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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 10: Alle Tage ging Renée nun mit der Angst um
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Alle Tage ging Renée nun mit der Angst um Hannsbabo und war sehr allein damit. – In den feuchten Vorfrühlingsabenden machte der Dunst von draußen die Zimmer früher dunkel, und wenn man die Fenster öffnete, kam ein scharfer Geruch von Rauch mit der Luft herein. Über den Seen im Tiergarten war den ganzen Tag eine dünne Schicht von Dampf. Es gab auch noch Frost in den Nächten, und die zu bunten Blumen am Luisendenkmal standen verfroren und fremdartig in der kühlen Märzluft.

Renée ging in diesen Tagen viel herum im Tiergarten, und manchmal saß sie lange auf einer Bank und dachte, was man tun könnte für Hannsbabo. Sollte sie nicht mit Papa sprechen? Würde er denn helfen können? – Vielleicht gingen Hannsbabo und Sarah ein wenig auf Reisen. Vielleicht konnte der Wechsel der äußeren Umstände ihm helfen. – Dann wieder wußte Renée ganz gut, das alles half nichts. Es waren alles nur ohnmächtige und sinnlose Gedanken, die niemals das finden konnten, was einzig half. –

Am Sonntag bekam Renée einen Brief. Ein kleiner, grüner Brief war es mit einer fremden Handschrift. Die Unterschrift hieß: Marie Gisczyska. Renée las: Wollen Sie heute nachmittag zu mir kommen und mit mir den Tee nehmen. Ich habe viel mit Ihnen zu denken. –

Dann war es auf einmal eine so große Hilfe für Renée, daß diese ganz fremde Dame mit ihr sprechen wollte von Hannsbabo.

Den Sonntag kam ein Vetter aus dem Kadettenkorps und Viktor natürlich. Und nach dem Essen sagte Papa, nun könnte Renée den Vetter unterhalten, und sie könnte ja auch ein bißchen mit ihm spazieren gehn. „Ich kann doch den langweiligen Jungen nicht den ganzen Tag unterhalten, Papa,“ sagte Renée, „außerdem langweilen wir beide uns dabei. Außerdem bin ich eingeladen zum Tee bei der Gräfin Gisczyska.“

Papa sah erstaunt auf: „So, wie kommst du denn dazu?“ Renée antwortete: „Ich habe sie auf dem Hofball kennen gelernt.“ – „So, na,“ sagte Papa. „Also wann soll denn da die Reise losgehen?“ „Um halb fünf, dachte ich.“ – „Ja – soll denn etwa ich den Bengel unterhalten?“ sagte Papa ärgerlich. „Ach Papa – ich tät ihm einen Taler schenken für den Zirkus,“ meinte Renée; „zum Abendessen bin ich dann schon wieder da!“

Papa lachte. Dann zog er zwei runde Taler aus seinem großen, dunkelroten Portemonnaie: „Da sollst du auch einen haben für deinen Edelmut,“ sagte er. –

Renée nahm ein Auto. Erstens hatte sie ja einen Taler bekommen für nichts und wieder nichts, und zweitens wollte sie recht bald da sein. Dieses Auto raste mit besessener Geschwindigkeit die Hofjägerallee und Charlottenburger Chaussee entlang und bog mit einem fürchterlichen Ruck links ein. Es hielt in der Roonstraße.

Gräfin Gisczyska kam Renée entgegen. Sie führte Renée an der Hand herein und dankte ihr für ihr Kommen und bat um Entschuldigung, daß sie so von heut auf morgen ... „Ja, ist jetzt das eine aufdringliche Person, haben S’ gedacht – gellns,“ sagte sie lachend. – „Aber nicht doch. Ich freue mich so sehr, mit Ihnen sprechen zu dürfen, Gräfin, man kann es nicht alles allein bedenken.“ – „Ja, nicht wahr?“ Gräfin Gisczyska sprang auf und drückte Renée die Hand. – „Aber nun hab ich das Gefühl, daß ich Ihnen erst mal erklären soll, warum eigentlich ich Sie so sans façon zu mir bat und was mir das Recht gibt, von Ihrem Bruder – darf ich sagen, von Hannsbabo – zu sprechen. – Also wir, das heißt mein Mann und ich, waren eine Zeitlang mit Ihrem Bruder in Washington zusammen. Als er zuerst dort war, fühlte er sich natürlich etwas allein, und da mein Mann ihm sympathisch war, so kam er oft zu uns. Da war es, daß ich Ihren Bruder sehr lieb gewann. Wenn er gewollt hätte, – ich wäre mit ihm gegangen auf und davon.“ –

Gräfin Gisczyska lehnte den Kopf ganz weit zurück auf das harte Holz ihres geschnitzten Stuhles – dann sprang sie auf mit einer heftigen Bewegung. – „O, ich hätte es gewollt!“ –

Renée schwieg und sah in das blaue Feuer, das die Gräfin entzündete. Dann bekam Renée den Tee aus einer kleinen, feinen Tasse.

„Wenn ich zu Ihnen offen sprechen darf,“ sagte die Gräfin, „so will ich Ihnen sagen, wie es ist mit Ihrem Bruder. Er liebt die Frau. Aber sie ist nicht eine Frau. Nein, keineswegs. Sie ist ein Geschöpf aus einer schönen Materie, aber von innerlichster Kälte, ohne jede Sensibilität, ohne jedes Begreifen von den Dingen des Gefühls. Sie ist – nun etwas, das man in der Literatur der achtziger Jahre ‚Larve‘ zu nennen pflegte oder ‚Nixe‘ – was weiß ich.“ –

Renée sagte: „Ein Mensch wählt diese Ausdrucksform, ein anderer jene. Es ist nicht immer herzlos, was anders ist als wir, Gräfin.“ –

„Ich merke, Ihre Schwägerin hat es verstanden, die ganze Familie Catte einzustecken. – Ja, darum gerade reden wir doch zusammen, weil wir sehen, daß ein Mann, der uns beiden lieb ist, an ihr leidet! Ich muß Ihnen etwas von der Verlobung erzählen. Gar nicht viel, nur etwas Charakteristisches: Einer ihrer Vettern – sie hat deren ein Dutzend – sagte mir: ‚Sarah will leider keinen von uns heiraten, weil wir sie alle lieben, sagt sie, und weil sie einen Widerwillen bekommt gegen Menschen, die sie lieben. Sie sagt: ein Mann, der eine Frau liebt, spricht immer so heiser, er ist wie ein widerlicher Kater‘.“ –

Renée mußte lachen: „Finden Sie das so herzlos? Es ist doch nur lächerlich. Es ist, daß eine Frau immer die Abwehr hat gegen den Mann als Typus. Aber dann rechnet sie ihren Mann nachher nicht in diesen Typus hinein –“

„Sie sagen zwar sehr kluge Dinge für Ihre Jugend,“ antwortete Gräfin Gisczyska, „aber leider hat Sarah dies gesagt, als sie bereits verlobt war. Und ich würde denken, daß eben aus dieser Tatsache heraus alles, was dort geschieht, begreiflich wird. Ihre Schwägerin gehört zu den Menschen, die suchen, wenn der andere zurückweicht, und zurückweichen, wenn der andere sie sucht. Und Hannsbabo sucht sie sehr eindringlich eben.“ – „Ja.“ – Die Gräfin sprach weiter: „Und eben wenn diese Frau weiß, daß da einer ist, der zu ihr hinstrebt, dann lockt sie ihn ein wenig an, um ihn im nächsten Augenblick mit kühlem Erstaunen zurückzustoßen. – Und immer wieder das gleiche. Und ein Mensch geht zugrunde daran, ein lieber, schöner, stolzer Mensch. – O, es ist ein widerliches, zynisches Spiel.“

„Das – das glauben Sie?“ – Gräfin Gisczyska nahm Renées Hand. – „Es ist so,“ sagte sie, „erschrecken Sie nicht so, kleine Renée, es ist so. Ich habe es gesehn.“ –

Beide schwiegen. Die blaue Flamme unter dem Kessel breitete sich aus, und das Wasser kam in ein leises, gleichmäßiges Surren. –

Renée frug: „Wie haben Sie das gesehn?“ – Gräfin Gisczyska schwieg; einen Augenblick sah sie Renée an. –

„Erinnern Sie sich an den Ball bei Ihrem Bruder?“ fragte sie. – – „Sahen Sie, wie die beiden tanzten? Sahen Sie das Gesicht seiner Frau? Ah – ich sah es. Die widerliche, rohe Sensationslust ihres Gesichts. Niemand hat etwas gesehn. Nein. Nur ich. Ich sah, wie die Blässe ihm ins Gesicht stieg, ganz weiß war sein Gesicht, und dann begann er zu zittern, und dann bebte dieser große, starke Mensch – und eben in diesem Augenblick ließ sie seine Hand los und sah ihn an. Haben Sie das gesehn?“ –

„Wie – wie denn sah sie ihn an?“ frug Renée. „So, als wäre er ein Widerwillen, ein Unflat, ein häßliches und verächtliches Tier in ihrem Weg.“ –

Renée wandte ihr Gesicht weg. Sie stand auf und ging zum Fenster. Da war ein Gefühl brennender Scham in ihr, daß man so reden durfte von ihrem Bruder. –

„Mögen Sie nicht einmal sprechen mit Ihrer Schwägerin?“ sagte Gräfin Gisczyska.

„Mein Bruder will es nicht.“ –

Die Gräfin fuhr auf: „Inwiefern? Hat er seine Frau durchschaut? Hat er ...“

Da auf einmal hatte Renée einen Widerwillen gegen dies Gespräch; sie mochte nicht mehr. Eben als sie überlegte, ob sie noch antworten sollte, kam der Diener herein, er meldete den Prinzen Johann. – Renée verabschiedete sich eilig. –

„Sie müssen bald wiederkommen, vielleicht morgen,“ rief die Gräfin ihr nach.

Renée ging durch den Tiergarten nach Hause. Und immer wieder stieg ihr das Gefühl des Widerwillens auf auch gegen sich selbst. Es war, als hätte sie Hannsbabo etwas Böses getan.

Sie sprach auch nicht mit Papa. Es schien ihr, als dürfe man überhaupt nicht davon sprechen. –