Im Herbst kam Sarah zurück. Renée sah sie wenig. Renée begann eben mit den Stunden. Sarah war müde und abgehetzt. Sie lag zu Bett, oder sie war in der Stadt und ordnete ihre Wintergarderobe. Und wenn sie zu Haus war, – irgendwie kam es, daß Renée und Sarah einander aus dem Wege gingen. Es hatte keinen besonderen Grund, nicht daß Mißhelligkeiten gewesen wären oder Streit. Mit Sarah gab es keinen Streit. Sie hatte eine bewegungslose Ruhe in allen Dingen, sie lächelte freundlich, wenn man ihr widersprach, und tat nach ihrem Belieben. Alles Rechten mit ihr war doch nur ein sinnloser Kraftaufwand.
Wenn sie keine Erwiderung wußte, lachte sie und wechselte das Thema.
Sehr oft mußte Renée an ihren Bruder denken. Dies und das der täglichen Geschehnisse, ja der ganz unwichtigen täglichen Kleinigkeiten ließ sie verstehn, was ihn aus dem Leben gejagt hatte. Sie dachte: Er ist zerbrochen daran, ist müde geworden und hilflos und arm. – Sie dachte, wie das wohl alles geschehen war.
Das Nachdenken über diese Dinge machte sie schroff und abweisend gegen Sarah. Ja, es stieg eine Härte in ihr auf.
Und oft gingen ihre Gedanken diesen Weg, sehr oft.
Manchmal mitten in einem Gespräch, wenn Renée aufblickte und Sarah ansah, dann fand sie einen unguten Zug, der in Sarahs Gesicht war.
Und Sarah lächelte ihn weg, wenn Renée hinsah. –
Das Arbeiten brachte Renée in eine gute, gleichmäßige Angespanntheit. Es gab ein Maß für die Tage, für die Wochen, für die Monate. Sie kam sich versorgt vor, wie jemand, der endlich eine passende Anstellung gefunden hat. Es war angenehm, zu wissen, was man am Morgen tun würde. Man fühlte die Stille und die Freude der Sonntage.
Manchmal kam Renée mit Nana zusammen. Dort traf sie Nanas Kolleginnen; tüchtige, frohe Menschen waren es. Manche – so fand Renée – hätten nicht so witzig zu sein brauchen, sie sagten: „Tableau“ – „So ist die Kiste“ – „Fertig ist die Laube“ – aber sie waren brav und ordentlich und auch klug zuweilen. Man überhörte eben die Witze.
„Wirst du denn nur immerzu so arbeiten?“ sagte Sarah.
„Freilich, bis ich fertig bin.“ – „Und dann?“ – „Dann arbeite ich weiter.“ – „Es wundert mich, daß dies Schulmädchenleben dich befriedigt,“ sagte Sarah.
Eigentlich mußte Renée lachen. Nun ja – was sie betrieb, waren ja nicht eben gerade Probleme der Wissenschaft. Aber Sarah – wenn sie sich Sarah über der griechischen Formenlehre dachte oder bei den ekligen Dreieckskonstruktionen.
„So lange ich die Dinge noch nicht kann, befriedigt es mich eben, sie zu lernen,“ antwortete Renée. Sie dachte: Dieser kleine Überfall mag ruhig hingehn.
Sarah sagte: „Mir ist es aber langweilig.“
Renée wurde böse: „Es steht dir jederzeit frei, dir eine lustigere Gesellschafterin zu nehmen.“ Diesmal lief Renée hinaus. Diesmal warf Renée die Türen. –
Renée und Nana waren im Grunewald. Sie saßen da an einem Waldgraben mit dem Rücken gegen den Weg. „Ich möchte ein wunderschönes Buch geschrieben haben,“ sagte Nana plötzlich, „möchte Dr. h. c. werden, möchte ein wahnsinniges Geld verdienen.“
„Ich denke, du wolltest den Krebserreger entdecken.“ – „Ja ja, das wäre gar nicht uneben. Aber das Geld, das ich dann hätt. Ach Unsinn.“
„Na, also dann irgend eine andere Medicinae Großtat.“
Nana schüttelte die Locken auf ihrem runden Kinderkopf: „Studieren werd ich schon, aber entdecken werd ich nix, das kannst du glauben.“
„Wie bist du denn eigentlich darauf verfallen?“
Nana legte sich lang in den Graben hinein und kugelte sich behaglich hin und her.
„Man verdient am meisten. Ich habe nämlich ein Vorerbe von Großmama. Das reicht gerade so zur Ausbildung und Anschaffung der Instrumente. – Nachher muß ich verdienen. Ich habe keine Lust, arm zu leben und zu sterben.“
Nana machte eine Pause, sie zupfte Gräser ab, die sie in den Mund steckte. „Überhaupt ist es sehr ungut, arm zu sein. Man dreht jeden Groschen in der Hand herum. Man wird geizig und kleinlich gegen sich und andere. Es verdirbt den Charakter, ebenso wie ungute Liebe.“
„Eine eigenartige Zusammenstellung,“ sagte Renée.
Nana lächelte: „Nein, das ist auch Armut, so eine ärmliche Liebe. Weißt du, Renée, ich finde, die Männer haben es maßlos gut.“
„Ach – findest du.“
„Ja“ – ganz eifrig wurde Nana – „denke nur: Frau und Kinder können sie haben und ernähren und kleiden. Alles kommt vom Mann. Jeden Groschen hat er verdient, und nun kann er der Frau und den Kindern alles geben, jedes einzelne ist seine Arbeit, was er ihnen gibt, und ein Stück von ihm. Und dadurch nimmt er sie alle ganz zu eigen, und sie hängen ganz von ihm ab.“
„Das sagst du ja ganz verklärt, Nana.“
Nana richtete sich halb auf: „Es ist das Schönste,“ sagte sie, „wenn der Mensch, den man liebt, ganz von einem abhängt in allen Dingen.“
„So ein Vampir bist du!“
Nana wurde bös: „Renée, du lachst, du ulkst über mich.“
Renée streckte ihr die Hand hin. „Nein, Nana,“ sagte sie. „Ich lache ja nicht. Nur darüber hab ich noch nie nachgedacht, ob eben dies so schön ist.“
„Nun also, was ist denn schön?“
„O, ich weiß es nicht,“ sagte Renée, „ich weiß nicht, ich denke: lieben.“ –
„Dieser Ausspruch ist nicht gerade neu,“ antwortete Nana.
„Nun ja, lieben an sich ist nichts Besonderes, aber so – so, daß eben der eine Mensch den Sinn gibt für alles andere – und dann –.“
„Was noch, Renée?“
Ein wenig noch zögerte Renée. Dann sagte sie: „Wenn man liebt, so muß es sein, um es nie wieder zu vergessen. Gar nichts auf der Welt, was auch geschehen könnte, muß dies ungeschehen machen können, daß man diesen einen Menschen über alles liebte – und wäre es schon ein ganzes Leben her.“
„Dann dürfte jeder Mensch nur einmal lieben.“
Renée schwieg. Sie hatte noch niemals daran gedacht. Und eigentlich konnte man sicher nur einmal lieben – aber dann wieder dachte sie an Hannsbabo.
Sie standen auf, um zurückzugehen.
„Heute mag ich überhaupt nicht heraus aus dem Grunewald,“ sagte Nana. „Morgen gibt es sicher Regen und übermorgen Schnee und die nächste Woche Winter. Dann ist’s aus mit dem Grunewald.“
Sie gingen nach Hundekehle.
Nana wollte absolut Punsch trinken. Renée redete dagegen. „Ich stoße dich auf ein paar Glas,“ sagte Nana, „und nun bist du still.“
Am See war es kühl. Sie mußten sich den Tisch extra heraussetzen lassen. Man servierte eigentlich nicht mehr draußen. Darum lag draußen alles voll gelber Blätter, die knisterten, wenn man darüberging.
Renée sollte immer noch mehr Punsch trinken. Sie hatte einen richtigen Kampf mit Nana.
Endlich saßen sie in der Elektrischen. Die Leute neben ihnen stapften mit den Füßen auf den Boden vor Kälte. Siebenmal hörte Renée, wie einer dem andern Schnee prophezeite. Die Bahn quietschte und klagte in den Schienen. Das versprach Kälte.
„Ich kann noch nicht nach Haus“ sagte Nana. „Ich kann nicht so früh allein sein heute, laß uns irgendwas unternehmen.“
„Komm mit zu mir, magst du?“
„Nein,“ sagte Nana, „dank schön. Ich gehe nicht gern in die Nähe deiner Schwägerin. Tu mir den Gefallen, laß uns was unternehmen.“
„Vielleicht könnten wir ins Theater gehn,“ sagte Renée.
Nana war einverstanden. Ja, sie würden in ein Lustspiel gehn. „Nur nicht etwas mit Emotionen,“ sagte Nana.
Es war ein furchtbar dummes Stück. Renée bedauerte ihre sechs Mark. Man hätte viel hübschere Dinge damit haben können. Renée ärgerte sich über die albernen Leutnants auf der Bühne, die wie Friseure aussahen, und die ‚Gräfinnen‘ benahmen sich so Münchnerisch ordinär. Natürlich saßen die Berliner und gröhlten vor Wonne.
Nana zupfte Renée am Ärmel bei jedem Witz und lachte und schlug sich auf die Kniee vor Vergnügen. Nachher, als sie heimgingen, war Nana ganz aufgeräumt. Sie sagte, Renée sei ein lieber Kerl, daß sie mitgekommen wäre. „Manchmal,“ so sagte Nana, „da denk ich an meine gräßliche einsame Bude, und dann bin ich wie ein Hund, den sein Herr mit dem Kopf ins Wasser getitscht hat.“
Renée sagte: „Dann sagst du mir’s immer, nicht wahr? Und wir sind gute Freunde und dann helfen wir einander schon aus.“
Dann nahm Nana Renées Hände und drückte sie ganz fest – und sie sagte: „Du kannst das wissen: du sollst keine Minute warten, wenn du einmal meine Hilfe brauchst, Renée.“ – –
Als Renée einschlief, fielen ihr Nanas gute, warme Worte ein. So kam es, daß sie ruhig und froh aufwachte den andern Morgen. –
Wie Renée sich plagte. Wollte denn die elende Geometrie nie in ihren Kopf? Manchmal saß sie drei Stunden über ein und derselben Aufgabe, und in der vierten Stunde fiel ihr so ein elender Lehrsatz ein. – Dann war es gelöst. Wenn sie es nicht herausbrachte, dann peinigte sie diese Zeichnung den ganzen Tag. Fast hätte sie, wen sie auf der Straße traf, angeschrieen: „Wenn a + b gegeben ist und der Winkel.“
Sarah betrachtete es mit Kopfschütteln.
Mit den Sprachen konnte sich Renée besser helfen. Und an dem Griechisch hatte sie Freude. O, man konnte zuweilen ganz berauscht werden von dem weichen, von diesem geheimnisvollen Zusammenklingen der Vokale.
Und immer gingen die Worte dieser Sprache dem Geschehen nach; klangen süß und sanft, wenn gute Dinge geschahen, klangen absurd und gellend und wie Schreie, wenn ein Unglück kam.
Renée konnte ein oder das andere Wort vor sich hersprechen, drei-, viermal – und wurde wehmütig dabei. –
Einmal sprach Sarah von Nana. Nein, ihr gefiel diese Nana nicht. Immer war sie in einer so sonderbaren Weise präokkupiert, wenn Sarah mit ihr sprach. Und sie hatte ein Benehmen wie ein Realschüler. – „Wirklich, du solltest dich nicht so mit ihr liieren,“ sagte Sarah. – „Sie ist der feinste und beste und ehrlichste Mensch, den ich kenne,“ antwortete Renée.
„Also du wirst bestimmt irgendwann peinliche Erfahrungen mit ihr machen.“
„Nein, nein.“ Renée lachte übermütig. Sarah überhörte das: „Von jener Person, die Margit Roeren hieß, hast du mir auch immer so vorgeredet.“ – „Ich glaube, ich kann trotzdem Unterschiede machen, Sarah!“
Sarah sagte: „So. Nun aber du absentierst dich absichtlich von mir, Renée. Und dann – ich halte den Einfluß dieser Leute nicht für geeignet.“
„In manchem hast du recht. Aber nicht hier. Nana ist nur gut für mich. Vielleicht indessen ist es ungut, daß wir zusammen sind, Sarah, daß wir es noch sind, denn das, was uns zusammenbrachte – das hält uns nicht mehr.“
Sarah schien erstaunt zu sein. Renée sah ihr so sehr an, wie wenig sie dergleichen erwartet hatte zu hören.
„Ich glaube es darum,“ fuhr Renée fort, „weil sich auf die Dauer und je älter ich werde, Gegensätze verschärfen werden, die dir wie mir zuerst ganz unwichtig erschienen und – weil du gewohnt bist, die Dinge aus einer andern Optik zu betrachten, als ich es tue. – Ich aber kann es nicht haben, daß herabsetzende Dinge gesagt werden über Menschen, denen ich gut bin.“
Renée sagte: „Nein, nicht. Das würde wenig helfen. Sei mir nicht böse, Sarah, es ist dies: Du hast die Tendenz intellektueller Freiheitsbeschränkung. Aber ich kann keine Beschränkung ertragen.“
Sarah stand auf. Sie machte ein hochmütiges Gesicht und ging – aber zögerte sie nicht einen kurzen Augenblick an der Tür? –
Bei Sarah begannen die Feste. Es kamen die, zu denen Sarah mit der langen Schleppe ging und dem Schleier und jene, zu denen sie goldne Kleider trug und silberne Roben, an denen zuvor Brillanten festgenäht wurden.
Schön sah Sarah aus. Aber Renée sah sie an und dachte an ihren Bruder. Dachte: früher war sie schöner, als Hannsbabo neben ihr stand und sie immer ansah. –
Abends, wenn Sarah zurückkam, legte Renée ihre Bücher fort, über denen sie gesessen hatte, und setzte sich zu Sarah.
Dann erzählte Sarah. Die Leute hätten gesagt, Sarah wäre schön, so schön wie eine Königin, sie sähe wiedermal am vorzüglichsten aus von allen. Dann lachte Renée und sang:
„Frau Königin, ihr seid die Schönste allhier ...“
„Gar nicht ist Schneewittchen schöner,“ sagte Sarah.
„Nein, gar nicht,“ antwortete Renée.
Das mochte Renée gern, so abends mit Sarah sein. Die Dinge, die sie Tag und Nacht über eingepaukt hatte, tanzten ihr immer noch ein wenig im Kopf herum, während Sarah erzählte – und dann tanzten Sarahs bunte Geschichten dazwischen.
Wenn Renée zu Bett ging, nahm sie die Bücher noch einmal mit. Sie befaßte sich von neuem ernsthaft mit jedem einzelnen Stoff.
In der Mathematik erlebte sie Enttäuschungen: Immer war es abends so herrlich richtig. – Am nächsten Morgen hingegen war es falsch. Und Renée hatte doch gerade dem Mathematiklehrer auseinandersetzen wollen, wie einfach und unzweideutig diese Lösung wäre. –
Die Zeit verging gleichmäßig. Es war, als ob man in langsamem Tempo einen Berg heraufkäme.
Einen Berg mit einer leidlich bequemen Straße. Renée konnte die Arbeiten beiseite tun ein paar Stunden oder ganze Tage.
Aber dann wußte sie, es war immer da, bereit, zur Verfügung. Sie brauchte nur eins der Bücher zu nehmen.
Eine komische, kleine Kraft hatten die Bücher. Waren sie nun eine Schanze oder waren es Waffen? Oder war es ein Haus, ein Schneckenhaus, in das man hineinkriechen konnte?
Es war auch ein Sport dabei. Viel fixer als bei andern sollte es gehn – mußte es gehn. –
Renée sah Nana wenig diese Zeit. Nana sagte: „Nein, so ochse ich nicht. Keineswegs. Bei uns in der Penne läßt man sich Zeit.“
Manchmal kam sie, wollte Renée helfen, irgend etwas erklären. Aber es lief nie gut aus. Renée verteidigte wie ein Evangelium, was sie einmal gehört und verstanden hatte. Nana hingegen suchte immer nach neuen und folglich besseren Methoden. –
Einmal, gegen den Sommer, kam Nana aufgeregt angelaufen. Sie fuchtelte mit den Armen und schrie schon von weitem: „Du mußt in die Pension kommen heut abend. Gräfin Isowska gibt ein Atelierfest.“ – „Aber ich hab keine Zeit.“
Nana ergriff Renée aufgeregt bei den Armen und schüttelte sie. „Du mußt absolut, es wird famos, und überhaupt hab ich dich schon angemeldet. Es ist alles besorgt – hier ist die Karte.“ Sie zog einen Zettel aus dem Portemonnaie. „Es ist für eine ‚polnische Waise‘. Aber wir glauben alle, die Isowska ist selbst die ‚polnische Waise‘.“ Nana erstickte vor Lachen. „Es kostet fünf Mark,“ stieß sie keuchend hervor.
Renée zahlte. „Aber was muß man anziehn?“
„Ist schon erledigt,“ sagte Nana. Sie lief hinaus und schleppte einen Karton herbei. „Da, nimm,“ sagte sie mit einer verschwenderischen Geste, „es ist von Edda Osten. Es ist Napoleon auf der Brücke von Lodi.“
„O,“ sagte Renée, „soll ich das darstellen – aber –“
„Es kommen nur Damen.“ Nana richtete sich in ganzer Größe auf, „es wird sehr dezent, und die Gräfin Isowska hat sich extra Atelier-Requisiten dazu verschafft.“
Nana begann den Karton auszupacken – das geschah, indem sie den zu unterst liegenden Gegenstand herauszerrte. Dadurch fielen die andern mit.
„Das Kostüm kannst du ruhig tragen. Edda Osten ist meine Cousine. Sie ist sehr sauber.“
Renée lachte: „Bitte, das erstere genügt mir völlig.“
Aus dem Karton kam ‚Napoleon auf der Brücke von Lodi‘. – Renée begann den Napoleon anzuziehn. Wenigstens den Waffenrock und die schwarzen Stulpenhandschuh.
Sarah klopfte, sie kam eilig herein.
Nana fuhr auf mit einer kleinen, drolligen Verbeugung. – „Es ist Napoleon,“ sagte Nana. – „O sieh da. Gibt es einen Maskenball?“ – Nana erzählte eilfertig die Geschichte von der polnischen Gräfin.
Nun wollte Sarah mit. Und Renée merkte, daß Nana keine rechte Lust dazu hatte. – „Sie werden mich doch mitnehmen?“ sagte Sarah – sie lächelte Nana zu, als ob es gälte, jemanden aus dem Gefängnis herauszulächeln.
Nana wurde verlegen. – „Natürlich,“ sagte sie, „wenn Sie es mögen.“
„Also gut, gut, ich mag. Fahren Sie schleunigst zu der polnischen Gräfin. Sagen Sie ihr, ich stiftete hundert Mark für das Waisenkind.“ – Nana sah Renée an, und dann sah sie Sarah an. Sie verabschiedete sich eilig und ging. „Heut abend auf Wiedersehn,“ rief ihr Sarah nach.
„Ah, sie wollte mich nicht haben, die alberne, kleine Person,“ sagte sie. „Wollte absolut nicht. Hast du so etwas Ungezognes schon gesehen?“
„Ich würde nicht gehn, wo man mich nicht wollte.“ – „Ach wie lächerlich.“ Sarah lachte demonstrativ. „Gerade – und außerdem bezahle ich ja genug.“ – Dann fuhr Sarah in die Stadt wegen des Kostüms.
Renée freute sich. Sie hatte noch niemals so etwas mitgemacht. Und hatte sich noch niemals verkleidet.
Und gewiß waren sehr viele Leute da mit schönen Kleidern. –
Sarah hatte ein hellgrünes Kleid. Sie hatte einen weißen Turban mit Perlenketten und einen großen bunten Paradiesvogel.
Am Eingang wurde Sarah von der Gräfin Isowska empfangen. Die Gräfin überreichte ihr einen Strauß weißer Lilien und sagte, es sei ein Glück und eine Ehre für ihr harmloses Fest – und Sarah lächelte das reizendste Lächeln, das sie aufbringen konnte.
Dann machte die Gräfin eine weitausladende Handbewegung, mit der sie die Bahn freigab und sagte: „Napoléon et Joséfine.“ –
Ein allgemeines Ah ging durch die Versammlung. Renée fühlte sich allseitig angestarrt und wäre am liebsten in die Erde gekrochen. Sie hatte gar nicht gemerkt, daß Sarah Josefine darstellte – aus irgend einer Ecke schoß Nana hervor, sie hatte eine riesige Guitarre auf dem Rücken.
Einige zufällig in Empiretracht erschienene Damen begannen drängelnd hinter Sarah herzulaufen und sagten, sie seien der Hofstaat.
Nana stand neben Renée „Es sind eine Menge ulkige Leut hier,“ sagte sie kichernd. „Wart, ich zeig sie dir.“ – Nanas Finger fuhr hoch in der Richtung einer umfangreichen Dame mittleren Alters. – „Siehst du, das ist die Lamproth, die mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ – ich glaube, sie hat immer noch keins“ – eben ging die Betreffende vorüber, Renée hätte ihr beinah ins Gesicht gelacht.
Nana zeigte auf eine große Dame in Schwarz. – „O, das ist die liebe, schöne Reichner-Wengersky.“ – „Schön? Herrgott,“ sagte Renée.
Nana lächelte. „Nein, nicht das landläufige ‚schön‘. Ich weiß wohl, und dann ist sie auch schon alt, aber ich habe ihre Bücher so maßlos geliebt, als ich sehr jung war.“
Renée dachte an eins dieser Bücher, dachte: daß ein Mensch ein so großes, gutes Herz haben kann, irgend eine kleine Rührung kam ihr. – „Also das ist sie“ – sagte Renée, „das ist sie.“
Plötzlich machte eine dicke Dame vor ihr Halt. Diese Dame hielt den Kopf ein wenig schief und lächelte fatal, indem sie die Augen zusammenkniff. Wo – richtig, es war ja die Horwitz, Viktors furchtbare Schwester. – „Sie hier, Fräulein Renée?“ – „Sie auch,“ antwortete Renée. Die Horwitz sagte, man hätte sie so sehr dringend aufgefordert.
„Sie werden viel berühmte Damen hier sehn,“ begann die Horwitz milde, „ich werde Sie ein wenig orientieren.“ – Renée erschrak; nun mußte sie mit der gräßlichen Horwitz herumlaufen. – Aber schon hatte Fräulein von Horwitz sie im Schlepptau. Mit der gleichen schiefen Kopfhaltung wie zuvor an Renée trat sie an eine der Umstehenden. Sonderbar, auch diese drehte den Kopf schief. Es war Henriette Estner, wie Renée vernahm, ‚eine unsrer Bedeutendsten‘. – Die Bedeutende lächelte steif und selbstverständlich. Sie hatte eine Stimme wie ein zerstoßner Blechtopf – aber sie wurde sehr geehrt. Renée schob sich schnell durch zwei Dahinterstehende und verschwand von der Seite der Horwitz. –
„Sieh dir doch lieber die jungen, hübschen Bedeutenden an,“ sagte Nana.
Es kamen einige Vorführungen. Sie waren nichtssagend. Aber man konnte wenigstens feststellen, daß auch junge und hübsche Damen auf diesem Fest waren.
Das war beruhigend. Es gab Theater. Tingeltangel, Kabarett, dumme Auguste und Cleo. Es war alles sehr echt. Besonders der Tingeltangel! Nachher tanzte man.
Zwischen den Tänzen sang Nana. Nana war Troubadour. Sie stand mit dem Rücken zum Fenster und sang: „Il y avait une fois un pauvre gare –“
Sie sang mit einer feinen, traurigen Stimme, und manchmal, sonderbar unvermittelt, griff sie leidenschaftlich und hart in die Saiten ihres Instruments.
Kleine, liebe Nana – was tanzt denn so in deinem Herzen! –
Sarah stand inmitten der Hervorragendsten. Hinter ihr waren die in Empiretracht. Neben ihr stand ein großer, schlanker ‚Theodor Körner‘. Er hielt den Lilienstrauß. Er wandte sich zu Nana und sagte: „Diese kleine Josefine ist reizend.“ – Nana drehte ihm den Rücken. „Es ist die Dr. med. von Saldern,“ sagte sie wegwerfend.
Sarah schien sich zu verabschieden. – „Ich werde sehr Freude haben, wenn Sie kommen zu mir,“ sagte sie mit einem allerliebsten Lächeln.
Sie spricht doch sonst viel besser Deutsch, dachte Renée. ‚Theodor Körner‘ reichte die Lilien in den Wagen. „Ihr Wagen hat nicht einmal ein goldenes Dacherl,“ rief er hinterdrein. –
Im Wagen lachte Sarah, zehn Minuten lang ununterbrochen. „Es ist das Komischste, was es gibt, o, es ist so komisch“ – ganz außer sich war Sarah.
„Was ist denn nur?“ – Sarah lachte – lachte. Der Paradiesvogel auf ihrem Kopf lachte.
„Sie waren so furchtbar alt und häßlich,“ sagte Sarah, „sie machten mir so entsetzliche Komplimente; o, sie waren alle ganz verliebt in mich. – Ich habe sie sämtlich eingeladen.“ – –
Die Damen mit dem ‚Schrei nach dem Kinde‘ kamen. Sie sprachen sehr viel von dem ‚versagten Glück der Mutterschaft‘, das allen Frauen zugänglich gemacht werden müsse. Sie sagten: „Es ist das Recht des Weibes, Mutter zu sein.“ Dr. med. von Saldern schwieg und lächelte. Dann sagte sie: „Es ist das Recht der Frau, reizend zu sein.“ Die mit dem ‚Schrei nach dem Kind‘ rückten von ihr ab.
„Es ist durchaus unwichtig, ob dieser rein physiologische Zustand vorhanden gewesen ist oder nicht,“ sagte die Dr. med. Die Bedeutende mit der Blechstimme trat ihr entgegen. „Die Mutterschaft reift die Frau zu ihren höchsten Möglichkeiten!“ sagte sie.
Renée ging zwischen ihnen herum und reichte die Teetassen. Und als sie zum fünften Mal hörte, daß es das heiligste Recht sei, Mutter zu sein und daß niemandem dieses Recht verkürzt werden dürfe, da bekam sie eine Riesenlust, in all das banale und aufgeblasene Zeug hineinzufahren, das sich so maßlos wichtig gebärdete.
„Wenn man nun gar nicht Lust hat auf dies ‚heilige Recht‘?“ sagte sie.
Die Damen betrachteten sie indigniert. „Nicht Lust,“ sagten fünf herausfordernde Stimmen. Renée mußte lachen. Es schien, sie hatten alle sehr Lust. – „Ich habe gar keine Lust zum Beispiel,“ sagte sie freundlich.
Die Gesichter der Damen röteten sich – die Dr. med. sagte: „Recht so!“
„Noch vorgestern sagte der Herr Kultusminister im Abgeordnetenhaus, daß die Frau vor allem auf ihren herrlichen Beruf als Frau und Mutter erzogen werden müsse,“ hub eine Dame an. „Natürlich für diejenigen, die dieses höchsten Glückes leider nicht teilhaftig sind – –“
Renée unterbrach sie: „Ich las es. Dieser Mann betrachtet alles weibliche Künstlertum, Studium, Arbeit nur als Ersatz, als Notbehelf für die versagten Babies mit Lutschpfropfen.“
Einige der Jüngeren lachten. Sarah lächelte. Sie sagte: „Ich bin erstaunt, Renée.“
Renées Gegnerinnen zogen sich darauf zurück, von jugendlicher Unreife zu reden. Sie sagten: „Jedes Vollweib fühlt in sich diesen Drang.“ –
„Unter diesen Umständen ziehe ich vor, ein Halbweib zu sein,“ sagte die Dr. med.
Die Unterhaltung bekam eine bedenkliche Wendung.
„Immerhin werden Sie es doch begreifen, daß manche Frauen sich sehnsüchtig ein Kind wünschen, Fräulein von Catte,“ sagte eine der Jüngeren.
Sarah versuchte auf der andern Seite ein Gespräch in Gang zu bringen.
„Nein, nein, ich begreife das nicht,“ antwortete Renée, „ich finde es – nun – fatal im höchsten Grade, wenn Frauen umherlaufen und sich nach einem Kinde sehnen, als nach dem ‚Ding an sich‘ – es ist abstoßend, roh, denn hier wird die Voraussetzung der Liebe ausgeschaltet, hier drängt die Frau in den primitiven Urzustand zurück, sie wirft die Vergeistigung der Erotik über den Haufen und macht die Liebe zur Funktion – – und es bleibt nichts als ein lächerlicher, geiler Lärm.“
Nach den Gesichtern, die Renée erblickte, schien es, daß sie sich sehr unpassend ausgedrückt hatte. Es entstand Schweigen. Die Dr. med. von Saldern sagte: „Recht so.“
Sarah erhob sich: „Ich habe Ihnen noch gar nicht meinen Obolus zur Sammlung für das Waisenkind erstattet,“ sagte sie; Gräfin Isowska erhob sich stürmisch. Sarah entnahm ihrem Schreibtisch Geld.
„O, wie edeldenkend,“ sagte die Polin, „zweihundert Mark!“ Sie breitete die Scheine mit spitzen Fingern aus.
Die Unterhaltung floß ruhiger. Renée beschäftigte sich beim Teetisch. – –
„Ich finde, du hast taktlose Dinge getan,“ sagte Sarah später. Renée ärgerte sich. Sie fand, Sarah hatte vielleicht nicht so ganz unrecht. Sie sagte: „Ich kann diese widerwärtigen Mutterschaftsreden nicht leiden. Sie diskreditieren damit nur die Frauenbewegung.“
„Aber du bist etwas jung, Renée.“
Renée lachte: „Du bist nicht so sehr viel älter.“
„Die Leute waren sehr wütend auf dich, sie meinten, es sei unnatürlich.“
„Ja,“ sagte Renée, „gewiß, meinetwegen. Ich schreie nicht nach dem Kinde, meinetwegen mag das unnatürlich sein. Hast denn du jemals danach geschrieen?“
Sarah spielte mit ihrer Uhrkette, an der ein paar Edelsteine hingen.
„God save me,“ sagte sie halblaut.