„Elisabeth bittet um deinen Besuch recht bald,“ sagte Papa. „Sie fühlt sich nicht recht wohl und bekommt Besuch von Viktors Mutter und Schwester. Am Ende könntest du gleich morgen fahren.“ –
Renée hatte nicht die geringste Lust. Nein. Aber natürlich würde kein Widerstreben helfen. Wenn jemand in einer Familie verheiratet war, so war das Grund genug, um sämtliche unverheiratete Schwestern und Cousinen in Tätigkeit zu setzen. –
Das Landratsamt war ein großer quadratischer Kasten, an den man ein Rechteck angeflickt hatte. In diesem Rechteck befand sich eine Loggia und darüber das Gastzimmer. Im Eßzimmer entdeckte Renée ein Bild von Groß-Gehren, das sie von zu Hause kannte. – In Elisabeths Wohnzimmer standen die beiden bronzenen Leuchter aus der Groß-Gehrener Halle, und über Viktors Schreibtisch prangte das Bild des jungen Katte, der zu Küstrin erschossen worden ist. Das hatte früher bei Renées Mutter gehangen, denn es war einer von ihrer Linie gewesen. Von denen, die der große König später zu Grafen gemacht hatte. –
Elisabeth sagte: „Papa hat es mir geschenkt.“ – Und gerade das hätte Renée so gern behalten – gerade das. –
Überall wo Viktors umfangreiche Mutter sich bewegte, entstand ein Geräusch von Seide. Sie war stets in starrer, schwarzer Seide und trug auf dem Kopf einen künstlichen Aufbau weißen Haares. Während sie von Elisabeth in den Räumen umhergeführt wurde, sagte sie: „Das freut mich, liebes Kind, ganz hübsch, ganz hübsch.“ Sie sagte es, als ob sie in einem Laden die Auslage betrachtete. – Sie war eine unausstehliche Person, fand Renée. Elisabeth benahm sich förmlich demütig gegen sie. Und Elisabeth nannte sie ‚Mamachen‘.
In diesem Haus kam Renée gar nicht zum Nachdenken. Wenn sie in ihrem Zimmer war, dann hörte sie das Gekeif und Gelärm der Leute auf der Straße und das Rasseln der Wagen auf den holprigen Pflastersteinen. Und war sie nicht in ihrem Zimmer, dann gab es immer von irgendwoher die pfeifende, gellende Stimme der Frau Amélie von Horwitz, die erzählte von der Prinzeß Clementine, die immer zu ihr gesagt hatte ...
Renée kam dort in einen Zustand haltloser, psychischer Apathie. Kein Weiterkommen, kein Weiterwollen, keine Abwehr. Alles, was dort gesprochen wurde, hielt sich jenseits jeder Möglichkeit von Gefühl und Empfindung. Und alles war entsetzlich leer.
Renée suchte Ruhe. Es gab keine Ruhe. Diese Menschen hasteten umher und warfen die Albernheiten ihres engen Lebens wirr und sinnlos durcheinander – und es gab keine Ruhe. –
An diesem Abend lief sie nach Groß-Gehren, – den Wiesenweg, der an der Mühle vorbeiführt. Hinter dem dunklen Rand des Forstes stieg ein großer, rötlicher Mond auf. Stieg feierlich auf, und vor ihm her war die Helligkeit seines Lichtes – – allmählich fing sich das Licht in den Nebeln auf der Wiese. –
Renée ging schnell, sie fühlte die Feuchtigkeit der Grashalme, die ihr Kleid streiften. Man konnte nicht weit sehn wegen des Nebels; auf einmal tauchten die schwarzen Flügel der Mühle vor ihr auf – ganz unorganisch und sonderbar aus dem Grau heraus. –
Sie fand die Gartentür abgeschlossen und lief bis an das Ende des Gartens, wo sie als Kind durchgekrochen durch das Loch in der Hecke. –
Wie ein riesiger See ohne Land lag es vor ihr. Die Fläche des Wassers ins Unendliche erweitert durch diese Ebene von Nebel über den Wiesen.
Auf dem Wasser flackerte in goldnen Schlangen der Mondschein. –
O, hier bleiben können – lange oder immer – wie schön und traurig war das Wasser und der große Mond. –
Unten auf den Stufen, die ins Wasser führen, auf der dritten Stufe, die der See überspült, wenn er unruhig ist, saß Renée. – O, der große Mond. –
Renée mußte weinen; sie dachte nicht an ein bestimmtes Geschehnis – es war nichts – es war vielleicht etwas, was kam. An wen dachte Renée? An keinen Menschen – nur – wenn einmal eine süße und geliebte Stimme zu ihr sprechen, wenn einmal eine Hand sehr sanft sie berühren würde, – o eine sanfte Hand – daran dachte Renée. – –
Es war nach Mitternacht, als sie zurückkam. Viktor machte ihr auf. – Sie hätten sich alle so gesorgt. Es sei aber auch unrecht von Renée, weil Elisabeth sich doch in dieser Zeit nicht aufregen dürfe, wo denn Renée nur gewesen sei? –
„In Groß-Gehren!“ – „Aber wir konnten doch mal hinfahren, wenn du wolltest,“ sagte Viktor mit sanftem Vorwurf.
Renée hörte eine Woche lang alles geduldig an. Es war unpassend gewesen, überspannt, lächerlich, sentimental. – Was sollte Johann denken, er hatte natürlich gehört, daß Viktor Renée nachts hereinlassen mußte. –
„Ihr könnt ja Johann ins Vertrauen ziehn, vielleicht findet Johann es auch überspannt,“ sagte Renée.
Elisabeth begann zu weinen. Man tröstete sie. Und Renée hörte Frau Amélie von Horwitz leidenschaftlich versichern: „Deine liebe Schwester hat es ja gar nicht so böse gemeint, Elisabethchen, nein, wirklich, sie hat es ja völlig eingesehn.“ –
In der Umgegend gab es ein Kränzchen. Im Winter las das Kränzchen, im Sommer spielte es Tennis. Es gehörten ihm die jungen Mädchen des Kreises an. Aber Renée weigerte sich teilzunehmen. – Elisabeth sagte: „Viktor ist der Ansicht, daß ein verheirateter Landrat die Pflicht hat, die passenden Elemente des Kreises zusammenzuhalten. Ich habe das Kränzchen zum Sonntag eingeladen. Natürlich muß ich mich momentan etwas zurückhalten.“ fügte Elisabeth hinzu.
Elisabeth ging nur gegen Abend aus. Dann trug sie ein Cape von riesigen Dimensionen. Sie genierte sich vor dem Diener, vor dem Kutscher, vor dem Gärtner. –
Es muß ein fürchterlicher Zustand sein, dachte Renée. Elisabeth tat ihr leid. Sie versuchte, ihrer Schwester gut zu werden. „Du mußt mehr spazieren gehn,“ sagte Renée, „wir könnten jeden Morgen nach dem königlichen Forst hinausfahren, und da könnten wir spazieren gehn, und dann holt der Wagen uns mittags wieder ab.“ – „Ach, Renéechen, ich darf doch momentan nicht fahren,“ antwortete Elisabeth kläglich. – „Aber dann könnten wir zusammen in den Stadtforst gehn.“ – „Ach, ich sehe so aus,“ antwortete Elisabeth. „Da geniere ich mich doch.“ – Renée nahm ihre Hand: „Gar nicht hast du dich zu genieren. Warum denn etwa? Es geht doch alles natürlich zu in der Welt. Und bis jetzt wird es noch nicht als Schande aufgefaßt, wenn eine Frau ein Kind bekommt, sollte ich meinen.“ – Elisabeth sagte: „Du redest so, Renée! Junge Mädchen sollten ...“
„Meinst du mal wieder, ‚junge Mädchen‘ müßten immer erst warten, bis ein Mann kommt, sie zu verderben?“ – Renée lachte: „Denn das ist’s doch in Wahrheit. ‚Unverdorben und mit Schmelz‘ und als ‚unbeschriebene Blätter‘ und so’n Quark sollen sie dem Mann überliefert werden, damit er sie um so besser verderben kann.“ – „Du führst furchtbare Reden, Renée,“ sagte Elisabeth.
„Ich begreife nicht, wie man Kinder bekommen mag, wenn man das Wissen um die Geschehnisse ihres Ursprungs als ‚verdorben werden‘ bezeichnet.“ –
Elisabeth begann abzulenken: „Ich glaube, wir werden uns hierin doch nie verständigen.“ –
„Nein – das glaub ich auch nicht.“ –
Frau Amélie von Horwitz trat ein. Sie rauschte in schwarzer Seide. Auf den hügeligen Dimensionen ihrer Brust thronte eine Brosche aus Amethysten sowie eine Kette aus schwarzen Jett-Perlen. –
„Marie wird heute abend eintreffen,“ sagte sie. „Mit dem Schnellzuge.“ – Dann wandte sie sich zu Renée: „Meine Tochter ist allerdings älter als Sie, Fräulein Renée, aber ich glaube, Sie werden dennoch Freude haben an ihrem Hiersein. Meine Tochter ist nämlich Schriftstellerin. Sie hat bereits einen sehr geachteten Namen in unserer Literatur gewonnen.“ – „So?“ sagte Renée. – Frau von Horwitz setzte sich behaglich nieder: „Ja,“ antwortete sie, „ihr erstes Buch ‚Aus Neuland‘ hatte sogar einen sehr bedeutenden Erfolg – es ist der Frau Prinzessin Clementine zugeeignet. –“ Renée bekam einen gelinden Schauder. –
Marie von Horwitz, die Schriftstellerin, war in bezug auf Dimensionen das Ebenbild ihrer Mutter. Sie trug ebenfalls schwarze Seide. Am Morgen nach ihrer Ankunft eröffnete sie mit Renée ein Gespräch, sie sagte: „Ich hoffe, Sie werden noch recht lange bei unserer lieben Elisabeth bleiben! Ich habe nämlich nur eine Woche Zeit. Ich werde bei Wedels in Schönau erwartet. – Kennen Sie die Gräfin Wedel?“ – Renée verneinte das.
Es erfolgte nunmehr eine lange Erzählung über die Reize der Gräfin. Dann kam eine Auseinandersetzung, wie Fräulein von Horwitz letzthin in Sankt Moritz beim Ski verunglückte – dann zog sie einen Packen Bücher vor. „Es sind Rezensionsexemplare,“ sagte sie, „ich bekomme deren zahllose. Es gibt ja jetzt so viele Skandinavier und Deutsche, die es nachtun. Aber ich kann ihnen die Palme des Sieges wirklich nicht zuerkennen. Diese sogenannte Stimmungskunst ist so gänzlich ohne Saft und Kraft.“ –
„Was meinen Sie eigentlich mit ‚Saft und Kraft‘?“ Fräulein von Horwitz sah indigniert auf: „Das ist doch nicht zweifelhaft. A propos, kennen Sie mein ‚Neuland‘? Da sage ich einmal: Stimmung ist Lässigkeit der Psyche. Das möchte ich hier wiederholen.“ – –
„Meinen Sie das? Ja nun. Vielleicht ist Stimmung vielmehr Subtilität der Psyche,“ antwortete Renée. Fräulein von Horwitz verneinte das. „Keineswegs! Dies ganze Getue entspringt nur der Schwäche,“ sagte sie kategorisch. „Durch die Produktion unserer Jüngeren geht dies ewige Resignieren. Erst stellen sie in lächerlich maßloser Weise Forderungen auf. Dann fallen sie mitsamt ihren Forderungen.“ –
„Das ist gerade das Großartige, das Umfallen mit den Forderungen, mit den unerfüllten.“ –
„Ich kann es durchaus nicht großartig finden, wenn ein Mensch nicht imstande ist, mit der Umwelt ins reine zu kommen,“ sagte Fräulein von Horwitz.
„Kein großer Mensch kann das!“ –
„Und warum etwa?“ frug die Horwitz herausfordernd. Renée sagte: „Das Große ist ungewöhnlich, nicht wahr? Und die Umwelt ist gewöhnlich. Ich denke, – die Antwort wäre einfach.“ –
Frau von Horwitz erschien. – „Ah, eine interessante Unterhaltung. Nun, Fräulein Renée?“ – Marie von Horwitz lächelte überlegen. Sie zog eins der Bücher hervor: „Sehen Sie, Fräulein von Catte, diese Anthologie bietet die beste Möglichkeit der Beweisführung,“ sie gab Renée das aufgeschlagene Buch. „Nun,“ sagte sie triumphierend, „sehen Sie hier eine Vertreterin dieser berühmten Stimmungskunst. –“
Am Ende eines Gedichts las Renée:
‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder,
Treibst mich nach jenem Land, wo keiner frägt,
Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder
Zu seinem Ursprung trägt. –
Fern, wo der Tag sich hebt, verhallen deine Lieder.‘ –
Wie gut und sanft diese Worte sie berührten. – „Wer ist es, der dies geschrieben hat, wer ist es?“
„Yvonne Capeller. Eben eine dieser Allzujungen,“ sagte Fräulein von Horwitz gereizt, „die immer bereits mit zwanzig Jahren mit der Welt abgeschlossen haben. Ich schätze ihre Produktion sehr wenig. – Aber natürlich hat auch sie ihre Bewunderer gefunden.“ –
„Das begreife ich durchaus,“ sagte Renée.
Sie ging in ihr Zimmer. Sie mochte nicht mehr reden. Sie sprach die schönen Worte vor sich hin und dachte: daß ein Mensch so süße, traurige Dinge sagen kann, so süße, süße Worte. –
– – Die Schriftstellerin schien keine Neigung mehr zu haben zu Gesprächen mit Renée. Sie gab ihrem steifen, geraden Oberkörper einen Ruck, wenn sie Renée erblickte, und ihre dumpf gurgelnde Stimme sprang über in ein giftiges Flöten, wenn sie etwas zu Renée sagte. –