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Das Leben der Renée von Catte

Chapter 24: War denn wirklich schon wieder Winter gewesen
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About This Book

A portrait of a sensitive girl follows Renée as she copes with the death of her beloved dog and the small routines of privileged country life. Episodes of domestic observation, lessons with officious instructors, solitary pony rides, and imagined play reveal her loneliness, desire for a close friend, and attempts to perform adult roles. The narrative moves episodically through memory and everyday action, emphasizing mood, interior reflection, and the tensions between affection, duty, and yearning for independence.

 

War denn wirklich schon wieder Winter gewesen und Frühling und Sommer? Hatte es Schnee gegeben und dann Blüten und Blumen?

Da ging Renée durch den Tiergarten und sah, daß die Bäume leer waren und daß Pfützen auf den Wegen standen und daß der Wind das knisternde, braune Laub herumwirbelte.

Was war es für ein Leben, das Renée lebte. – Eigentlich hatte sie die ganze Zeit nur nach dem Examen abgerechnet: In sieben Monaten, in fünf Monaten, in einem Monat. Und dann war es da.

Immer schon war Renée an dem großen roten Kasten vorbeigegangen und hatte gedacht: Einmal stehe ich darin und weiß keine Antwort. Und werde ohne Ende gefragt und weiß absolut keine Antwort. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie aussehen würden, der Regierungskommissar und der Direktor und die Lehrer.

Und natürlich würden die Jungens ihr keine Silbe vorsagen, weil sie ja nicht wußten, ob sie sollten. Aber man konnte sie doch unmöglich auffordern.

Die schriftlichen Tage vergingen ziemlich sorglos. Man war noch ein wenig getragen von dem Gefühl der herrlichen Dinge, die einem vor Beginn gesagt worden waren. Gewissermaßen in einer feierlichen Stimmung war man. Dann kam ja auch zuerst der Aufsatz, da würde man sich schon irgendwie durchgraben.

Die Mathematik machte Renée ohne sonderliche Angstzustände. Und gerade davor hatte sie sich so gefürchtet – aber man hatte so lange Zeit. Und irgendwo aus einem versteckten und verstaubten Gehirnwinkel kamen auf einmal Dinge, die der Mathematik-Doktor gelegentlich geäußert hatte.

Die Tage bis zum Mündlichen verbrachte Renée zwischen Säulen von Büchern.

Endlich drei Tage vorher kam Nana. – „Reizend,“ sagte sie, „ist dieser Anblick! Reizend – wie du dasitzt, wie du mich anglotzt mit ganz stieren Augen.“

„Was redest du denn nur?“

Nana lachte höhnisch. „Wenn du so fortfährst, so fällst du durch,“ erklärte sie kategorisch. Dann flogen Renées Bücher in den Schreibtisch. „So ein Unfug. Ochst sie da Literaturgeschichte – und Zahlen. Fünf Bogen Zahlen – ja –“ Nana stemmte die Arme in die Seiten und baute sich gerade vor Renée hin. „Meinst du etwa, die behältst du bis übermorgen?“

Renée sah sie starr an, und eigentlich war sie froh, herauszukommen. Es war, als ob nun Nana die Verantwortung übernommen hätte.

Am Abend vorher kam Nana noch einmal. Sie nahm Renées Bücher und frug alles ab, ein Fach nach dem andern – und Renée sagte die Dinge herunter eins nach dem andern und wurde ruhig und vergnügt dabei.

Dann war es wirklich vorüber. Sie war wirklich durch.

Unten stand Nana; die kleine, frohe Nana sah blaß und erregt aus, und dann strahlte ihr Gesicht. Sie fiel auf einmal Renée um den Hals. Was Renée gefragt worden war? Was denn nur in den fünf langen Stunden? Eigentlich wußte Renée es gar nicht mehr. Ob sie denn Griechisch gut gekonnt hätte? Wie ging denn Homer? An welche Ode war Renée gekommen im Horaz? Und Cicero? Nana stolperte alle diese Fragen heraus, als ob sie aufgeschichtet, parat gelegen hätten.

„Ich glaube, es war alles ganz leidlich,“ sagte Renée. „Bloß Geographie ahnte ich nichts.“ – „Das tut nichts,“ sagte Nana. – „Weißt du Negerstämme aus unseren Kolonien?“ – „Ich? Nein,“ antwortete Nana. „Ich wußte sie auch nicht. Sie heißen Baku oder Taku oder so was.“ – „Ach, wo, Renée, Taku sind die Forts vom Chinesenkrieg.“

„Sie heißen aber so ähnlich. Der Direktor hat es selbst gesagt,“ beteuerte Renée. –

Ob denn Religion gegangen wäre? Hatte auch Renée keine Angst? – Renée hielt Nana den Mund zu. „Man kann nicht alles beantworten, was du fragst,“ sagte sie. Dann gingen sie zu Kempinski. Obwohl es auch bei Sarah am Abend noch ein Festessen geben sollte. –

Renée war so vergnügt! Sie ging ordentlich gehoben herum. Sie dachte: Dieser Zuwachs geht mir nicht mehr verloren. Nun bin ich mindestens Studentin. Und ich kann ja auch mehr werden – natürlich – ich kann den Doktor machen. Vielleicht doch Medizin, dachte Renée. Dann fing sie an auszudenken, wie hübsch es sein würde, wenn sie alles erst war.

Jemand redete sie an, gerade an der Brücke. Es war Schoenburg. „Darf ich Ihnen gratulieren, gnädiges Fräulein? Nana hat mir natürlich erzählt. Sie ist ganz außer sich vor Freude, die kleine Nana.“

„Ja, sie hat mir so geholfen.“ – „War es schwer?“ frug Schoenburg, „schön?“ – Renée lachte: „Freilich, schön. Wenn einem gesagt wird, man hat’s bestanden, dann fällt plötzlich ‚der Stein vom Herzen‘, und einen Augenblick ist man ganz wie erlöst und ganz froh.“ – „Nur so kurz ist man froh?“ – „O ja,“ sagte Renée, „froh ist man niemals sehr lange.“ – „Haben Sie Nana gern, Fräulein von Catte?“ – „Ja, sehr, sehr gern. Sie ist der allerbeste Kamerad und –“ – „Und? Warum sprechen Sie nicht weiter?“ – frug Schoenburg. „Ich spreche ja. Nur müssen Sie es nicht falsch verstehen, oder vielmehr ich fürchte mich, daß es recht sentimental klingen könnte.“ – „Nein, nein, ich bin nicht solch ein Plebejer.“

„Es ist dies,“ sagte Renée: „von Nana habe ich das bestimmte Gefühl, daß sie mir irgendwann einmal helfen, daß sie mir etwas tun wird, was sehr schön und sanft und stark sein wird, zu tun.“

Schoenburg ging neben Renée her und schwieg. Einmal, als sie über den Straßendamm gingen, wandte er ihr das Gesicht zu – er wollte sie zurückhalten – ein Auto kam – da sah Renée in sein Gesicht, sah, wie er traurig aussah und enttäuscht. – Er bemerkte, daß sie es sah, und lächelte und sagte: „Nun haben Sie auch noch dies für einen andern zu tun aufgehoben.“

Am Wilhelmsplatz trennten sie sich. Renée dachte an diese Dinge, als sie nach Hause ging. Dachte: Wie herzensroh ist ein Mensch, der nicht liebt, wie sehr billig im Vorteil. –

Es kamen unruhige Nachrichten aus Groß-Gehren. Bill war krank. Bill hatte Diphterie. Papas Cousine, das alte Fräulein von Rochow, die den Haushalt führte seit kurzem, schrieb.

Sie schrieb von der großen Angst, in der sie alle lebten, von der verzweifelten Sorge, mit der Renées guter Vater jeden Atemzug des geliebten Enkelkindes bewache. Sie ließ philosophische Betrachtungen einfließen, sie sprach außerdem von dem Sonnenstrahl des Hauses, der letzten Hoffnung der Familie.

Renée wußte nicht so recht, was sie daraus machen sollte.

Als Sarah diesen Brief las, lachte sie. Sie lachte in einer sonderbaren Art und sah Renée an. – „Was sollen nur diese Redensarten von Tante Klara?“ frug Renée.

Sarah lachte, sie klimperte mit den Fingern auf der Tischplatte. – „Was? Er soll doch Groß-Gehren erben, der Wurm! Er soll es kriegen, und ihr kriegt nichts.“ –

„Wieso?“

„Nun ja, eben wie ich dir sage. Es war so bestimmt, im Falle daß Hannsbabo kinderlos starb.“

„Woher willst du das wissen?“ Sarah zuckte die Achseln. „Er hat es einmal gesagt, er war böse darüber.“ – Warum? Sarahs Augen gingen an Renée vorüber, sie antwortete nicht.

„Wann hat er es gesagt?“ – „Wenige Wochen ehe er starb. O ja, ich erinnere mich deutlich. Er ging mit mir die Treppe der Veranda hinunter, und er sah dich von weitem – du standest am Wasser, kleine Renée, und du sahst in deinen Mond, den du immer so liebst – – und er sah dich und sagte: ‚Ich mag es nicht, daß Renée sich so sehr an dieses hier hängt.‘ – Er antwortete nicht, als ich ihn frug. Er ging zu dir und küßte dich – weißt du noch?“

„Ja, ich weiß es.“

„Später erklärte er es mir,“ sagte Sarah. „Er hat gesagt: ‚Diese widerliche Horwitz-Sippe, dann wollen sie noch ihren scheußlichen Romannamen anhängen an unser gutes, altes Catte.‘“

Renée wurde traurig. Was denn? Entging ihr etwas? Nein – sie hatte niemals daran gedacht. Nur irgend eine Abwehr war in ihr gegen diese fremden, gedankenlosen Leute – so als müßte man ein Kind hergeben, und das käme nun in fremde Pflege. –

Bill wurde gesund, und Renée fuhr hin, damit Elisabeth sich etwas erholen konnte von der Pflege.

Sie fand ihren Vater elend und angegriffen. Er ging ermüdet durch die Stuben, immer mit einem halb abwesenden Ausdruck – so war er nicht gewesen, als Hannsbabo starb.

Renée mußte so viel an ihren Bruder denken. Sie mußte daran denken, wenn sie die Glocken zum Feierabend hörte; die beiden Glocken, die brummende und die mit dem fröhlichen Geklingel, zwangen ihre Gedanken zu dem Kirchhof damals, wo sie ihren Bruder hinaustrugen – und da lagen sein Helm und sein Pallasch und Sarahs Rosen. –

Renée ging über die Dorfstraße. Ein paar Kinder liefen hin und her mit Gießkannen und gossen die Blumen auf den Gräbern der vielen kleinen Geschwister.

Renée ging durch die Kreuze und Steine. Die neuen waren häßlich. Da standen Kreuze in Gestalt eines Baumstammes, aus Stein natürlich. Sie hatten einen runden Schild mit der Photographie des Verstorbenen auf Porzellan. Nein, sie waren nicht schön. Aber darauf hingen Papierkränze, die die Schulkinder machten – die hingen auch in der Kirche, von roten, blauen und grünen Rosen, die kannte Renée so lange schon.

Der Efeu auf Hannsbabos Grab war dicht und dunkel. Renée zog die jungen Ranken fort von den Buchstaben.

Hannsbabo Friedrich-Wilhelm von Catte
Kgl. Pr. Oberleutnant.

Er lag da neben Mama.

Renée mußte sonderbare Dinge denken: Einmal lieg ich da auch, vielleicht neben Hannsbabo – oder da rechts auf der Seite.

Sie mußte so sehr an den Tod denken – war es denn mit Furcht? Hatte sie Furcht? Es mußte doch einmal sein. Natürlich noch lange hin. Man wurde zuerst alt, dann wurde man krank, dann schließlich starb man – so war es doch – warum an den Tod denken.

Hannsbabo war so jung gestorben. – –

„Gottlob, ja wirklich, nun geht es dem lieben Kind ja wieder gut,“ sagte Tante Klara bei Tisch. „Nun sollst du selber auch mehr auf deine Gesundheit sehen, Wilhelm.“

Renées Vater sah auf, als die Tante ihn anredete. „Ist ja auch ein Blödsinn, den Jungen so einfach mit den Dorfkindern rumlaufen zu lassen,“ sagte er ärgerlich. „Ich wünsche nicht, daß das wiederholt wird!“ – „Da hast du ja völlig recht, lieber Wilhelm,“ sagte die Tante, „aber Elisabethchen meinte doch, daß Viktor –“

„Unsinn,“ erwiderte Papa. „Ich verbiete es hiermit! Der Müller hat einen ganz netten Jungen, der kann im Garten spielen mit Bill. Übrigens ist ja nun Renée da. Die kann sich etwas um den Jungen kümmern.“ – „Ja schon,“ sagte Renée, „außerdem spielen so kleine Kinder doch gewöhnlich allein. Er müßte eben anstatt dieser uralten, wackligen Kinderfrau eine Junge bekommen, vielleicht aus dem Lettehaus.“

„Aber die Alte ist dringend nötig für das Kind. Laß ja nichts dergleichen laut werden,“ sagte Tante Klara und sah sich ängstlich um nach dem Diener. Papa streifte die Tante mit einem ärgerlichen Blick. „Es wäre mir sehr lieb, wenn du dich etwas der Sache annähmest, solange Elisabeth fort ist,“ sagte er. „Der Junge hat so alberne Klein-Mädchen-Angewohnheiten. Natürlich – er wird ja geradezu darauf hingeleitet.“ – „Das arme Kind,“ sagte Tante Klara. – „Ja eben, das arme Kind. Das ist ganz meine Meinung,“ sagte Papa.

Renée mußte lachen. Dies schien also schon seit einer Weile im Gange zu sein. – „Aber jetzt, wo er so erholungsbedürftig ist, kann man doch nicht auch noch seine Gewohnheiten –“ erwiderte die Tante. – Papa unterbrach sie: „Na hör mal – Gewohnheiten ist gut! Ein vierjähriger Knirps, das ist großartig.“ – Tante Klara zuckte die Achseln. „Was sind denn das für Gewohnheiten?“ frug Renée.

Der Diener begann das Obst herumzureichen. – „Na, zum Beispiel spielt der Bengel nur mit Puppen –“ begann Papa. – „Prends garde le domestique,“ sagte Tante Klara eindringlich. Papa ignorierte das. „Ach, lächerlich ist es. Neulich hat ihm sein Vater ’nen Pappküraß und Helm geschenkt, und als er’s anziehen sollte, heulte der Kerl.“ – „Nun ja, er kennt eben so etwas noch nicht,“ sagte die Tante entschuldigend. – Papa gab es auf. „Na ja, natürlich, ihr seid einig gegen meine Ansichten,“ sagte er gekränkt resigniert und erhob sich. –

Tante Klara wollte sich aussprechen. „Es ist wirklich ein so reizendes Kind,“ sagte sie zu Renée, als Papa in sein Zimmer gegangen war. „So zartfühlend und sanft und bescheiden. Du solltest hören, wie niedlich und poetisch er sich manchmal ausdrückt.“ Renée sagte, das sei wirklich erstaunlich.

Dies schien die Tante anzufeuern. „Wir lassen ihn auch bestimmt nicht Offizier werden. Gegen Pensionen bin ich auch sehr. Bill ist viel zu fein und zartfühlend, um unter diesen rohen Jungens –“ – „Aber schließlich – er ist doch selber ein Junge.“ – „Nun ja,“ sagte die Tante. „Ich meine, wir werden ihn zu Haus erziehn, und natürlich braucht er dies ganz unnötige Abiturexamen, oder wie es heißt, nicht zu machen. Wozu, er erbt ja Groß-Gehren. Ich denke doch auch bestimmt, daß Sarah ihn bedenken wird, und mein kleines Vermögen wird natürlich auch Bill –“

Renée staunte: „Sarah – mein Gott, wie käme denn die dazu?“ – „Nun,“ meinte die Tante, „das ist doch – ich dachte, da du doch –“ – Renée lachte: „Ach so!“ Ausgelassen lachte Renée. „Du meinst, ich soll bei Sarah die Erbschaft für Bill ersitzen.“ Dagegen verwahrte sich Tante Klara entrüstet. Sie hätte nur gemeint – Elisabeth hätte einmal geäußert – –

Also Renée erfüllte Papas Wunsch und kümmerte sich um Bill. Sie baute mit ihm Baukasten-Häuser auf, in die er dann hineintreten durfte. Sie zog Puppen an, als deren Mutter sich Bill betrachtete. Diese Puppen waren nur und durchaus Mädchen, wie Bill versicherte. Auf Söhne legte Bill keinen Wert. – Bill war niedlich, ja, aber eigentlich sah er etwas dumm aus mit seinen erstaunten hellgrünen Augen. – Er hatte das rötliche Haar vom Vater und dessen winzige runde Kindernase, und er hatte eine große Vorliebe für Mädchenkleider. –

Weihnachten war vorüber. Der kleine Bill hatte zwei Tische voll Spielsachen bekommen. Einen von den Eltern und einen vom Großpapa. Während er diese Sachen betrachtete, hatte die ganze Familie hinter ihm gestanden, seine Bewegungen und Äußerungen waren vom einen dem anderen mitgeteilt worden – so kamen sie schließlich zu Renée. – „Bill hat gesagt, das weiße Wollschäfchen wäre ein Mutterschaf,“ berichtete Tante Klara begeistert. „Er will das Seidenkleidchen gleich heute anziehn, ach Gott, er will es mit ins Bett nehmen.“

Elisabeth kniete auf der Erde neben Bill und erlauschte seine Äußerungen. Viktor holte eben dorthin einen Stuhl für Papa, damit Papa besser verstünde, was Bill sagte. Es war das erste Mal seit lange, daß Papa im Winter nicht nach Berlin gegangen war. –

Weihnachten war vorüber, mit den Schulkindern, die beschert worden waren und nachher Kaffee und Kuchen bekamen; mit den Mädchen, die verlegen in den Schürzen und Kleiderstoffen herumstocherten und immer ‚aus Versehen‘ das Kuvert mit dem Geld liegen ließen. Der Hof war verschneit und der Garten und die Dorfstraße. Renée hatte es alles noch niemals im Schnee gesehn und es war doch so still und so wunderlich weiß.

Warum hatte sie es nie gesehn? Es war wie ein unwahrscheinliches Erlebnis, daß man auf einmal quer über den vereisten See gehn konnte zu den Wiesen auf der anderen Seite.

Steif und reglos stand das Rohr im Eise, und wo die großen Weidenzweige überhingen, da war eine dunkle Laube, die hatte ein Dach von Schnee.

Wenn man abends aus dem Fenster sah, dann glaubte man, es wäre nur sehr weißer Sand und gar nicht Schnee, was da so sonderbar schimmerte. – ja, man konnte sogar meinen, der vereiste See wäre frei von Eis und nur so ganz ohne Bewegung stände das silberne Wasser.

Bill hatte einen kleinen Schlitten, und Renée lief mit ihm über das Eis und zeigte ihm, wie das Haus aussähe von der anderen Seite.

„Siehst du, Bill,“ sagte sie, „das mußt du einmal sehr, o furchtbar lieb haben das Haus, wenn du groß bist. Willst du mir das versprechen?“ Bill sah sie an mit seinen hellen Augen, die keinerlei Ausdruck hatten, und sagte: „Ja.“ – Renée küßte ihn. Renée dachte: Es ist dumm, er ist ja noch zu klein, es wird nichts helfen.

Aber Tante Klara verbot diese Ausflüge. „Herrgott, wenn ihr nun an eine Stelle kämet, wo das Eis dünn ist. Herrgott, es könnte dem Kind etwas zustoßen.“ – „Du scheinst dich jedenfalls nicht zu ängstigen, ob mir was zustößt.“ – „Du kannst dir doch allein helfen,“ sagte Tante Klara gereizt.

Nun ging Renée allein. Sie ging abends. Irgendwo hatte der Förster ein Loch in das Eis gehauen für die Fische. Aber es war ja hell, und Renée wollte nicht weit gehn. Sie ging vorsichtig und sehr langsam vorwärts. Das Eis war glatt, aber dann hatte es auch Ungleichheiten – da waren allerlei Dinge mit eingefroren, die die Kinder hingeworfen hatten, Steinchen, Kalmus und Holzstücke.

Renée blieb manchmal stehen und sah sich um nach dem Haus. Da brannten schon ein paar Lichter in der grünen Stube – vielleicht war es Papa.

Renée stand wohl ganz lange auf einem Fleck, sie merkte es gar nicht, sie begann nachzudenken, sich zu erinnern. Es kam ihr vieles zurück – damals als Hannsbabo fortging. Sie dachte daran, wie er wiederkam mit Sarah. Sie dachte, wie er bei ihr am Bett gesessen hatte in seiner letzten Nacht. Damals war Herbst.

Sie sah nach der Richtung, wo eben die Lichter der Stadt zu flimmern begannen, sie dachte daran, wie sie einmal von Elisabeths Haus hergelaufen war aus Heimweh, ganz allein. Ja, auf der Treppe der Veranda hatte sie gesessen damals, weil das Haus verschlossen war.

Wie weiß der Garten aussah und wie still. Es war so ungewohnt, daß man dem Haus entgegengehn konnte über das Wasser hin, so wie Renée es jetzt tat. Es war, als träumte sie das – oder noch anders: es war wie eine Wiederkehr Gestorbener. Sie dachte:

‚Treibst mich zu jenem Land, wo keiner frägt

Und wo ein stiller Strom das Unerfüllte wieder

Zu seinem Ursprung trägt ...‘

– – Nach jenem Land, wo keiner frägt. –

Renée blieb stehen. Sie dachte den Worten nach. Sie dachte: das ist, wenn man stirbt.

Sie dachte: Ob ich das kann, jenen einen Satz denken, wenn ich sterbe – ganz später, wenn ich alt genug bin?

Ein sonderbarer Schreck überfiel sie. Wie, schwankte das Eis unter ihren Füßen – knisterte das Eis?

Dann war es vorüber. Sie wollte nach Haus gehn. Renée sah sich um, damit sie nicht fehlginge, wenn sie etwa in der Nähe des Wasserlochs war.

Nein, es war ein ganz dummer Schreck gewesen, es war nichts. Das Eis hielt. –

Bill war wieder fort, bei seinen Eltern. Tante Klara jammerte den ganzen Tag. Man hörte sie die leidenschaftlichsten Reden halten. In ihren Augen war weder Viktor das Recht der Vaterschaft zuzugestehen, noch konnte Elisabeth die Stelle der Mutter ausfüllen. Nein. Nur Tante Klara verstand und liebte Bill genügend. Sie erging sich in Verwünschungen. „Ich wollte, Viktor müßte an der Inspektionsreise nach den Ostmarken teilnehmen, – ich wollte er bekäme ein Billett für die Auguste-Viktoria-Fahrten.“

Renée dachte: Wenn es nicht so unchristlich wäre, gewiß wünschte Tante Klara den armen Viktor zum Hades. Aber es half alles nichts. Viktor und Elisabeth sagten, schließlich wäre Bill doch ihr Kind.

So fuhr die Tante dreimal in der Woche in die Stadt. Und während der Kutscher die Besorgungen erledigte, um derentwillen Tante Klara hingefahren war, – währenddes saß sie bei Billchen. Dann erzählte sie bis zur nächsten Fahrt, was Billchen, der liebe Junge, gesagt, gemeint, geglaubt hatte. –

Renée saß oft bei Papa. Sie sah ihm zu, wenn er Briefe schrieb, sie saß auf dem Sessel beim Tisch oder am Fenster, von wo man den Hof übersehen konnte.

Einmal – es war Dämmerung und die Lampe war noch nicht gebracht worden, es war still, weil niemand mehr über den Hof ging, einmal sprach Papa von Hannsbabo. Er tat es in seiner eigentümlich kargen Art, er sprach nur ganz kurze Sätze.

„Sag mal, mein Kind,“ so begann er, „was war das damals mit Hannsbabo?“

Renée erschrak. Sie fühlte, da war eine Pflicht, zu antworten und da war auch eine Gebundenheit, zu schweigen. Sie erschrak und sah ihren Vater an.

Er saß ein wenig abgerückt vom Schreibtisch und sah vor sich nieder auf den Boden.

Renée wandte sich um zum Fenster und sah in den Hof. – „Hannsbabo war sehr unglücklich,“ sagte sie.

Papa stand auf und ging hin und her im Zimmer. Er ging genau in der Mitte des Läufers, der von einer Tür zur andern führte.

„Unglücklich – nun ja. Aber warum?“ Renée erschrak wieder, als ob diese Frage nicht selbstverständlich gewesen wäre nun. Sie sagte: „Ach laß es doch ruhn, Papa.“ Ihr Vater blieb vor ihr stehn. „Ich denke, du wirst mir das sagen, Renée,“ sagte er. „Ich werde wohl wissen dürfen, warum mein Sohn sich ’ne Kugel in den Kopf schießt, das wirst du mir wohl nicht vorenthalten.“

Ja, dachte Renée, ich muß es ihm sagen, muß es sagen.

„Er liebte Sarah so sehr. Und diese ewige Trennung, die in der großen Verschiedenheit der Psychen lag, ertrug er nicht. Dann verzweifelte er daran.“

Papa verstand nicht: „Verzweifelte – was? Erschoß sich, weil er seine eigne Frau liebte – was – was ist das für überspanntes Zeug?“ Renée lächelte. Ja wirklich, sie merkte, daß sie lächelte. Sie wollte es ja so gern Papa erklären. Aber wie? Sie sagte: „Die Menschen empfinden sehr verschieden, nicht wahr; du faßt all diese Dinge in der äußerlichen Form auf und du achtest nur die Beschaffenheit der Realität. Er aber – die Beschaffenheit der Idee.“

Gott im Himmel – was redete sie denn? Papa hielt nun auch noch seine jüngste Tochter für halb verdreht offenbar. Und Papa tat Renée leid in diesem Moment. – O, sie wäre gern zum ihm herangekommen und hätte ihn gestreichelt. – Was würde Papa dazu sagen.

Papa fuhr auf. „Unsinn ist es. Eben dieses überspannte moderne Zeug ist es, mit dem ihr euch die Köpfe verdreht. Wenn irgend so ein Unglückswurm, der seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, der ausgestoßen ist oder wird aus dem Kreise seiner Herkunft, wenn so einer sich erschießt, na ja. Der tut ganz vernünftig daran. Aber Hannsbabo! Ein junger, gesunder Mann in der denkbar besten Lage, mit den besten Aussichten für die Zukunft – das ist durchaus unnatürlich und verdreht!“

Renée antwortete gar nicht mehr. Wozu denn? Sie hatte auch das Gefühl nicht mehr, als solle sie dafür eintreten. Nein, sie würde dies nicht zu einem Streit werden lassen.

Die Dinge, die ihr Vater sagte, waren so wenig neu. Man hatte sich schon sehr oft gegen sie empört, gegen solche Auffassungen empört, man brachte doch nichts fertig dagegen.

Renée dachte: Jemand tut den freiwilligen Tod seines Sohnes damit ab, daß er ein paar Worte herauspoltert: ‚Unnatürlich und verdreht‘, – wenn ein Mensch wie Hannsbabo starb, ein mutiger, stolzer Mensch. Sie dachte: Und Papa hat ihn doch auch daliegen sehn, dachte Papa denn gar nicht, wie jung, wie jung er war!

Renées Vater nahm seinen Gang durch das Zimmer wieder auf. Renée sagte: „Glaubst du, Papa, wenn ein Mensch sich Monate und Wochen und dann jeden einzelnen Tag herumquält mit dem Leben und endlich hält er es nicht mehr aus und tötet sich – glaubst du, das darf man dann mit solchen Worten abtun?“

Papa schwieg. Dann sagte er: „Ein Mensch hat Pflichten zu erfüllen im Leben. An die hätte er sich halten müssen. Diesen Pflichten einfach auszuweichen, ist bequem, aber unrecht!“ – „Welche Pflichten?“ – „Er hat Pflichten gegen Eltern und Familie, jawohl.“ Papa gab dem letzten Wort besonderen Nachdruck.

„Aber ein erwachsener Mensch hat doch zunächst einmal das Recht auf Leben und Tod. Er ist doch frei, nicht wahr? Er gehört der Familie als Glied an, aber nicht als Gegenstand, nicht wahr? Und –“

„Das gehört nicht zur Sache. Rechte schaffen noch lange nicht Pflichten aus der Welt,“ donnerte Papa.

„Nein, gewiß nicht. Aber zuerst – zuerst kommt die Pflicht gegen die eigene Existenz und dann kommt alles übrige. Und darum hat kein Mensch gegen Eltern die Pflicht, sein Leben weiter zu schleppen, wenn ihm das Leben zum Ekel geworden ist.“

„Ja,“ sagte Papa, „du stehst auf einem recht bedauerlichen Standpunkt in diesen Dingen – leider.“ Er erhob die Stimme: „Aber ich hoffe, daß sich das ändern wird, daß du einsehen wirst, daß die von Gott auferlegten Verpflichtungen nicht mit diesen modernen Redensarten von ‚Pflicht gegen eigne Existenz‘ abgetan werden können. Kinder haben eben gegen ihre Eltern Pflichten. Sie sollen den alternden Eltern Stütze und Freude sein.“

„Sind die Kinder denn gar nicht um ihrer selbst willen da?“

Papa überhörte das. Papa sagte: „Es kommt dann einmal der Augenblick, wo es zu spät ist, und wo keinerlei Reue das Versäumte wieder gut macht.“

Papas letzte Worte liefen in eine Drohung aus.

Renée wurde es kalt ums Herz. Sie sagte: „Warum wohl Eltern niemals auf die Idee kommen, daß ihre Kinder eher sterben könnten als sie. Gerade als ob nur Eltern stürben und Kinder ewig lebten.“

„Nun, gewöhnlich pflegen eben die alten Leute zu sterben,“ sagte Papa.

„Ja freilich. Aber ich werde doch auch einmal alt und sterbe, was ist da Besonderes?“

„Wer aber dem Tod nahe steht?“

Renée sagte: „Wer kann das wissen. Vielleicht steht er mir nahe oder vielleicht auch dir. – Wer kann das wissen. Warum das Sterben nur immer so als Trumpf ausgespielt wird.“ –