Indessen war es schon lange Mai geworden. Papa war in Groß-Gehren, und jeden Abend ging Renée zum Kanal, wo die großen Kähne durchgeschleust wurden, und sah zu und sehnte sich mitzufahren – und immer, wenn sie das weich bewegte Wasser sah am Abend, auf dem die Lichter der Laternen flackerten – immer wenn sie das sah, die Dunkelheit des Wassers und darüber Lichter, dann dachte sie an die süßen, traurigen Worte des Gedichts. –
Als die Zeit näher rückte, wo nach allgemeiner Annahme das Kind kommen sollte, ging Renée nach Groß-Gehren zurück. – Papa hatte sich noch mehr an das Alleinsein gewöhnt als zuvor. Abends saß er auf der Veranda und summte Töne vor sich hin, deren Zusammenhang Renée nicht finden konnte.
Einmal saß sie an dem offenen Fenster ihres Zimmers und hörte vom Wasser her das altgewohnte Quaken der Frösche und fühlte einen süßen Geruch, der wohl aus den Beeten kommen mußte, wo die Levkojen standen und die Verbenen – einmal dachte sie an ihren Bruder – so lange hatte sie ihn vergessen. Was tat er wohl – sie brachte ihre Gedanken mit Mühe hinein in das letzte Erlebnis mit Sarah – was tut er wohl jetzt? –
Sonderbar, wie das Lärmen der Frösche seine Melodie hatte, sein Auf und Ab. Es gab eine haltlose Traurigkeit, dem zuzuhören, eine Last auf der Seele – etwas, das immer wieder da sein würde, wo man den Ton auch hörte. –
‚Du vielgeliebtes Leben zwingst mich nieder.‘ – Gibt es denn dies, sich in Worte verlieben – in ihren Zusammenklang, in ihren Sinn – oder eine Vorstellung lieben. –
‚Das Unerfüllte wieder zu seinem Ursprung trägt.‘ – O ja, man konnte Worte lieben. –