Einmal aber – es war gegen den Frühling – einmal faßte Renée sich ein Herz. Sie ging zu Hannsbabo, als Sarah gerade fort war. Und sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand. Sie sah ihm in die Augen: „Hannsbabo,“ sagte sie, „ich weiß es, du bist sehr unglücklich, und nun sagst du mir nichts, und ich kann dir nicht helfen. Du bist immer sehr gut gewesen zu mir, gar nicht wie ein gewöhnlicher Bruder, vielmehr wie ein Freund. Früher hattest du Vertrauen zu mir, du hast mir viel von dir gesagt, obwohl ich noch ein Kind war, und nun –“
Hannsbabo schwieg lange. Renée sah dem Zeiger der Uhr nach, die am Spiegel stand auf zwei schlanken Säulchen von Alabaster – manchmal sah Renée zu ihm herüber. Sie hielt noch seine Hand. „Es ist ja nicht so leicht, davon zu sprechen,“ sagte Hannsbabo dann. „Sie meint es nicht schlecht, sie hat mich sogar ein wenig lieb, glaube ich, aber siehst du, das ist nichts, was das Einsamkeitsgefühl nähme. Im Gegenteil. Und dabei weiß ich, sie ist der Mensch, mit dem ich hätte heimisch werden können auf der Erde. –“
Renée kamen die Tränen in die Augen von dem Gefühl des Nicht-helfen-könnens. – Er nahm nun ihre Hand und legte sein Gesicht hinein. Renée zog ihn an sich – sie saßen still beieinander. –
„Ich mag nicht mehr leben,“ sagte Hannsbabo. Renée weinte. Ihr Bruder hob sein Gesicht zu ihr auf, und sie hörte ihn sanft sprechen. – „Weine nicht, mein kleiner Bub Renée – weine nicht!“ –
Was konnte Renée tun? Sie hätte ihn nehmen mögen, ihren Bruder, und mit ihm fortgehn. Weit fort. Vielleicht nach Italien – vielleicht war da die weiche, süße Luft, die er brauchte. „Ich bin zu müde,“ sagte Hannsbabo, „das Reisen macht so viel Beschwerde.“ –
Renée sprach mit Sarah. Sie tat es gegen alles eigene Gefühl, sie tat es gegen Hannsbabos ausgesprochenen Willen. Sie tat es gedrängt von ihrer Liebe für ihn.
Sie sagte: „Was ich tue, Sarah, was ich dir jetzt sage, das mußt du so gut und so fein und so schön aufnehmen, wie du kannst – du mußt weich und gut sein, damit ich an dich heran kann mit meinen Worten.“ – –
„O,“ sagte Sarah, „was ist es, was für eine lange Vorrede, darling –“ Renée fühlte so, als käme ein Strom von Glut ihr den Rücken herauf – und schließlich preßte es die Kehle zusammen. –
Sie ballte die Hände. – „So wirst du es nicht abtun. So nicht! Ich rede von Hannsbabo. Ich rede von meinem Bruder, den ich liebe, hörst du, den ich tausendmal mehr liebe als du, als so ein kalter, kalter Mensch wie du, begreifen kannst.“ –
Sarah wurde ganz blaß, fast bis in die Spitzen ihrer Finger – ihre grauen Augen starrten in Renées Gesicht. –
„Du bist mit ihm hergekommen. Du hast ihn geheiratet. Das ist ein Geschehnis, verstehst du, wenn ein Mensch wie Hannsbabo dich liebt, wenn ein so stolzer, schöner, vornehmer Mensch dich liebt – du. – Ich sage dir, du, ich lasse es nicht geschehen, daß du ihn umbringst mit der widerwärtigen Kälte deines Wesens. Ich lasse es nicht zu! Hüte dich vor mir, denn ich werde es sagen, allen Menschen werde ich es sagen, ausschreien will ich es, wenn du noch einmal, noch ein einziges Mal tust, was du getan hast bis heute, wenn du ihn quälst.“ – –
Sarah warf den Kopf zurück, eine dunkle Röte stieg ihr ins Gesicht – und die großen Tränen. –
Renée ging.