Renée bekam eine Anzeige, daß ihre frühere Schule einen Lateinkurs eingerichtet habe. Sie meldete sich an.
Als Renée kam, waren sie schon mitten drin. Eine spitzige Lehrerin nahm daran teil, eine blasse, sehr blonde Person und ein Zwillingspaar, Renée war die fünfte. Die sehr Blonde sagte nach der ersten Stunde, sie müsse Renée schon irgendwo einmal gesehen haben. Ihr Name sei Margit Roeren. – Renée wußte nichts davon – sagte: „Vielleicht in der Tanzstunde oder auf irgend einem Ball.“ – „Ich habe niemals Bälle und dergleichen aufgesucht,“ antwortete Margit Roeren mit fühlbarer Ablehnung. –
Sie gingen eben am Ufer entlang, als sie sprachen, und Renée sah die andre einen Augenblick an, sah, daß sie Trauer trug. – Margit Roeren schien es zu bemerken. – „Ich habe seit fünf Jahren unablässig Trauer,“ sagte sie, „meine Brüder haben die Gewohnheit sich zu erschießen, einer nach dem andern. – Hingegen ich werde zuverlässig von dieser Gewohnheit abweichen.“ –
Renée kam ein unsympathisches und bedrückendes Gefühl, so ganz ohne Grund eingeweiht zu werden in diese Geschehnisse – sie schwieg und vermied es, die andere anzusehen. – Die frug gleichgültig: „Eigentlich warum nehmen Sie teil an diesem lächerlichen Lateinkurs?“ –
„Ich weiß es in Wahrheit nicht. Ich glaube aus Langeweile,“ meinte Renée. – Margit Roeren ereiferte sich: „Nicht wahr, ja gerade aus eben diesem Grunde tue ich es auch. Aber ich finde, es ist noch langweiliger als Langeweile.“ – „Man lernt so langsam,“ sagte Renée, „und man ärgert sich so an sich selbst. Diese verflixten Deponentia! Ich werde sie mein Leben lang als Passiva gebrauchen.“ – „Ach, es kommt noch ganz anders,“ sagte Margit Roeren, „wenn erst die Syntax losgeht.“ – „Sagen Sie, was ist das eigentlich genau genommen?“ Die andere lachte: „Genau genommen ist gut! Es ist so Satzlehre. Was für Casus die Wörter haben und ob mit Conjunctiv oder ohne – solches Zeugs eben.“
Nach einer Pause – nun waren sie schon an der roten Brücke angelangt – sagte Margit Roeren: „Ich habe eine Frage an Sie, übel nehmen tue ich eine Abweisung nicht. Wollen Sie mit mir verkehren?“
„Ich will es gern.“ Margit Roeren lächelte auf einmal in einer sehr scheuen Art, sie sagte: „Sie werden nachher doch nicht mehr mögen. Aber – es freut mich sehr.“ Sie gab Renée die Hand und lief quer über das Trottoir gerade noch vor einem Wagen hin. Renée sah sie in eins der Häuser gehen. –
In einer der nächsten Lateinstunden lud sie Renée ein. Renée hatte erst einen Kampf mit Papa. „Man geht nicht so ohne weiteres zu irgend welchen unbekannten Damen,“ sagte er. „Sieh wenigstens mal im Adreßbuch nach.“ – Margit war dort nicht aufzufinden, es gab auch keinen dazugehörigen Vater noch Mutter. – „Immer diese obskuren Bekanntschaften,“ brummte Papa. Aber dann ließ er Renée doch gehen.
Margit Roeren hatte ein weiches, seidnes Kleid an von der Farbe ihres Haares. Sie brachte Renée in eine Ecke des Zimmers, wo bereits mehrere Leute saßen, dann ging sie in die Mitte, und während nebenan die Musik einsetzte – Harfe und Flöte – begann sie zu tanzen. – Sie hatte einen schweren, goldenen Stab in der Hand, den sie mit wirbelnden Gesten um den Kopf schwang. Sie stieß den Stab auf den Boden und sprang mit einem katzenartigen Aufbäumen daran hoch – dann sank sie nieder mit einem leisen Aufschrei –
Renée hatte eine instinktive Bewegung gemacht, um zu helfen – ein Mann neben ihr legte mit warnendem Ernste die Hand auf ihren Arm. –
Margit sprang auf – in einem wilden Wirbel taumelte sie an die Wand – dann sah sie um sich mit rasenden Augen – der goldne Stab lag in der Mitte des Zimmers. –
Margit sprang vor, sie warf den Stab in die Luft und fing ihn wieder auf ihren ausgestreckten Armen – sie warf ihn von neuem – fing ihn auf – wieder – sie ließ sich niederfallen, sie fing ihn auf mit ihrem Körper – sie seufzte, als er aufschlug. –
Die Leute neben Renée standen auf. Der Herr winkte ihr und deutete nach nebenan. Dann schloß er die Türen. Kaum war das geschehen, so begann er aufgeregt auf Renée einzureden: „Ist es nicht wundervoll, ist es nicht offenbarend? Sie tanzt in Trance. Sie fühlt keinen Schmerz. Natürlich, Sie haben das bemerkt. Es ist ein ganz außerordentlicher Fall von Medialität – haben Sie das Hervortreten der Augen beobachtet und die vergrößerten Pupillen?“ – Dann verbeugte er sich: „Sie verzeihen, ich vergaß der Sitte nachzukommen. Ich heiße Tschernikoff, Dr. med., das heißt, jetzt widme ich mich lediglich dem Studium okkultistischer Phänomene. Dem übersinnlichen.“
Renée frug: „Tanzt Margit Roeren oft?“
„Gewiß, ja gewiß! Aber sie führt noch anderes aus. Zum Beispiel der Versuch der sogenannten Kraftprobe.“ –
„Was ist das?“ – Doktor Tschernikoff begann leidenschaftlich zu gestikulieren: „Also man stellt die Dynamik, – das will sagen die Kraftmöglichkeiten eines Menschen fest bei normaler psychischer Verfassung. So und so viel kann er heben, tragen und so weiter, mehr nicht. Dann versetzt man ihn in Hypnose. Nun zeigt sich die Differenz aufs eklatanteste. Wir können es heute machen.“ –
„Ach, lieber nicht“ sagte Renée erschreckt, „sie ist schon so ermüdet.“
Der Doktor lachte verächtlich. „Nein, keineswegs. Das tut ja auch gar nichts zur Sache. In Trance fühlt sie keine Müdigkeit, keine Anstrengung, keinen Schmerz. Sie werden sehn“ – der Doktor lief hinaus. –
Die anderen Leute redeten Russisch. Sie bedeuteten Renée, daß sie leider nur Russisch könnten, indem sie mit Gesten äußerster Hilflosigkeit sich auf die Lippen klappten und die Achseln zuckten.
Der Doktor riß die Tür auf und rief etwas Unverständliches. Er führte Margit an der Hand herein – in der Mitte des Zimmers lagen mehrere eiserne Gegenstände – altertümliche Waffen, es hingen eiserne Kugeln von verschiedener Größe daran. Margit hob eine, eine zweite, die dritte und vierte war zu schwer. Der Doktor versuchte sich daran und die anderen Russen. Sie schienen ziemliche Mühe zu haben – Renée bekam Lust. – Renée hob mit äußerster Anstrengung die dritte. „Dann ist diese selbstverständlich zu leicht, wenn eine Frau im normal psychischen Zustande sie heben kann,“ sagte Doktor Tschernikoff. „Wir werden also die vierte nehmen.“ – Renée versuchte die vierte. Sie brachte sie nicht vom Boden.
Der Doktor lächelte und nickte befriedigt vor sich hin. „Margit wird sie in der Trance heben,“ sagte er. Er führte Margit hinaus. Einer der Russen begann Flöte zu spielen. –
Dann kam Margit – sie ging mit steifen Schritten, deren Rhythmus sich dem des Flötenspiels sonderbar anschloß. – Renée war in großer Erregung. Sie wollte dazwischentreten und es verbieten – sie ging auf die Russen zu und sagte ihnen auf Französisch, sie müßten den Doktor zurückhalten. Es sei Wahnsinn, und Margit würde sich schaden, krank werden, sich ruinieren, wenn sie diese Kugeln hob. – Sie lächelten töricht, klappten sich auf die Lippen, zuckten die Achseln. –
Margit faßte das lange Ding an mit der großen, eisernen Kugel, sie brachte es nicht vom Boden. Der Doktor trat neben sie, er faßte sie bei den Schultern und sprach zu ihr mit einer leisen, monotonen Stimme – Margit versuchte es von neuem. Sie faßte es an – dann kam ein Beben in ihre Glieder, sie sagte: „Ich kann nicht.“ Der Doktor redete auf sie ein – sie warf die Hände vors Gesicht und weinte. – Die Türen wurden geschlossen.
Renée wollte warten, wollte Margit beruhigen, ihr irgendwie helfen. Sie blieb. Die Russen gingen, sie verbeugten sich ungeschickt an der Tür. –
Nach einer langen Zeit, es mochte eine Stunde sein, kam Margit. Sie trug wieder Schwarz und sah wieder blaß aus.
Sie kam langsam auf Renée zu, die aufgestanden war. – „Was haben Sie mir getan? Wenn Sie es doch nicht getan hätten.“ – „Was denn?“ Margit lehnte sich ans Fenster. Sie stützte die Arme auf das Brett. „Warum haben Sie das gesagt, ich sollte dies unmögliche Ding aufheben?“ – „Ich – ich wollte nur selbst versuchen, ich habe doch gar nichts gesagt! Ich wollte sehen, wieviel Kraft Sie hätten in der Trance.“
Margit lachte höhnisch: „Ich sage Ihnen, es ist Unsinn. Ich kann das andere heben mit der größten Anstrengung – dieses nicht, dieses ist viel zu schwer, nie kann ich das.“ –
„Aber Doktor Tschernikoff sagte doch, in der Hypnose ...“
Margit lachte – wie das Schreien von irgend einem Vogel klang es. –
„Ja – gewiß. Er meint das. Ich lasse ihn dabei. Aber es ist Unsinn.“ –
„Warum sagen Sie ihm das nicht einfach?“ – Margit stieß einen harten Laut aus, lachte: „Sagen? Dann ginge er fort! Dann – ginge er fort –.“ Ihre Worte klangen wie ein Wimmern. –
„Ich verstehe es alles nicht,“ sagte Renée. Margit trat vor sie hin; während sie sprach, stand sie ganz nah und schüttelte die Fäuste vor Renées Gesicht – immer dicht vor Renées Augen. –
„Er liebt mich nicht,“ schrie sie, „nicht mich. Nur das Mediale. Nur diesen Unsinn, das Hirngespinst, die Qual. Das liebt er. Und wenn ich es ihm nicht tue, geht er fort – geht fort.“ –
Sie trat zurück ans Fenster, sie sprach weiter, ihre Sprache wurde lauter, heller, schließlich gellend – schließlich schrie sie: „Er geht fort. Nur dies hielt ihn noch!“ ... Sie weinte. –
Renée streichelte ihr Haar, ihre Hände, in dem verzweifelten Bemühen zu trösten. „Sie müssen nicht weinen, Margit. Sehn Sie, das lassen Sie nun alles und trennen sich von diesem Menschen. Sehn Sie, Sie können, Sie dürfen diese Dinge nicht mehr tun. Es sind ja Wahnideen von ihm.“
„Nein,“ schrie Margit. „Ich kann nicht. Ich kann ihn nicht lassen.“ –
Renée wußte ihr nicht zu helfen. Es grauste ihr, und eigentlich fand sie alles maßlos und wahnsinnig – und eigentlich wäre sie am liebsten fortgelaufen, ohne sich auch nur umzusehen. –
„Ich merke, nun kommt Ihnen der Ekel vor der ganzen Bagage,“ sagte Margit Roeren.
Renée schämte sich ihres Gedankens und schämte sich, verstanden worden zu sein. – „Reden Sie doch nicht so,“ sagte sie. „Es ist nur, ich möchte helfen und weiß nicht wie, und ich meine, Sie sollten diese Dinge nicht weiter tun.“ –
Margit Roeren sah Renée mißtrauisch an. „Am Ende tun Sie besser, sich nicht mit diesen Dingen zu befassen, Fräulein von Catte,“ sagte sie. Renée überhörte das. Sie nahm Margits Hand. Sie sagte: „Sie müssen sich von diesem Menschen trennen, Sie dürfen diese furchtbare Komödie nicht weiter aufführen. Und dann – ich muß Ihnen sagen, ich glaube, dieser Russe ist verrückt, geisteskrank.“ –
Margit Roeren schüttelte den Kopf. „Sie Unschuld – o Sie Unschuld!“ Sie lachte, sie wollte gar nicht aufhören mit Lachen. – Es war ein so widerliches, ein so widerlich-überlegenes Lachen. – Renée ging eilig fort. –
Als sie auf der Straße war, fiel ihr allerlei ein:
Ein peinlich penetranter Geruch war in den Räumen gewesen von Parfüm und Räucherwerk wohl, und es war so eine exotische Einrichtung mit lauter Fellen und Waffen. –
Und wie diese Russen sich immer auf den Mund schlugen, wie blöde sie grinsten. –
Dann, als Renée nach Hause kam, hatte sie richtig ein schlechtes Gewissen gegen Papa. Papa hatte es doch gleich gesagt. Dann dachte sie: Das arme Ding! Muß ich ihr nicht helfen? Ist es nicht eines Menschen Pflicht? Und wiederum war sie nicht so ganz sicher in dieser Auffassung. –
Eines Abends kam Sarah. Renée war in ihrem Zimmer und las; manchmal sah sie über das Buch weg auf die Straße, wie die Straße glitzerte vom Regen. Im feuchten Asphalt spiegelten sich die Flammen der Laternen und die Bogenlichter vor den Läden. – Jemand öffnete leise und sagte ihren Namen. –
„Wie ist das schön, daß du ein wenig kommst, Sarah. Und wie geht es Hannsbabo?“ – „Es ist nichts Neues mit ihm.“ Sarah setzte sich auf die Bank hinter Renées Schreibsessel. – „Ich sehe ihn wenig. Und du – was tust du, Renée?“ –
Renée lachte: „Was eigentlich? Nichts. Ich sitze so da und habe ein Buch vor der Nase. Und nun freue ich mich, daß Sarah da ist.“
Sarah betrachtete das Buch. – „Geschichte,“ sagte sie. „Oh dear.“ Dabei zog sie ein ganz klein bißchen den rechten Mundwinkel herunter. „Ist das nun sehr langweilig?“ –
„Hast schon recht, Sarah. Außerdem behält man nichts. Man hat immer am Ende den Anfang vergessen.“ Sarah faßte das Buch an beiden Seiten und klappte es zu: „Bumms! Ich möchte mit dir was sprechen, kleine Renée. Sag mir, glaubst du, dein Vater ist böse auf deinen Bruder?“ –
„Ich weiß nicht.“ – „Und sage mir, weiß dein Vater von der Sache mit dem Prinzen?“ –
Renée wußte das nicht. Renée wollte sich gleich erkundigen, wenn Sarah wünschte. – Sarah begann hin und her zu wandern im Zimmer. Sie redete in kurzen Sätzen, indem sie die Worte langsam aussprach mit einer gewissen Bedenklichkeit. –
„Es ist dies geschehn,“ sagte sie. „Der Prinz hatte sich sehr mit Hannsbabo angefreundet. Ich weiß nicht, was sie so aneinander fesselte. Aber er kam fortwährend. Man wurde ihn gar nicht los. Hannsbabo brachte ihn mit vom Dienst, vom Reiten um sechs, und um Mitternacht saß er noch da. Und nun das Sonderbarste. Hannsbabo war bei aller Freundschaft in irgend einer Weise eifersüchtig auf ihn.“ –
Sarah hob ein wenig den Kopf beim Gehen, nur sehr wenig, und sah nach Renée. – „Er hatte keinerlei Grund,“ sagte sie. „Der Prinz also kam jeden Tag. Und dann war bis in die Nacht hinein ein großes Gelärm. – Dann paßte es mir nicht mehr. Ich ging um zehn zu Bett und sagte, ich wäre sehr müde. Der Mensch blieb. Er war noch nicht müde. Er saß mit Hannsbabo bis zwei. Sie tranken. Sie tranken ohne Ende. Dann verbot ich das. Hannsbabo versprach: ‚Morgen schick ich ihn um elf weg‘.
„Um Mitternacht gab es einen großen Lärm vor der Tür meines Zimmers. Und dann schimpften und rauften sie und forderten sich. – Dies ist widerwärtig. Es genügt, was ich erzählt habe. – – Ja, was ich wissen wollte, ist dies: In welcher Form ist die Sache an seinen Vater gelangt?“ –
„Ich glaube nicht, daß Papa davon weiß.“
„Ich wünsche, daß er es weiß,“ sagte Sarah.
„Aber Sarah, warum denn? Laß es doch. Nachher wird Papa nur böse gegen Hannsbabo und Hannsbabo wird böse – o, es ist so furchtbar, wenn die beiden aneinanderkommen.“ –
Sarah stand einen Augenblick still. –
Sie betrachtete Renée. Sie lächelte – fast nur mit den Lippen – dann warf sie den Kopf zurück mit dieser sonderbar schroffen Bewegung. –
„Ich konnte mir das denken, daß du viel zu sehr ihn lieb hast, um diese Sache irgendwie einzusehn,“ sagte sie. „Ich werde nicht mehr davon mit dir reden.“ Sarah ging hinaus.
„Sei doch nicht bös, Sarah, hör doch.“ – Renée lief ihr nach.
Sarah nickte ihr lächelnd zu. Sarah warf ihren großen braunen Pelz um. Kaum hörbar schloß sie die Tür. –
Was konnte nur geschehen sein? Renée wurde die ganze Zeit das drückende Gefühl eines Unrechts gegen ihren Bruder nicht los. Sie hätte ihn warnen müssen, falls Papa es doch erfuhr. Damit er vorbereitet war. Damit er nicht so erschrak. Nicht überrascht wurde. Und dann wieder – Sarah war zu ihr gekommen aus Vertrauen. Nun sollte sie vorgreifen – sollte das, was Sarah gesagt hatte, ausbeuten zu einer eignen ‚guten Tat‘. –
Papa schien doch irgend etwas zu wissen. Er studierte das Militärwochenblatt so genau. –
In den Lateinstunden saß Margit Roeren Renée gegenüber, ohne sie anzusehn. Und wenn Margit Roeren aufsah, so war es ein scheuer, trauriger Blick. Renée fühlte sich gequält, hilflos, weil sie nicht helfen konnte. –