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Das Leben der Renée von Catte

Chapter 2: Die kleine Renée lag im Bett und horchte auf
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Die kleine Renée lag im Bett und horchte auf das Quaken der Frösche unten am See. Der Mond schien herein – jetzt war er auf ihrer Hand, nun auf der Erde. In der Zimmerdecke war auch ein Mond, ein gemalter mit gelben Strahlen – oder vielleicht war es eine Sonne. Er hatte ein Gesicht, und aus seinem Mund hing der Kronleuchter heraus mit sechs Kerzen. Die kleine Renée war ein wenig traurig. Es war, weil die Frösche quakten und weil Uncas nicht mehr lebte. Uncas war ein Hund, aber er hatte die schönsten Augen gehabt – gelb mit blau innen. Und Renée liebte niemanden mehr. Sie dachte daran, wie sie mit ihm auf Froschjagd gegangen war, und er hatte die Frösche in die Luft geworfen und wieder aufgefangen – so lustig, wie das aussah. – Wie Renée so nachdachte, wurde sie immer trauriger, dann fing sie an zu weinen.

Montag vor vier Wochen war Uncas gestorben. Sie sagten: „Er hat sich heiß gelaufen, und dann ist er ins Wasser und hat den Schlag bekommen.“ Sie sagten: „Du weißt doch Renée, Menschen sterben auch davon.“ Renées Papa kam und streichelte sie und sagte: „Weine nicht, mein Kind,“ und Papa sah ganz verstört aus. Und ihre große Schwester nahm sie auf den Schoß. Ja – sie waren alle freundlich zu Renée, als es geschehen war. Ihr fiel ein, wie sie damals geweint hatte den ganzen Tag und ein bißchen in der Nacht. Es war anders gewesen als gewöhnliches Weinen, es hatte wehe getan nahe am Herzen. – Renée dachte: Hätte Papa mich nur mitgenommen auf Jagd, dann hätt’ ich den Uncas schon weggeholt vom Wasser.

Nun gab es niemanden mehr.

Der Mond kroch über die Bettdecke und kam auf den großen Tisch. Renée lag wieder im Dunkeln und sah etwas stehn hinter dem Tisch, das lang und schwarz aussah; es pendelte hin und her mit einem weißen Ding, und das Ding war eine Hand. Renée schrie. –

Es war doch nichts. Es war nur, weil der Mond gerade durch den Ahorn schien, und dann wippten die Blätter hin und her – das weiße Ding war gar nichts –.

Renées Erzieherin konnte nicht ordentlich rechnen. Renée hatte gehört, wie Papa es zu ihrer großen Schwester sagte. Darum kam heute der Kantor. Der Kantor hatte ein fettiges Gesicht und gräßlich viel Pickel. Seine Manschetten rutschten aus dem Ärmel und waren von Gummi. Er nannte Renée ‚na kleines Fräulein‘ und grinste dabei.

Fräulein von Altmann saß am Fenster und häkelte. „Also was macht das nun, ein Halb mal ein Viertel?“ frug der Kantor. Renée sagte: „Zwei.“ Der Kantor grinste und wartete. Es schien also falsch zu sein. Renée sah heimlich nach Fräulein von Altmann, ob die es wohl wußte. „Nun – nun?“ Renée sagte: es wäre wohl vier! „In Groß-Gehren macht es ein Achtel,“ antwortete der Kantor. Fräulein von Altmann lachte, und dabei wußte sie es doch auch nicht und konnte nicht mal ordentlich rechnen. – Manchmal war der Kantor ganz nett. Renée hätte überhaupt lieber ihn gehabt als die Altmann. Renée wäre überhaupt lieber ein Junge gewesen. Und Jungs hatten immer Hauslehrer.

Es gab eine Photographie, auf der Renée aussah wie ein Junge. Sie hatte ihres großen Bruders Kürassiermütze auf und eine Matrosenjacke. Sie zeigte das Bild und sagte: „Es ist mein Vetter Eberhard.“ – Renée hatte sich den ‚Vetter Eberhard‘ ausgedacht. Sie war es selber. Ganz für sich allein. Wenn Papa sie mit dem Ponywagen nach Haus schickte. Sie dachte: Papa setzt Vertrauen in mich. Sie durfte fahren, wenn Papa drin saß. Das war auch ‚Vertrauen‘. Dann vermied Renée sorgfältig die Steine und Baumwurzeln, und wenn Papa ausgestiegen war, unternahm sie Wegebesserung. Sie schleppte Steine zusammen und tat sie in die Löcher und Wagenspuren, und dann kam Sand und Lehm darauf. Wenn sie fuhren, guckte Renée nach dem Wild. Einmal war ein Bock. Renée sah ihn zuerst. Renée zupfte Papa am Ärmel und hielt vor Schreck den Pony an. „Da ist ein Bock!“ – „Fahr weiter – langsam,“ befahl Papa. Dann spannte er den Hahn, kletterte ganz vorsichtig aus dem fahrenden Wagen und stapfte hinterher. – Renée zitterte vor Aufregung, sie hielt den Kopf geradeaus und schielte so gut es ging schräg nach dem Bock hinüber – Herrgott, wenn Papa schoß, wenn der Pony – bumm – Renée fuhr zusammen und riß den Pony ins Maul. Der machte drei Sprünge, schlug einmal seitwärts aus, dann blieb er stehen. „Schöner Blattschuß,“ rief Papa, dann schleppte er den Bock heran. Renée freute sich, ja aber eigentlich tat es ihr doch gräßlich leid.

Papa war ausgestiegen. Renée stand mit dem Pony allein mitten im Wald. Einsam war das. Die großen Kiefern knackten. Renée wartete, man konnte sich ein ganzes Leben ausdenken währenddessen mit vielen traurigen Dingen, und man konnte kleine schwermütige Lieder vor sich hinsingen, ganz leise, während der Pony das Gras abzupfte. Ab und zu schüttelte er ingrimmig den Kopf. Dann rief Renée ihn an und kam und verjagte die Fliegen.

Renée legte den Kopf weit hintenüber und sah in die Kiefernkronen. Kleine Stückchen vom Himmel kamen zum Vorschein, blaue oder schwärzliche. Waren sie schwarz, dann schlug der Pony arg nach den Fliegen wegen der Schwüle. Der Wagen ruckte, das fuhr mitten hinein in Renées Gedanken. Renée dachte: ob man immer so gräßlich allein sein muß. Aber Elisabeth hatte doch Freundinnen, die kamen manchmal zu Besuch im Sommer, und Hannsbabo hatte Freunde, die brachte er mit zu den Jagden; Renée dachte: Ich habe keinen. Sie wurde sehr traurig, das zu denken; auf einmal schien es ihr, als müsse jeder Mensch einen Freund haben, einen ganz für sich allein, und nur Renée hatte keinen.

Renée dachte: Wenn man den hat, der ist immer gut und man ist auch immer gut und verteidigt ihn und gibt sein Leben für ihn. Es war schön, das zu denken, denn das Leben hat doch viel Wert und die Menschen mögen gar nicht gern sterben. – Ob Papa endlich zurückkam? Renée stieg auf den Sitz und hielt Umschau mit dem Feldstecher – ganz weit unten am Graben hinter den drei Birken ging Papa hinter einem Mann her. Renée hatte große Angst. Wenn nun der andere Mann Papa etwas täte? Und die Büchse hatte er im Wagen gelassen –.

Dann winkte Papa. Er winkte, indem er mit dem Arm wie eine Windmühle ringsherum fuhr. Renée zerrte den Pony von seiner Grasweide fort und fuhr los. Als sie ankam, sprach Papa mit dem Mann. Und überhaupt war es der Hofmeier. Sie fuhren nach Haus. –

Renée mußte immer wieder daran denken, daß sie keine Freundin hatte. Und es war doch so ein gutes, liebes Wort. Es wurde einem zärtlich dabei zumute. Sie wollte eine Freundin haben. Ganz gewiß. Schon um die ‚Lange‘ zu ärgern. Fräulein von Altmann sagte: „Natürlich hast du ja auch keine Freundin, weil du so ungezogen bist.“ Das ärgerte doch Renée, das mochte man doch nicht hören. –

Renée stand auf einem Stuhl in der Kutscherstube und nagelte Ansichtskarten an die Wand. Wöhler stand unten und hielt den Stuhl fest. Wenn Renée in die Stadt kam, kaufte sie Karten, auf denen ‚schöne Frauenköpfe‘ waren. Wöhler sagte: „Sone hab ich gern.“ „Fährt Herr General heut aus?“ frug Wöhler. Renée besann sich: – „Nein, heut nachmittag kommt der Mann, der die Wiesen nicht verkaufen will.“ „Er würde schon, er hat man Angst. Die Gemeinde würde ihm kommen, wenn er verkaufte,“ sagte Wöhler. Dann grinste er. „Ich hätt’s schon anders gemacht.“ „Was hätten Sie denn gemacht, Wöhler?“ fragte Renée – gewiß, Wöhler hätte es furchtbar schlau angefangen. „Ach, wenn Herr General mir beauftragt hätte, –“ sagte Wöhler. – Also Papa fuhr nicht aus. Dann konnte doch Renée den Pony mit in die Schwemme reiten. Wöhler hob sie herauf, schon ein bißchen Senkbuckel hatte der Pony. Aber es saß sich gerade sehr gut darauf; – der Pony patschte langsam vorwärts, blieb stehen, schnaufte und steckte die Nüstern ins Wasser – Renée ritt im Kreise vorn, wo es seicht war, und manchmal wurden ihre Schuh ein bißchen naß, und das war so aufregend. Bei Tisch sagte Renées große Schwester: „Renée müßte wirklich mehr mit ihresgleichen zusammenkommen. Das geht nicht so weiter mit dem ewigen Im-Stall-hocken.“ Dann erklärte Elisabeth, daß Papa für Renée eine Cousine einladen wolle. –

Die Cousine war da, und nun versuchte Renée es gleich mit Eifer. Aber dann zeigte es sich, daß es etwas schwierig war. „Soldaten ist ein albernes Spiel,“ sagte die Cousine, „und wenn dein König immer meinen heimlich gefangen nimmt, mag ich nicht,“ sagte die Cousine. Renée dachte: sie ist so pimpelich, und natürlich geht es besser mit Puppen. Es ging auch. Man konnte Papierpuppen spielen. Es war eine wundervolle Sache, wie schön man das konnte. Einer sprach für den Mann und der andere für die Frau, und es gab Eltern und Familien. Und wenn die Eltern nicht die Heirat zugeben wollten, dann erschoß sich der Mann. Aber manchmal sagte die Cousine hinterher, es wäre doch nicht tödlich gewesen. Dann lebte der Mann wieder.

Nun kam die Cousine mit auf die Ponyfahrten. Und wenn Papa ausgestiegen war, hockten sie sich ganz dicht zusammen und spielten das neue Spiel mit den Papierpuppen. Es war schön und wild und traurig und furchtbar geheimnisvoll. Es wurde weitergeführt durch ganze Generationen. Renée zeichnete dafür einen Stammbaum auf einem großen Blatt genau so wie der in der Chronik der Cattes – und es gab Vornamen, die immer wieder der älteste Sohn tragen mußte. So kam es, daß Renée die Dinge, die wirklich waren, ganz vergaß, und darum dachte sie auch nicht mehr an das mit der ‚Freundin‘. Einmal fiel es ihr ein; Papa hatte sie beide mit dem Pony nach Haus geschickt, und sie saßen hinten auf den Kutschersitz geklemmt, während der Wagen leer war. Renée sagte: „Hast du eine Freundin?“ „Nein,“ sagte die Cousine. Renée machte eine Pause – „nämlich die eklige Altmann sagt, es wäre, weil ich ungezogen bin. Sie lügt. Sie will mich bloß ärgern.“ Die Cousine sagte: „Ja.“ „Willst du mit mir Freundin sein,“ frug Renée. Da nickte die Cousine. Renée sagte: „Gib mir also ’n Kuß.“ Sie bemühte sich, daß es recht gleichgültig klingen sollte, sie dachte: es gehört dazu, es muß so gemacht werden – nur sie genierte sich ein bißchen.

Dann sah Renée bald, daß es hübsch war, eine Freundin zu haben. Man war auf einmal zu zweit. Man konnte die Lange doppelt ärgern zu zweit. Man konnte vor Lachen ersticken zu zweit bei Tisch. Renées große Schwester räusperte sich, dann sagte sie tadelnd: „Kinder, seid doch nicht so maßlos albern.“ Daran sahen Renée und die Cousine sich an und pruschten von neuem. Die Lange bekam einen rosa Fleck an der Spitze ihrer Nase und sagte: „Still, Renée, sonst erhältst du keine süße Speise.“ Renée sagte: „Ist mir ganz wurscht!“ Wenn es bei diesem Punkt angekommen war, hob Papa den Kopf und sah Renée an. Seine Augen rollten und waren zweimal so groß als für gewöhnlich – Renée sah eigensinnig gerad in die rollenden Augen hinein. Aber sie schwieg, und sie fühlte ihr Herz klopfen.

Ein bißchen unheimlich war Papa überhaupt. Aber er war doch ‚ihr Papa‘, und sie glich ihm im Gesicht. Elisabeth glich ihm nicht. Renée dachte: vielleicht ist Elisabeth gar nicht eine richtige Tochter von Papa. Er hat sie auch nicht besonders lieb. Aber Elisabeth wurde immer gelobt, wenn andere Leute da waren. Die alte Tante aus Pritzwalk hatte gesagt: ‚Elisabeth ist Renée eine zweite Mutter.‘ Aber das ärgerte Renée. Da hing ein Bild von Mama im braunen Zimmer zwischen den Fenstern. Stille, helle Augen hatte Mama gehabt und ein sehr schmales Gesicht. Sie hatte blondes Haar gehabt und einen feinen, anmutigen Mund. Elisabeth sah ganz anders aus. Sie war gar nicht schön, und Mama hatte doch ‚die schöne Frau von Catte‘ geheißen. Renée dachte: gewiß gleicht ihr Hannsbabo, der große Bruder. –

Renée hatte ein blaues Heft, darin standen Nummern – da war Nummer eins Hannsbabo, Nummer zwei Papa, Nummer drei Wöhler und so weiter. Sie änderte es manchmal, aber Wöhler war doch mindestens Nummer drei. Wöhler war ein famoser Kerl. Wenn sie Hechte angelten und Renée wollte immer zu früh herausziehen, als ob Wöhler da nur muckste. Er wartete, bis das Floß ein paar Minuten unsichtbar war, er sagte: ‚he möt erst festseten.‘ Renée war zu dumm – immer riß sie zu früh heraus, und dann ließ das Biest los und hopste wieder ins Wasser. – Renée konnte viele Stunden lang da am See sitzen, dann dachte sie so vor sich hin, und wenn sie wieder hinsah, steckte die Angelrute mit der Spitze im Wasser, als ob das die Fische nicht merkten! Renée angelte – aber manchmal schlief sie ein wenig dabei – wenigstens dachte sie an ganz andere Dinge. – Daß es wirklich Züge gab, die einfach so von Berlin bis nach Palermo fuhren. Palermo war auf einer Insel und man konnte hinkommen, ohne umzusteigen. Den Zug hatte Renée einmal gesehen auf dem Bahnhof, von außen war er braun und innen war er mit Lederwänden und Gold und Spiegeln. –

Renée saß im Kahn und patschte mit dem Ruder. Dieser Kahn hieß Äppelfuhre, und es gab noch ein weißgestrichenes Kielboot außerdem. Die Cousine hielt Renées Angel, und alle zwei Minuten zog sie daran, um zu sehen, ob ein Fisch anbisse. Natürlich biß keiner an. Renée sagte: „Möchtest du Weltreisender werden?“ Die Cousine lachte. „Wieso denn?“ Renée dachte gerade an den Expreß nach Palermo. „Dann reist man immerzu mit Expreßzügen Tag und Nacht durch. Man wohnt richtig darin.“ „Das könnte ich nicht,“ sagte Felicitas. „Weißt du“ – Renée patschte mit dem flachen Ruder auf das Wasser – „weißt du, dein Name ist so dumm. Ich werd dich Fly nennen. Das ist von einem englischen Gedicht. Ich könnte dich auch Fee nennen. Aber so heißt ein Pferd von Hannsbabo. Also geht es nicht.“ – Fly machte ein pikiertes Gesicht. „Übrigens, Hannsbabo ist riesig schick,“ sagte Fly. „Unsinn, er ist viel mehr als so was Dummes,“ sagte Renée, „und ich habe ihn furchtbar lieb.“

Fly war zwei Jahr älter als Renée. Fly trug Hutnadeln. Renée dachte: Wie man es nur macht, daß es nicht in den Kopf geht? –

Am Sonntag kam Hannsbabo. Und Renée durfte ihn von der Bahn abholen. Als der Wagen aus dem Dorf heraus war, stieg Renée auf den Bock und kutschierte. Wöhler hielt bloß die Zügelenden. Sie sprachen von Hannsbabo. Wöhler sagte: „Der Herr Leutnant hat’s schwer, sag ich immer. Herr General hält ihn zu knapp, und das tut nicht gut in so einem feinen Regiment. Ich hab’s zu Herrn General gesagt, der wollte man nicht hören. Herr General, hab ich gesagt, als er ihn bei die Kürassiere brachte, das war zu unsre Zeit eben anders. Bei die Gardekürassiere braucht einer seine zehn- bis zwanzigtausend.“ – Renée war ganz betreten von dem vielen Gelde und ob denn Hannsbabo wirklich so viel brauche. – Wöhler zuckte die Achseln. „Herr General sagt, da täten sechse langen,“ antwortete er, „da soll er man zusehen.“ Irgendwo im Dorf kläffte ein Hund. Der Wallach machte einen Satz, die Stute kniff die Zügel unter den Schwanz und quiekte.

Renée hielt, so fest sie konnte.

Als Wöhler die Füchse wieder zurecht hatte, riß er sie nochmal ingrimmig ins Maul und brummte: „Nich mal besprechen kann man sich bei sone Biesters.“ – Am Bahnhof kam der große Bruder Renée entgegen. Er strich ihr übers Gesicht mit der Hand und zog an ihrem Haar. „Natürlich hast wieder mal ne Mütze auf, du Bub,“ sagte er. „Es drohte doch so mit Regen.“ Hannsbabo lachte. Renée saß sehr stolz neben dem großen Bruder. Sie schielte heimlich nach den Leuten, ob sie ihn auch recht ansahen. „Der Mann im Kolonialwarenladen hat gesagt: Kommt der Herr Leutnant nicht bald mal wieder,“ erzählte Renée „Er sagt: Mir macht’s immer Freude, wenn ich den Herrn Leutnant seh.“ Das erzählte Renée sehr stolz. Der große Bruder lachte. Er sagte: „Der olle Heringsbändiger,“ und dann sagte er noch, solche Leute wären immer ganz futsch, wenn sie zweierlei Tuch sähen. – Während der Fahrt betrachtete Renée ihren Bruder heimlich von der Seite. Sie fand, daß er traurig aussah.

Einmal zog er plötzlich etwas aus der Tasche und zeigte es Renée. Es war die Photographie einer Frau als Page verkleidet. Es gefiel Renée. Sie frug: „Wer ist es?“ aber der große Bruder legte die Finger an die Lippen und antwortete nicht. – Dann erzählte er eine Menge lustiger Geschichten und daß der Kommandeur wohl bald abgesägt würde, so ein Greis der nur gezwungen auf ein Pferd stiege. Und er sagte, daß er jeden Abend in ein und dasselbe Theater ginge, und da sähe er die schöne Frau von der Photographie, und er nähme Renée mit, wenn sie groß wäre.

Am Abend hörte Renée laute Stimmen in Papas Stube. Sie schlich sich an die Tür. Papa lief hin und her im Zimmer, wie er tat, wenn er böse war, und manchmal blieb er stehen und schlug dröhnend auf den Tisch. Und sehr selten dazwischen hörte Renée ihren Bruder sprechen in ruhigen, kurzen Sätzen. – Sie lief in den Garten, wo der große, weiße Mond über dem See war, und als sie da lange gestanden hatte, fing sie an zu weinen. Es kam vom Mond und vom Abend und weil Hannsbabo so viel Kummer hatte.

Hannsbabo fuhr bald wieder fort. Er kümmerte sich um niemanden in den Tagen, er lief nur so im Garten herum oder im Wald. Aber Renée merkte, daß er traurig war.

Dann frug sie Elisabeth: „War Papa schlecht gewesen gegen Hannsbabo?“ Elisabeth sagte: „Bewahre. Es gibt eben manchmal Meinungsverschiedenheiten, und Hannsbabo wird schon einsehen, wenn er einmal reifer geworden ist, wird einsehen, daß Papa recht hat.“ Renée sagte: „Papa ist immer gleich so bös und so laut und das verträgt Hannsbabo nicht. Wenn Mama noch lebte, dann wäre es besser für Hannsbabo.“ Elisabeth zuckte die Achseln. – „Wie du altklug daherredest,“ sagte sie. Sie sagte auch noch, daß es sehr unschicklich sei, derartige Urteile über seinen eigenen Vater zu fällen und daß Renée sich dessen enthalten müsse. Renée sah ihre Schwester an, wie sie während dieser Reden die Oberlippe auf der Unterlippe herumschob, gerade als ob sie kaute, und Renée mußte lachen. Es schien, daß Elisabeth sich sehr darüber ärgerte. –

Fly – eigentlich war Fly etwas langweilig. Sie saß im Kahn und las: ‚Trotzige Herzen‘. Das war gerade eins von den Büchern, die Renée gräßlich ärgerten. Wo immer die Leute sich unsinnig liebten und aus lauter Trotz stumm aneinander vorbeigingen. Fly fand das ‚mystisch‘. Fly sagte: „Ach Gott, sie lieben sich so rasend, und dann sprechen sie es erst auf dem Totenbett aus –“ Renée lachte: „Das ist doch furchtbar albern von ihnen,“ sagte sie, „wenn sie sich lieben, können sie doch den Mund aufmachen.“ Fly meinte: „Ach, Renée, du hast ja gar kein Verständnis für diese, die es immer nicht eingestehen will und zu stolz ist, um sich hinzugeben.“ Renée ärgerte sich, und überhaupt war es Quatsch, was Fly redete. Fly war langweilig und dann war es einsam. Renée lief durch den herbstlichen Garten und weinte, obwohl gar kein Grund war. –

Der neue braune Jagdhund im Stall, der war nicht schön. Er verstand von nichts. Er hopste so dumm an jedem hoch und wedelte, während Uncas sich seine Leute erst angesehen hatte. Was sollte Renée tun den ganzen Tag? Sie saß bei der Angel und sah auf das kleine, rote Floß. Wenn Sonne war, unterschied man deutlich die Fische, und dann hielt Renée ihnen den Köder ganz dicht hin, so daß sie daran stießen. Wenn einer festsaß, dann schrie sie nach der Köchin. Sie konnte keinen Fisch anfassen. Es war furchtbar zimperlich, daß sie es nicht konnte, aber die Fische rochen so ekelhaft. –

„Hannsbabo hat ein Kommando nach Washington bekommen,“ sagte Papa bei Tisch. Renée frug: „Wie lang fährt man da hin?“ Papa sagte: „Acht Tage, mein Kind, mit einem großen Ozeandampfer.“ „Gibt es da auch einen Kaiser?“ „Nein,“ sagte Papa. „Die Vereinigten Staaten haben republikanische Verfassung. Das könntest du auch wirklich wissen.“ – Elisabeth machte ein befriedigtes Gesicht. Sie sagte: „Weißt du, Papa, ich erhoffe mir wirklich Gutes daraus für Hannsbabo.“ Papa sagte: „Ach Unsinn. Zu meiner Zeit trieben sich Kavalleristen nicht mit so albernen Kommandos in der Welt herum. Aber heutzutage ist der Frontdienst ja nicht bequem genug für die jungen Herren, da wollen sie lieber in Amerika Briefmarken aufkleben.“ – „Wieso Briefmarken?“ frug Renée. Papa lachte. „Na – du klebst doch auch so gern Briefmarken,“ sagte er.

Nun war Fly wieder fort. Nicht daß Renée Sehnsucht hatte nach ihr. Bewahre. Aber es war gut, daß Fly dagewesen war. Denn wenn die Altmannsche anfing: „Natürlich hast du keine Freundin ...“ dann sagte Renée: „Das ist nicht wahr, Fly ist meine Freundin.“ „Ich wollte, du nähmest dir dann wenigstens ein Beispiel an Fly,“ entgegnete die Altmann spitzig. Renée haßte ‚Beispiel nehmen‘. Alle Leute wurden einem verleidet damit. Das war das Ganze. Man konnte nachher die ‚Beispiele‘ nicht mehr leiden. –

Hannsbabo kam zum Adieusagen. Er war in Zivil; einen wunderschönen Schlips von lila Seide hatte er und ein goldnes Armband. Renée frug: „Wann kommst du wieder, Hannsbabo?“ Er sagte: „In ein paar Jahren.“ „Dann bin ich schon erwachsen, und dann mußt du auf Bällen mit mir tanzen.“ Hannsbabo küßte Renée. „Ich wollt, ich könnte dich mitnehmen, kleiner Bub Renée. Willst du denn durchaus so was werden, was man eine junge Dame nennt?“ „Ach; so was Affiges werd ich doch nie, Hannsbabo.“ Dann sagte Renée: „Hast du das Bild noch in der Tasche?“ Hannsbabo zog es vor aus seiner Brieftasche und lächelte, während er es ansah. – „Sie wollte nicht mit mir fortgehen, mein kleiner Bub Renée. Ich hätte sie schon gern mitgenommen.“ „Wer ist es denn?“ Hannsbabo stieß einen kurzen Ton aus – wie ein Lachen, das er eigentlich nicht haben wollte. „Es ist eine junge Sängerin,“ sagte er, „ich liebe sie.“ „Heiratet ihr euch nicht, Hannsbabo?“ Hannsbabo sagte: „Nein – nicht.“ –

Sie gingen zusammen zurück zum Haus.

Hannsbabo rupfte Blumen, wo sie vorüber gingen und warf sie zur Seite und spielte mit seinem Armband. Renée frug: „Aber warum heiratest du sie nicht?“ – Die anderen Erwachsenen, – so dachte Renée – würden jetzt sagen: Das verstehst du nicht – was wohl nun Hannsbabo sagen würde. – Hannsbabo streichelte Renées Haar: „Mein kleiner Bub Renée –“

Nach vierzehn Tagen kam eine Karte von Hannsbabo. Es kam von New York und es war eine große Brücke darauf abgebildet. Er schrieb, daß es sehr hübsch sei drüben, und es gäbe Häuser mit dreizehn Etagen. –

Papa hatte einen Brief bekommen. Bei Tisch sagte er zu Renées großer Schwester: „Na, gottlob scheint er sich ja beruhigt zu haben.“ Elisabeth lächelte dazu; sie sagte: „Er wird schon Vernunft annehmen.“ Renée hörte es. Renée dachte: Er hat die Frau doch lieb – – und gewiß hatte Hannsbabo es niemandem gesagt als ihr. –

Als Renée älter war, fiel ihr manchmal dies oder das ein, ein Wort oder ganze Sätze und Geschehnisse. Auf einmal verstand sie das. Es war so, als ob es in der Schublade gelegen hätte, wo nichts herankam, und wenn Renée die Schublade aufzog, dann verstand sie. Die Erwachsenen hatten das Kind gar nicht beachtet, und das Kind wurde groß und beachtete die Erwachsenen und begriff. Renée dachte: Elisabeth tut, was sie will. Sie ist gar nicht so brav, nur sie tut alles hinter Papas Rücken. Als Papa das nicht wissen sollte, daß der Kutscher zu der Köchin eingestiegen war in der Nacht, da hat sie ihm die Kratzen an der Mauer direkt gezeigt – schlau ist sie, dachte Renée – sie hat dann gesagt, Karo wäre immer da hochgesprungen. Aber Karo hatte das noch nicht einmal getan.

Wenn etwas geschehen war, das Papa ärgerte, dann erzählte Elisabeth es so, daß es sich ganz wohlgefällig ausnahm; und dann war so was doch eine Lüge. Eigentlich sicher – dachte Renée. Denn was war lügen? Wie kam es? Man tat es meist aus Angst. Aber dann dachten die Leute auch, man täte es, wenn man es gar nicht tat. Immer wenn sie Renée irgend etwas aufhalsten, was sie nicht schuld hatte, dann glaubten sie, daß Renée löge. Und wenn man sich verteidigte, dann schrieen sie: ‚Sie macht das Verbrechergesicht‘. Und es war doch bloß, weil sie Renée ungerecht beschuldigten. Und dann wurde doch jeder Mensch böse. Manchmal stellte sich Renée vor den Spiegel – sie wollte sehen, wie das aussah, was sie Verbrechergesicht nannten. Sie tat es lange und oft. Aber nur heimlich, wenn niemand dabei war. Denn sonst war es eitel.

Wie sah sie aus: ihre Augen waren groß und rund, von graugrüner Farbe, hatten lange Wimpern und breite dunkle Brauen. Ihre Nase war ein wenig klein: ‚die kleine, dumme Nase‘, sagte Hannsbabo manchmal. In die Stirn fiel ihr eine Strähne Haar. Das gefiel Renée. Wenn nur ihr Haar ein bißchen lockig wäre wie das von Fly, wenn es nicht so ganz hart und grob wäre. –

Im Winter kam Renée in die Schule.

Man brauchte sich doch gar nicht weiter zu fürchten vor der Schule. Die andern wußten auch nicht viel mehr als Renée. Und die Lehrerin schimpfte abwechselnd, so daß sie schließlich die Reihe herum kam. Sie sagte: „Setz nicht immer ein so impertinentes Gesicht auf, Renée von Catte.“ „Das tu ich gar nicht“ Die Lehrerin schrie: „Du tust es wohl, du tust es mit Absicht.“ Anscheinend ärgerte die Lehrerin sich recht. Natürlich konnte man nun oft das Gesicht machen, damit sie sich ärgerte. –

Fly war da. Papa hatte sie eingeladen für den Winter. Fly war schon sehr erwachsen, und Renée fand, sie trug so affige Kleider, daß sie gar nicht mehr nett aussah. Und immerzu redete Fly von Männern. „Weißt du,“ sagte Fly, „mein Marinefähnrich ist goldig. Du müßtest ihn sehen. Übrigens sagt er, Hannsbabo hätte riesige Schulden, darum ginge er nach Amerika.“

Beinah kamen Renée die Tränen. Sie ärgerte sich. Wie dumm und empfindsam sie war. „Dein Fähnrich ist ein ganz alberner, grüner Bengel,“ schrie sie, „Hannsbabo war’s zu langweilig hier, und darum ist er fort nach Amerika. Du bist eine Gans.“ Fly sagte: „Gott, Renée du bist immer gleich so ausfallend.“ „Na ja, aber seitdem du für Männer schwärmst, quatschst du so viel,“ antwortete Renée. Fly lächelte. Renée aber beschloß, es wäre nun aus mit dieser Freundschaft. –

Die Schule war fein. In den Stunden mit der Altmann war es gräßlich langweilig gewesen. Man hatte verschlafen nach dem Gekräh der Hähne gehört – und stundenlang war da diese trockene, quietschende Stimme von Fräulein von Altmann. Renée erinnerte sich so genau. In der Schule mußte man aufpassen, und außerdem konnte man schwätzen oder Zettel schreiben und sowas, wenn man nicht aufpassen wollte. Schlafen brauchte man deshalb noch lange nicht. In den Pausen gingen zwei und zwei zusammen herum, bis es klingelte. Aber erst stand Renée immer allein, denn sie genierte sich so. Aber mit einer wäre Renée gern gegangen. – Sie war blond und sah sehr stolz aus. Renée schwärmte für sie, so wenigstens nannten es die andern. Edelgard hielt sich ein wenig fern von den andern, aber sie war sehr geachtet und wurde immer zu Rate gezogen, wenn es irgend etwas gab. Wenn Renée zur Schule ging morgens, dann wartete sie immer an der Brücke: dort mußte Edel vorüber. Renée sah den Weg herunter, und wenn sie Edel kommen sah – wie leicht sie Edel erkannte – dann kam eine Unruhe über sie, und auch ihr Herz begann zu klopfen. Grade wie ‚schlechtes Gewissen‘ fühlte das sich an. – Und wenn sie Edel auf der Straße begegnete, dann war es auch so und eigentlich noch mehr, und Renée wurde dunkelrot und neigte den Kopf ganz tief beim Vorübergehen. –

Was war das nun? Ob es dasselbe war wie mit Flys Marinefähnrich? Renée würde Fly einmal ausfragen. – Fly sagte: „Weißt du, ich nehm dich einfach mit, wo wir uns treffen.“ „Wo ihr euch trefft?“ Fly lachte überlegen. – „Allerdings. Aber dein Ehrenwort, daß du nicht petzt.“ „Nein, das tu ich bestimmt nicht.“ Fly sah sich vorsichtig um. – „Also morgen hab ich Kunstgeschichte im Museum. Da kommt er um zwei hin. Es fängt nämlich erst um drei an. Da merkt es doch kein Mensch. Man sieht nie jemand Bekannten im Museum.“

Sie fuhren zum Museum. Sie sollten zwar eigentlich gehen, weil es gesunder war, aber so sparte man Zeit. Renée ging hinter Fly her in das große Tor hinein. Ob nun Fly dies hatte, was vom Schwärmen kam – die Unruhe und das Klopfen? Fly ging seelenruhig auf den Marinefähnrich los, und der küßte Fly die Hand und überreichte ihr ein Veilchensträußchen. Und dabei wurde er dunkelrot. Fly wurde auch schließlich rot. Aber lange nicht so sehr. – Es war doch noch anders als mit Edel, fand Renée.

Renée machte ein Gedicht. Es war in der französischen Stunde. Dort ging es am besten, denn Monsieur kümmerte sich nicht darum, was man tat. Das Gedicht fing an: ‚Die Sonne küßt dein goldenes Haar‘. Wenn man doch Edel einmal küssen könnte. O, wie schön das wäre. Am besten, ohne daß sie es merkte. Aber das ging nicht. Oder ob Renée Edel bitten konnte? Nein, nie konnte sie so etwas tun. –

An den Abenden saß Renée am Fenster, sah den roten Schein vom Sonnenuntergang und dachte sich Geschichten aus. Meist kam Edel darin vor. Und es war irgend ein Unglück. Dann kam Renée und rettete Edel und mußte daran sterben. Sie konnte den ganzen Tag ihre Gedanken damit ausfüllen.

Zu Haus war man Edel nicht sonderlich wohlgesinnt. Elisabeth sagte: „Dies ewige überspannte Gequatsch von der Edel.“ Papa schalt über das viele Auslaufen. Aber Renée ließ sich gar nicht davon abbringen. Bewahre! Wenn es ihr doch Freude machte! Sie stand früher auf morgens, und holte Edel ab zur Schule, und sie brachte Edel heim, und sprang schnell auf eine fahrende Elektrische, um zeitig zurückzukommen. Und es war ein sonderbar unruhiges Gefühl dabei. Weil es ein bißchen gefährlich war, auf fahrende Bahnen zu springen. Aber zu Haus merkte es niemand, und Gefahr war sehr gut, wenn man jemanden lieb hatte.

Einmal stand Renée in der Garderobe und zog ihren Mantel an. Sie hörte hinter sich Edel sprechen. Renée stand ganz still. Edel also lud eine von den andern ein zum Sonntag um vier Uhr. Renée wartete. Dann trat Edel neben sie. „Willst du Sonntag um vier zu mir kommen?“ frug Edel. Renée nickte. Sie konnte nichts sagen. Sie konnte nicht – aber Edel schien auch nichts weiter zu erwarten. – Und nun ging es so langweilig langsam bis Sonntag.

Bei Edel gab es sehr viel Kuchen und nachher Sekt. Es war furchtbar fein, fand Renée, denn Elisabeth gab immer bloß so was, was Kinderbowle hieß und gräßlich schmeckte. Nachher tanzten sie. Natürlich hätte Renée Edel gern aufgefordert. Aber sie konnte nur als Dame tanzen. Zu dumm. Aber auch das konnte sie eigentlich recht schlecht. Und sie genierte sich. So kam es, daß sie immer bloß herumstand. Dann kam Edel. Sie sagte: „Wollen wir tanzen?“ „Aber ich kann gar nicht.“ Edel sagte: „Ach, das wird schon gehen.“ Dann tanzten sie. Sie hörten ziemlich bald wieder auf. –

Zu Hause sagte Renée: „Papa, ich möchte Tanzstunden haben.“ Papa murmelte irgend etwas, ob denn etwa der Blödsinn jetzt bereits losgehen solle. Elisabeth sagte: „Ach, Papachen, es wäre eigentlich sehr gut. Renée ist zu tollpatschig.“ Also erlaubte Papa. Seinetwegen könnten sie aufstellen, was sie wollten, – ihm sei die ganze Affäre zuwider. –

Renée sehnte sich – vielleicht nach Hannsbabo –

Der hatte immer mit ihr gesprochen wie mit einem erwachsenen Menschen. Er hatte nie gesagt: ‚Das verstehst du nicht!‘ Er hatte auch nie Französisch gesprochen, damit Renée es nicht verstände. Und Renée sehnte sich nach ihm. Sie dachte: wie taktlos sind immer die Erwachsenen gegen die Kinder. So unbedacht. Und solange man Kind war, fühlte man immer, daß man den Erwachsenen im Wege war bei ihren Dingen. Darum war man so einsam. Wenn sie doch einmal gut mit einem gesprochen hätten.

Wenn Mama noch lebte, dachte Renée, sie hätte sicher gut mit mir gesprochen. Sie hätte gesagt: ‚Komm zu mir, meine kleine Renée‘, wenn Renée traurig war. Ja, so etwas hätte Mama dann wohl gesagt. –

Wenn man ein Kind war, verteidigte einen niemand. Der Geographielehrer hatte gesagt, daß Renée gelogen hätte, und als sie es zu Hause erzählte, kümmerte sich niemand darum. Und sie hatte doch gesagt, sie würde es schon ihrem Papa sagen. Und Papa hatte sich gar nicht darum gekümmert. Die Tanzlehrerin hatte Renée einen ‚unabgeführten Jagdhund‘ genannt. Das war lange nicht so schlimm. Aber eigentlich mochte Renée nun nicht mehr. –

Edel sollte in Pension kommen. Edel erzählte es Renée. „Es wäre doch fein, wenn du auch dahin kämest,“ sagte Edel. „Kannst du es nicht so drehen?“ „Ich werd schon. Ich möchte wahnsinnig gern.“ Edel sagte: „Soll ich mal meine Mutter zu euch schicken, daß sie’s der Elisabeth einredet?“ „Ach ja, Edel!“ „Na, bin ich gut, Renée?“ frug Edel, und sie sah Renée an, so ein bißchen schief von der Seite. „Ach, Edel, süß bist du.“ Renée murmelte noch was hinterher. Das sollte Edel nicht hören. Es war: „Ich hab dich gräßlich lieb.“

Renée quälte ihre Schwester den ganzen Tag. Sie wollte in Pension. Elisabeth sollte es Papa sagen. Renée würde furchtbar vernünftig werden in der Pension. Sie versprach die unausführbarsten Dinge. Sie arbeitete daran. Sie setzte alles ein. Wenn Papa sagte: „Renée ist noch so kindisch“, oder wenn Elisabeth Renées Unordnung tadelte, immer fuhr Renée heraus: „Ja, wenn ich in Pension wäre.“ Allmählich wurde es eine feste Redensart: In der Pension wird Renée ...

So wurde es. Und dann endlich war es so weit.

Eine alte, unangenehme Dame empfing Renée. Sie drückte Renée furchtbar die Hand und sagte: „Ich freue mich so, mein liebes Kind, daß dein verehrter Vater dich uns anvertraut hat.“ – Renée antwortete: „O ja.“ Die alte Dame hatte etwas Lähmendes. Wenn man eben aufgeregt über irgend etwas sprach, dann verstummten alle, sobald sie sichtbar wurde, man legte Messer und Gabel hin, wenn man merkte, daß sie einen ansah. Was war es? Renée frug Edel, und Edel meinte, solche Empfindungen hätte sie allerdings nicht, aber es sei eine widerwärtige, alte Katze. Und die englischen Mädel, die da waren sagten: ‚Oh yes, that’s it!‘ Aber vielleicht sagten sie es nur aus Höflichkeit. –

Renée und Edel waren in einem Zimmer und zwischen ihnen stand das Bett einer Engländerin. Es war die einzige, die Deutsch konnte. Die anderen lernten es niemals. Renée mochte sie alle gern. Aber manche waren richtig schön. Manche waren so schön, daß man sie ganz lange ansah: Aber keine hatte so dichtes, goldenes Haar wie Edel. Nein, natürlich nicht.

Gar noch nicht lange war Renée da. Da bemerkte sie etwas sehr Ungewohntes. Es war dies: die anderen hatten sie gern – sehr gern. Und Renée erfuhr es so: Als sie eine Woche da war, hatte die Lehrerin sie gescholten. Renée machte ein böses Gesicht natürlich. Alle sahen es. Die Lehrerin sagte: „Ich verbitte mir das Gesichterschneiden, wenn ich dir eine Rüge erteile.“ Renée sah sie noch böser an und sagte: „Ich schneide nicht Gesichter.“ Auf einmal hörte sie die anderen murmeln und zustimmen. Die Lehrerin ignorierte das. – Renée war begeistert. Sie hatten ihr geholfen. Sie standen zu ihr. –

Am Abend, als sie die Schulstube aufräumten, hielt Renée eine richtige Ansprache und dankte für den Beistand. Sie sagte: „Es ist anständig, wenn wir einander immer helfen und beistehen.“ Und die andern schrieen Beifall.

Nach einer Woche wurde Renée zur Vorsteherin gerufen. Die Vorsteherin redete. Sie redete eine ganze Weile, ohne daß Renée richtig aufmerkte. Dann frug sie, ob Renée Süßes gegessen hätte, als sie schon zu Bett gegangen waren. Sie hatten natürlich. Wem die Süßigkeiten gehört hätten? Die Süßigkeiten hatten Edel und der Engländerin gehört. Renée hatte überhaupt nur ein Praliné gegessen. Die andern hatte sie aufbewahrt. Edel hatte drei Stück Kuchen gegessen und Alice sieben. „Es gehörte mir und Alice,“ antwortete Renée. „Ihr solltet euch schämen, solch eine Ungezogenheit,“ keifte die Vorsteherin, und schließlich schnappte ihre Stimme über. Renée durfte wieder gehen. Am Abend kamen alle zu ihr und bedauerten sie und küßten Renée zur Nacht. Es waren recht viele. Edel küßte Renée nicht. Und Renée hätte doch viel besser schlafen können. –

Wieder war Renée heruntergerufen worden. Die Vorsteherin saß in einem winzigen rosa Sessel und redete und knüllte ein Papier in den Händen. Sie sagte, Renée verdürbe den Ton unter den Zöglingen und die Disziplin, und sie sagte, daß Renée die Herrschaft an sich risse. Renée hörte zu. Sie hörte alles, was sie getan haben sollte, ohne sich darum zu kümmern. Es war ihr auch nachher, als hätte sie es gar nicht gehört. – Sie dachte an Edel.

Die Vorsteherin hatte gesagt, nun müsse Edel sorgen, daß Renée und Alice nicht mehr diese häßlichen Heimlichkeiten trieben. Das hatte sie gesagt. Und Edel hatte geschwiegen. Und daran dachte Renée.

Am Abend entstand ein großer Aufruhr. Die allerbesten und allerbravsten, die genau so sanft waren, wie es die Vorsteherin von ihnen erwartete, wurden ganz wild und böse. Und eine sagte: sie wollten heruntergehen und für Renée eintreten und Renée reinwaschen. Renée sagte: „Geht lieber nicht, jetzt ist sie zu giftig.“ – Und Edel hatte nicht gehen wollen, um für Renée zu sprechen. –

Es kam ein Brief mit einer amerikanischen Marke, Hannsbabo schrieb: ‚Liebe, kleine Schwester! Hannsbabo hat sich verlobt mit einer sehr schönen und eleganten Amerikanerin, die bald mit ihm zu Euch hinüberkommt. Sie heißt Sarah Mc Lean und grüßt Renée, von der ich ihr viel erzählt habe. Schönen Gruß, lieber Bub Renée.‘ – Wie gute Briefe konnte Hannsbabo schreiben. Gerad so, als ob er da wäre. Gerad so – und Renée schrieb ihm einen langen und umständlichen Glückwunschbrief und Grüße für Sarah. – In Wahrheit war sie traurig; denn nun würde Hannsbabo sich gewiß nicht mehr um sie kümmern, wo er eine Frau bekam. Und er hatte die andere Frau auf der Photographie doch nicht so lieb, wie Renée geglaubt hatte. –