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Das Leben der Renée von Catte

Chapter 22: O, wie gut, daß du bei mir bist, Renée, sagte
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

„O, wie gut, daß du bei mir bist, Renée,“ sagte Sarah. Dann seufzte sie, dann beseitigte sie einen großen, schwarzen Schleier an ihrem Hut. –

„Ich wüßte gar nicht, was tun ohne dich! – Meinst du übrigens, ich sollte einmal zur Hatzfeldt gehn? Sie hat mir so lieb geschrieben damals.“

Renée sagte: „Vielleicht tust du es lieber später.“ – „O ja,“ antwortete Sarah. Sie wollte ausfahren. Sie hatte eine Jacke von Persianer und einen riesengroßen Tellerhut, um den war der Schleier gedreht; sie wollte eigentlich gleich fort, aber sie setzte sich noch ein bißchen zu Renée.

„War es schön in Cannes?“ – „Ach, nicht doch,“ sagte Sarah. „Es war staubig und ermüdend. Es sind dort zu viel Palmen und Agaven. Agaven und Palmen hängen aus jedem Garten, man hält es nicht aus.“ – „Hattest du nicht Lust auf Sizilien?“ – „Ach nicht doch. Außerdem reise ich ungern allein.“ – „Aber ich könnte doch mitkommen.“ – „Ja, und zu Weihnachten?“ frug Sarah. – „Da wären wir eben zu Papa gegangen.“ –

Sarah lachte kurz. – „Ich liebe nicht die Festlichkeiten in dieser Familie,“ sagte sie.

„So mußt du nicht sprechen, Sarah.“

„Nun, also verzeih, kleine Renée.“ So sagte Sarah, dann zog sie Renée am Haar, sagte, der Wagen solle sie um fünf Uhr bei Gerson holen, da der Chauffeur heute frei habe, und ging.

Renée setzte sich an Hannsbabos Schreibtisch. Da standen viele Bilder von ihm: Bilder in Uniform mit und ohne Küraß im weißen und im blauen Koller. – Renée sah ein Bild an, sah ihres Bruders Gesicht, das liebe, stolze Gesicht, dies kleine, leichte Lächeln, das er gehabt hatte, ehe er fortging nach Amerika, früher. – Nun saß sie an seinem Schreibtisch. Gerade da hatte er oft gesessen. Hatte diese Dinge gesehn, dieselben, die sie sah, jetzt sah. Draußen, da war der verschneite Königsplatz, hinter dem die Bäume des Tiergartens unter dem Nebel standen. Vom Bahnhof kam das langgezogene Pfeifen. –

Die große Säule, an der die eroberten Kanonen staken, und die goldne Göttin darauf waren ganz verschneit.

Das alles hatte er auch gesehn, wenn er hinausschaute.

Wie sehr Renée an ihn dachte.

Nun nannte sie niemand mehr ‚kleiner Bub Renée‘. – Warum nur hatte Hannsbabo gewollt, daß Renée bei Sarah bleiben sollte. Und warum liebte er Sarah so sehr. – Renée dachte: Sie hat ein kühles und gleichmütiges Herz, nicht wie seines. Sein Herz war heiß und war unruhig. Was hatte er nur mit ihr zu tun gehabt, mit Sarah. – Renée wurde traurig und sehnsüchtig und dachte, was Hannsbabo gesagt hatte:

‚Der Mensch, der es uns heimisch macht auf der Erde.‘

Er sagte: ‚Ich bin nie heimisch gewesen.‘

Renée dachte: Vielleicht war er sehr einsam. –

Nach einer langen Zeit kam Sarah zurück. Renée hörte sie sprechen draußen, fragen. Der Diener riß die Tür auf. „Gnädiges Fräulein sind im Herrenzimmer,“ berichtete er nach draußen. –

Sarah kam: „O, Prinz Ernst war da. Er war so nett. Er sprach viel von Amerika. Und die Prinzeß lud mich nach Schottland ein für den Sommer.“ – „Wo waren denn die?“ – Sarah errötete flüchtig. – „O, bei der Hatzfeldt,“ sagte sie. Renée dachte: Ob es Hannsbabo nicht kränken würde – ob er nicht sehr traurig sein würde. –

„Bist du böse, Renée?“ Sarah kam, stand vor Renée. Sie war ganz niedergeschlagen. Renée antwortete nicht. –

Es gab auch Nachmittage, an denen Sarah zu Haus blieb.

Dann setzte der Diener einen riesengroßen silbernen Samowar vor sie hin, und Sarah konnte so schön Tee machen. In kleine, chinesische Täßchen, die sich sehr zerbrechlich anfaßten, kam er hinein. Sarah schob es vor Renée hin, und dann bekam Renée eine Zigarette und hatte es eigentlich sehr gut.

Sarah sagte: „Ich könnte ihn gar nicht entbehren ohne dich. Die ersten Tage wäre ich fast gestorben. O, es war so einsam! Ich wußte gar nicht, wie ich es aushalten sollte.“

Dann hatte Renée ein sonderbares Gemisch von Gefühlen – Mitleid und Widerwillen auch, wenn sie dachte, daß Hannsbabo schneller vergessen war als irgend eines von Sarahs seidnen Kleidern.

Und auf einmal wurde es mehr als Widerwillen, wurde Ekel – Wut – und: „Nie wieder redest du mir von meines Bruders Tod – oder ich will keinen Augenblick mehr in deinem Hause sein. – Du hast nicht auf ihn geachtet, o, du hattest ihn nicht lieb.“

„Aber ich hatte ihn lieb!“

„Schweig,“ sagte Renée „es ist widerlich.“

Sarah starrte Renée an, dann warf sie sich mit einem plötzlichen Ruck aufs Sofa nieder und weinte.

Renée wurde weich. Gewiß, er war niemals so zu Sarah gewesen. Sie dachte: viel besser war er als ich – und er liebte Sarah. Vielleicht würde er hingegangen sein zu Sarah, würde ihren Kopf in seine Hände nehmen, seine sanften, klugen Hände. –

Sarah hörte auf zu weinen. Sie sah Renée an, sie sagte: „Es ist, ich bin sehr nervös und zerfahren seitdem und pflege mich sonst nicht aufzuregen in dieser Weise.“ –

„O, Sarah, verzeih mir.“

„Laß nur, kleine Renée. Ich weiß schon!“ Renée schämte sich eigentlich etwas. –

Am Sonntag waren sie bei Papa. Nach dem Essen nahm Papa Renée in sein Zimmer. „Hör mal, Renée,“ sagte er, „du bist ja ein verständiges Mädchen“ – diese Art von Einleitungen kannte Renée – „also es handelt sich um Sarah. – Mir ist erzählt worden, daß sich die Damen beim Kriegsminister neulich sehr mokiert hätten, daß Sarah, nachdem ihr Mann kaum ein halbes Jahr unter der Erde ist, bereits wieder auf Empfängen herumliefe. Wie ist denn das nun?“

„Herrgott, diese albernen Tanten müssen auch überall widerwärtige Reden führen.“ – Papa runzelte die Stirn. „Du hast immer noch diese absprechende Art,“ sagte er tadelnd.

„Ja aber, Papa, was soll sie schließlich den ganzen Tag anfangen?“

Papa begann ungeduldig zu werden, er wanderte hin und her. „In einer Stadt wie Berlin gibt es genügend Unterhaltungen,“ sagte er, „Konzerte, Museen, Vorträge.“ – Renée mußte lachen. – „Es ist doch sonderbar, wenn man auf einmal Kunstinteresse bekommen soll, weil man Trauer hat,“ sagte sie.

Papa überhörte das. „Du solltest,“ so fuhr er fort, „deinen Einfluß darauf wenden, daß Sarah nicht derartige Taktlosigkeiten begeht.“

„Sarah ist älter als ich, Papa, und außerdem, bitte, nenne sie doch nicht taktlos.“ – Auch dies überhörte Papa.

„Ich habe vorhin mit Elisabeth darüber gesprochen. Sie ist vollkommen meiner Ansicht, und“ – Papa machte eine wirkungsvolle Pause, – „du solltest deine vielgerühmte Anhänglichkeit an deinen verstorbenen Bruder lieber –“

„Ich habe mich niemals dergleichen gerühmt, denke ich.“

„Es ist zum Verzweifeln mit deinen unreifen Ansichten“ donnerte Papa. –

Als sie wieder zu Haus waren, sagte Sarah, sie werde nicht mehr an irgend einem Sonntag zu Papa gehen, Renée könne allein gehen. Renée war sehr bestürzt, frug nach dem Grund. „O, Elisabeth ist eine abscheuliche Person,“ sagte Sarah, „sie stichelt immerzu wegen Hannsbabo.“

Es tat Renée so leid, und sie fühlte beinahe etwas von Verantwortung. – „Laß uns ein wenig verreisen, bis Elisabeth wieder heimfährt,“ sagte sie.

Aber sie reisten nicht. Sarah mochte nicht fort von Berlin. Sarah hatte noch so viel Einkäufe. Und die Kleider waren noch nicht fertig. Die Direktrice brauchte absolut noch vierzehn Tage. „Nachher sind es dann doch drei Wochen,“ sagte Sarah. Und Sarah hatte doch auch keinen anständigen Hut.

Wenn alle diese Hüte und Kleider mit dazu passenden Schleiern und Schirmen ankamen, dann mußte Renée es bewundern, und Sarah erklärte, wozu alles gebraucht würde.

Dann sah der Salon aus wie der Packraum eines Warenhauses. Mit ungeheuern Summen, die es ‚bloß‘ kostete, warf Sarah herum. Manchmal ekelte es Renée um all den törichten Plunder, und dann wieder hatten diese Dinge einen sonderbaren Charme wie fremdländische Menschen. Zu solchen Zeiten feierte Sarah Triumphe. Renée wurde in einen großen Sessel gesetzt, recht bequem, weil es lange dauerte, und dann trug Sarah die neuesten schönen Kleider an ihr vorüber, die für ‚wenn die Trauer vorbei war‘, mit den dazu passenden Hüten, Schleiern und Schirmen. – Es war wie ein fremdartiger Tanz, es fehlten nur noch schwarze Kerle, die auf Trommeln schlugen.

Renée saß dabei und träumte.

Sie dachte: Will denn das Leben niemals zu mir kommen, ich suche es doch. Ist es, weil ich nicht allein bin? Muß ein Mensch ganz allein sein, damit er findet.

Sie dachte: Wie wirst du aussehen, du, um den ich lebe.

„Und nun kommt das allerschönste Kleid,“ sagte Sarah. – –

In dieser Zeit kam Renée die Sehnsucht, allein zu sein. Ganz allein, wie früher in ihrer Kindheit. Nicht mehr neben andern gleichgültigen Leuten zu leben, deren Nahesein ihr das Leben fremd und kalt machte. Und ihre eigene Seele fremd machte.

Allein sein, still und für sich und ganz einsam, bis der einmal da war, von dem Hannsbabo gesprochen hatte.

Aber sie mochte nicht davon reden zu Sarah.

Dann war ein Abend, der war weich und sanft. Der war voll von dieser schweren Sehnsucht, die im Frühling die Menschen überfällt.

Renée ging durch die Stadt. Sie konnte sich gar nicht durchfinden durch die vielen geraden Straßen, die sich alle rechtwinklig schnitten, wie auf einem Schachbrett. Aus all diesen Straßen kam ein nebliger Dunst, wenn man um die Ecke bog, und so ein Rest von Sonne strömte schwer und warm aus dem Asphalt. Da tauchte die Säule auf mit der großen, goldnen Göttin, es mußte spät sein, die Wagen, die vor dem Theater die Runde machten, kamen schon zum Abholen. Ein weicher Regen rieselte, man spürte ihn wie Nachttau auf den Kleidern.

Renée mochte noch nicht zurück. Sarah war in irgend einem Konzert, und Sarah würde spät wiederkommen.

Renée stand am Wasser still, sah wie die kleinen Tropfen des Regens in das breite, dunkle Wasser des Flusses hineintanzten, sah die Lichter der Friedrichsbrücke, von denen das Wasser plötzlich aufleuchtete neben seinen dunkelsten Stellen – eine verzweifelte Mutlosigkeit war in Renées Herz, die von gar nichts kam und in nichts seinen Grund hatte. Wohin wollte sie denn?

Sie dachte, wenn es doch einen gäbe, zu dem ich die Hand ausstrecken könnte, der hülfe. Einen Gott. Wie gut es die Leute haben, die sich einen Gott ausdenken können. Sie brauchen niemals einsam zu sein, dachte Renée.

Sie hörte neben sich ein paar Worte, sie sah ganz dicht neben sich einen Mann, der sich lächelnd verbeugte.

Sie erschrak nicht. Sie merkte es eigentlich gar nicht. Sie ging nach Haus. Der Mann folgte ihr. An der Haustür versuchte er sie anzusprechen.

Oben ging ein Fenster auf. –

„Kommst du endlich.“ – Renée sah hinauf. Sarah winkte ihr zu. Sarah war freundlich und gut und ein ganz bißchen beleidigt. So lange hatte sie nun schon gewartet, und Renée sollte doch etwas essen. Ein warmes, gutes Gefühl kam Renée.

Sie dachte: Ein bißchen wartet sie doch auf mich, wenn auch nur sehr wenig. –

So oft fand Renée, daß sie am Fenster ihres Zimmers saß und hinaussah und trotzdem gar nichts sah draußen, also träumte sie wohl; aber eigentlich war es ein stumpfer, regloser Zustand der Seele. Die Seele wußte keine Herkunft und kein Ziel.

Die Tage waren ganz leer. Die Freuden waren leer. Und einen eigentlichen Schmerz gab es nicht – wo sollte er herkommen. Da war nur stumpfe Gedankenlosigkeit; nein, nicht einmal bis zu einem Schmerz reichte es aus. –

Aber man konnte sich beschäftigen, irgend etwas tun, was nützlich aussah.

Wo war der Sinn für solches Tun? Man mußte einsehen, daß es völlig zwecklos war, sich mit dem Inhalt dicker Bücher das Gehirn vollzustopfen, Italienisch zu lernen, sich in Wohltätigkeit zu betätigen. War sie, Renée, einundzwanzig Jahre umhergegangen, um ausgerechnet eine Stunde täglich einer erblindeten Näherin vorzulesen?

Unsinn war das. Renée dachte: ich lasse mich nicht täuschen. Man soll mir doch nicht weismachen, daß derlei Zeug einen Sinn hat. – Und bei Sarah sein! Warum? Weil Hannsbabo es von ihr gewollt hatte. Konnte ein Mensch von dem andern wollen, daß er auf eigne Perspektiven verzichtete?

Früher konnte ich träumen, dachte Renée. Ich sah hinaus in die Sonne oder in die Nacht, gleichviel was eben gerade am Himmel stand. Wie war es nur möglich, daß ein Mensch so maßlos allein sein konnte, niemanden hatte. –

Sie dachte an ihre Schulfreundinnen: Fly, Edel – Edel! Sie wußte kaum, was aus der geworden war. Sie war in irgend eine Fremde hineingegangen mit Bällen und Verlobungen und Heiraten. Wenn Renée einmal eine von ihnen traf, dann wußte man kaum anderes zu reden als die alten Späße aus der Schule: als Edel zu der englischen Lehrerin sagte – –

Manchmal war es Renée, als sei sie alt geworden, so alt. Dann lachte sie, dann wurde sie wieder froh und dachte an das kleine, liebe Studentenlied, das sie irgendwo gehört hatte:

‚Noch ist die blühende, goldene Zeit,

Noch sind die Tage der Rosen – –‘

So ein liebes, kleines Lied.

„Ich finde, du machst immer so ein bekümmertes Gesicht, kleine Renée, was hast du nur?“ Sarah sagte das ganz eindringlich und besorgt mit einer drolligen Besorgnis.

„Ich weiß nicht, Sarah.“

„Hast du jemanden lieb?“ frug Sarah.

„Nein – eben nicht.“ – Sarah lachte: „Also warum bist du dann bekümmert?“

„Weißt du, wenn ich dir das sagen sollte. Nein Sarah, ich brauchte vier Tage mindestens und dann sähest du es doch nicht ein.“

Sarah antwortete sehr gekränkt. Das könnte Renée nicht wissen, und überhaupt hätte gerade sie das meiste Interesse für Renée.

Wie es Renée verführte. O, sie mußte sich Mühe geben, damit sie nicht alles sagte, was da war und ihr das Herz abdrückte. Aber sie wußte ja gar nicht einmal, wie sie es hätte sagen sollen. –

Eines Abends kam Schoenburg. Er kam mit einer Cousine, und diese Cousine setzte sich neben Sarah, sprach und sprach und sprach. –

Schoenburg ging in den Zimmern umher, und einmal blieb er stehn in dem kleinen Wohnzimmer und sagte zu Renée, ob sie sich nicht ein wenig in Hannsbabos Zimmer setzen wollten.

Ob denn Gräfin Saurma Sarah Geheimnisse anzuvertrauen hätte, frug Renée. Schoenburg lachte, er sagte: „Das hoffe ich, lange und intensive und zeitraubende Geheimnisse.“ Dann: „Fräulein von Catte, fühlen Sie sich hier wohl? Ist dies Leben bei Ihrer Frau Schwägerin nun das, was Sie froh macht im Innersten? Seien Sie nicht böse wegen meiner Frage. Sie wissen doch, wir wollten gute Freunde sein.“

Renée fühlte ihr Erröten, fühlte es mit einer peinigenden Sicherheit und wußte nichts zu sagen.

„Ich frage Sie,“ fuhr Schoenburg fort, „weil Sie, wie ich fürchte, hier eine Art von Selbstaufopferung treiben, die – ich kann es Ihnen nicht verhehlen – mir ein wenig gefährlich scheint.“

„O nein,“ antwortete Renée, „o nein.“

Er schien das nicht zu beachten. „Es klingt vielleicht etwas absurd und zum mindesten recht unritterlich und unliebenswürdig, wenn ich Ihr Leben bei Frau von Catte so als etwas für Sie Verwerfliches betrachte – klingt es sehr schrecklich?“

„O nein, Sie beurteilen es ungut,“ sagte Renée. Schoenburg sah sie gut und freundlich an. „Wollen Sie mich einmal nicht unterbrechen, wollen Sie einmal Ihre Verneinungen lassen. – Ich sage ja nicht, Ihre Schwägerin hat einen verwerflichen Einfluß. Ich sage nicht, Sie werden mißhandelt, brutalisiert, ausgenutzt. Nein, nein, Fräulein von Catte. Sie sind jung und stehen noch an ‚des Lebens goldnem Tor‘, und Sie sollen hineingehn und zwar dahin, wohin Sie mögen, und nicht, wohin irgend eine Pietät, irgend ein Sentiment der Pflicht und der Devotion Sie führt. – Verstehen Sie mich?“

Schoenburg griff nach einem der Bilder von Renées Bruder, er hielt es vor Renée hin. „Ich hatte ihn sehr lieb,“ sagte er, „sehr, das wissen Sie. Aber er würde es niemals gewollt haben, daß Sie auf ein eignes Schicksal verzichteten, um sein trauriges, trauriges Schicksal auf Ihre Schultern zu laden. Nein, so unfein und so lieblos war Hannsbabo nicht.“

„Warum sagen Sie diese Dinge?“ antwortete Renée. „Ich weiß es. Aber Sarah hindert mich nicht an dem Erleben meines Schicksals.“

Schoenburg sagte: „Das wissen Sie nicht.“

„Doch, Herr von Schoenburg. Sie hält mich von nichts zurück. Sie würde mir geben, was ich verlangte.“

Schoenburg lächelte: „Sie wissen gar nicht, was Sie verlangen. Und – Sarah kann es Ihnen keineswegs geben. Außerdem, daß sie sich gar nicht die Mühe nimmt.“

Er sagte: „Sie werden zugrunde gehn an Sarahs unbeweglicher Liebenswürdigkeit, eben wie er.“

„Nein. Denn er liebte sie, während ich – nun ich mag sie gern.“

„Sie wissen das nicht,“ sagte Schoenburg.

Aber Renée lachte – lachte.

Schoenburg sah sie vorwurfsvoll an. „Mir scheint, ich reize Ihre Lachmuskeln ungeheuer. Ich bin ein wenig gekränkt, Fräulein von Catte.“

Renée beruhigte ihn. Gar nicht sollte er gekränkt sein. Im Gegenteil. Und sie wisse ihm allen Dank.

„Nur eigentlich was ist das Positive an Ihren Worten?“ frug Renée. „Sehen Sie,“ antwortete er, „so ist es gut. Ich sage: gehen Sie fort, ein wenig in die Welt, suchen Sie sich einen Beruf, eine Arbeit, eine Nützlichkeit.“

Eigentlich traute Renée ihren Ohren nicht recht.

„Das sagen Sie, ein Gardekürassier-Oberleutnant, ich glaube gar, nun dringt die Zersetzung schon in die obersten Schichten.“

„Ja ja, ich sage es. Und sage es, weil ich merke, daß Sie sich bei der gewöhnlichen Art des tatenlosen Herumsitzens, wie es die jungen Mädchen bei uns tun, nicht wohl fühlen und weil Sie sehr bald daran unglücklich sein werden – – und weil ich dann auch sehr unglücklich wäre.“

Renée hob ein wenig die Augen und sah in sein helles, gutes Gesicht.

Sie gab ihm die Hand. Sie sagte: „Es ist recht und klug und sehr freundschaftlich von Ihnen, Herr von Schoenburg. Ich will alles überdenken.“

Schoenburg zog ein Druckheft aus seinem Ärmelaufschlag. Er sagte: „Wenn ich Ihnen dies einmal hinterlassen darf. Es ist der Jahresbericht des Frauen-Gymnasiums.“ Er schlug das Heft auf und tippte mit dem Finger auf einen Namen: „Hier – Johanna von Ramin, genannt Nana, ist meine Cousine. Sie ist ein sehr, sehr tüchtiger kleiner Kerl.“

„Kann ich sie nicht kennen lernen?“

Schoenburg strahlte. Ganz blinkend wurden seine Augen. „Also morgen komme ich mit ihr zum Tee. Paßt es?“

„Das ist hübsch, ich –“

„Also begleitest du deine Cousine nun hübsch anständig ins Esplanade?“ rief Gräfin Saurma von nebenan.

Schoenburg verabschiedete sich. Er küßte Renée die Hand und sagte: „Auf Wiedersehn morgen zum five o’clock.“ –

Sarah war unzufrieden. Sarah sagte: „Diese Saurma schwätzt so viel. Was geht es mich an, was der Kronprinz zu ihr gesagt hat. Mir ist es ganz egal. In Amerika gibt man nicht so viel auf die Äußerungen junger Leute.“

„Huh, sei doch nicht so grimmig, Sarah. Es ist doch ein solch schicker und eleganter ‚junger Mann‘, der Kronprinz.“

Nonsense,“ sagte Sarah. „Übrigens, Renée –“

„Ja was denn?“ – Sarah kam und legte die Hände auf Renées Schulter. „Ich möchte auch ins Esplanade!“

„Wart doch noch ein bißchen, Sarah.“

Sarah machte Fäuste. Ganz fest kniff sie die Finger zusammen. – „O, ich möchte vergehn,“ sagte sie.

Renée lachte: „Ganz so wie Hedda Gabler.“

Sarah sah sehr böse aus. „Was, Hedda Gabler,“ sagte sie zornig. „Ich langweile mich gräßlich.“

Sie war böse – böse. Nein. Sie wollte keinen Ton mehr reden mit Renée. Sie bestellte das Auto und fuhr in den Grunewald.

Renée wartete mit dem Abendessen.

Erst wurde es warm gestellt. Dann wurde es kalt gestellt. Die Mamsell schimpfte draußen, und der Diener kam alle zwei Minuten und frug, ob er nicht lieber doch für das gnädige Fräulein servieren solle. – Nach einundeinhalb Stunden – Sarah hätte längst zurück sein müssen, selbst wenn sie bis nach Wannsee und wieder zurückgefahren wäre – nach einundeinhalb Stunden bestellte Renée das Essen. Etwas kam herein, was einmal ein Beefsteak gewesen war. Der Diener reichte es mit verlegenem Grinsen. Es wurde nicht besser davon.

Sehr spät am Abend kam Sarah. Sie kam ohne Auto. Sie warf die Türen. Als Renée in ihr Schlafzimmer ging, hörte sie den Chauffeur mit der Jungfer klatschen: „Direkt an einen Baum ist sie jejondelt kurz vorm Stern. Wir beiden sind in einen Jrasjraben jeflogen – wie die Champagnerproppen.“ – Die Jungfer kicherte: „Und blaue Flecke wird’s morjen jeben – na, gut Nacht, Karlchen.“ –

Karlchen war Emmas Neigung.

Am andern Morgen war Sarah sanft und freundlich. Ein wenig blaß sah sie aus. Renée kam zu ihr: „Guten Morgen, du hast mich warten lassen gestern, Sarah; so groß wie eine Briefmarke war das Beefsteak, als ich es endlich bekam.“ –

„Ja, o entschuldige. Ich hatte eine Panne mit dem Auto. Saß total fest. Mußte mit der Bahn zurückfahren.“ Sarah verschwieg den Grasgraben. „Ja, bist du denn so toll gefahren?“ frug Renée. – „Manchmal möchte ich am liebsten bums gerade gegen eine Mauer sausen mit dem Ding.“

„Und da hast du dir gewiß gestern diese Sehnsucht erfüllt.“

Sarah lachte. Renée erzählte von Schoenburg. Er wollte also samt Cousine zum Tee kommen. –

„Diesmal kannst du die Cousine unterhalten,“ sagte Sarah.

„Ja, so war es auch vorgesehn!“ –

Eine kleine, schlanke, hastige Person war Schoenburgs Cousine. Sie hatte wolliges, kurzes Haar, einen Umlegekragen und einen riesigen, roten Schlips. Sie brach in unverhohlene Bewunderung aus über Sarahs goldene Teegeräte. „Na sowas,“ sagte sie, „mein Himmel, das ist ja schweres Gold!“ Ihr Vetter lachte.

Dann sprachen Sarah und Schoenburg über die Sommerreise nach Schottland. Er würde die Züge aussuchen. Selbstverständlich. Sie brauchte nur zu befehlen, ob über Hook van Holland oder Vlissingen.

„Mein Vetter hat schon zahllos oft von Ihnen gesprochen, Fräulein von Catte,“ sagte Nana. „Er muß Sie recht gut kennen. Er schilderte Sie genau so, wie Sie mich beeindrucken.“

„O ja. Wir kennen uns beide. Außerdem ist Herr von Schoenburg klug, glaube ich.“

Nana lachte: „Das wann er hörte. Er läßt sich nämlich so gern loben. Gerade darum hab ich ihn gern. Solche Menschen geben sich wenigstens Mühe um ihren Nächsten. – Er sagt, Sie wollen studieren.“

Renée staunte: „Ich, wieso? Ich habe doch gar kein Examen gemacht.“

„Na ja natürlich, wenn Sie das haben.“

„Ich hab aber gar nicht Lust,“ sagte Renée. Nana sah Renée starr an. „Nicht Lust?“ frug sie. „Hoho, Sie werden schon bekommen.“ – „Ich meine, ich hätte schon Lust, nur ist es so schwer und ich bin so faul,“ sagte Renée.

„Sie sollen faul sein? Das glaub ich im Leben nicht. Außerdem Faulheit ist nur so beim ersten Ruck hinderlich. Nachdem kommt’s von allein. Was ist da weiter. Wenn Sie einundeinhalb Jahr wahnsinnig büffeln oder zwei Jahr ordentlich oder drei Jahr mit Zwischenpausen und Seelenruhe, dann haben Sie’s. Nachher brauchen Sie gelegentlich mal ein Jahr sich hinzusetzen, bauen Ihren Dr. phil. und sind ein gemachter Mann. Ist das nun so schlimm?“

„Ja, Sie! Sie können natürlich alles schon,“ sagte Renée.

Nana lachte höhnisch. „Ja,“ sagte sie, „noch nix kann ich. Sie sollten mich mal hören, wenn mein Dr. math. mir Pyramiden und Zylinder aus Kartoffeln ausschneidet, damit ich mir so einen Querschnitt in meinem Krautkopf vorstellen kann. Ja.“

Renée mußte lachen. Sie fing bald an, Lust zu bekommen.

„Erklären Sie mir mal was davon.“

„Dank schön,“ sagte Nana, „nee – nachher werden Sie wütend, wenn ich mich verheddre.“

„Ach, tun Sie’s doch.“

„Mir scheint, sie streiten bereits,“ sagte Schoenburg. Sie stritten doch gar nicht, sie vertrugen sich doch so schön. –

Nana und Renée verabredeten gemeinsame Ausflüge, Spaziergänge, Lädenbummel. Und jedes Mal sagte Nana: „Eigentlich habe ich gar keine Zeit.“

Schoenburgs Cousine gefiel Sarah nicht sonderlich. „Sie hat eine so lärmend fröhliche Art. Gerade wie eine aufgezogene Uhr.“

Jedesmal wenn Renée mit Nana zusammen war, wurde vom Studieren gesprochen und vom Examen. Und von einem Mal auf das andere bekam Renée mehr Lust. Sie dachte: Es muß hübsch sein, etwas vor sich zu bringen.

Aber sie wollte durchaus nicht so viel Zeit vertun. Mehr als zwei Jahre wollte sie keinesfalls anwenden.

Nana redete ihr zu. Nana hatte schon feste Pläne: Renée nahm erst Privatunterricht und zum Schluß ging sie aufs Gymnasium. Oder sie machte alles privat.

Als die Ferien anfingen, ging Nana zu Verwandten aufs Land. Renée brachte sie zur Bahn und stand und sah dem Zuge nach, und als Nanas Lockenkopf zuletzt sichtbar wurde neben dem eifrig wehenden Tuch, dachte Renée: eigentlich kennen wir uns noch gar nicht, haben immer nur von diesen äußerlichen Dingen gesprochen. –

Renée sprach zu Sarah von ihrem Plan. Sarah sagte nichts dawider, sie sagte vielmehr: „Ja, ganz gut. Ich finde es sehr verständig.“ Aber Sarah wurde sehr still, nachdem sie davon gesprochen hatten. – Ob Sarah dagegen sei? „Nein,“ sagte Sarah. „Ich habe ja gar kein Recht, dagegen zu sein. Ich will dich durchaus nicht beeinflussen in deinen Entschlüssen. Nur ich fürchte dich zu verlieren. Nur du hast viel Ähnliches mit deinem Bruder, und das ist zuweilen gut für mich“ – so sagte Sarah.

Renée schwieg. Ihr kam das Erinnern an Hannsbabo; sehr intensiv war dies Erinnern, es war, als fühlte sie seine Hand – –

„Renée,“ sagte Sarah. Das Rückerinnern verging.

„Ich will ja gar nicht fortgehn, Sarah; ich will nur etwas tun, etwas Nützliches anfangen.“

„Nein, nicht allein deswegen. Seit einer ganzen Zeit schon bist du bekümmert und traurig. Ich sehe es dir an schon seit einer ganzen Zeit.“

Fast war Renée ihr dankbar. Wenigstens ein Mensch achtete auf sie.

Renée sagte: „Arme fröhliche Sarah, hast du einen so griesgrämigen Menschen um dich, hast du’s mit einer so schwerblütigen, langweiligen Renée zu tun.“

„Ich bin gar nicht immer fröhlich.“

Renée lachte: „Doch, freilich bist du’s. Gott, das ist etwas so Gutes.“ – Sarah sah ganz bekümmert aus: „Du hast gewiß doch einen lieb – etwa den Schoenburg mit den geschwätzigen Cousinen?“

„Nein, nein. Ich habe nur ein wenig das, was man bei euch ‚heimatskrank‘ heißt, seelisch hab ich das. Wir sagen dazu Heimweh.“

„Ja,“ sagte Sarah, „Hannsbabo sagte drüben manchmal, er hat Heimweh nach dem kleinen Bub Renée.“

„O, der liebe – ja, er verstand diese Dinge,“ sagte Renée.

Also in vierzehn Tagen würde Sarah zur Prinzeß Johann reisen nach Schottland. Nun hatte man fieberhaft zu tun. Sarah blieb kaum fünf Minuten unbeschäftigt, aber sie konnte doch in Redcliff Castle nicht ankommen wie eine ‚Frau vom Lande‘.

Dies war für Sarah der Superlativ für Uneleganz. Wenn Renée gegen das viele Anprobieren redete, weil Sarah kaum mehr zum Schlafen und zum Essen käme, dann hieß es: „Du kannst doch nicht denken, daß ich dort auftreten soll wie eine ‚Frau vom Lande‘!“

Renée frug: „Also was ist das genau genommen?“

„O, mit diesen entsetzlichen, ovalen Hüten, auf denen Straußenfedern sind, und grauen Kleidern, die nicht sitzen, und diesen billigen Korsetts.“

Renée mußte lachen; wirklich, Sarah hatte recht.

Der Diener meldete den Wagen. „Komm doch mit, Renée,“ sagte Sarah. Sie fuhren den Linden zu.

Vor dem Tor stand es schwarz von Menschen. Um diese Zeit ritt der Kaiser vorbei. Man hatte die gelbe Standarte gesehen auf dem Schloß. Er war also in Berlin. Die Leute standen geduldig und ließen sich die Hüte versengen. Renée fiel ein, wie sie als Kind stundenlang auf ihn gewartet hatte. Und sie hatte sich immer auf den Straßenübergang gestellt, wo er sein Pferd Schritt gehen lassen würde.

Dann hatte er ganz allein für Renée gegrüßt zuweilen. – „Ich werd’s ihm erzählen, wenn ich Flügeladjutant geworden bin,“ sagte Hannsbabo. – –

Sarah kaufte ganz Berlin auf. Und überall wurde sie mit ausgesuchtester Höflichkeit behandelt. Überall stürzte schon am Eingang ein Extra-Herr auf sie zu, der sie auf Schritt und Tritt begleitete, ihr alle ‚Neuheiten‘ zeigte und sie Frau Baronin nannte.

Dieser Herr geleitete sie auch wieder zum Wagen.

Renée machte es Spaß, denn sie genoß einen Abglanz dieser Devotion. Auch ihr wurden ‚Neuheiten‘ vorgelegt.

Manchmal neigte Sarah den Kopf zu ihr herüber. Sie sagte: „Renée, gefällt dir dies, möchtest du es nicht haben, sag doch, Renée!“ – Dann sah Renée sie an und lachte und sagte: „Nein, Sarah, bitte nicht.“ Dann sah Sarah enttäuscht aus. Aber Renée wollte nicht die vielen, teuren Geschenke.

Zum Schluß mußte Renée das Reisenecessaire bewundern. Alles darin war von schwerem Silber, und darauf prangte das Catte-Wappen – ganz verschüchtert saß das kleine Wappen-Tier auf all dieser Herrlichkeit.

Renée fand, man würde mindestens einen Gepäckträger extra dafür benötigen.

„Aber schließlich kann ich doch nicht mit Nickelgegenständen herumreisen,“ antwortete Sarah.

„Aber dein tägliches Gebrauchszeug?“

Sarah sagte: „Das ist Elfenbein. Elfenbein ist nicht mehr Mode.“ – Renée lachte sehr: „Natürlich,“ erklärte sie, „du brauchst es!“ – Was nur Frauen tun, die keine Amerikanerinnen sind, dachte Renée. Was sie nur tun?

Sarah fuhr ab. Drei riesengroße Rohrplattenkoffer begleiteten sie. Der Diener bewachte ebensoviele Hutkoffer, ein Gepäckträger folgte mit dem Rest. Sarahs Jungfer trug das Necessaire.

Wenn Renée alle Kleider und Zubehöre bedachte, so wunderte sie sich eigentlich, wie es alles in den Koffern untergekommen war. Allerdings – der Träger hatte noch fünf Handgepäcke.

Sarah war zuletzt ganz richtig traurig. Und Renée sollte oft schreiben und sie ein bißchen entbehren.

Sarah winkte noch aus dem Fenster heraus.

Zu Haus wurde Renée schon erwartet. Es war Elisabeth. Elisabeth befand sich auf der Rückreise und wollte nach Groß-Gehren, sie hatte gedacht, am Ende käme Renée gleich mit.

Man könnte den Koffer einfach auf den Wagen stellen, der Kutscher hätte doch noch angespannt.

Renée lachte: „Erstens dürfen auf Sarahs Wagen keine Koffer und zweitens kann ich gar nicht.“

„Du kannst doch unmöglich für länger hier in der Wohnung so allein hausen.“

„Findest du?“ – „Papa findet es,“ antwortete Elisabeth spitzig. – „Na, beruhige dich nur, Elisabeth, das will ich ja gar nicht. Ich komme bald nach Groß-Gehren und dann reise ich etwas.“

„Reisen, wohin denn?“ – „Vielleicht nach München.“ – „Was willst du denn da?“ – Renée amüsierte sich, Elisabeth zu chokieren. „In Italien soll es ja im Sommer auch wundervoll sein.“ – „Was für eine verrückte Idee,“ sagte Elisabeth scharf. Sie ereiferte sich. Papa fände, daß das Reisen ins Blaue hinein lächerlich sei. Er habe keineswegs Geld für sowas übrig. Ja, er habe es geradeheraus gesagt, als Renée im letzten Brief davon geredet hätte.

„Warum bist du denn nicht mit der holden Sarah gefahren?“ – „Du drückst dich wirklich recht gewählt aus,“ sagte Renée, „indessen mich lockt weder die Prinzessin noch Schottland.“ – „Sarah versteht es wirklich ausgezeichnet, sich in die exklusivsten Kreise hineinzubringen,“ sagte Elisabeth. Gewiß war sie recht neidisch. „Du könntest wirklich lieber in Groß-Gehren Papa etwas behilflich sein. Papa hat eine neue Köchin, dort wäre am Ende dein Platz.“

Renée ermüdete schon. Wozu? Was denn eigentlich hatte sie gewollt? Alleinsein – wissen, wer man ist.

„Schließlich hat die Familie doch wohl auch Anrechte auf dich.“ – „Niemand hat Anrecht auf mich,“ das schrie Renée ganz zornig. „Niemand, dem ich es nicht gab.“

„Dieser moderne Quatsch, es ist fürchterlich,“ sagte Elisabeth.

Nach wenig Tagen fuhr Renée.

Da war der Turm von Groß-Gehren und die breiten Kronen der Linden, zwischen denen das Haus stand, da war der weiße Kirchturm.

Nun über die Bahnschienen mit der Warnungstafel und den Weg hinunter über den kleinen Berg, so ein märkischer Kaninchenhügel, und auf der Dorfstraße die Kinder mit dem weißblonden Haar und den dunkelbraunen Gesichtern.

Da die ziegelrote Schule und die schöne Kirche und der Hof.

Auch heute sprang ein brauner Jagdhund – wie mochte wohl dieser heißen – auf den Wagen zu und kläffte.

Da rasselte der Wagen über die holprigen Hofsteine, das altgewohnte Geräusch.

Renée ging in den Zimmern herum, wo dieser herbe Geruch war aus der Kindheit – nach Lavendel und ein wenig dumpf, weil immer die Läden geschlossen wurden vor der Sonne.

Draußen floß das weiche, graue Wasser, das die langen Kähne vorübertrug; die wurden schöne, weiße Segel, wenn Wind war.

Sie ging in das Zimmer, wo sie als Kind gewohnt hatte. Es war durch eine bunt tapezierte Wand in zwei Räume geteilt, es waren fremde, plustrige Polstermöbel darin und Bills Spielsachen. Großvaters riesengroßer Schreibtisch, auf dem Renée als Kind mit ihren Spielsachen herumgeklettert war, stand nicht mehr an seinem Platz.

Renées Puppenhaus und die Festung mit der Zugbrücke und das Theater, alles stand auf der Erde in diesem Zimmer, und in der Mitte thronte Bill, vor ihm lag ein Haufen Bleisoldaten, auf die er mit einem Holzhammer loshackte. Renée fuhr auf ihn los; es ergab sich, daß es ihre alten Bleisoldaten waren, – Bill fing an zu heulen. Renée raffte das ganze Zeug in ihren Rock und trug es fort.

Als sie in ihrem Zimmer die kleinen blauen und roten Männer ansah, kam sie sich sonderbar vor, lächerlich, kindisch, aber es blieb trotzdem ein Kummer, ein dummes, kindisches Leid. Sie schüttete den ganzen Kram in die Kommode, das meiste war ohne Kopf und Beine.

Erst wollte sie es Papa sagen, man hätte nicht einfach ihre Spielsachen dem ekligen Bengel zu geben. Ihr gehörten die Sachen, sie könnte sie selber schon verschenken, wenn sie wollte.

Dann dachte sie: Gewiß ist es dumm, ich sehe ja die Sachen doch nicht an, gewiß ist es gar kein guter Charakterzug, daß ich sie dem Bill nicht gönne.

Sie würde dem Bill doch einmal alles gönnen müssen, Haus und Hof und Feld.

„Ich höre, du willst reisen,“ sagte Papa.

„Ach nein, Papa, ich will es eigentlich gar nicht.“ – „So so – na,“ sagte Papa, „das ist ja schön, denn da du schon so lange weg warst, so hofften wir, du würdest dich mal hier nützlich machen.“

„Freilich,“ sagte Renée, „wenn ich was helfen kann.“

„Du könntest etwas auf die neue Köchin achten,“ meinte Papa. „Sie ist eine ganz untaugliche Person, und der Diener ist auch ein furchtbar dämlicher Kerl.“

„Wie bist du denn mit dem Förster zufrieden?“ – „Nichts versteht er,“ antwortete Papa.

Demnach schien Papa wenig Glück gehabt zu haben bei seiner Wahl.

„Na, wie gefällt dir denn Bill?“

„Gott, er ist doch erst zwei Jahr,“ meinte Renée.

„Eine Schönheit wird er nicht werden,“ sagte Papa. „Er hat gerade die blöden Augen wie sein Vater.“

Renée sah ihren Vater erstaunt an. Papa sah ganz ernst aus. Geradezu bekümmert. – „Nichts von unserer Familie hat er,“ fuhr Papa fort. „Der ollen Horwitz gleicht er – na –“ damit erhob sich Papa und ging in den Garten.

„Papa entbehrt dich recht oft,“ sagte Elisabeth.

Renée schwieg. Sie fing an nachzudenken. Damals, als Papa täglich mit ihr ausfuhr, als sie immer die Rehböcke für ihn erspähte – besonders in der Seradella standen sie gern. Wenn sie am Vorwerk vorbeikamen, sagte Papa manchmal: Hier müßte man das Pächterhaus hinbauen, damit man sie los wäre vom Hof, und hier käme dann der ganze Wirtschaftshof hin, wenn man’s demnächst mal alles herüberlegte.

Wenn Papa solche Dinge sprach, dann war Renée sehr geehrt gewesen, daß er seine Pläne mit ihr redete.

Renée dachte daran.

„Papa findet, deine Pflicht wäre es, ihn zu unterstützen und nicht Sarah,“ sagte Elisabeth.

Richtig, Elisabeth!

„Vor kurzem warst du doch sehr einverstanden, daß ich zu Sarah ginge,“ antwortete Renée.

„Nun ja, eben zeitweise. Aber so gehst du ja der übrigen Familie verloren – außerdem,“ Elisabeth machte eine kurze Pause, „außerdem wo soll es hinführen? Sieh mal, das wirst du doch selber einsehn, neben einer hübschen, jungen, so reichen und so koketten Frau wie Sarah kommst du nie zu deinem Recht.“

„Wieso? Wie meinst du das?“

Elisabeth lächelte diskret: „Na, Renéechen, weißt du.“

Renée ärgerte sich, diese albernen Diminutive.

„Ich meine ganz einfach,“ fuhr Elisabeth fort, „Sarahs kokettes und reifer entwickeltes Wesen sticht den Reiz deiner harmloseren Jugend aus bei den Herren.“

„So etwas Geschmackvolles also meinst du.“ Renée lachte. „Das kann ich überstehn.“

„Du wirst schon sehn, wenn erst die Trauer vorbei ist und ihr seid in Gesellschaft.“

„Nein,“ antwortete Renée energisch. „Fällt mir nicht ein, in Gesellschaften zu gehn.“

Elisabeth sagte: „Nun, dann hat doch der Aufenthalt bei Sarah überhaupt gar keinen Sinn.“

Papa war nicht sonderlich erbaut von dem Plan mit dem Gymnasium. Daß Renée nun auch von dieser modernen Idee sich anstecken ließe. Überhaupt wäre es eine Albernheit, daß Renée immer bei Sarah herumsäße. Sarah sollte sich nur wieder verheiraten. Es war sehr, ja sehr töricht, wenn Frauen sich nicht verheirateten, fand Papa. –

Sarah schrieb kurze, vergnügte Briefe. Bereits im dritten Brief berichtete sie, daß der junge Landsdown ihr einen Antrag gemacht hätte – o, zu drollig – einen ganz richtigen mit Liebe und Verzweiflung ‚wenn nicht‘ und funkelnden Augen. Und nun sei er entrüstet abgereist. – Prinzeß Alison war reizend zu Sarah und nannte sie ‚sweet‘ und hatte versprochen, das nächste Mal mit dem Prinzen bei Sarah abzusteigen in Berlin, und wahrscheinlich würde Sarah in der Nähe der prinzlichen Güter in Schlesien irgend ein Schloß ankaufen.

Und es falle ihr nicht im mindesten ein, sich wieder zu verheiraten, obwohl sie es ihr alle rieten. Keine Spur. Die Männer wären doch viel netter, wenn man sie in jedem Moment wieder laufen lassen könnte, sobald man wollte. –

Renée war nicht wohl zumute bei diesen Briefen. Sie waren so sehr Sarah. Sie gaben zu sehr ihr Wesen preis.

Und Renée dachte: eigentlich sollte ich wirklich nicht mit ihr zusammen sein.