hatte, zur Tür hinauszuwerfen. Da fiel sein Blick auf das Gesicht seines Sohnes.
Empfand er gleiches? Würde er mit jugendlicher Kraft und Geradheit die Entgegnung finden, welche dem schamlosen Angebot gebührte? Es war eine Prüfung.
»Mein Sohn — du hast Herrn Pattersons Vorschlag gehört. Ich bitte um deine Meinung.«
Heinz Freimann schrak leise zusammen. Er fühlte, daß der Vater ihn auf die Probe stellen wollte — daß eine Entscheidung über mehr noch als über das Schicksal der Liquidationsmasse der H. T. L. von ihm verlangt wurde.
Oh — wer jetzt den Glauben hätte — diesen kindlichen, phrasenseligen Glauben jenes Timmermanns — der als Techniker ein Genie des Verstandes und Wissens war — und als Mensch ein so engstirniger Vergewaltiger seiner Mitmenschen ... Heinz Freimann glaubte sein Vaterland zu sehen, wie es war, in seiner inneren Zersetzung, seinem Kampf aller gegen alle, seiner hoffnungslosen Todesmattigkeit. War es nicht am besten, den Traum vom meerbeherrschenden, weltumspannenden Deutschland zu begraben — und zunächst einmal ganz von vorne anzufangen, den deutschen Menschen aufzubauen?!
»Vater — — ich würde vorschlagen, Herrn Pattersons Gebot in ernste Erwägung zu ziehen.«
Georg Freimanns Brauen senkten sich, bis sie die Augen fast verhüllten. Tonlos, doch mit geheimer Schärfe, klang seine Antwort:
»Ich bin anderer Auffassung.«
Im Gefühl grenzenloser Vereinsamung im Herzen neigte Heinz leise die Stirn.
»Herr Patterson!« sagte Georg Freimann, »ich ehre in Ihnen den ehemaligen Freund, den Gesinnungsgenossen jener Bestrebungen, denen wir beide in schöneren Zeiten gemeinsam gedient haben — sonst — würde ich — — Sie haben mich gestern im schwersten Augenblick meines Lebens gesehen. Der ist mittlerweile überwunden. Ich bin wieder der Alte — der, den Sie kennen, Herr Patterson. Und der antwortet Ihnen: Die H. T. L. ist nicht bankrott, ist nicht feil. Ich begreife, daß ihr Amerikaner den Gedanken habt, der Adler, den ihr zur Strecke gebracht habt, müsse nun außer Krone und Federn auch Balg und Eingeweide lassen. Sie irren, Herr Patterson — tot ist er noch nicht — der gerupfte, wehrlose Adler.«
Der Reeder erhob sich. Aus seinen Augen sprühte wieder der alte Hansegeist.
Aber Elias Patterson blieb sitzen. Ein harmloses Lächeln spielte um seine schmalen Lippen.
»Well, Herr Freimann, ich sehe, Sie geben das Spiel noch nicht verloren. Sie sind kein Phantast, kein pangermanistischer Querkopf, ich weiß es. Was Sie anfassen, muß Hand und Fuß haben. Ich werde zurückfahren über den großen Teich — und abwarten. Entweder Sie erleben eine zweite und letzte große Enttäuschung mit Ihrem Vaterlande — dann komme ich immer noch zeitig genug, um aus der großen Liquidationsmasse zu erwerben, was mein Konzern brauchen kann. Oder aber: Sie bringen's tatsächlich fertig, Ihre Linie, Ihre stolze Schöpfung, über diese ungeheuerliche Krisis hinüberzuretten — dann kann ich Ihnen vielleicht in — na, sagen wir in einigen Monaten — einen anderen Vorschlag machen — einen Vorschlag, der Ihrem Instinkt als Führer der Schiffahrt Ihres Landes zusagen wird — ohne Ihr Ehrgefühl als Deutscher und als Schöpfer der H. T. L. zu kränken. Inzwischen — good bye, Mister Freimann — good bye, captain!«
Den Sohn würdigte Georg Freimann keines Wortes mehr. Da verließ Heinz wortlos das Arbeitsgemach — mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit, das ihn aushöhlte. Im Vorzimmer schritt er zum Fenster und starrte dumpf sinnend hinaus auf das enge Geviert der Binnenalster. Es lag verlassen ... dumpf hinträumend wie diese ganze kriegserstarrte Stadt.
Die Sekretärin hatte beim Eintreten des Sohnes ihres Chefs die rastlosen Hände von den Tasten der Schreibmaschine sinken lassen. Einen Augenblick sah sie verständnislos zu dem jungen Herrn hinüber — ohne eine Ahnung, was dessen offenbar tiefe Erregung bedeuten könne. Dann nahm sie gelassen die Arbeit wieder auf.
Beim Klappern der Maschine kam es Heinz zum Bewußtsein, daß er nicht allein war. Er warf einen flüchtigen Blick zu dem jungen Mädchen hinüber — halb unbewußt nahm sein verwüstetes Gehirn den Eindruck von etwas Geruhigem, Starkem, einfach Klarem auf. Aber von neuem verloren sich seine Gedanken in die Wirrnisse seines Schicksals. Was nun?! Diesem verpesteten, versinkenden Lande, diesem von der Weltgeschichte selbst zum Untergange bestimmten Volke den Rücken kehren?! Aber wohin? und wozu? Und Ilse —? Wo war ein Halt, ein Sinn, ein Ziel?!
Von den drei Fenstern des Vorzimmers führte eines auf eine Seitengasse hinaus. Da drunten wurde jetzt Lärm. Gelassen stand die Sekretärin auf und schaute hinaus. Aha — wieder mal ein Pütschchen ... Diesmal galt's dem Postamt gegenüber. Der Pöbel hatte entdeckt, daß dort noch wie durch ein Wunder die Buchstaben »Kaiserliches« stehengeblieben waren, da, auf dem Amtsschild, prangte noch der gekrönte Reichsadler. Meinetwegen weg damit — nur, daß in der Regel dabei auch die Tageskasse und die Markenvorräte mit verschwanden ... Antje hatte ein blutrotes Herz. Aber Illusionen machte sie sich nicht. Die Sorte von Genossen, die mit solchen Kindereien die Republik befestigte, die kannte sie.
Mit einem Male verschwand das halb wohlwollende, halb verächtliche Lächeln von ihren Lippen. Eine Leiter war angelegt — ein anscheinend betrunkener Bursche im Militärmantel, mit struppigem Bart, kletterte unsicheren Fußes hinauf, um das Schild mit dem Adler herunterzuholen. Der Mob johlte Beifall. Es war Tedje ... den sie auf der Werft — zur Arbeit zurückgekehrt wähnte.
Hatte sie einen Laut ausgestoßen, eine erschrockene Bewegung gemacht? Der Sohn ihres Chefs stand plötzlich neben ihr.
»Ist Ihnen nicht wohl, Fräulein? Haben Sie sich erschreckt?«
Mit stummem Kopfschütteln verneinte das Mädchen.
»Hübsches Bild, wie?« sagte der Offizier. »Nein, diesem Volk ist wohl nicht mehr zu helfen. Es will seinen Untergang. Sehen Sie bloß diesen Lumpenkerl von einem Soldaten ... gewiß hat er sich drei, vier Jahre lang für Kaiser und Reich geschlagen — nun reißt er mit eigenen Händen das Symbol seines Vaterlandes herunter, um es im Wetteifer mit unseren Feinden in den Kot zu zerren!«
»Das ist mein Bruder«, sagte die Sekretärin starren Gesichts.
»Ihr — verzeihen Sie, das konnte ich nicht ahnen. Sind denn Sie —«
»— ein Kind des Volkes? Ja«, sagte Antje, nun voll jäher Glut in Antlitz und Stimme. »Sie meinen, ihm ist nicht zu helfen? So wie Sie und ... Ihre Klasse es angefangen hat — so freilich nicht.«
Eine Revolutionärin, die wie eine Bürgerin aussieht, dachte Heinz Freimann. Vielleicht dämmert hier ein Lichtstrahl ...
»Also, was haben wir falsch gemacht?«
»So ziemlich alles«, sagte das Mädchen. »Ihr gebt uns harte, freudlose Arbeit und so viel zum Leben, daß wir imstande bleiben, sie zu leisten. Schönheit — Seele —! Sehen Sie den da — ein schöner, starker Bursch, tüchtig zum Leben und Schaffen — und hat seit seinem vierzehnten Jahre nichts gelernt und nichts tun dürfen als täglich jede Minute zwei Nieten hämmern! Da ist er an das einzige gekommen, was ihm an Schmuck des Lebens erreichbar war: an den Schnaps und an die Frauenzimmer!«
»Also, Sie meinen,« sagte Heinz, »der Arbeiter habe das Recht, gegen seine Landsleute, gegen sein Vaterland anzuwüten, weil seine Arbeit schmutzig und eintönig ist? Aber ist denn diese Arbeit etwa unnötig? Muß sie nicht getan werden? Und hat, wer sie tun muß — tun, weil er nichts anderes gelernt hat — hat der darum das Recht, sich dem Suff und den Weibern zu verschreiben? Er mag sich emporarbeiten — unzählige seinesgleichen haben's vermocht — sie waren Proletarier, sie wurden Bürger ... wir brauchen gar nicht weit zu suchen, um einen Mann des Aufstiegs zu finden.«
»Aber dazu muß man stark sein, sehr stark, furchtbar stark«, sagte das Mädchen. »Das war mein Bruder nicht — so wenig wie die Tausende von uns, die ewig drunten bleiben müssen — in der trostlosen Tiefe. Dann hat er in den Krieg gemußt — für das Vaterland, das ihm nicht mehr bedeutete als seine harte Arbeit, seine ärmliche Wohnung, seine jämmerlichen Freuden ... dafür ist er zweimal verwundet worden — hat er zwei Jahre in den kaukasischen Bergwerken arbeiten müssen! Wundern Sie sich, daß er den Reichsadler zertrampelt, der ihm das Herz aus dem Leibe gefressen hat?!«
Eine Flamme glühte in des Mädchens Auge — war es Haß — oder verschmähte, zertretene Liebe?! Heinz Freimann war's, als öffne sich im nächtlichen Urwaldsdickicht eine Lichtung.
»Vielleicht haben Sie recht, Fräulein«, sagte er aus tiefem Sinnen, wie abschließend. »Ich — will darüber nachdenken.«
Zu Hause wartete seiner ein Besucher. Der stellte sich in tadelloser militärischer Haltung als Leutnant a. D. Armin Timmermanns vor und lud nach etlichen Einleitungsfloskeln den Herrn Kapitänleutnant ganz gehorsamst ein, dem Geheimbund »Retter des Vaterlandes« beizutreten. Zweck: Niederzwingung des Bolschewismus, Wiederaufrichtung der Monarchie, Befreiung der Heimaterde von der Schmach der Fremdherrschaft.
»Hohe, wundervolle Ziele!« sagte Heinz Freimann achtungsvoll. »Nur, so will mir scheinen, die Möglichkeit ihrer Verwirklichung liegt in weiter Ferne.«
»1813 hat es sieben Jahre gedauert von Tilsit bis Leipzig«, sagte der Leutnant. »Wir werden es in der Hälfte der Zeit schaffen.« Es gelte vor allen Dingen im Innern reinen Tisch machen — die Herrschaft des Gesindels müsse gebrochen werden ... Die Novemberverbrecher weggeräumt — sie und ihre geheimen Mitschuldigen von der hohen Finanz, der Presse, der Politik — damit Raum für den Retter werde.
»Weggeräumt? Wie wollen Sie das bewerkstelligen ...?«
»Mit denselben Mitteln, mit denen unsere Feinde im Kriege die Flaumacher und Défaitisten beseitigt haben — also mit allen.«
»Sie sind fehl am Ort, Herr Leutnant«, sagte Heinz Freimann gelassen. »Ich war selber Défaitist — und heute bin ich im Begriff, etwas zu werden, was in Ihren Augen vielleicht noch schlimmer ist —«
»Ich — verstehe nicht ...«
»Ist auch nicht nötig«, lächelte der Seemann, erhob sich und machte eine verabschiedende Verneigung.
Armin Timmermanns schlug knallend die Hacken zusammen, eisige Verachtung im Blick.
Armes Deutschland! dachte Heinz.