Es war ein ‚gesunder Junge‘ geboren. Er war prädestiniert für den Namen ‚Wilhelm‘. „Viktor verehrt unsern geliebten Kaiser so, weißt du,“ sagte Elisabeth. – Er war prädestiniert als Stolz der Familie. Er sollte in Groß-Gehren getauft werden. Und natürlich mußte Hannsbabo zu der Feier kommen. –
Hannsbabo – sonderbar verändert war er. Er hielt sich fern von Renée. Sarah war nicht mitgekommen. Er stand immer still auf einem Fleck – und dann mischte er sich plötzlich aufgeregt in irgend eine Unterhaltung, die man um ihn her führte – er aß in einer hastigen und gedankenlosen Weise. –
Renée ging zu ihm. Es war des Abends, das Essen vorüber und die Gäste fortgefahren. Hannsbabo saß an seinem Schreibtisch. – „Hannsbabo, warum vermeidest du es, mit mir zu sprechen? Siehst du, ich komme trotzdem. Ich dränge mich an dich heran. Ich lasse mich nicht fortschieben. Sage mir, was du hast, Hannsbabo! Ist es das Alte?“
Er sprang hastig auf – und er schob den Schreibtischsessel mit einem plötzlichen Ruck zwischen sich und Renée – „Laß mich,“ sagte er. Er war aufgeregt, er schüttelte den Stuhl auf und nieder in seiner Hand. – „Was hast du damals gesprochen mit Sarah? Ich habe vom Diener erfahren, daß du bei ihr warst. Was hast du dort getan, als du da warst am zehnten April?“ – „Am zehnten April?“ – „Ja, nicht wahr, du weißt es gar nicht mehr. Aber ich, o ich weiß es. –“
Er stampfte in gleichmäßigen Stößen mit dem Stuhl auf die Erde. – „Du sagst es mir. Du – Sarah will es nicht sagen. Kann ich sie etwa zwingen? Oh nein. Ich könnte nicht einen Finger ihrer Hand anrühren, um ihr wehzutun. Nein, leider nicht. – Also sie will es nicht sagen. Ich mußte versprechen, dich nicht zu fragen – siehst du – aber ich frage dich nun“ – seine Stimme sprang über in ein zorniges Gurgeln – „nun – sag es, du – du kommst nicht aus dem Zimmer ohne das“ – –
Hannsbabo warf den Stuhl beiseite. Renée fühlte seine Finger um ihre Handgelenke. – Sie fühlte eine kalte, ruhige Wut in sich aufsteigen. Sie riß ihre Arme zurück. –
Hannsbabo setzte sich langsam wieder an seinen Schreibtisch. Er warf mit einer stürmischen Bewegung die Arme auf den Tisch und legte den Kopf hinein – so sprach er, schnell mit langen Pausen – und wieder schnell, als ob es drängte zu irgend einem vorbestimmtem letzten Ende:
„Nachdem du damals dagewesen bist, hat Sarah mir gesagt, sie wolle mit mir ein paar Tage verreisen. Sie ist sofort mit mir zum Kommandeur gefahren wegen des Urlaubs. Dann sind wir gereist. Ich weiß nicht mehr, wo wir alles waren. Irgendwo in Italien. Es wird wohl Venedig gewesen sein. Ich merkte viel Buntes und Musik und Kauderwelsch um mich herum. – Wir sind jede Nacht auf dem Meer gefahren viele Stunden, und dann habe ich sie geküßt die ganzen Stunden aller Nächte. O, ich bin so sonderbar erfüllt davon – wie fein und weiß, wie schmal und süß sind die Gelenke ihrer Hände – o, ich fühle sie in meiner Hand, diese feinen, weißen Säulen. Sie ist leicht – leicht, als ob der Wind sie trüge oder die Luft, denn meine Arme spürten sie kaum, spürten keine Last, spürten nur die Kühle ihrer Haut und das leise, leise Rieseln, mit dem ihr kühles Blut durch die Adern geht unter der Haut.“
Renée ging zu ihm und rührte seine Schultern an. „Sprich nicht weiter,“ sagte sie. Er hob den Kopf. Renée sah sein Gesicht, sein blasses, lächelndes Gesicht. –
Später sagte Hannsbabo: „Ich habe laut geträumt.“ Sie sprachen wenig mehr zusammen, Renée und ihr Bruder. – Er frug sie nicht mehr. –
Dieses unausstehliche Baby. Es kam in Eile zu Besuch nach Groß-Gehren, weil es in der Stadt zu heiß wurde. Es mußte eine Kuh trocken gestellt werden für das Baby. –
Bill, das Baby, hatte dünnes, rotes Haar und wasserblaue Augen. Es war ein kleines Scheusal. Trotzdem standen alle umher und bewunderten es, es wurde bewundert bis zu den fetten Spitzen seiner krebsroten Finger.
Auch Elisabeth war in Groß-Gehren. Renée konnte ihrer Zeit nicht Herr werden. Immer gab es etwas zu tun für Elisabeth oder für das Baby. – Das Baby hatte eine Kinderfrau. Jeden Abend um sieben Uhr rief die Kinderfrau nach Renée. Dann ging sie essen. Dann durfte Renée Bills Schlaf bewachen. Es sollte eine halbe Stunde sein, es wurde aber meist eine Stunde und länger. Dann saß Renée in dem kleinen Vorzimmer, das früh dämmrig wurde, weil die großen Linden davor standen, saß und hörte die Knechte nach Feierabend in den Hof reiten – dann pumpten sie Wasser für die Pferde und schwatzten noch, und zuletzt gingen sie pfeifend über den Hof nach Haus. Um neun Uhr machte der Hofmeister das Tor zu. –
Sonderbar – immer stiller wurde das Leben, je tiefer man hineinging in die Zeit. Unbemerkt lösten sich liebgewordene Dinge von der Seele. Sie ließen diese Seele in schmerzlichem Entbehren zurück. –
Es muß einen Menschen geben, ein Lebendiges, der mir den Sinn meines Daseins gibt – dachte Renée. Ich muß während meines Lebens in einem beliebigen Augenblick mit diesem anderen Menschen zusammentreffen, und er und ich müssen die Notwendigkeit, das Absolut-zu-fordernde dieses Zusamentreffens wissen oder wissen lernen. Garnicht sofort, gar nicht diese romanhafte Liebe ‚auf den ersten Blick‘ muß es sein. – Renée dachte: Wie kann so etwas geschehen? Natürlich – es ist nicht gebunden an Ort und Zeit – vielleicht könnte es sogar geschehn durch ein Hörensagen von den Handlungen oder den Worten oder dem Fühlen des andern Menschen. Und dies, wenn es auch irgend ein gleichgültiger Mund ausspräche, dieses könnte dann das Bewußtwerden sein, das Zusammenströmen – – –
Wie nutzlos und ganz gleichgültig war alles, was man tat – ob Renée las oder schrieb, ob sie froh war oder traurig – wer frug danach? – Es war ja dieselbe verlorne Einsamkeit, in der sie lebte, wie damals, als sie ein Kind war. – Nur kam doch damals manchmal Hannsbabo. – Warum war Hannsbabo ihr fremd geworden?
Renée dachte: Ich fühle, daß er sich ganz umgeben hat mit einer Abwehr des Gefühls – er will nicht mehr davon sprechen – oder er spricht davon in einer wilden, aufgeregten Art, und jedes Wort, das er sagt, entfernt ihn von mir. –
Renée frug bei der Buchhandlung an, ob es denn gar kein Buch gäbe von Yvonne Capeller. Aber es gab keins. Sie wußten nichts von ihr.
Und Renée hatte nur dies eine Gedicht. Dies, das so schön war, daß man sehnsüchtig wurde, wenn man es vor sich hinsprach – das so betörend schön war.
Renée dachte: Nun ist es geschehn. Durch ein Hörensagen, ist ausgesprochen von irgend einem gleichgültigen Mund – ist ausgesprochen. –
„Was soll denn das vorstellen?“ sagte Papa, „warum willst du denn absagen bei Arnims?“ – Er hielt den Brief: ‚Renée von Catte dankt verbindlichst und bedauert lebhaft‘ ... drohend in der Hand. – „Ich mag nicht mehr auf Bälle laufen,“ sagte Renée. – „Wieso?“ – „Ich langweile mich so gräßlich dabei.“ – „Unsinn.“ Papa warf den Brief zornig vor Renée auf die Tischplatte. „Ich wünsche, daß du hingehst.“
„Aber Papa, du kannst doch nicht verlangen, daß ich hinlaufe und mich stundenlang langweile, es kann dir doch ganz egal sein.“ Papa erklärte, es sei ihm durchaus nicht egal. Keineswegs. Es sei einmal Usus so. Und sonst gäbe es ein Gerede, und die Leute wunderten sich. –
Diesmal wollte Renée durchaus nicht nachgeben. Sie sagte: „Ich gehe überhaupt nicht aus diesen Winter.“ – Papa schien bedeutend zu erstaunen. – „Ja, was willst du denn anfangen den ganzen Winter?“ – Gott sei Dank, nun war es soweit. Nun kam das Positive. Das Positive verteidigt sich viel leichter als das Negative. – „Ich will Vorträge hören.“ – „Vorträge, wo denn? Du willst doch nicht unter die Studenten gehn? Blödsinn.“ – Papa schien sehr aufgebracht. – Renée spielte den Trumpf aus: „Ach wo, Papa. Es ist nur für Damen im Viktoria-Lyceum.“ – „Was ist denn das?“ frug Papa. Renées letzter Trumpf besiegte sein Mißtrauen völlig: „Es ist doch unter dem Protektorat der Kaiserin,“ sagte Renée. „Exzellenz von Kleist ist auch immer da mit ihrer Tochter.“ – „So. Na meinetwegen,“ sagte Papa. Er wandte sich seiner Arbeit wieder zu. –
Renée suchte sich Vorträge aus. Sie nahm einen über die ‚Entstehung des Menschen‘, einen kunstgeschichtlichen und einen über ‚Sokrates‘. – Das Glück wollte, daß der ‚Sokrates‘ zuerst an die Reihe kam. Renée hatte sich’s nicht einmal so schön gedacht. Der alte Herr mit den sicheren, klugen Augen, in die ein sonderbares Flackern kam, während er sprach, der alte Herr mit dem edel geformten Mund sagte seine Dinge mit dem Ton leidenschaftlichen Begreifens. Er sprach von den letzten Stunden des Sokrates, von dieser ruhigen, lächelnden Gebärde, mit der Sokrates gestorben sei.
Er sprach wie von einem Freund, dem einzigen, geliebtesten Freund – und dann fing auch Renée an, den Sokrates zu lieben. Ob man nicht die Sprache lernen könnte; wenn es nur nicht so fürchterlich schwer wäre.
Renée hätte so sehr gerne mehr davon gewußt. –
Bei den anderen Vorträgen ging es nicht so zu. Man hörte zu – ja man behielt einige Dinge, um sie bald wieder zu vergessen oder durcheinander zu bringen, aber es war so ohne jede Besonderheit.
Der eine jonglierte herum auf seinem Katheder, war einmal oben und einmal unten mit seinem kleinen, gelben Gesicht, ein anderer bewegte sich in einer gezogenen und langsamen Weise, während er redete, und seine Sprechweise war ebenso gezogen und ölig: „Ich bedaure, Ihnen auch noch diese geistige Anstrengung zumuten zu müssen, meine Damen“ – so ungefähr redete er. Er verleidete einem die Materie, er begoß alles mit einer langweiligen Farblosigkeit, dann war es ebenso grau wie seine Lichtbilder.
Und die Anatomie-Vorträge. – „Nun passen Sie einmal auf, meine Damen,“ sagte der Dozent und führte pfiffig grinsend den Finger an die Lippen, – die Damen paßten auf – er zeigte ein Glas, in dem ein kleiner, brauner Fötus saß. – „Nun passen Sie einmal auf.“ –
Als die Kurse gegen das Ende gingen, sah Renée die völlige Zwecklosigkeit ein. Es war alles Mögliche durcheinander geredet worden, man hatte eine Weile das befriedigende Gefühl eines Nutzens herumgetragen. –
In Wahrheit war es völlig sinnlos – in Wahrheit blieb nur das, was der alte Herr gesagt hatte, weil er es aus einem übervollen Herzen heraus gesagt hatte – das von dem lächelnden Sokrates. –
„Ich finde es sehr sonderbar,“ sagte Papa, „daß sich weder Sarah nach Hannsbabo bei mir sehen lassen. Geh doch einmal hin, Renée, und erkundige dich.“ – „Vielleicht wollen sie ein wenig für sich sein, Papa.“ – Papa sagte: „Unsinn, geh nur hin.“
Um fünf ging Renée hin. Dann ritt Hannsbabo meist und Sarah war vielleicht auf Besorgungen in der Stadt. –
Der Diener sagte, die gnädige Frau wäre zu Hause. Mit einem sonderbar peinlichen Gefühl trat Renée ein, sie hatte ihre Schwägerin so lange nicht gesehen.
Sarah stand am Fenster ihres Zimmers und wandte sich langsam um, als Renée eintrat. –
„So lange bist du nicht gekommen, kleine Renée, fast ein Jahr.“ – „O – war es so lang!“ sagte Renée. „Es kommt, weil ich bei Elisabeth sein mußte und ...“
„Hat es sogar Gründe?“ sagte Sarah, „das ist mehr, als ich erwartete.“ – „Sei doch nicht bös zu mir, Sarah. Ich wollte bloß sehen, wie es euch geht.“ Sarah antwortete: „Mir geht es gut. Er ist in keinem guten Zustande.“ – „Warum oder inwiefern?“ – „Er hat unangenehme Dinge im Dienst. Er möchte fort oder sich versetzen lassen, und dann wieder möchte er es nicht, weil er nicht in die Provinz will.“ –
„Papa könnte doch zu Manteuffel gehen und es ihm besorgen,“ sagte Renée. „Ja eben; es wäre ganz leicht zu machen,“ antwortete Sarah. „Schließlich nimmt ihn Reischach auch gern als Brigadeadjutant – aber er will eben allerlei und niemals etwas Bestimmtes.“
„Was sind es denn für Unannehmlichkeiten?“ – Sarah ging hin und her – sie antwortete nicht – dann blieb sie vor Renée stehen. – „Er hat Stubenarrest gehabt wegen einer Affäre mit Prinz Johann.“ – „Das ist doch ganz egal, so was!“ – „Ihm ist es eben nicht egal,“ sagte Sarah. –
„Papa frug, ob ihr nicht einmal kommen würdet?“
Sarah lachte. „Rückt der Diplomat nun endlich damit heraus? – Ja nun. Er wird nicht wollen.“
„Warum denn nicht?“ frug Renée. – „Ach, so – er redet nicht gerne, und er sagt, Menschen ärgerten ihn nur und machten ihn nervös. –“
„Ja, aber Papa – –“ sagte Renée indigniert. Sarah zuckte die Achseln: „Er wird wohl warten müssen.“ –
„Aber, Sarah, könntest denn du ihn nicht veranlassen? Wenn du ihn nun bätest.“ – „O – ich bitte ihn nie, um nichts. Und nun – wechseln wir das Thema, kleine Renée.“ – „Aber so komm du doch wenigstens,“ wagte Renée noch einzuwenden. Sarah schüttelte energisch den Kopf. „Ich hasse es, ausgefragt zu werden,“ sagte sie.
Nebenan die kleine Uhr auf den Alabastersäulen schlug. Sarah sagte: „Tu mir den Gefallen und geh. Er wird in einer halben Stunde zurückkommen vom Tattersall, ich möchte nicht, daß er dich eben jetzt bei mir träfe.“ – Renée zögerte, wunderte sich. – „Geh bitte, sei nicht bös, es ängstigt mich.“ – Renée ging. Sie sah ganz von weitem schon Hannsbabos Dogcart und lief schnell um die Ecke.