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Das Leben der Renée von Catte cover

Das Leben der Renée von Catte

Chapter 20: Renée wachte auf. Es war schon spät und es
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

Renée wachte auf. Es war schon spät und es war kühl. Weiße, kalte Sonne kam herein durch das geöffnete Fenster. – Auf dem Rasen war Reif. Eine dünne, weiße Decke von Reif. –

Renée konnte nur schwer ihre Gedanken zusammenholen. Was war doch gewesen?

Sie eilte sich fertig zu werden, weil es schon spät war, griff nach ihren Sachen, hatte dabei fortwährend zu denken: wie war es gewesen?

Sie ging eilig hinunter, Papa liebte es gar nicht, wenn man spät kam zum Kaffee. –

Als sie herunter kam, lief eben die Köchin vorüber, sie warf polternd die Flurtür zu, aus dem Flur hörte man ein Pusten und Schnaufen – alle Türen standen offen. –

Renée erschrak; sie fühlte, wie zögernd ihre Füße gingen. –

Aus Papas Zimmer kam ihr Sarah entgegen. – Sie nahm Renée bei der Hand, oh wie kalt waren Sarahs Hände. –

„Ich glaube, ich soll es dir sagen, Renée,“ sagte Sarah. „Er ist nicht mehr da, er ist nicht mehr am Leben.“ –

Renée fühlte nichts, nur eine schmerzhafte Schwäche ging von ihrem Herzen aus, dann wankte sie – sie hörte jemanden leise schreien. –

Später, viel später fühlte sie etwas Weiches auf ihrem Herzen und schlug die Augen auf – und sah in Sarahs Augen – und auf ihrem Herzen lag Sarahs Hand.

Renée hob die Arme und stieß sie fort.

Dann stand sie auf. Mit allem Willen trieb sie das Wanken und die Schwäche aus ihren Gliedern und ging an Sarah vorbei. – Sie kam die Treppe herunter, ihre Füße stiegen steif und gerade – sie kam in Papas Zimmer. –

Dort saß jemand, der stand auf, öffnete ihr ein paar Türen, dann sprach er halblaut in ein Zimmer hinein – aber in diesem Zimmer lag Hannsbabo – mit einem Mantel war er zugedeckt. –

Renée sah sein weißes, weißes Gesicht. –

Sie merkte, daß Papa neben ihr stillstand, weil sie stillstand, und wo Hannsbabo lag, das war noch so weit. –

Dann führte Papa sie nahe zu ihm heran. – Da sah Renée, daß sein Gesicht von Schmerz erfüllt war, und um seinen Mund lag jener kleine Zug von Überdruß.

„Er ist früh um fünf mit dem Förster ausgegangen. Der hat ihm einen Bock zeigen sollen, der am Birkmoor steht, dann hat er den Förster weggeschickt an einen anderen Stand. Nach einer Weile hörte der Förster seinen Schuß, dann ist er hin, um behilflich zu sein – da lag der Junge ein paar Schritt weiter –“

Papa sagte noch etwas, aber Renée verstand nicht, weil er so leise sprach.

Dann ging ein wildes Schütteln durch seinen Körper – er ließ Renées Hand los und wandte sich ab – weinte Papa. – –

Renée wollte zu ihm. Er wies sie fort. –

Draußen fand sie den Arzt.

„Es ist wohl besser, Sie lassen Ihren Vater eine Zeitlang allein,“ sagte er. „Und – es handelt sich hier um einen Jagdunfall, wie ich höre, ja nicht wahr, Sie verstehen mich?“ –

Renée nickte. – „Ich fahre nun nach der Stadt, um das Weitere zu erledigen. Ihr Herr Schwager ist telephonisch benachrichtigt. Er hat die Anzeigen und so weiter übernommen. Er wird übrigens gleich eintreffen. Ja. Darf ich Sie um eins bitten – wollen Sie etwas acht haben auf Ihre Frau Schwägerin.“ –

„Ich? ja nachher,“ sagte Renée. Der Arzt sah sie eindringlich an. – „Nein, bitte gleich,“ sagte er. Dann zog er etwas heraus. – „Hier ist ein Brief Ihres Bruders für Sie, gnädiges Fräulein, ich fand es in seiner Tasche.“ – –

Renée hielt den Brief in der Hand; es stand ihr Name darauf in einer schönen, klaren Schrift.

– – ‚Nun weißt du schon, kleiner Bub Renée, warum dein ‚großer Bruder‘ gestern bei dir war, nun hat er dir das Herz ein wenig schwer gemacht, nicht wahr? Wenn du nur nicht gar zu sehr erschrocken bist. Aber vielleicht hat irgend jemand es dir langsam und gut gesagt. –

Du sollst mir eine Liebe tun, kleiner Bub – denn ich lasse einen auf der Erde zurück, um den mich das Sterben reuen könnte. – Ich weiß, wenn ein Unglück geschieht, suchen die Menschen einen, der die Schuld trägt. Aber du darfst ihr keine Schuld geben. Weil du mich lieb hast, mußt du sie lieb haben, denn ich hasse ihre Feinde. –

Alles Gute von dir in all den Jahren wäre mir nichts mehr wert, wenn du ihr ein Böses tust.

Sei bei ihr, damit sie nicht so allein ist. – Nimm alles von ihr, was sie beschweren könnte. –

Sage ihr, daß mir das Sterben schwer war, weil es ein Fortgehn ist von ihr.‘ – – –

So hatte Hannsbabo geschrieben, und so mußte Renée tun, genau so, denn sie hatte ihn ja lieb. –

Jemand klopfte an Renées Tür. Es war Sarah. Sie sagte: „Ich möchte, daß du deinen Vater veranlassest, mir die Tür zu öffnen, er hat das Zimmer zugeschlossen.“

Renée stand auf. „Ich gehe sofort,“ sagte sie. „Leg dich hier aufs Sofa, willst du? Dann hole ich dich.“

Papa saß bei seinem Schreibtisch. „Papa, gib mir den Schlüssel für Sarah.“

„Ich wünsche nicht, daß jemand jetzt hineingeht.“

„Aber Sarah!“ – „Es kann ja nachher geschehn.“

„Papa, sie hat das erste Recht, denn Hannsbabo liebte sie am meisten.“ –

Renée legte Hannsbabos Brief vor Papa auf den Tisch, und er las.

„Nimm also den Schlüssel,“ sagte Papa dann.

Renée ging zu Sarah. Sarah nahm den Schlüssel, sie sagte: „Ich danke dir. Ich gehe allein. Willst du so gut sein, mich zu avertieren, wenn deine Schwester kommt. Ich möchte mit niemandem zusammentreffen.“ –

Am Abend dieses Tages ging Renée zu Sarah, saß bei ihr die ganze Nacht. Denn Sarah weinte. –

– – – Die Glocken läuteten schon den ganzen Tag, die brummende Glocke und die mit dem hellen Geklingel – läuteten, läuteten. Auf dem Hof standen die Leute vom Kriegerverein und warteten.

Der große Saal, in dem Hannsbabo lag, war schwarz von allem Flor, und dieser schwere Geruch war darin von Lichtern und Blumen.

Der Sarg war weiß, der Helm lag darauf und der Pallasch – darin war Hannsbabo. Renée sah diesen weißen Sarg an, die ganze Zeit, während der Pastor sprach, und dachte – darin ist Hannsbabo. – Der Pastor sagte: „In der Blüte seiner Jahre“ – er sagte: „Der Stolz und die Hoffnung seines alten Vaters.“ – Der Pastor sagte: „Von den Seinen innig geliebt und heiß beweint.“ –

Neben dem Sarg stand Schoenburg mit dem Kranz des Regiments.

War das nun Hannsbabos Sarg – und trug man ihn gleich fort in die Erde – – in die Erde –

In die Stille hinein fuhren die Glocken. –

Sarah stand unter ihrem großen schwarzen Schleier, einen Strauß roter Rosen hielt sie in der Hand, und diese roten Rosen legte sie auf den Sarg – neben seinen Helm. –

Dann trugen sie ihn fort.

Als sie mit diesem Sarg durch die Haustür gingen, war es das letzte Mal, dann würde Hannsbabo nie wiederkommen. –

Die Glocken – die Glocken – sie wollten nicht Ruhe geben. –

– – Am andern Tage sagte Sarah: „Ich reise heute fort.“ Renée wollte es nicht, noch nicht gleich.

Sarah sah sie an. – „Glaubst du, daß es erträglich ist, wie ein Mörder behandelt zu werden?“

„Sarah, warum redest du so? Wer –“

Sarah lachte. „Ach, wer? Alle, die dieser Familie angehören. – – Diese Elisabeth – wenn ich denke, wie wenig, wie sehr wenig dein Bruder sie leiden konnte. Es ist absurd. Ich will fort.“

Renée sagte: „Ja, wenn du nicht hier sein magst, dann ist es recht und gut, daß du reisest.“

„Nein, ich mag durchaus nicht hier sein. Es ist widerlich hier zu sein.“

„Aber vorher doch nicht,“ sagte Renée. Sarah antwortete: „Immer! Ich bin mit ihm hergekommen, weil er es so wünschte. Er wollte es von mir. Sprechen wir nicht weiter davon.“

„Nein,“ sagte Renée „Aber von etwas anderem möchte ich sprechen – darf ich? – Er hat einen Brief für mich geschrieben und –“

Sarah wandte ihre Augen Renée zu – sie sagte: „Wo ist der Brief? Ich will es lesen.“ – Renée erschrak: „Oh nein – nein.“

„Ich will. Wo ist es?“ – „Nicht. Sarah, bitte nicht“ Sarah warf den Kopf zurück, diese kleine, hochmütige Bewegung. Sie sagte: „Wenn du es mich nicht lesen läßt, Renée, so rede ich kein Wort mehr mit dir!“ Dann wandte sie sich um und wollte gehn.

„Sarah!“ – Renée kam ihr nach.

„Steht denn wirklich kein gutes Wort für mich darin,“ sagte Sarah. – „Oh Sarah, er liebte dich sehr.“ – Sarah wollte fortgehn. Aber Renée nahm sie bei der Hand und holte sie zurück.

„Darf ich mit dir sprechen, Sarah? In seinem Brief steht davon, daß er glaubt, du würdest mir erlauben, bei dir zu sein und mit dir zunächst, weil – damit du nicht allein bist und damit du Gesellschaft hast. – Natürlich wenn du lieber jemand andern bei dir haben wolltest – ich weiß ja nicht.“ – Sarah schwieg. Renée fuhr fort: „Und wenn du dann lieber mit jemand anderem sein willst, dann brauchst du es ja nur zu sagen.“

„Brauche ich es nur zu sagen! ... Und wenn du nun lieber mit jemand anderem sein möchtest!“ sagte Sarah. – „O, ich“ – Renée hatte gar nicht daran gedacht: „Ich will schon nicht.“

Sarah lächelte nur wenig: „Renée, Renée, also versuchen wir’s.“ Das sagte Sarah, dann küßte sie Renée auf die Stirn – das spürte man kaum – nickte ihr zu und ging.

Renée dachte nach, was wohl zu tun sei und wie sie es am besten anfinge – und sie mußte nun doch erst Papas Einwilligung haben.

Ob das wohl leicht gehn würde oder schwer. –

Als Papa es hörte, sagte er: „Ich habe gar keine Veranlassung, nun auch noch meine Tochter ihr als Gesellschafterin zu geben. Unsinn. Daraus wird nichts.“

„Aber es ist doch Hannsbabos letzter Wunsch, Papa, er hat ihn doch ganz klar und deutlich ausgesprochen.“

„Na ja, mein Kind, deine Anhänglichkeit an deinen Bruder ist sehr gut, gewiß, und ich bin durchaus der Ansicht, daß wir uns um seine Witwe zu kümmern haben. Selbstverständlich. Sie gehört zur Familie, solange sie selbst sich zugehörig betrachten will. – Aber du bist jung und leicht zu beeinflussen. Ich habe durchaus nicht die Neigung für Einflüsse von seiten solcher Frauen, wie Sarah ist. Nein. Punktum! Im übrigen, wenn Sarah will, so kann sie hier bei uns leben. Angenehm wär’s mir ja nicht gerade. Aber ich halte es für meine Pflicht, es ihr anzubieten. Selbstverständlich stehe ich in jeder Beziehung für sie ein nach außen hin. – Sage ihr das!“

„Nein, Papa. So nicht. Hannsbabo hat es anders gewollt. Und ich muß es tun und werde es tun. Erlaub es doch, Papa. Ich muß tun, was er mir geschrieben hat –“

Papa stand auf und begann umherzuwandern. – Er sagte: „Hannsbabo ist nun tot. Man muß an die Lebenden denken.“

„Aber wenn er lebte.“

„Er ist tot,“ sagte Papa. „Es liegt keine Veranlassung vor, die Lebenden im Interesse der Toten zu schädigen.“

Renée sah ihren Vater an. Er sagte das ganz ruhig. Wie man eben seine ehrliche Überzeugung sagt, und dies, dies Grauenhafte, war seine ‚ehrliche Überzeugung‘.

Renée konnte nichts erwidern. Sie ging hinaus.

Zu denken, daß es so etwas geben konnte. Nicht einmal über vier Tage hinweg sollte ein Mensch dauern. Er war tot, er konnte nicht mehr die Hand heben. – O, dieser grauenhafte Ekel.

Renée dachte: wenn ich nun tot wäre, und da wäre ein Mensch, den ich lieb hätte, und ich hätte alles genau aufgeschrieben und wäre ruhig im Sterben – und dächte: nun habe ich für ihn gesorgt über den Tod hinweg, und dann kämen sie und sagten: Renée ist tot. Und Tote haben keinen Willen. Sie haben gar kein Recht zu einem Willen.

Später ging Renée nochmals hinunter zu Papa und sagte ihm, daß sie doch mit Sarah gehn würde. Papa antwortete nicht.

Sarah fuhr fort am folgenden Tag. Renée sollte nachkommen. Renée telegraphierte an Schoenburg, er sollte Sarah an der Bahn empfangen, er sollte bleiben bis zum Abend, wo Renée kam.

Aber als Sarah abfuhr, sagte sie: „Ich gehe nicht gleich nach Berlin, nein, ich mag nicht. Ich gehe fort, mache eine Reise – ich weiß noch nicht.“ – Renée erschrak ein wenig. „Wohin, Sarah? Willst du nicht warten? Soll ich nicht mitkommen?“

„Es ist besser, du kommst später. Bis dein Vater ruhiger ist. Vielleicht kommt dann späterhin Elisabeth zu ihm.“ –