Renée war wieder in Berlin.
Sarah fühlte sich etwas angegriffen von den winterlichen Freuden. Es war eben ein bißchen zu viel gewesen diesmal. Bei der Rodelei in Oberhof hatte Sarah sich erkältet.
Als Prinz Manfred steuerte, war die Rodel in den Schnee gekippt. Es war eine eklige Kurve, ja, aber der gute Prinz war eben auch ungeschickt. Sein Adjutant hatte Sarah gleich gewarnt. Ah – aber reizend war es in Oberhof.
Ja, so kam Sarah zurück. Und nun wollte sie ein bißchen nach dem Süden. Renée hatte die Bädeker von Italien, Schweiz und Österreich vor sich und machte Vorschläge.
„Was meinst du zu Meran?“ – Sarah schüttelte den Kopf. „Österreich nicht,“ sagte sie, „das ist mir zu fad.“ – Der Bädeker von Österreich, Süd-Bayern flog beiseite.
„Und das Engadin? Moritz, Pontresina, Arosa?“ – „Da fällt man höchstens von neuem in den Schnee,“ sagte Sarah.
Renée suchte weiter: „Ajaccio, Levante, Ponente – die Seen sind wohl erst fürs Frühjahr?“ – „Es ist alles nichts,“ sagte Sarah gelangweilt. „Aber der Genfer See?“ frug Renée. „Auf dem Rückweg im Frühjahr geht man dann ein bißchen nach Paris. Dann lohnt es doch. Dann kaufst du dir deine Frühjahrsneuheiten dort.“
Sarah ließ sich bewegen. „Nun, man könnte ja mal sehn,“ meinte sie, „vielleicht ist es ganz nett. Und das mit Paris wäre ja natürlich sehr praktisch.“ Sarah sagte auch, in Berlin wäre ja doch alles nur second hand und in Paris wäre es bei alledem noch billiger.
Ja wirklich, man sparte geradezu in Paris.
Nun gingen wieder die Vorbereitungen an. Kleider, Pelze, Hüte. Zum Schluß war Sarah so elend, daß sie wirklich eine Erholung brauchte.
Renée war froh, als sie endlich im Zuge saßen. Im Luxuszug natürlich. Auch die Jungfer fuhr mit. Sie mußte das Necessaire bewachen.
Renée trug nur einen Gegenstand. Es war die Tasche mit Sarahs Schmuck. Alle Frauen tragen den Schmuck in Extrataschen. Diese Taschen sind von feinstem Juchten. Sie dulden keinen Überzug. Sie sagen: ‚Meine Herrschaften, ich enthalte etwas von Wert!‘ –
Eine Nacht fuhr man und einen Tag. Dann wurde der Wagen umgehängt, dann war man da.
Es war schon dunkel. Der See war nicht zu erkennen, aber man wußte ihn, wenn man aus den Fenstern sah.
Da unten mußte er liegen, wo es ganz schwarz aussah. Dieser tiefe Abgrund, in den das Land hineinstürzt, war der See. –
Der Direktor des Hotels empfing sie. Es war ein kleiner, magerer Mann. Er hatte einen tadellosen Zylinder, einen tadellosen Anzug, ein tadelloses Auftreten.
Sarah würde also im Gesellschaftszimmer warten, während Renée die Zimmer ansah. – Renée fuhr im Lift hinauf mit dem Direktor. Der Direktor sagte: „Frau Baronin haben auch einen Salon befohlen, und neben dem Salon soll ich ein Zimmer für Sie geben, Fräulein.“ Der Direktor hielt Renée für eine bessere Jungfer, wie es schien. Es ergab sich, daß der Salon dreißig Francs kostete – es gab hingegen auch vollständige Appartements, sehr elegant eingerichtet.
Sarah nahm ein vollständiges Appartement. „Es ist billig, fünfundsiebzig,“ sagte sie befriedigt. „In Cannes kostete es für mich allein achtzig am Tag – oh dear, I am tired.“ –
Am Morgen ging Renée an den See. Es war noch früh. Da stand der Nebel – oder war es Dampf – ganz nahe über dem Wasser. Renée lehnte sich über die Brüstung der Mauer.
Manchmal schoß eine Möve an ihr vorüber, umkreiste Renée mit aufgeregtem Flattern, sie waren wohl gewohnt, Futter zu bekommen.
Auf der anderen Seite kamen allmählich die Umrisse der Berge. Renée sah eine kleine Insel. Auf der stand ein weißes Haus. Der See hatte blaue Färbung mit weichen Tönen von lila nach der Ferne zu.
Als Renée in das Hotel zurückkam, traf sie den Arzt. Er war eben bei Sarah gewesen. Er sagte: „Es liegt bei Frau von Catte zu ernster Besorgnis kein Grund vor. Ich habe sie eingehend untersucht. Sie hat wohl etwas auf ihre Gesundheit losgearbeitet, Ihre Frau Schwägerin. Da haben wir dann die Reaktion. Ruhe und Spaziergänge werden bald alles beseitigt haben. Von Caux – Ihre Frau Schwägerin erwähnte es – rate ich allerdings ab. Dort ist mehr Möglichkeit zur Unruhe als zur Ruhe und Erholung vorhanden.“
Renée frug, wann er wiederkäme. Doktor von Geldern lächelte. „Das ist wirklich unnötig,“ sagte er. „Aber wenn Sie mich brauchen, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Ich esse im Hotel.“ Er grüßte und ging. Von der Treppe her wurde bereits nach ihm gerufen.
Sarah wäre eben viel lieber nach Caux gegangen. Sie sagte: „Hier sieht es so langweilig aus. Es sind nur alte Leute im Speisesaal. Und oben zu essen ist noch langweiliger.“
Renée redete ihr zu. Man konnte rudern, Tennis spielen, Ausflüge machen.
Des Morgens, wenn man aufwachte und sich ganz wenig aufrichtete im Bett, dann lag der See vor den Fenstern ausgebreitet, und des Abends manchmal kam das feierliche Glühen auf die Berge von der vergehenden Sonne.
Da waren die Möwen und die flinken, schwarzen Wasserhühner. Die gab es auch zu Haus. Manchmal hatte Renée auch Möwen gesehn zu Hause. Die kamen von den großen Seen.
Renée sagte: „Die Luft ist sehr sanft hier.“
„Findest du? Ich finde nicht.“ Sarah sagte das. Ja – hatte Renée denn laut gesprochen? – Renée lachte über sich selbst.
„Ich finde es fürchterlich langweilig hier, und ewig geht diese dumme ‚Bise‘. Man muß fortwährend den Hut halten.“
„Nimm ihn doch ab!“ – „Wie kann ich das,“ antwortete Sarah entrüstet.
Renée ging über den Markt, weiter durch einen kleinen Wald. Sie wollte nach dem Schlößchen. Im Bädeker stand: ‚Unweit des Bahnhofes liegt das reizende Schlößchen Hauteville, im Rokokostil erbaut, mit schönem Park.‘
Man mußte doch das ‚reizende Schlößchen‘ ansehn.
Eine gerade, geschnittene Hecke von Taxus führte zum Portal. Renée trat heran. Es war ein wunderhübsches, kleines Schloß, hellgetönt mit weißen Fenstern. Es war mit lila Vorhängen dicht verhangen nach der Hofseite. Auf dem Dach standen Figuren. Renée ging zum Eingang. Sie wollte es doch sehn von innen. Natürlich wollte sie. Sie klingelte drei-, viermal. Die Tür blieb verschlossen. Ein Fenster klappte, eine dicke, alte Frau steckte den Kopf heraus. „Nix da, lassen Sie das Klingeln,“ schrie die Alte. „Hier ist zu.“
„Ich wollte gern das Schloß sehen.“ – „Das is nu mal nicht zu sehen,“ zeterte die Alte. Dann warf sie das Fenster zu. Renée schimpfte draußen nach der Richtung hin, wo sie herausgesehn hatte, und ging in den Garten. Der Garten war vielleicht auch nicht zu sehen, aber da er offen war –
Ein so schöner Garten! Er hatte gerade Hecken von Tuja, die in Rosengänge hineinführten. Er hatte ein kleines Wasser mit Trauerweiden darüber; die Weiden waren noch kahl. Und er hatte eine große Platane, unter der stand eine runde, weiße Bank. Renée setzte sich. Warum etwa sollte sie das nicht? Es war ja niemand da, und der alten Hexe konnte es doch ganz gleich sein, außerdem merkte sie es ja gar nicht. Um die Bank herum lagen noch die Herbstblätter. Es war ja fast noch Winter, aber der Rasen sah bunt aus. Da waren Anemonen und Krokus, und da waren Veilchen.
Renée ging weiter, ging auf einen Hügel zu. Da stand ein kleiner kreisrunder Tempel mit einem Dach auf sechs Säulen, und daneben war ein riesiger Busch von dunklem Bux.
Renée stand unten am Hügel und sah es an und fand, es war sehr schön.
Lange saß sie auf den Stufen des kleinen Tempels.
Als sie zurückging, kam ihr jemand entgegen. Wer das wohl war? Eine junge Frau, die einen braunen Pelzmantel trug. Sie stützte sich auf einen weißen Stock, und neben ihr ging langsam und würdevoll ein großer Hund. Sie hatte dunkles Haar.
Renée sah sie kommen, blieb an der Wegseite und ließ sie vorbei. Der Hund wandte ein wenig den Kopf nach Renée, die Frau zog ihn am Halsband an sich. Sie sah mit einem Lächeln an Renée vorüber, Renée blieb stehn, sah ihr nach.
Bei Tisch war Sarah ganz lustig: „Ich habe jemanden entdeckt, mit dem es ganz nett werden kann,“ sagte sie. Sie zeigte Renée eine schwarzgekleidete Dame, die allein saß. „Ich habe sie heut kennen gelernt. Sie ist begeisterte und natürlich überzeugte Spiritistin.“
Nach einer Weile fuhr Sarah fort zu reden: „Wir wollen eine Séance halten heut nachmittag, natürlich tust du mit – du, Renée, hörst du denn nicht?“ Renée fuhr aus irgendwelchen Gedanken: „Ich? Ach, ich würde dir abraten, Sarah. Es ist so peinlich. Und siehst du, ich möchte so ungern damit zu tun haben.“
„Gott, wieso denn peinlich?“ Sarah lachte. „Ich denke es mir komisch. Ich lasse sie ruhig machen, und innerlich amüsier ich mich fein.“
„Ja schon. Aber das ist eigentlich nicht fair, wenn die Leute es doch einmal ernst nehmen.“
Sarah sagte: „Ach, nonsense.“ –
Um fünf kam der Tee. Die schwarze Dame erschien. Sie hieß Baronin d’Auvergnes, war Witwe und besaß ein Palais in der Nähe des Luxembourg. Dies erzählte sie im Anschluß an die Nennung ihres Namens. Die Baronin begann mit Tischrücken.
Man nahm einen dreibeinigen Tisch, man legte sämtliche Fingerspitzen darauf. Als man müde wurde, die Handgelenke in der Schwebe zu halten, begann der Tisch zu kippeln.
Baronin d’Auvergnes sagte dazu das Alphabet. Dieser Tisch hatte eine Vorliebe für Konsonanten: ‚stkl‘ kam heraus.
„Beginnen wir nochmals,“ sagte die Baronin. Diesmal hielt sie den Tisch fest, wenn er zu den Konsonanten wollte. Renée merkte es deutlich: Es kam also – stakl. – „Ja natürlich meine liebe alte Freundin Stakelberg!“ sagte die Baronin entzückt. – Sarah betrachtete sie mit ernsten Augen.
„Was – wie – ich soll ihr schreiben?“ frug die Baronin den Tisch, der Tisch machte: päng! Renée lachte, dann verschluckte sie das Lachen erschreckt und hustete.
Die Baronin wurde ungehalten über den Tisch. Er wäre faul, kindisch, er stäke voller Tücke.
„Vielleicht wenn man einen Konkurrenztisch holen würde,“ sagte Sarah. Dann blieb Sarah allein mit der Baronin. Die Baronin fürchtete, der Geist könne von Renées Lachen zu schüchtern geworden sein.
„Die Geister – mimosenhaft empfindlich sind sie,“ sagte die Baronin. –
Renée ging zur Seepromenade. Da waren wieder die gierigen Möwen, die streiften fast Renées Gesicht mit ihren Flügeln. Manchmal schrieen sie – frech klang es und unheimlich.
Sie begegnete Doktor von Geldern. Er ging ein Stück mit ihr. „Wie mir Ihre Frau Schwägerin sagt, sind Sie angehende Medizinerin. Also sind wir Kollegen, Fräulein von Catte.“ – „Ja,“ sagte Renée. „Ich werde wohl Medizin studieren.“ – „Ist es ein Spezialgebiet, zu dem Sie hin wollen?“ „Ja, Psychiatrie.“
Doktor von Geldern wandte ein wenig das Gesicht zu ihr hin: „Sind Sie durch irgend einen speziellen Anlaß dazu gekommen?“
„Nein,“ antwortete Renée. „Nur ich glaube, das wäre das einzige Lohnende. Mich interessieren physische Leiden nicht.“
Er lächelte. „Wie wollen Sie das nun trennen? Die Krankheiten der Psyche sind Krankheiten der Physis. Es handelt sich da höchstens um eine Verschiedenheit in den Symptomen, und auch da ist die Verschiedenheit nur auf der Oberfläche.“
„In diesem Sinn interessiert es mich schon. Nur nicht in der eigentlichen Form. Mir scheint, es muß eine lästige und abgehetzte Sache sein, der Beruf eines praktischen Arztes.“
Geldern lachte: „Ja freilich. Ich hatte mich mal in Hannover niedergelassen. Erst kein Patient, nachher kam ich weder zum Schlafen noch zum Essen. Wie das so geht. Dann war ich einmal Schiffsarzt – nun bin ich hier.“
„Mögen Sie denn die Kurpraxis?“
Er lachte: „Nein, das weniger. Ich bin aus persönlichen Gründen hergekommen.“
Dann schwieg er. Sie gingen weiter. Geldern sagte: „Es ist eine Dame, die in der Kindheit mit mir freund war und wie eine kleine Schwester – man sagt dazu ‚Nachbarskinder‘, glaube ich – sie wohnt hier. Sie ist leidend – ja und dann –“
Renée sagte: „Wie schön, jemanden zu haben, mit dem man die Kindheit erlebte.“
Geldern sah sie lächelnd an. Ganz froh sah er aus. „Ja, nicht wahr, das ist doch schön!“ sagte er.
Sie sprachen dann weiter nichts mehr. Es war auch nahe am Hotel.
„Ich finde, du bist immerzu mit Geldern,“ sagte Sarah. „Gefällt er dir so gut?“ Renée sah auf – Sarah lächelte.
„Geh, Sarah. Fang du nicht auch noch mit derlei Reden an. Verzeih. Aber es ist zu geschmacklos!“
Sarah streichelte Renées Hand: „Pst – pst – nur nicht gleich so böse sein. Du mußt wissen: der Tisch mit den drei Beinen regt sich so auf. Der Tisch hat heute Andeutungen gemacht, o –!“
„Ich finde, diese Person mit ihrem Tisch ist eine ganz unverschämte Schwindlerin.“
„O je – ereifere dich nicht. Es amüsiert mich doch so schön,“ sagte Sarah. „Was, bitte, sollte ich den ganzen Tag tun. Früher war Renée viel braver. Früher war Renée fast so galant wie ein Kavalier.“
Renée lachte: „Woran fehlt es denn?“
Sarah sprang auf und begann durch das Zimmer zu wandern hin und her – das war ein Zeichen von Unruhe. – „Mir fängt diese Art von Leben an langweilig zu werden. Maßlos langweilig. Und also überlege ich: Soll ich heiraten? Lieber nicht. Wenn ich wüßte, du bliebest da, schon gar nicht – aber das eben – –“
Renée lachte wieder: „Also dann: schon gar nicht. Denn ich bleibe.“
„Ja, das sagst du so.“
„Nein, das tu ich,“ sagte Renée.
Sarah blieb vor ihr stehen. „Ich will dir alle Wünsche erfüllen. Alles sollst du haben, was du magst.“
Renée stand auf, ein wenig ging sie zur Seite. „O, ich habe gar keine Wünsche und will gar nichts.“ Sie ging hinaus, und Sarah sah ihr nach – aber Renée ging.