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Das Leben der Renée von Catte

Chapter 18: Na, ein Gutes haben solche Geburtstage doch,
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

„Na, ein Gutes haben solche Geburtstage doch,“ sagte Papa eines Morgens. „Die zerspaltenen Familienmitglieder sammeln sich.“ – Elisabeth horchte auf. –

„Also Hannsbabo und Sarah werden am achten hier eintreffen und eine Zeit seines Urlaubs hier verleben.“ –

Elisabeth beugte sich vor, aber da Papa bereits den Brief wieder zu sich steckte ... „Wer schreibt?“ frug sie. „Sarah schreibt,“ sagte Papa, „und Hannsbabo schließt sich mit Grüßen an.“ –

Nach dem Kaffee konnte Elisabeth es doch nicht aushalten. So herrlich und ersprießlich auch Bills Gesellschaft war, über Sarah und Hannsbabo konnte man nicht mit ihm reden, unmöglich. – Elisabeth mußte also mit Renée vorlieb nehmen. –

„Warum, glaubst du, kommen sie?“ frug Elisabeth. Renée sagte: „Ich ahne es nicht.“

„Ach, Renéechen, sei doch nicht immer so muffig.“ – Renée schwieg. „Ob Sarah wieder einen besseren Eindruck hervorrufen will in der Familie?“ – –

Renée holte sie von der Bahn. Wie sie so dastand und den Zug von weitem kommen sah, den winzigen, schwarzen Punkt neben der hellen Rauchflocke – wurde ihr ein wenig angst. Wie würde Papa ihn empfangen, und Elisabeth – wenn sie nun wieder ihre taktlose ‚Offenheit‘ hervorkehrte! – – Hannsbabo stieg aus. – Renée sah es gleich, wie blaß er war – nach ihm kam der Machnower Arnim – dann stieg Sarah aus. Herr von Arnim hatte ihr die Hand gereicht. Renée begrüßte sie, nahm Sarah den Schirm ab. – Hannsbabo ging voran. Während der Fahrt mußte Renée sich Mühe geben, ihn nicht immer anzusehen. Ein sonderbarer, kleiner Zug war um seinen Mund von Überdruß. –

Sarah frug nach Papa, nach Elisabeth, nach dem Baby. Sie sprach schnell und aufgeregt. Nicht einmal richtete sie das Wort an Hannsbabo. –

Nach dem Abendbrot saß man auf der Veranda draußen. Papa rauchte, neben ihm saß Sarah. Hannsbabo ging hin und her auf dem Platz am Wasser, und manchmal blieb er stehn – vielleicht hörte er zu, was sie sprachen. –

Auch Elisabeth war da. Sie saß Sarah gegenüber mit irgend einer Näharbeit für Bill. Alle schwiegen. Papa sah ab und an zu Hannsbabo hinüber, nur so mit den Augen, ohne eigentlich den Kopf zu bewegen. Er sah müde aus, und Renée fand, man merkte auf einmal etwas von seinem Alter. Plötzlich hörte Renée Sarah sprechen – sie wandte sich um. –

Sarah hielt den Oberkörper ein wenig vorgebeugt und stützte die Hände auf die Platte ihres Stuhles. Sie hielt die Lider der Augen halb geschlossen und sprach. –

„Du hast, Elisabeth,“ sagte sie, „es für richtig befunden, einen unverschämten Klatsch, welchen irgend einer deiner Freundschaft dir hinterbracht haben mag, über mich zu verbreiten. Ich mache dich aufmerksam, daß ich derlei nicht zulassen kann,“ – sie machte eine Pause. – Elisabeth hielt ihr Nähzeug in der Hand und betrachtete mit starrem Entsetzen Sarah. –

Papa – ein ganz bißchen lächelte er – hielt seine Zigarre steif vor dem geöffneten Munde und betrachtete erstaunt Sarah. Sarahs Gesicht blieb unbewegt. Kaum daß sich unter den Lidern ein wenig die Augen hoben. –

„Ich erwarte,“ fuhr Sarah fort, „daß du mir den Brief zeigst, den du zur Regelung der Sache an den Urheber augenblicks schreiben mußt, ich werde dann den Brief abschicken. Ich denke, nach dem wirst du dich bei mir entschuldigen. – Dann würde ich die Sache für erledigt erachten.“ –

Renée sah genau Sarahs Gesicht. Eben jetzt kam das heimliche Lächeln, das Sarah manchmal hatte, das nur von den Lippen herrührte. – Sarah sagte: „Andernfalls wird dein Bruder die Angelegenheit mit dir und deinem Manne zu erörtern haben.“

Hier mischte sich Papa hinein. Er beugte sich vor, klopfte mit einer besonders ruhigen Art die Asche von seiner Zigarre und sagte: „Oho, Sarah. Nur nicht gleich so tragisch. Müssen denn immer die Männer wegen solcher Lappalien auf die Beine gebracht werden?“ – Sarah wandte sich herum – eigentlich fuhr sie herum – und sah Papa ins Gesicht.

„Das ist nicht ‚Lappalien‘,“ sagte sie. „Das ist die Hauptsache.“ Sie erhob sich, sie sagte: „Ich überlasse das Weitere deinem Sohne.“ Dann ging sie zur Tür. – Renée sprang auf, im selben Augenblick erhob sich Papa. – „Aber Sarah, bleib mal hier, nicht wahr, und laß uns die Sache ruhig besprechen – schließlich –“

„Ich werde hierbleiben,“ antwortete Sarah. „Aber ich muß an dem festhalten, was ich bereits sagte. Wenn es dir recht ist,“ – Sarah sah mit einem außerordentlich zuvorkommenden Lächeln zu Papa hinüber – „wenn es dir recht ist, so gehe ich ein wenig mit Renée in den Garten so lange. Würdest du mir meine Jacke geben, Renée?“ –

Als Renée mit der Jacke zurückkam, fand sie Sarah und Hannsbabo am Wasser. Sie standen nebeneinander. Es schien, sie sprachen nicht. – Sarah schob ein wenig ihren Arm unter Renées Arm beim Gehen.

Sie waren schon eine ganze Weile gegangen, dann frug Sarah: „Warum sagst du nichts?“ –

„Dieses Ganze bedrückt mich so,“ antwortete Renée. „Ich weiß nicht eigentlich den Grund.“ – „Was ist es? Meine Angelegenheit mit Elisabeth? Aber –“ „Nicht eben das, Sarah. Aber sage mir, wie kommt es, daß diese Sache überhaupt geredet worden ist?“ – Sarah machte ein hochmütiges Gesicht. „Weil sich dein Bruder außerordentlich taktlos verhalten hat,“ sagte sie.

Renée dachte daran, wie sie Hannsbabo heute wiedergesehen hatte, mit diesem Überdruß im Gesicht. –

„Oh. Sarah. Wie ungerecht du bist. Er leidet nicht weniger, weiß Gott, als du.“ – „Ich leide nicht darunter,“ antwortete Sarah. – Renée sah sie an, erstaunt, sah Sarahs ruhiges, gleichmütiges Gesicht. „Mir ist es völlig einerlei,“ sagte Sarah. „Nur – es paßt mir nicht, das Odium irgend einer Handlung auf mich zu nehmen, die ich weder getan habe, noch die zu tun mir irgend eine Annehmlichkeit bedeuten könnte.“ –

„Es paßt dir nicht? Aber du begreifst gar nicht, Sarah. Es ist Hannsbabo, der leidet – und nicht du. Ein Mensch will doch niemals denjenigen, den er liebt, leiden machen. Ich glaube, hassen müßte man alle, die ihn leiden machen. – Oh, und selbst einer zu sein von denen, die ihn quälen – entsetzlich ist das –“

Sarah wandte sich um. – „Kleine Renée,“ sagte sie, „du phantasierst!“ –

„Sag mir doch, Sarah, fühlst du das nicht?“ – „Es gibt viel mehr Versionen der sogenannten Liebe, als du es ahnst,“ antwortete Sarah. – „Aber wenn man doch sieht, daß der andre Mensch leidet – leidet. Wenn man sieht, daß jede Freude, jedes Glück, jedes Lächeln von ihm genommen wird – und bleibt nichts als Bitterkeit.“ –

Sarah und Renée gingen weiter; sie schwiegen beide; auf einmal blieb Sarah stehn, faßte Renée den Armen. – „Meinst du mich?“ sagte sie mit einem bösen, schroffen Ton. „Dich? – ich weiß nicht – ich meine niemand.“

Sarah wandte sich zum Gehen. – „Solltest du mich meinen,“ sagte sie, „so irrst du dich einigermaßen. Du wirst das wohl selber bald einsehn.“ –

Sie gingen zum Haus zurück. –

Als Renée nach einer Stunde etwa zur Veranda kam, war niemand mehr da. Sie fand Papa in seinem Zimmer.

„Es ist eine verteufelte kleine Person, diese Sarah,“ sagte er, „Donnerwetter, die ist dazwischen gefahren! – Und den Jungen hat sie an der Strippe.“ –

„Was ist denn noch gewesen,“ sagte Renée. „Na, sie hat ja nicht so ganz unrecht,“ sagte Papa. „Elisabeth wird fernerhin ihren Mund etwas hüten müssen. Der Viktor ist eben ein bißchen schlapper Kerl. Na – hat Sarah dir sonst noch was anvertraut?“ –

„Nein,“ sagte Renée, „gute Nacht, Papa.“ Sie küßte Papas Stirn. „Gute Nacht, mein Kind.“ –

Elisabeth war von sanfter Güte von nun an gegen die Schwägerin. Es zeigte sich schon am andern Morgen, es zeigte sich vornehmlich darin, daß sie Partei ergriff gegen Hannsbabo. –

Elisabeth und Renée saßen am Kaffeetisch. – Hannsbabo kam. Er sagte kein Wort. Er setzte sich schweigend. – Elisabeth markierte ein verzeihendes Lächeln. – „Kommt Sarah auch schon?“ frug sie. – „Ich weiß nicht“ – „Nun, du hättest doch wirklich einmal nach ihr sehen können, ehe du heruntergingst, ich finde –“

„Laß das alberne Geschwätz,“ sagte Hannsbabo. – Er sah nicht um sich. Er nahm vom Brotteller, was er gerade zu fassen bekam, und fing an es zu essen. – Renée reichte ihm die Butter, er nahm es nicht an, er sagte: „Laß mich in Ruh!“ –

Dann kam Sarah. Elisabeth lief ihr aufgeregt entgegen – dann ging sie hinaus. Man hörte sie Toast bestellen für die gnädige Frau, daß sie ja recht heiß hereinkämen.

Hannsbabo sah gar nicht auf. – Sarah trat an den Tisch, einen Augenblick blieb sie stehn, sah ihn an. Hannsbabo wandte ihr langsam die Augen zu – bewegte nur die Augen. –

Renée fühlte eine atemlose Angst plötzlich – was würde geschehn. Sie murmelte irgend etwas von Schokolade, die Johann wieder vergäße, und lief hinaus. –

Später sah sie Hannsbabo auf dem Balkon sitzen, da wo man ganz weit hinsehen kann über die Fläche des Wassers. Er saß still gegen den hellen Himmel. –

Eine Weile betrachtete ihn Renée. Sie war gar nicht weit, aber er sah sie nicht. Er nahm den Blick nicht weg vom Wasser. Gerade in den Horizont sah er hinein, da wo Wasser und Himmel in einem sanften Grau zusammenkamen. –

Was dachte er wohl? Dachte er an früher? Dachte er jetzt an seine Kindheit – wie Renée es eben tat – seine Kindheit, die mußte viel schöner gewesen sein, als damals, wo Renée klein war.

Für Hannsbabo gab es noch die Mama, die sie die ‚schöne Frau von Catte‘ nannten, die blond war und die so schöne Märchen erzählte. Wenn Renée nachdachte – wie wenig eigentlich wußte sie von der Mama. Glücklich war sie nicht gewesen und so früh gestorben. – – –

Renée dachte: Glückliche Menschen sterben spät, aber wenn Menschen sehr traurig sind, die denken so sehr an den Tod, bis er da ist. Ob solche Menschen lächeln, wenn sie sterben? Ob das möglich war, das Ende aller Dinge anzunehmen mit Lächeln? –

Renée ging durch den Garten. Von dem großen Strauch an der Gartentür nahm sie ein paar Rosen mit. Still war der Kirchhof unter der mittaglichen Glut. Über den ältesten Gräbern standen schöne Steinkreuze, vom Regen gedunkelt, und manchmal waren Feuerlilien darauf gepflanzt – dicht standen sie an so einem verdunkelten Kreuz. Aus einem steilen Hügel ohne Stein stieg ein Lebensbaum auf, tief und schwarz.

Hinter der Kirche lagen die Gräber der Cattes. Eine Weide stand darüber und hing ihre Zweige tief hinunter, breitete ihre silbernen Zweige aus über dem Efeu der Gräber. Renée nahm einen dürren Kranz fort und legte ihre Rosen hin, wo geschrieben stand: ‚Ursula Elisabeth Renée von Catte‘. –

Sie legte die Rosen auf ihren eignen Namen da auf dem Stein. – Hier war nur wenig Raum. Renée dachte: Man muß dann das Gitter größer machen, wenn wir da liegen sollen, dann wird mehr Platz unter dem Flieder – das schöne, feine Gitter mit den gekreuzten Pfeilen. –

Was bedeutete das denn – vielleicht Schmerzen, wenn einer jung sterben mußte. –

Ach, nicht doch. –